Die Armen trifft es zuerst

Jetzt ist es amtlich: Ärmere Länder werden vom Klimawandel besonders hart getroffen. IPCC legt weiteren Teilbericht vor und Regierungen versuchen in letzter Minute, ihm ins Handwerk zu pfuschen

Anfang Februar hatte der zwischenstaatliche Ausschuss für Fragen des Klimawandels kurz IPCC (Intergovernmental Panel an Climate Change) den ersten Teilbericht (Kein Weckruf, sondern eine gellende Sirene) über den neuesten Kenntnisstand bezüglich der Funktionsweise des Klimasystems und der zu erwartenden globalen Klimaveränderungen vorgelegt. Deren Auswirkungen soll ein am Freitag vorgelegter zweiter Teilbericht erklären. Im Februar hatte der IPCC dargelegt, dass bei einem ungebremsten Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre die globale Erwärmung um bis zu 6,4 Grad Celsius betragen könnte und der Meeresspiegel in den nächsten Jahrhunderten um mehrere Meter ansteigen wird. Besonders schlimm betroffen werden Afrika, Lateinamerika und Südasien sein.

Einige Regierungen hat es nicht ganz gepasst, aber die Botschaft des neuesten Berichts der Klimawissenschaftler ist ziemlich eindeutig: Der Klimawandel hat nicht nur schon begonnen, seine bedenklich Auswirkungen sind auch bereits auf allen Kontinenten zu beobachten. Die Klimazonen verschieben sich polwärts, der Frühling setzt früher ein, Wachstumsperioden verlängern sich, in den Meeren verlagern sich die Ausbreitung von Plankton und Algen und die Erwärmung von Flüssen und Seen verändert das Wanderverhalten der Fische.

Manches mag davon nicht einmal negativ klingen. Gut hört sich zum Beispiel an, dass Nordamerika wegen milderen Klimas mit höheren Ernteerträgen rechnen kann. Aber eine Feststellung im Abschnitt, der sich mit den Ozeanen beschäftigt, ist ohne Zweifel alarmierend: Die Meere werden saurer. Die Aufnahme zusätzlichen, von Menschen emittierten CO2 hat bereits dazu geführt, dass sich der ph-Wert, der ein Maß für den chemischen Zustand einer Flüssigkeit ist, um 0,1 abgesenkt hat. Zu vorindustiellen Zeiten hat er 8,18 betragen, jetzt liegt er im Mittel bei 8,08. Das ist immer noch im alkalischen Bereich, aber das ist unerheblich.

Die entscheidende Frage wird vielmehr sein, wie durch den sinkenden ph-Wert in Zukunft die Wachstumsbedingungen für Meeresplankton mit Kalkschalen oder -skeletten verändert werden. Noch ist nicht untersucht, ob es bereits Auswirkungen auf die Meeresfauna gibt. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat jedoch im vergangenen Jahr in einem Sonderbericht gewarnt, dass sich bei Fortsetzung des gegenwärtigen Trends die Bedingungen für die kalkbildenden Organismen erheblich verschlechtern werden. Das wird auch für höhere Organismen nicht ohne Folgen bleiben, denn das Plankton spielt eine wichtige Rolle in der Nahrungskette, und könnte somit künftig erhebliche Probleme für die Fischereierträge aufwerfen.

Aber natürlich ist die Versauerung, die nichts mit der Erwärmung zu tun hat, wohl aber mit dem CO2, dem wichtigsten Treibhausgas, nur einer unter vielen Trends, die der jüngste IPCC-Beicht aufzählt. Ein anderer ist die Zunahme an Zahl und Ausdehnung von Gletscherseen, die eine Folge des auf allen Kontinenten beobachteten Rückzugs der Gebirgsgletscher ist. Diese Seen können sich leicht zu einer akuten Gefahr für die Menschen entwickeln, die talabwärts leben.

Was die künftigen Gefahren angeht, so die Wissenschaftler, habe sich in den letzten Jahren der Kenntnisstand deutlich verbessert. Klar ist zum Beispiel, dass es mancherorts Probleme mit der Wasserversorgung geben wird. In ein einigen trockenen Regionen der mittleren Breiten, darunter dem Mittelmeerraum, werden die Flüsse zehn bis 30 Prozent weniger Wasser führen. In der westlichen Sahelzone in Afrika zeichnet sich schon jetzt ab, dass die Trockenheit die Wachstumsperiode verkürzt, was zu Ernteausfällen führen kann. Einige tropische Regionen werden mehr Niederschlag bekommen, jedoch nicht alle: Der östliche Teil des tropischen Regenwaldes des Amazonasbecken könnte sich in eine Savanne verwandeln.

Von der Nahrungsmittelproduktion erwarten die Wissenschaftler im globalen Mittel bei einer leichten Erwärmung, dass sie steigen wird. Die Begünstigten werden jedoch hauptsächlich in den hohen Breiten zu finden sein, wo aufgrund der überproportionalen Erwärmung in den arktischen und subarktischen Regionen mit einer Ausweitung der Anbauflächen und besseren Wachstumsbedingungen zu rechnen ist. In Afrika ist hingegen schon bei einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um ein bis drei Grad eher mit negativen Auswirkungen zu rechnen. Bei einem noch stärkeren Anstieg werden auch im globalen Maßstab die Nachteile für die Landwirtschaft überwiegen.

