Die Architektur des Glücks

Familistère von Guise, rechter Flügel des Innenhofs. Bild: LonganimE / CC-BY-SA-3.0

Zur Aktualität einer Wohnutopie des 19. Jahrhunderts, und warum wir uns unbedingt an sie erinnern sollten

Wie groß ist der Einfluss des Wohnens auf unser Wohlbefinden, auf unsere Sicht auf die Welt, auf unser Verhalten in und zu ihr, und auf die Beziehungen zu unseren Mitmenschen? Diese Fragen haben sich Staatenlenker, Bauherren und Philosophen schon häufig gestellt; doch selten sind sie so eindeutig und mit so viel Herzblut beantwortet worden wie in Alain de Bottons "Glück und Architektur: Von der Kunst, daheim zuhause zu sein".

De Bottons vor ungefähr 10 Jahren erstmals auf Englisch erschienenes Buch ist eine Liebeserklärung an die Architektur und an die von ihr geschaffenen Gebäude, die teilweise über Jahrhunderte hinweg die Geschicke ihrer Bewohner bezeugt und beeinflusst haben. Natürlich weiß De Botton, dass viele von uns der Vorstellung, ein Haus sei ursächlich am Glück seiner Bewohner beteiligt, eher mit Misstrauen begegnen. Gute Architektur kostet Geld, und die Annahme, in einem ästhetisch anspruchsvollen Gebäude würde weniger gestritten und irgendwie gemeinschaftlicher und damit nachhaltiger gelebt, ist wissenschaftlich nur schwer beweisbar.

Dennoch, dass ein Haus nicht allein Behausung und Unterkunft ist, sondern wesentlichen Anteil daran haben kann, wie wir uns fühlen, in welchem Licht wir uns sehen, und überhaupt, wer wir sind, scheint ebenfalls unstrittig. Wie anders könnte es sein, dass sich unter den jungen, urbanen Gutverdienern das Ideal der loftigen Altbauwohnung als einzig akzeptable und adäquate Wohnumgebung so flächendeckend durchgesetzt hat, dass derartiger Wohnraum in den globalen Metropolen von New York bis Lissabon praktisch unbezahlbar geworden ist?

Barcelona chairs im Barcelona-Pavillon. Bild: Ardfern / CC-BY-SA-3.0

Allerdings muss man hier anmerken, dass der Trend zum Altbau- und Industrieschick keineswegs eine Erfindung der inzwischen weltweit anzutreffenden "neuen" bürgerlichen Eliten ist. Er scheint vielmehr eine Art Altlast der als International Style vor allem in den USA - aber nicht nur dort - einflussreichen Wolkenkratzer-Moderne, die der amerikanische Essayist und Schriftsteller Tom Wolfe wegen ihrer sterilen Fixierung auf einige wenige Kult-Möbel wie den "Barcelona Chair" von Mies van der Rohe mit beißendem Spott belegt hat. Dieser, so Wolfe in seinem viel gelesenen Essay "From Bauhaus To Our House" (1981), würde sich in den von Architektur-affinen Aufsteigern und Werbeleuten bewohnten Apartments auf der New Yorker Park Avenue mit solch präziser Vorhersagbarkeit jeweils genau am Ende des ebenfalls obligatorischen Sisalteppichs befinden, dass sich der kunstbeflissene, radikale Schick des Bauhaus-Stils geradezu in sein Gegenteil verkehrt.

Dies mag verwundern, da die Dessauer Moderne ja eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, Funktionalität über die zum Ornament erstarrte Form zu stellen, und die einfache, schnörkellose Gestaltung funktionaler Räume zum menschenbildenden Ideal erkoren hat. Wie also konnte es dazu kommen, dass ein von den besten Architekten ihrer Zeit entworfenes Bauprogramm für den "neuen" urbanen Menschen des anbrechenden modernen Zeitalters bis zur Unkenntlichkeit verwässert und sinnentleert wurde?

