Die Antwort heißt "syrischer Salafismus"?

Die Rebellenführer und ihre politischen Vorstellungen: Hassan Aboud, Chef von Ahrar al-Sham und der Islamischen Front (IF)

Weder sein Name, noch der seiner Gruppierung waren hierzulande bis vor Kurzem sonderlich bekannt. Dies hat sich seit den Nachrichten der internen Kämpfe zwischen Gruppen der Islamischen Front und anderen, kleineren Gruppierungen gegen die Dschihadisten der ISIS (Islamischer Staat in Irak and al-Sham) geändert. Seither taucht auch Hassan Aboud, Chef der Ahrar al-Sham, der bedeutendsten Gruppierung der Islamischen Front (IF), in vielen westlichen Berichten über die jüngsten Machtkämpfe der bewaffneten syrischen Opposition als zentrale Figur auf.

Die zehn- bis zwanzigtausend Kämpfer umfassende Ahrar al-Sham (vollständig: Harakat Ahrar asch-scham al-islamiya, Islamische Bewegung der freien Männer Syriens) sind nach eigenen Angaben über 80 Einheiten verteilt. Damit stellt die salafistische Gruppierung, die landesweit agiert, ihren Ausgangs- und Schwerpunkt jedoch zwischen Idlib, Hama und Aleppo hat, eines der wichtigsten Batallione.

Schon kurz nach ihrer Entstehung ab dem Sommer 2011 - das genaue Datum ist aufgrund der starken Geheimhaltung1 in der Gruppierung unbekannt - besaßen die Ahrar großen Einfluss. Dies brachte sie rasch in Konkurrenz zu der al-Qaida-nahen Jabhet al-Nusra (JaN), die im Jahresverlauf 2012 die Oberhand gewann.

Der auf die Analyse syrischer Milizen spezialisierte Journalist Aaron Lund führt dies auf die unterschiedlichen Strategien beider zurück: Während Ahrar al-Sham auf dem Land mit unspektakulären Guerilla-Taktiken zugange sind, verübte JaN medienträchtige Selbstmordanschläge in Aleppo und im Zentrum von Damaskus.

Inzwischen haben die Ahrar jedoch an Attraktivität aufgeholt und scheinen JaN in jüngster Zeit auch politisch überholt zu haben. Hierzu trug vor allem der Zusammenschluss von 11 Brigaden im Dezember 2012 zur "Islamischen Front" (IF) bei, die von Abouds Männern dominiert wird. Hinzukommt die Eroberung der Provinz Raqqa im März 2013, an der die Brigade maßgeblich beteiligt war.

Hassan Aboud zählt zudem zu den Führern der im September vergangenen Jahres ausgerufenen islamischen Allianz, einem Zusammenschluss von zirka 13 Brigaden, dessen Tragweite aber wie bei allen bisherigen Zusammenschlüssen der Opposition noch auszumachen ist: Manche wittern darin einen PR-Coup, andere den Beginn eines islamischen Kalifats - und dritte die Errettung vor eben diesem.

Rein theoretisch hat das Bündnis durchaus Potential - hat es sich doch vom Westen und von der politischen Opposition, die auf Geheiß des Westens mit dem Regime verhandeln will, losgesagt. Damit spricht es vielen Zivilisten, die endlich Lösungen, statt weitere Konsultationen über Konferenzen sehen wollen, aus der Seele. Auch dass die Mitglieder der Allianz unisono die Scharia als Quelle der Rechtssprechung fordern, klingt in den Ohren vieler gut. Spätestens hier ist das Spektrum des Konkreten jedoch wieder erschöpft.

Auschnitt aus einem Propagandavideo der Ahrar al-Sham

Denn die Umsetzungsmodalitäten der Scharia bleiben ebenso nebulös wie der Stellenwert, den al-Qaida-Verbündete in der Allianz zugewiesen wird. Zwar sind Gruppen der Islamischen Front derzeit an vielen Fronten verwickelt, doch scheut Hassan Aboud den vollkommenen Bruch, wie er in einem Interview mit al-Jazeera erklärt (in arabisch, wichtige Aussagen finden sich bei Syria Comment in Englisch).

Demnach wirft Aboud der ISIS rücksichtslose, unabgesprochene Machtpolitik vor (und nicht zuletzt den Mord an einen anderen Kommandeur der Ahrar), den Krieg will er ISIS noch(?) nicht erklären, weil das große Ziel ein gemeinsames sei: der Sieg gegen Baschar al-Assad.

