Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Correctiv-Gründer David Schraven. Foto: Molgreen. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wie ich lernte, die Fake-News zu lieben - Teil 5

Zu Teil 1: Wie ich lernte, die Fake-News zu lieben

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Zu Teil 2: Von Angst getrieben

Zu Teil 3: Die Glaubwürdigkeitslüge

Zu Teil 4: Die Wächter der Meinungsfreiheit

Wenn es um das Thema Fake News geht, fällt auf, dass die Medienlandschaft sich mit Protesten oder eindeutigen Positionierung zum Thema vornehm zurückhält. Vereinzelt finden sich nunmehr Berichte darüber, welche Kritik z.B. der Europarat an den Überlegungen beim "Kampf gegen die Fake News" äußert. Doch eine energische Stellungnahme, z.B. durch Journalistenvereinigungen und Redaktionen lässt auf sich warten.

Dies ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Zwar haben die etablierten Medien längst Facebook, Twitter und Instagram als permanente Nachschublieferanten für Trends, Meinungen und "News" entdeckt, doch gleichzeitig büßten sie dadurch auch Leser ein. Die von vielen Lesern kritisch betrachtete Verknüpfung von Politik und Journalismus, einseitige oder vorurteilsbelastete Berichterstattung sowie eine Art Dschungelcampmethodik für sogenannte Experten haben das Misstrauen gegenüber den bekannten Medienvertretern noch verstärkt, statt auf Kommentare etc. dort zu warten, suchte man sich lieber seine eigenen Nachrichten auf Facebook et cetera zusammen, auch wenn Facebook dafür nicht gedacht war.

Die deutsche Sendung "Ich bin ein Star - holt mich hier raus", oft kurz nur "Dschungelcamp" genannt, ist vielen ein Begriff. Für jene, die es nicht kennen, sei noch einmal kurz umrissen, worum es geht: Einige sogenannte Prominente werden in ein Camp im Dschungel einquartiert und werden dort in traditioneller Reality-TV Manier gefilmt, wie sie sich (daneben) benehmen. Zusätzlich sind "Mutproben" zu bestehen. Alles wird süffisant bis hämisch kommentiert. Am Schluss gibt es einen Dschungelkönig bzw. eine Dschungelkönigin, der oder die einen Preis erhält. Das Format ist eine deutsche Adaption einer englischen TV-Show mit gleichem Ablauf.

Während anfangs noch der Begriff Prominente durchaus zutraf, wird jetzt immer öfter von B-, C-, et cetera Prominenz gesprochen, wenn es um die neuen Teilnehmer geht. Auffällig oft finden sich unter den Teilnehmern Personen, die bereits in anderen "Unterhaltungsformaten" auftraten, z.B. Teilnehmer von Castingshows. Das Prinzip ist insofern simpel: Durch diese Castingshows und durch mittels Reality-TV gehypte "Prominente" ergibt sich für das Dschungelcamp ein steter Pool von möglichen Teilnehmern. Die Shows schaffen sich die "Promis" untereinander, diese werden dadurch mehr oder minder stetig in die Öffentlichkeit gehievt.

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Dieses Prinzip lässt sich ebenso auf die sogenannten Experten anwenden, die in den Medien herumgereicht werden, ohne dass näher beleuchtet wird, weshalb sie als Experten dienen. Kommt dann noch Unterstützung durch die Politik hinzu, so ist die Adelung als "Experte" nicht mehr weit. Diese verspricht mehr mediale Aufmerksamkeit, Einladungen zu Talk-Shows - oder aber die Bitte um Stellungnahmen bzw. die Berufung in Gremien. Das Ganze verläuft dann selbstreferenziell, ein Beispiel hierfür ist die Deutsche Kinderhilfe, die zunächst lediglich durch die Unterstützung von Frau von der Leyens Plänen auffiel und deren Vorsitzender dann in des Bundesjugendkuratorium berufen wurde, wie es hieß, als "Sachverständiger für Kinderschutzfragen".

Als solcher ist ihm gewiss, als Experte angesehen zu werden, obgleich auch diejenigen, die ihn beriefen, nicht mehr aussagen (können), was ihn überhaupt als solchen klassifiziert. Ist einmal der Begriff "Experte" für jemanden etabliert, so tritt die Frage, was ihn auszeichnet, in den Hintergrund. Gleiches gilt für die Glaubwürdigkeit, die durch Reputation ersetzt wird: Der Schein ersetzt das Sein.

Dem Expertenglauben sind auch die etablierten Medien längst verfallen, berufen sich auf jene, die von anderen als glaubwürdig bis sachverständig eingestuft werden, ohne selbst zu prüfen. Dieses Denken ist verständlich, da gerade auch die Vertreter der sogenannten "Qualitätsmedien" oft dünkelhaft agieren und eine Hierarchie zum Begriff Journalist aufgestellt haben, obgleich dieser nicht geschützt ist. Die Etablierten sehen sich (mit den Ausbildungen bei den entsprechenden Schulen, Volontariaten hier und Tätigkeiten da) als Journalisten, während die anderen Blogger, Forenteilnehmer oder einfach nur Personen sind. Ebenso wird dann das Endprodukt als Blog angesehen, oder als Forenbeitrag. Dem gegenüber steht das journalistische Produkt, der Artikel.