In Afrika werden außerdem bis 2020 aufgrund des Klimawandels zusätzliche 75 bis 250 Millionen Menschen Probleme mit dem Zugang zu Trinkwasser bekommen. Das wird auch ein Problem für die Bewässerung sein. Für den schwarzen Kontinent rechnen die Wissenschaftler mit einem Rückgang der nutzbaren Flächen, der Wachstumssaison und der Erträge. In einigen Ländern könne sich die Ernte um die Hälfte reduzieren, Mangelernährung werde sich ausbreiten. Hinzu kommt, dass auch die Erträge der Fischerei an den Küsten und vor allem in den Seen zurückgehen werden. Schließlich werden einige dicht besiedelte Küstenstriche vom Meeresspiegelanstieg betroffen sein, was hohe Anpassungskosten erfordern wird.

Schlechte Prognosen werden auch für die Landwirtschaft in großen Teilen Lateinamerikas und in Südasien gegeben. Dort, in Indien, könnten die Ernten um 30 Prozent bis zur Mitte des Jahrhunderts zurückgehen. Die Küsten des Subkontinents sind zu dem oft flach und dicht besiedelt. Insbesondere Bangladesch, das zu einem der ärmsten Länder des Planeten gehört, werden der Meeresspiegelanstieg und eine verstärkte Intensität der tropischen Wirbelstürme vor gewaltige Probleme stellen. In vielen tropischen und subtropischen Inselstaaten kommt hinzu, dass Meeresspiegelanstieg und Orkane die Trinkwasserversorgung gefährden. Im Falle einiger niedriger Archipele könnte künftig auch die Existenz ganzer Staaten gefährdet sein, aber vor solchen Aussagen schreckt der IPCC offenbar zurück. Allzuviel kann man Politikern halt nicht zumuten. Einige von ihnen haben dennoch – mit mäßigem Erfolg – versucht, den Bericht zu entschärfen.

Der IPCC wurde 1988 von der Weltmeteorologieorganisation und dem UN-Umweltschutzprogramm UNEP ins Leben gerufen und setzt sich aus rund 2500 Wissenschaftlern aus aller Welt zusammen. Diese befassen sich in drei Arbeitsgruppen mit den physikalischen Grundlagen des Klimawandels (Arbeitsgruppe 1), Auswirkungen, Anpassung und Anfälligkeit (Arbeitsgruppe 2) sowie Vermeidungsstrategien (Arbeitsgruppe 3). Aufgabe ist es, den jeweils aktuellen Stand der Forschung zusammenzutragen und zu gewichten.

In einigen Fällen, vor allem was die Klimaprojektionen angeht, werden Anregungen an wissenschaftliche Gruppen vergeben, bestimmte Computersimulationen durchzuführen, aber im eigentlichen Sinne betreibt der IPCC keine eigene Forschung. Die Berichte werden von den Plenarsitzungen des IPCC gebilligt, die für Delegationen der Mitgliedsregierungen offen sind. Mitsprachemöglichkeiten haben die Regierungsdelegationen bei den Zusammenfassungen für Politiker (Summaries for Policy Makers), die Satz für Satz diskutiert werden. Jede Delegation kann Einwände einbringen. In einem solchen Fall erklärt der für den Abschnitt zuständige Hauptautor, was gemeint war. Nach den Beschreibungen des IPCC schließt sich daran in der Regel ein Dialog zwischen der betreffenden Regierungsdelegation und dem Autor an, bis man „eine Formulierung gefunden hat, die für die Politiker verständlicher ist“.

Formell kann der Text nicht ohne die Zustimmung des Hauptautors geändert werden. Offensichtlich sind aber auf der Plenarsitzung am Donnerstag Wissenschaftler erheblich unter Druck gesetzt worden, so dass einige verärgert angekündigt haben sollen, nicht weiter an den IPCC-Reports mitarbeiten zu wollen.

Das Motiv für die Regierungen liegt auf der Hand: Die Berichte bilden die Grundlage der internationalen Klimaverhandlungen. Je schärfer sie ausfallen, desto größer ist der Druck für den globalen Klimaschutz tätig zu werden. Vor allem Saudi-Arabien, die USA, Russland und China sollen von den Einspruchsmöglichkeiten Gebrauch gemacht haben, heißt es in verschiedenen Agenturmeldungen. Die USA haben zum Beispiel durchgesetzt, dass folgender Satz nicht in der Zusammenfassung für Politiker (auf den vollständigen Bericht haben die Regierungen keinen Einfluss) stehen wird, schreibt die Nachrichtenagentur Bloomberg:

North America is expected to experience locally severe economic damage, plus substantial ecosystem, social and cultural disruption from climate-change related changes in weather-related extremes including hurricanes, other severe storms, floods, droughts, heat waves and wildfires.