Wie lange diese Gemeinsamkeit noch gegen immer deutlicher aufbrechende Gegensätze hält, ist unklar. Seit längerem mehrten sich die Zeichen, dass die syrische Batallione die vorwiegend ausländischen Kämpfer dorthin wünschen, woher sie kamen. Das Verhältnis zur Jabath al Nusra ist ebenfalls angespannt. Dass es noch nicht eskaliert ist, mag damit zusammenhängen, dass die Kämpfer der JaN in der Hauptsache Syrer sind.2

Die unter anderem mit Panzerabwehrraketen und mobiler Artillerie ausgerüsteten Ahrar al-Sham sind alles außer moderat - sie stehen der JaN ideologisch nahe. Welches Konkurrenzdenken nichtsdestotrotz zwischen den Gruppierungen herrscht, beweist eine Erklärung der Ahrar vom Mai.

Darin reagieren sie auf einen Schlagabtausch zwischen JaN und der ISIS. Beide hatten sich im Frühjahr nicht darauf verständigen können, ob sie fusionieren (wie von ISIS erklärt und von JaN dementiert) und unter dem Label "islamisches Kalifat" agieren (wie von al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri gewünscht).

Die Ahrar (die ohne jeden Zweifel ein islamisches Kalifat wünschen) zeigten sich empört: Wie könne al-Qaida etwas so Entscheidendes wie die künftige Regierungsform Syriens ansprechen, "ohne den Rat der Söhne des Landes einzuholen"? Und wie könne sich JaN-Führer Mohammed Joulani als gebürtiger Syrer dem globalen Dschihadismus al-Qaidas verschreiben?

Die Empörung verdeutlicht, dass die Ahrar erstens sämtliche ausländischen Taktmacher in Syrien ablehnen und zweitens zwischen syrischem und globalem Salafismus unterscheiden. Letzterer liegt offenkundig im Verzicht auf dschihadistische Ambitionen jenseits der jetzigen syrischen Grenzen. (Dies steht zwar in Widerpruch zu ihrer Reminiszenz an Großsyrien - doch mangelt es den meisten Ideologien in der gegenwärtigen Phase an strikter Logik).

Bis zu einem Interview, das Aboud diesen Sommer dem qatarischen Nachrichtensender Al Jazeera gab, war er nicht einmal namentlich, sondern lediglich als Abu Abdullah al-Hamwi (Abu Abdullah aus Hama) bekannt.

Darüberhinaus kam zutage, dass er - wie Zahran Alloush ("Kaum Schlimmes an dem Begriff 'islamisch'") - im Gefängnis von Sidnaya wegen salafistischer Umtriebe inhaftiert war und im Zuge der Generalamnestie, die Baschar al-Assad nach Ausbruch der Aufstände Ende Mai 2011 erließ, freigelassen wurde. Vermutlich lernten sich Aboud und Alloush spätestens im Gefängnis kennen, in dem zeitgleich auch Mohammed Joulani, der spätere Führer der JaN, einsaß.

In einem 40-minütigen Interview, das er im Juni Al Jazeera gab, erläuterte Hassan Abboud seine Beziehung zur FSA. Anders als Zahran Alloush äußert er sich nicht negativ über die FSA und verdächtigt sie zu keiner Zeit, ein Instrument des Westens zu sein. Stattdessen betont er seine Kooperationsbereitschaft mit ihr, wiewohl mit jeder anderen Brigade - dies erfordere die Kriegssituation.

Welche Vorbehalte er tatsächlich gegen die FSA hegt, zeigt indes der Stolz, mit dem er betont, dass seine Brigade die erste war, die sich nicht dem Dachverband der FSA anschloss. Auch würden die Ahrar al-Sham im Gegensatz zur FSA nicht "jeden", sondern nur "Gleichgesinnte" in ihre Reihen aufnehmen. Sprich: Salafisten.

