Die Apokalypse der "Republik Castorf"

Bild: Alex1011 / CC BY-SA 3.0

"Ohne Feindbild wirst du Semmelbrösel": Die Punk-Partisanen gehen, es kommen die Kollaborateure - Zum Berliner Abschied von Frank Castorfs Volksbühne

Das schlimmste, was dem deutschen Theater seit Hitler passiert ist.

Boleslaw Barlog über Frank Castorf

"Seit dieser Woche ist klar, was der Kurator Chris Dercon mit der Berliner Volksbühne vorhat. Doch ein paar Fragen werden jetzt noch dringlicher: Wo bleibt das Theater? Wo die Feindschaft? Und der Wahnsinn?"

FAS 21.5.17

Das Wissen um die Vergeblichkeit darf man nicht verlieren.

Frank Castorf

Jetzt ist es mit dem Ernst und den Späßen endgültig vorbei. Ohne Not wurde eine Nische, ein Spielplatz, ein Ensemble, eine alte Theatertradition zerstört. Man muss das wohl politischen Mord nennen, ihn haben unerbittliche und ahnungslose SPD-Funktionäre begangen.

Manfred Hermes: "Game Over", Konkret 7/2017

Jetzt, wo zum 1.7. das Kulturgut Berliner Volksbühne verschwindet, der Schriftzug "Ost" und die "Räuberrad"-Skulptur abmontiert sind, jetzt mit dem endgültigen Abschied Frank Castorfs als Intendant der Berliner Volksbühne geht an diesem Wochenende mit einem zur stadtweiten Trauerfeier sich ausweitenden Straßenfest ein Stück deutsche Theatergeschichte zu Ende.

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Castorfs Voksbühne war revolutionär, zugleich konservativ als Bewahrerin der Tradition des klassischen Sprechtheaters und Ensembletheaters. Inhaltlich verband sie Analyse und Position (wenn man so will: Hegel) mit Provokation, nihilistischer Infragestellung, mit Klamauk, Ironie und Wahnsinn (wenn man so will: Nietzsche). Castorf Volksbühne war Theater der Emotionen, Bauchtheater, Theater der Erschöpfung, aber zugleich Schauspielertheater, Theater der unerwarteten Verknüpfungen und schrägen Text-Lektüren. Es war fortschrittskritisch, aber progressiv. Die Volksbühne war Punk, ästhetisch und organisatorisch.

"Die Räuber", "Die Weber", "Die Nibelungen" - Bilanzen des 20. Jahrhunderts. Vor allem "Die Nibelungen": "Born to kill" der Untertitel. Eine abgründige Deutschlandfarce. Lange verschlurfte blonde Hippies, blutarme Elben vor Peter Jackson und "Game of Thrones", vor irgendeinem Videoschwachsinn auf der leeren Bühne Quatsch redend, im Trance, im Grünen Salon lief dazu die ganze achtstündige Theaternacht Jim Jarmuschs "Dead Man" in Endlosschleife, im Roten Salon parallel "Natural Born Killers" von Oliver Stone, das waren treffende Kommentare, die Hollywood wieder nach Deutschland holten, Murnau und Lang wieder heim ins Reich.

Man kam heraus, wie gerädert und es war wieder hell: Junimond. Deutschmond. Castorf war ein Arbeitstier, der seinem Publikum alles bot, nur eines nicht: Dienstleistung. Geschichtsphilosophie im Posthistoire, 19.Jahrhundert im 21.

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"Ich würde nicht sagen, dass wir an der Volksbühne modern sind. Wir sind viel traditionalistischer und gehen hinter das 19. Jahrhundert zurück, hinter die Verheerungen, die das 19. Jahrhundert durch die Psychologisierung des Theaters und die Behauptung der vierten Wand angerichtet hat. Damit hat die Volksbühne nicht das Geringste zu tun. Diese Vorabendserien-Empfindlichkeit kommt hier nicht vor. Aber es gibt einen unbedingten Willen zur Unterhaltung", so beschreibt die Schauspielerin Sophie Rois ihre Arbeit.