Ungeachtet der von der Postmoderne initiierten, mehr oder weniger erfolgreichen Korrekturen an der Konformität modernen Bauens scheint der Trend zu ideologisch überfrachteten, nach formalistisch-ästhetischen Gesichtspunkten entworfenen Gebäuden ungebrochen. Charles Jencks, seit den achtziger Jahren einer der international einflussreichsten Architekturkritiker, hat diese Entwicklung u.a. auf die eklatante Orientierungslosigkeit der pluralistischen, sich in immer kürzeren Zyklen neu erfindenden westlichen Konsumgesellschaften zurückgeführt. In seinem Buch "The Iconic Building" (2005) untersucht Jencks die möglichen Ursachen und Auswirkungen dieser neuerlichen Sinnentleerung in der Architektur.

Gerade die von internationalen Stararchitekten wie Frank Gehry, Peter Eisenmann, Rem Kohlhas oder Renzo Piano entworfenen ikonischen Bauten scheinen dabei vor allem auf das zu vertrauen, was Jencks als "enigmatische Bedeutungsträger" beschreibt; gemeint sind damit leicht wiedererkennbare ikonische Bauformen, die nicht mehr in bekannte bauhistorische Kontexte und Deutungsmuster eingeordnet werden können und die so beim Betrachter oberflächliche "Aha"-Erlebnisse auf Kosten nachvollziehbarer Aussagen bezüglich ihrer Funktion bzw. der Motive ihrer Auftraggeber produzieren.

Diese oft viele Millionen teuren ikonischen Gebäude stehen offensichtlich für eine auf bloßen Konsum gerichtete, monumentale Architektur, die zwar gelegentlich durchaus interessante Gebäude zu Stande bringt, bei der aber die Bedürfnisse sowohl der Nutzer als auch der Auftraggeber — jedenfalls jenseits ihrer kommerziellen Rentabilität — kaum noch eine Rolle spielen. Nichts könnte also weiter entfernt sein von De Bottons eingangs erwähnter Forderung nach einer Architektur des Glücks, die Bewohner und Gebäude in ein organisch-symbiotisches Gemeinschaftsverhältnis setzt.

Die Wohnsiedlung "La Familistère: architektonischer Ausdruck eines auf sozialer Gerechtigkeit und allgemeiner Partizipation fußenden Gesellschaftsideals

Dass De Bottons idealistische Sicht auf die Rolle von Gebäuden für eine intakte Sozialgemeinschaft nicht ganz ohne Vorbilder ist, kann man in dem kleinen, an der nordfranzösischen Grenze zu Belgien gelegenen Ort Guise erfahren. Hier, am Rande der Picardie, befindet sich die immer noch in Teilen intakte Wohnsiedlung "La Familistère", die der französische Schlosser und Firmengründer Jean-Baptiste André Godin Mitte des 19. Jahrhunderts nach eigenen Plänen hat bauen lassen.

Godin, dessen Name in Frankreich bis heute mit den vom gleichnamigen Unternehmen in großer Stückzahl produzierten gusseisernen Kohleöfen verbunden ist, war nicht nur ein begabter Handwerker und Geschäftsmann, sondern eben auch utopischer Vordenker einer auf sozialen Ausgleich bedachten Wohn- und Gesellschaftspolitik.

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Zentrales Gebäude des Familistère (Davor das Denkmal von Jean-Baptiste André Godin). Bild: Fab5669 / CC-BY-SA-4.0

Das von ihm 1858 in Guise begonnene und 1884 fertig gestellte Wohnprojekt belegt dabei nicht nur eindrucksvoll die sozialpolitische Weitsicht Godins, der seine Arbeiter konsequent an den von ihnen produzierten Einkünften teilhaben lassen wollte; es verweist auch auf die zentrale Rolle, die der Architektur und Gestaltung des Gebäudes selbst in diesem Zusammenhang zukam. Denn der dreigliedrige, aus dem für die Gegend typischen roten Backstein gemauerte Wohnkomplex war der architektonische Ausdruck eines auf sozialer Gerechtigkeit und allgemeiner Partizipation fußenden Gesellschaftsideals, das Godin in seiner Schrift "Solutions sociales" (1871) detailliert beschrieben hat.