Vor der Kamera gibt sich Aboud auch gegenüber seiner Rivalin, der JaN, solidarisch: Das "Terrorismus"-Verdikt, mit dem Washington die JaN belegte, sei ihm gleichgültig; wenn die USA auch die Ahrar al-Sham dergestalt klassifizieren wollen, so mögen sie dies tun. Maßgeblich für ihn sei, was "das mutige syrische Volk" denke. Zu diesem unterhalte seine Brigade ein gutes Verhältnis - schließlich würden die Menschen auf dem Land den Kämpfern laufend begegnen, deren Freiheitskampf und Hilfsbereitschaft hautnah erleben. Aboud schält im Gespräch wiederholt heraus, wie verankert er und seine Männer vor Ort seien. Kurz: Syrien sei ihr Reich, nicht das der USA (oder das al-Qaidas).

Zu den Geldgebern zählen Syrer und Ausländer (gemeint sind wohl arabische Ausländer). Doch seien es keine staatlichen Quellen. Russland werde (mit seiner Marinebasis) "keinen Platz mehr in den warmen Gewässern Syriens finden".

Die Hizbollah sei nicht die "Partei Gottes", sondern die Partei Irans im Libanon. Sie, die sich als Speerspitze des Anti-Zionismus und Anti-Imperialismus‘ im Auftrag Gottes präsentiert, verkörpere nichts als die Spitze des iranischen Bajonetts. (Die Antwort ist unverkennbar hasserfüllt. Dennoch übt sich Aboud hier in Diplomatie und greift nicht zu jenen sektiererischen Hetzparolen, die in Syrien gang und gäbe sind, sondern hält sich an die Bezeichnungen von Staaten und Ideologien. Generell scheint Aboud nie viel Reibungsfläche preiszugeben).

Wie Zahran Alloush (Führer einer anderen wichtigen Gruppierung, der islamischen Armee) vermeidet Aboud jede Konkretisierung. Offensichtlich weiß er genau um die Wirkung des Begriffs "islamisches Kalifat" auf viele Syrer und will diese nicht vorab verschrecken. Nach einer Machtpartizipation der Minoritäten befragt, zitiert er das Reich der Abbasiden herbei: Juden und Christen hätten damals als Angehörige der Buchreligionen "ihre Rolle gehabt". Dass diese im Wesentlichen darin bestand, Steuern zu zahlen und zu schweigen, führt er freilich nicht aus.

In punkto Redefreiheit gibt er zu bedenken, wie viele Tabus weltweit existieren würden. So dürfe etwa in Großbritannien keine Kritik an der Person der Monarchin geübt werden. Von diesem nicht ganz nachvollziehbaren, aber wenig brisanten Schlenkerer ausgehend gelangt er zum Thema Holocaust: Weshalb sei es weltweit unzulässig, die Anzahl jüdischer Opfer zu hinterfragen? Möglicherweise seien es gar nicht "sechstausend" gewesen? Der Moderator korrigiert umgehend mit "sechs Millionen", woraufhin sich Aboud den Anschein gibt, als handle es sich um einen Versprecher, für den er sich betont artig entschuldigt.

Aboud ist ein Fundamentalist in Reinkultur und somit nicht nur, aber auch für den Westen ein Alptraumkandidat. Eben dies macht sich Aboud jedoch geschickt zunutze: "Wer lebt denn in Syrien - der Westen oder das syrische Volk?", fragt er. Bislang dürften seine Ansichten zwar bei weiten Teilen dieses Volkes auf wenig Gegenliebe stoßen, doch je länger das Leiden der Bevölkerung anhält, desto mehr wächst Abouds Anziehungskraft, zumal sich viele Syrer vom Westen gnadenlos verraten fühlen.

Für sie stellt sich die Situation so dar: Dem Westen sei der Freiheitskampf der Syrer völlig gleichgültig, da dieser weder seinen Interessen noch denen Israels diene. Gerade durch sein Nichtstun - angefangen vom mangelnden politischen Druck auf die Alliierten Assads über die Nichtaufrüstung der Rebellen bis hin zu kosmetischen Hilfsmaßnahmen für die Flüchtlingströme - habe der Westen erneut bewiesen, dass der Begriff "Menschenrechte" für ihn nur eine Worthülse sei, die er nach Belieben aufblase oder schrumpfen lasse.

Abouds Antwort auf die Verzweiflung all dieser Syrer lautet: syrischer Salafismus. Wie noch zu sehen sein wird, handelt es sich dabei nicht um einen Alleingang des Mannes aus Hama, sondern um einen riskanten Trend unter Syriens Rebellenführern. (Mona Sarkis)

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