Wie sehr die Volksbühne mit alldem viele beeinflusst hat, wird man erst begreifen, wenn sie verschwunden ist. Vielleicht ja auch zum Schlechteren. Vielleicht auch mal aus einer Position linker Dummheit. Aber eben als Staat im Staate, als "Republik Castorf", wie ein sehr lesenswerter Band lautet, der jetzt zum Ende der Ära Castorf erschienen ist.

Die Kapitelüberschriften dieses Bandes machen motto-artig und thesenhaft klar, nach welchen Prämissen Castorf arbeitete: Wut und andere Gefühlen sprechen mitunter die Wahrheit ("Aktiver Zorn als Philosophie"), Abschied vom Ende der Geschichte ("Kein Ziel, immer nur Durchreise"), regelmäßige Positionswechsel und die Logik der Überraschung ("Erotik des Verrats"), viel Feind, viel Ehr' ("Ohne Feindbild wirst du Semmelbrösel").

Das Buch hält der vor sich hindämmernden BRD eine andere Republik vor Augen, es skizziert die Möglichkeit neuer, postmoderner Faschismen, und betreibt dabei durchaus Selbstbefragung: Denn der Glaube an das Gute der Emotionen, an den Wahrheitsmotor Wut speist ja auch die Rechtsextremisten der AfD.

So trifft dieses Ende auch die DDR. Ein Land, dessen zivilisatorische Errungenschaften im Eigensinn liegen, in Passivität und Langsamkeit, im Widerstand gegen den Flow des Neoliberalismus. Das Ende der Volksbühne und die Art der Neubesetzung des Intendantenposten beweisen, dass es kein gemeinsames neues Deutschland gibt, sondern "sie und uns"; es beweist, dass hier wieder einmal die smarten Westler in ihren Designeranzügen ein Stück Eigenheit kolonisieren, diesmal als Kultur-Treuhand gegen die sehr deutschen, sehr romantischen Traditionen, dass ein Effizienzdenken das von Tugenden gespeist wird, "mit denen man auch ein Konzentrationslager betreiben könnte" (Oskar Lafontaine).

Es trifft auch auch gleich mehrere Generationen. Alle heute über 30-jährigen sind mit der Volksbühne älter geworden. Aber mit dem neuen Leiter Chris Dercon tritt keine neue Generation an, sondern es übernehmen die alten Investoren auch noch diese Spielstätte.

Der Renner ist jung, frisch, ein bisserl dumm, immer nett lächelnd und auf Rhythmus aus. Der weiß vom Theater nix. Da können Sie genauso gut mit dem Pförtner sprechen. Der Mann ist ja leer. Man sitzt einem leeren, netten weißen Hemd gegenüber.

Claus Peymann, in der "Zeit" über Tim Renner

Wenn es auch nur einen Grund gäbe, der SPD ein rekordverdächtig schlechtes Ergebnis bei der kommenden Bundestagswahl zu wünschen, ist das Tim Renner. Der ehemalige Berliner Kulturstaatsekretär und vormalige Popmusikmanager kandidiert als Berliner Direktkandidat in Charlottenburg-Wilmersdorf. In seinen gut zwei Jahren als Berliner Kulturstaatsekretär hinterließ er viel Unmut.

Dazu gehört, dass er für den unfreiwilligen Abschied von Castorf und der Berufung von Chris Dercon an die Volksbühne gesorgt hat. Tim Renner glaubt, die Volksbühne "weiterentwickeln" zu müssen, hieß es vor zwei Jahren.