Daher ist es auch verständlich, dass vielfach die Fake News lediglich als Problem bei Facebook etc. angesehen werden, schließlich würde man ja durch Recherche, Faktencheck und im schlimmsten Fall eine Korrektur selbst sicherstellen, dass Falschmeldungen nur selten vorkämen. Dieser Dünkel aber trieb die Leser (die ihrerseits bereits recherchierten, richtigstellten oder ergänzten, sich aber durch Paywalls und geschlossene, stark - einseitig - moderierte Foren bzw. dem Wegfall der Foren in Gesamtheit ausgeschlossen fühlen) zu anderen Portalen. Die sich selbst als einzig wahre Journalisten Wähnenden verloren damit nicht nur Leser, sondern auch die Deutungshoheit, an die sie sich gewöhnt hatten.

Durch das neue Expertengremium bei Facebook ist es ihnen erfolgreich gelungen, diese Deutungshoheit wieder zu erlangen. Durch eine "freundliche Übernahme" als Hüter der Glaubwürdigkeit, die unliebsame Konkurrenz, die erwachsen war, nach eigenem Bild formen. Wie Paul Schreyer umfangreich analysiert, ist durch die Einbindung des Portals "Correctiv" zur "Wahrheitsanalyse" bzw. zum "Faktencheck" eine Organisation mit der Deutungshoheit betraut, die nicht nur alles andere als unabhängig wirkt, sondern auch eher einseitig agiert, aber von der eigenen Unabhängigkeit spricht, wenn demnächst bei Facebook eine Notiz, dass Nachricht X von "unabhängigen Factcheckern angezweifelt wird" erscheint.

Doch damit nicht genug, eine solche Anzweifelung soll auch dazu führen, dass die Nachricht nicht mehr hervorgehoben wird, als Werbeanzeige genutzt wird - auch die Sichtbarkeit soll ggf. verringert werden. Die Operation Deutungshoheit ist somit erfolgreich angelaufen.

Wie Paul Schreyer ebenfalls anmerkt, klingt es naiv bis unglaubwürdig, wenn es heißt, dass "Correctiv" mit Facebook noch nicht über die Bezahlung gesprochen hat. Welche Journalisten würden langfristig unentgeltlich die Recherche für andere übernehmen? Über kurz oder lang muss dieses Prozedere also entweder zu stärkerer Finanzierung/Abhängigkeit von "Correctiv" oder einer direkten Bezahlung durch Facebook führen. Doch warum sollte für Facebook gelten, was nicht auch Twitter und YouTube betrifft? Es ist abzusehen, dass die beiden Portale die nächsten sind, die im Fahrwasser der Fake-News-Debatte ein "unabhängiges Expertengremium" berufen werden - und es ist wahrscheinlich, dass sich auch hier (natürlich ganz selbstlos) schon entsprechende "Experten" melden werden, um hilfreich zur Seite zu stehen.

Facebook hat sich immer mehr in Richtung Nachrichtenmedium treiben lassen, ohne dies tatsächlich zu bemerken. Durch die Einberufung des Gremiums zur Überprüfung der Fake News hat es eingestanden, dass es sich selbst auch (mit) als Nachrichtenportal sieht. Dies jedoch führt dazu, dass ein Gremium zur eventuellen Recherche langfristig nicht ausreichen wird. Vielmehr kommt auf Facebook der gesamte Rattenschwanz der Aufgaben eines Nachrichtenmediums zu, der Pflichten und damit auch Kosten beinhaltet. Damit ist aber nicht nur die Frage der Finanzierbarkeit offen, es geht auch um die Frage der Pseudonymität.

Gewinner dieser ganzen Angelegenheit sind die etablierten Medien, die durch das "unabhängige" Correctiv ein U-Boot eingeschleust sehen, das schon jetzt in Form der angekündigten "Reporterschule" zeigt, dass es für die Etablierten keine Gefahr darstellt, sondern mit ihnen Hand in Hand arbeitet. Nicht umsonst finden sich im Kuratorium der neuen "Reporterfabrik" - laut Correctiv einer "Journalistenschule für jeden" - die Spitzen der Leitmedien - unter anderem die Chefs von Zeit, Spiegel, Süddeutsche, FAZ.net sowie Claus Kleber.

Sich lange genug aus der Debatte herauszuhalten war insofern taktisch klug. Es hat verhindert, dass die Etablierten, die Leitmedien, sich selbst positionieren mussten (was dazu geführt hätte, dass die Kritik an ihnen wieder stärker aufgelodert hätte).

Teil 6: Die Macht der Masse oder: 200 Menschen wollen, dass wir recherchieren

(Alexander und Bettina Hammer)

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