Die Apokalyptiker im Vergleich

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Ist Frankreich besonders anfällig? Studie über rechte und linke Tendenzen bei der Frage nach einem bevorstehenden Zusammenbruch der Gesellschaft in fünf Ländern, darunter auch Deutschland

Wie werden sich Gesellschaften nach einem Zusammenbruch verhalten? Folgen sie eher einem solidarischen Prinzip, halten sie zusammen, wie man es in Ausnahmesituationen, Überflutungen von Kellern durch Hochwasser, in Nachbarschaften erfahren kann oder tritt ein sozialdarwinistisches Element, jeder kümmert sich erstmal um sich und seine Nächsten und die Stärksten überleben, in den Vordergrund?

Diese Frage gehört zu interessantesten Aspekten einer international angelegten Untersuchung, die dieser Tage in Frankreich erschienen ist. Überschrieben ist die Studie der Stiftung Jean Jaurés, die der sozialdemokratischen Partei PS nahesteht, ebenfalls mit einer Fragestellung: Ist Frankreich das Heimatland der Collapsologie?

Die "Collapsologie"

In der "Collapsologie" steckt der Kollaps. Manchem dürfte dazu das Buch "Kollaps" von Jared Diamond aus dem Jahr 2005 einfallen, das auch hierzulande für größere Aufmerksamkeit sorgte. Dem Autor, dessen Hauptforschungsfeld im Buch als Evolutionsbiologie ausgewiesen wird, ging es darin um die Antwort, warum Gesellschaften überleben oder untergehen.

In Frankreich hat die "collapsologie" einen eigenen Weg beschritten. Die Wortschöpfung stammt von Pablo Servigne, einem Agrarwissenschaftler, und dem Komplexitätsforscher Raphaël Steven, die eine ganze Anhängerschaft begründet haben, die in Frankreich mit ihren Thesen und Ansichten zum Zusammenbruch, einen Nerv treffen und "boomen", wie es die NZZ beschreibt. Deren Artikel von Ende Januar gibt einen guten Überblick über tonangebende Personen und Ideen im Hintergrund des Phänomens, das Ende Oktober letztes Jahres den Anstoß zur Collapsologie-Studie lieferte.

Das alles legt schon nahe, dass Frankreich nicht das einzige Land ist, in dem über Kollaps-Szenarien nachgedacht und diskutiert wird und dass dies auf ein größeres Interesse, wenn nicht Faszination trifft. Ob die Ideen und Anschauungen zum Untergang und Zusammenbruch der Zivilisation in Frankreich eine ganz besondere Ausprägung haben? Dazu liefert die Studie ein paar Teilantworten; ein guter Rest bleibt für "laufende Ermittlungen" in dem breitgefächerten Untergangsgelände.

Frankreich, die Rechten und die Solidarität

Erstens: In Frankreich ist der Anteil derjenigen, die an einen Zusammenbruch glauben, besonders hoch. Zweitens zeigen sich auf der anderen Seite des Rheins bemerkenswerte Unterschiede in den politischen Lagern bei der Antwort auf die Frage am Anfang des Beitrags.

72 Prozent der Wähler von Le Pen sind der Überzeugung, dass man im Falle eines Zusammenbruchs nur auf sich selbst zählen kann, während es bei den Wählern von Jean-Luc Mélenchon (Vorsitzender der linken Partei "Unbeugsames Frankreich", Anm. d. A.) 45 Prozent sind, die davon überzeugt sind.

Jean-Laurent Cassely, Journalist und Mitverfasser der Studie

Die Studie wurde Anfang Oktober 2019 per Online-Fragebogen in fünf Ländern durchgeführt: Aus Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien und den USA wurden jeweils etwa 1.000 ausgefüllte Fragebögen einer repräsentativen Stichprobe von Über-18-Jährigen aus der Bevölkerung ausgewertet.

In Italien gab es mit 71 Prozent den höchsten Anteil derjenigen, die der Ansicht zustimmen, "dass die Zivilisation, wie wir sie kennen, in den kommenden Jahren, zusammenbricht". In Frankreich gibt es dafür Zustimmung von 65 Prozent (jeweils aufgeschlüsselt in "völlig einverstanden" oder "einverstanden", bzw. "komplett nicht einverstanden" oder "nicht einverstanden", Näheres siehe auf Schaubildern hier). In Großbritannien liegt die Zustimmung bei 56 Prozent, in den USA bei 52 Prozent - und in Deutschland bei lediglich 39 Prozent.