Godins Lösungsvorschläge für die im ausgehenden 19. Jahrhundert allgegenwärtige "soziale Frage" hatten zum Ziel, den Arbeitern dieselben Annehmlichkeiten zugänglich zu machen (er nannte das "les équivalents de la richesse"), die bislang aufgrund ihres Reichtums nur die Unternehmer für sich in Anspruch nahmen. Ermöglicht wurde dies einerseits durch kooperative Bewirtschaftung sowie andererseits durch innovative Gestaltung und Aufteilung der Wohn- und Lebensbereiche in den drei miteinander verbundenen Flügeln des Gebäudekomplexes.

Die einzelnen Wohnungen sind stets gut belüftet und lichtdurchflutet; sie erlauben durch hohe Decken und ausreichende Grundflächen ein großzügiges Raumgefühl, und sie verfügten über nach neuesten Erkenntnissen gestaltete Bäder- und Hygieneeinrichtungen. Alle Gebäude besaßen innovative Versorgungsanlagen, waren an weitläufige Außenbereiche mit Schwimmbädern und Pavillons angeschlossen. Daneben gab es für alle zugängliche kulturelle Angebote wie Theater-, Lesungs- und Konzertsäle.

Rekonstruktion einer Wohnung im Familistère. Bild: Public Domain

Da man die Elendsviertel nur schwer in Paläste verwandeln konnte, so die Überlegung Godins, sollte mit dem von ihm entworfenen Familistère ein "Palast" der sozial Benachteiligten entstehen. In diesen Palast, und das ist vielleicht das eigentlich Erstaunliche an diesem Experiment, wohnte dann auch Godin mit seiner Familie bis zu seinem Tod im Jahr 1888.

Godins Familistère ist — trotz einiger kriegsbedingter Zerstörungen — bis heute erhalten und in Teilen immer noch bewohnt. Die drei Gebäude sind seit 1991 denkmalgeschützt, seit 2001 gibt es ein Museum und ein Projekt "Utopie", das sich zu großen Teilen aus Mitteln der europäischen Union finanziert und das im nächsten Jahr mit einer groß angelegten Ausstellung das 160. Jubiläum der Grundsteinlegung der Familistère feiern wird.

Natürlich ist das von den Ideen Charles Fouriers und anderer Utopisten des 19. Jahrhunderts beeinflusste Wohnprojekt nicht ohne Kritik geblieben. Von Godins Unternehmerkollegen wurde das Vorhaben wegen seiner vermeintlich sozialistischen Ideale verfemt, während Karl Marx und Friedrich Engels dem Experiment Heuchelei und Sozialromantik vorwarfen. Auch wenn vieles an diesem utopischen Wohn- und Lebensprojekt angestaubt und nicht mehr zeitgemäß erscheint, angesichts der globalen ökologischen Bedrohung, der zunehmend auseinander driftenden, von Partikularinteressen bestimmten digitalen Gesellschaften, in denen extreme Individualisierung mit extremer sozialer Ausdifferenzierung Hand in Hand gehen, sollten wir uns an die Architektur gewordene Utopie des Schlossers und Firmengründers Godin erinnern.

Vor einigen Jahren hat der amerikanische Urbanist und Autor Mike Davis in einem Vortrag an Ludwig-Maximilians-Universität in München darauf hingewiesen, dass die großen, durch die globalen megalopolischen Städte verursachten ökologischen und sozialen Probleme nur durch Rückbesinnung auf das, was Urbanität und Stadtleben im ursprünglichen Verständnis bedeuten, nämlich gemeinschaftliches Wohnen, in den Griff zu bekommen sind. Für Godin bedeutete das von der Familistère ermöglichte Zusammenleben einen ersten, wichtigen Schritt in diese Richtung.

Lange bevor der Turbokapitalismus den gesellschaftlichen Zusammenhalt immer weiter aufweichen würde, hatte er erkannt, dass eine Architektur des Miteinanders, die auf sozialen Ausgleich und Nachbarschaft statt auf Ausgrenzung und Luxussanierung setzt, einen wichtigen Beitrag zur Lösung der damals wie heute brennenden sozialen Frage leisten würde. Mehr denn je braucht es einen Visionär vom Format Godins und eine Architektur, die zusammenführt und vor allem diejenigen in den Blick nimmt, die sich im Zeitalter des ikonischen Bauens zunehmend am Rande der Gesellschaft, in den sich rasant ausbreitenden "neuen" Elendsvierteln der Globalisierung wiederfinden. (Klaus Benesch)