Die chinesische Delegation hatte hingegen Bedenken gegen den Satz:

There is very high confidence that many natural systems are being affected by regional climate changes, particularly temperature increases.

Man wollte das „very“ gestrichen haben, was die Autoren zunächst zurückwiesen. Schließlich einigte man sich nach über dreistündigem Tauziehen auf folgende Formulierung:

Observational evidence from all continents and most oceans shows that many natural systems are being affected by regional climate changes, particularly temperature increases.

Für den Laien macht das kaum einen Unterschied, für Diplomaten schon. Die Formulierung „very high confidence“ ist in der Sprache der IPCC-Berichte die stärkste Aussage.

Letztlich ist aber die Botschaft des Berichts trotz aller Ränke noch eine sehr klare und alarmierende: Es wird Zeit zum Handeln, Zeit die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren. Und das ist immer noch zu allererst eine Aufgabe der Industriestaaten, in denen die Pro-Kopf-Emissionen mit 12 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr in Deutschland oder 20 Tonnen in den USA weit über dem globalen durchschnitt von vier Tonnen liegen.

Der BUND forderte dann auch in einer Pressemitteilung, die EU solle bis 2020 nicht 20 Prozent wie angekündigt, sondern ein Drittel seiner Emissionen einstellen. Greenpeace verlangte von der Bundesregierung sich einseitig und ohne auf andere Staaten zu warten, auf 40 Prozent Reduktion festzulegen. (Diese Zahlen beziehen sich immer auf das Niveau von 1990. Gemessen am heutigen Stand entspricht 40 Prozent für Deutschland einer Reduktion der Treibhausgasemissionen von etwa 23 Prozent.)

Während sich Politiker abmühten, die wissenschaftliche Fakten zu verwässern, geht außerhalb der Konferenzsäle der Klimawandel weiter: Das US-amerikanische National Snow and Ice Data Centre in Boulder, Colorado, meldet, dass die Ausdehnung des arktischen Meereises im März die zweitniedrigste je beobachtete gewesen ist. Im März 2007 betrug die größte Ausdehnung der Eisbedeckung, das heißt das Seegebiet, das zu mindestens 15 Prozent mit Eis bedeckt war, nur 14,7 Millionen Quadratkilometer. Normal wären 15,7 Millionen Quadratkilometer gewesen. Das ist das, was in den Jahren 1979 bis 2000 durchschnittlich von Satelliten gemessen wurde. Nur im März 2006 war die Eisbedeckung mit 14,5 Millionen Quadratkilometer noch etwas geringer.

Die Eisfläche ist damit bereits seit über einem Jahr um jeweils etwa eine Million Quadratkilometer unter dem jeweiligen monatlichen Normalwert. Das ist neu. Selbst nach dem Rekordtief im September 2005, als das Eis sich soweit zurückzog, wie nie zuvor seit dem es systematische Messungen gibt, hatte die Eisbedeckung im drauffolgenden Winter zumindest zeitweise wieder Durchschnittswerte erreicht.

Polarwissenschaftler stellen seit einigen Jahren einen beschleunigten Rückgang der Eisbedeckung des arktischen Ozeans fest. Das dortige Treibeis wächst und schmilzt im Rhythmus der Jahreszeiten, wobei im Sommer an den Rändern größere Wasserflächen freigegeben werden Das Minimum wird gewöhnlich im September erreicht. Seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen 1979 wird ein negativer Trend beobachtet, der sich in den letzten Jahren verstärkt hat. Je mehr Wasser im Sommer eisfrei ist, desto weniger Sonnenstrahlung wird vom Eis direkt in den Weltraum zurückgeworfen. Die Sonne erwärmt stattdessen die obersten Schichten des Ozeans, was dazu führt, dass die Eisbildung in der drauffolgenden Polarnacht erschwert wird.

Wissenschaftler befürchten, dass sich die Polregion einem Schwellenwert, jenseits dessen der sich selbst verstärkende Prozess des Eisrückgangs nicht mehr aufzuhalten ist. Wo genau diese Schwelle liegen könnte, ist bisher jedoch unbekannt. Modellsimulationen zeigen lediglich, dass der Eisschwund sehr rasch vor sich gehen wird und dass vielleicht schon im Sommer 2040 mit einem offenen Polarmeer zu rechnen ist.

Der letzte von drei Teilberichten des IPCC wird Anfang Mai in Bangkok vorgelegt. Darin wird es um Vermeidungsstrategien gehen, mit der sich Arbeitsgruppe III beschäftigt hat. Der der etliche hundert Seiten dicke Gesamtbericht wird im Sommer veröffentlicht und kann dann von der IPCC-Webseite runtergeladen werden. Er wird bereits der vierte Zustandsbericht des IPCC in seiner 19 jährigen Geschichte sein. Der letzte Bericht, war 2001 veröffentlicht worden und kann ebenfalls im Internet eingesehen werden.

Kommentare lesen (149 Beiträge)
Anzeige