Dass die "Untergangstimmung" im Oktober letzten Jahres in Deutschland im Vergleich zu den anderen Ländern nicht sonderlich ausgeprägt war, wird, Captain Obvious winkt im Hintergrund, mit der wirtschaftlichen Lage sowie der Stabilität von Institutionen erklärt. "Ganz offensichtlich bemerkt man, dass es, je schlechter es einem Land geht, desto mehr eine Tendenz gibt, an einen Zusammenbruch zu glauben, der die Untergangsstimmung (déclinisme) spiegelt und projiziert." (Jean-Laurent Cassely)

Interessanter wird der Zusammenhang mit der Wahrnehmung der wirtschaftlichen Lage dort, wo dies in politische Lager aufgeschlüsselt wird. Anhänger der linken Partei France Insoumis ("Unbeugsames Frankreich") sind hier mit 76 Prozent etwa gleichauf mit denen der Partei Le Pens Rassemblement national (74%). Auch Anhänger der konservativen Partei Les Républicains, die ein starkes rechtes Lager hat, sind zu 71 Prozent der Überzeugung, dass ein Zusammenbruch in den nächsten Jahren bevorsteht.

Eine Ausnahme bilden die Wähler der Partei, die Macron gegründet hat, La République en marche (LREM). Unter ihnen sind "nur" 39 Prozent der Auffassung, dass die Zivilisation zusammenbricht.

Deutschland: AfD-Anhänger mehr als Linke vom Zusammenbruch überzeugt

Für Deutschland wird Folgendes mitgeteilt: 57 Prozent der Anhänger der AfD sind mit der Behauptung einverstanden, dass es zu einem absehbaren Zusammenbruch der Gesellschaft kommt. Bei den Anhängern der Linken sind es 47 Prozent, währenddessen Unions-Anhänger nur zu 31 Prozent dies glauben und lediglich 23 Prozent der Sympathisanten der SPD (weitere Parteien werden nicht genannt, offenbar ist die Studie noch nicht zur Gänze veröffentlicht).

Zwei weitere Beobachtung noch, bevor aufgeklärt wird, warum Frankreich trotz des italienischen Wertes von 71 Prozent dennoch als Spitzenreiter des déclinisme ausgewiesen wird. Die Alterstabellen verlangen eine eigene Bewertung, da hier Italien mit 83 Prozent untergangsgestimmten Unter-35-Jährigen auffällt, währenddessen Frankreich im Vergleich zu den anderen Ländern den höchsten Wert bei den Über-65-Jährigen hat (62 Prozent) und Deutschland bei der Gruppe im Rentenalter den geringsten (28 Prozent).

Behauptet wird darüber hinaus ein Zusammenhang zwischen der Schulbildung und der Untergangsstimmung. Dazu gibt es einen knappen Satz des bereits genannten Journalisten und Mitautors der Studie: "73 Prozent der Personen, die keinen Hochschulabschluss haben, glauben an die Theorie des Zusammenbruchs".

Kollapsonauten, Kollapsosophen, Kollapsologen

Dazu gibt es aber noch den Hinweis auf eine interessante Minderheit, die die Studie erwähnt: Nämlich die "Kollapsonauten" (franz mit "C" geschrieben). Diese sind meist (zu 85%) Hochschulabsolventen, jung, urban, medienkompetent und haben sich auf die Vorbereitung des Untergangs spezialisiert.

Es wird in diesem Zusammenhang noch auf Gruppierungen aufmerksam gemacht, die sich von den Kollapsonauten unterscheiden: Die Kollapsosophen, die sich eher innerlich, "philosophisch" und spirituell auf den Zusammenbruch vorbereiten und die "Kollapsologen", die als Theoretiker und Erfinder der Kollapsologie ausgewiesen werden. Klarheit und Überblick in diese Kulturerscheinung zu bringen, wäre einen eigenen Beitrag wert.