Dann schlugen die Wellen hoch. Der bisherige Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, der ebenfalls von Renner vor die Tür gesetzt wurde, beschimpfte ihn grob ("Niete", "Fehlbesetzung", "Lebenszwerg", "Nichtwisser" - Peymann ist ein Bewunderer von Thomas Bernhard). Andere äußern ihre Kritik höflicher und indirekt wie Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne:

Überall, wo wir hinkommen auf der Welt, werden wir für das deutschsprachige Theatersystem beneidet. Bis hin nach Amerika sagen sie uns: Lasst Euch bloß nicht dieses Ensemblesystem nehmen. Wir wären so froh, wenn wir das hier, zum Beispiel in New York hätten. Da erwarte ich von jedem Kulturpolitiker, dass die sagen, wir finden das gut oder nicht. Und wenn sie das sagen, wir finden das gut, dann müssen sie auch dafür sorgen, dass das weitergehen kann.

Thomas Ostermeier

Der zukünftige Intendant Chris Dercon wird immer noch unterschätzt. Wer ihn in seiner Zeit als Leiter des Münchner "Haus der Kunst" erlebt hat, weiß: Dercon ist einfach einer der radikalsten Kulturmanager, die die Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Er hat bereits in München als Nachfolger Christoph Vitalis das Haus entkernt, wie ihm Kritiker vorwerfen,seines Eigenwerts beraubt und zu einer Stätte der Beliebigkeit verhunzt. Mit dem Ergebnis, dass er weniger Publikum angezogen und mehr Kulturgelder verbraten habe, halten sie ihm vor.

Dercon hat viele Kunst-Phrasen in petto: "elektrisierende Gleichzeitigkeit", "soziales Labor", "Schule des Befremdens", "Wertigkeit schaffen", "grenzüberschreitend", "digitale Spielstätten", "indoor und outdoor", "Idee von live ist eine Prämisse der Künste und der Kultur unserer Gesellschaft ... immaterielle Künste ... der perfekte Humusboden ... nicht besser, aber anders ... dafür haben wir eine Maschine", "weiterentwickeln" und so weiter. Ein kommunikativer Nebel.

Vorgehalten wird Dercon, dass er noch nie mit einem Theater gearbeitet hat. Dazu gibt es von ihm Sätze, die zu dieser Kritik passen: "Ich versteh nicht wirklich gut, was man hier meint mit Sprechtheater."

Der "Deutschlandfunk" hat das Dilemma treffend kommentiert: "Warten auf etwas, von dem man sich vorstellen kann, dass es die 800 Plätze füllt, die das große Haus bietet. Etwas, das man so eben nicht auf den Bühnen der vielen Theaterkombinate des Landes oder den üblichen Festivals finden könnte. ... Und es bleibt der Eindruck eines höchst angespannten, verletzlichen Teams, dem das Misstrauen und der Widerstand der vergangenen Monate schwer zugesetzt haben."

Man müsse Dercon eine Chance geben, heißt es immer wieder. Gern! Aber dann darf man sich auch nicht blenden lassen und die Augen davor verschließen, worauf es hinausläuft, wenn er seine Chance nutzt. Dann wird die Volksbühne als Ensemble- und Repertoiretheater abgeschafft. Vielleicht ist es ja so weit. Vielleicht ist das Theater in dieser Form und mit dieser Struktur nicht mehr zeitgemäß, unvernünftig, elitär und vor allem natürlich zu teuer.

Ulrich Seidler, Berliner Zeitung vom 22.6.17

Revolution macht heute nicht mehr die Linke, sondern die Startups. Chris Dercon liefert ihnen dazu das Design.

Literaturhinweise:

Thomas Aurin, Carl Hegemann, Raban Witt (Hg.): "1992 - 2017. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz"; Alexander Verlag, Berlin 2017

Carl Hegemann, Boris Groys, Frank Castorf: "Wie man ein Arschloch wird. Kapitalismus und Kolonisierung"; Alexander Verlag, Berlin 2017

Frank Raddatz (Hg): "Republik Castorf"; Alexander Verlag, Berlin 2016

(Rüdiger Suchsland)

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