Ausnahmeerscheinung Frankreich

Hier sollte noch geklärt werden, womit die Ausnahmeerscheinung der französischen Untergangsstimmung begründet wird. Einmal wird der sprichwörtliche Pessimismus der Franzosen erwähnt, der bis auf Asterix zurückgeht (die Angst der Gallier vor dem herabstürzenden Himmel), zum anderen ist es der im Vergleich mit den anderen Ländern höchste Anteil an der Gesamtheit der Bevölkerung, der an "einen Zusammenbruch in den nächsten zwanzig Jahren" glaubt.

Der wird mit 35 Prozent in Frankreich angegeben. Mit 29 Prozent in Italien, 22% in Deutschland, 19 Prozent in den USA und 18 in Großbritannien.

Wie zu Anfang erwähnt und in der Unterscheidung der "Kollapso"-Gruppierungen angedeutet, bietet das Untergangsgelände ein breitgefächertes Relief, das mit ein paar Sätzen nicht wirklich auszukundschaften ist. Doch soll schließlich noch ein weiterer Teil dieser Kulturlandschaft zumindest grob skizziert werden, um der Ausgangsfrage nach der Solidarität oder einem sozialdarwinistischen "Ansatz" im Notfall noch etwas Hintergrund zu geben.

Untergangsszenarien

Unterschieden wird noch zwischen Szenarien - und deren Anhänger -, die von einem Zusammenbruch ausgehen, der die Ursache in der "Erderwärmung und einem übertriebenen Konsum" sieht, und der Vorstellung, dass "unkontrollierte Migration" und "Bürgerkriege oder wachsende Spannungen in der Gesellschaft" den Zusammenbruch verursachen.

Welche politischen Lager mit diesen Szenarien verbunden werden, muss man nicht eigens erklären. Interessant ist, dass im Ländervergleich Deutschland und Frankreich mit 17 und 15 Prozent die mit Abstand größten Anteile derjenigen haben, die die unkontrollierte Migration als Ursache eines Kollapses angeben (in den USA sind es 7 Prozent wie auch in Großbritannien).

In allen Ländern ist der Anteil derjenigen, die die Erderwärmung und den "Überkonsum" als Ursache eines möglichen Zusammenbruchs angeben, am höchsten (Werte zwischen 27 Prozent in Frankreich und 36 Prozent in Großbritannien).

Einen Bürgerkrieg bzw. eskalierende Spannungen halten 15 Prozent der Amerikaner für eine mögloiche Ursache sowie 14 Prozent in Deutschland und in Frankreich.

Die Untersuchung trifft dann schließlich noch die Unterscheidung zwischen zwei Lagern: dem "survivalisme", den man mit dem Prepperlager in Verbindung bringt, und der "Kollapsologie". Für letztere wird der oben genannte Pablo Servigne als Protagonist angeführt, dessen Akzent auf gegenseitiger Unterstützung und Solidarität liege, während das andere Lager eher Einzelkämpfern zugeschrieben wird, die das "soziokulturelle Element" gegenüber mehr technisch-orientierten Ansätzen zurückstellen. Zu den technischen Ansätzen wird von der Studie als erstes die Fähigkeit zur Selbstverteidigung erwähnt.

Zum Abschluss noch die Unterschiede bei den Vorstellungen über die Gesellschaft nach dem Zusammenbruch:

Die Wählerschaft der rechten Parteien und der extremen Rechten - plus der Ausnahme der Wähler des früheren PS-Kandidaten Hamon - kreuzte mehrheitlich das Szenario "einer vom Stress gekennzeichneten und gefährlichen Gesellschaft" an, "in der das Wesen der menschlichen Aktivität dem Überleben gewidmet ist".

Das andere Szenario ist das einer "Gesellschaft, die mit bescheideneren Mittel zurechtkommen muss, zur traditionellen Landwirtschaft zurückkehrt und sich beim Konsum auf die wesentlichen Bedürfnisse beschränken muss. Dem wurde unter Anhängern von Jean-Luc Mélencon mit deutlicher Mehrheit zugestimmt. Ergebnisse aus Deutschland liegen noch nicht vor. (Thomas Pany)