Die Atombombe im Koffer

Schon zu Beginn des Kalten Krieges wurde die Gefahr des Nuklearterrorismus beschworen, wie das nun erneut scheinbar im Gegensatz zur damaligen Situation gemacht wird

US-Präsident Obama hat mit der von ihm einberufenen Nuklearkonferenz gepunktet. Auf dieser wurde, ebenso wie im kurz zuvor veröffentlichten Nuclear Posture Review, vor allem die Gefahr des "nuklearen Terrorismus" beschworen, während die Bedrohung durch einen globalen Atomkrieg geringer geworden sei (Nuklearer Terrorismus: Ein Albtraum, der Wirklichkeit werden könnte?).

Gerne wird gesagt, dass sich die Welt mit der Gefahr des nuklearen Terrorismus von der Bedrohungslage im Kalten Krieg radikal unterscheide. Allerdings wurde schon damals die Gefahr des nuklearen Terrorismus ganz ähnlich in den USA beschworen, wie dies besonders seit den Anschlägen vom 11.9. (Panikwaffen Schmutzige Bomben), aber auch schon vorher geschehen ist (Nuklearer Terrorismus: Ein Albtraum, der Wirklichkeit werden könnte?). Nach dem Kalten Krieg begann die Angst zu wachsen, dass ungesichertes radioaktives Material oder gar Nuklearsprengköpfe vor allem aus dem Bereich der ehemaligen Sowjetunion in die Hände von Schurkenstaaten, Kriminellen oder Terroristen gelangen könnte, um daraus zumindest eine schmutzige Bombe zu bauen, die Gruppen oder Einzelne ins Land schmuggeln könnten

Wie die New York Times nun aufgrund von bislang geheimen Dokumenten, die sie über das FBI mittels des Informationsfreiheitsgesetzes einsehen konnte, zeigen kann, unterscheiden sich Ängste und vermeintliche Bedrohungslagen allerdings gar nicht so sehr, wie man dies gemeinhin darstellt. Schon in dem geheimen National Intelligence Estimate aus dem Jahr 1951 wird davor gewarnt, dass die Russen alle Waffen oder Taktiken verwenden werden, die ihnen erfolgreich erscheinen.

Die Rede ist von heimlichen Angriffen mit biologischen, chemischen oder nuklearen Massenvernichtungswaffen. So könnte die Sowjetunion versuchen, Personen in die USA zu schmuggeln, möglicherweise könnten auch Schläferzellen eingerichtet werden. Das Problem sei es, "subversive Kräfte" schon im Ausland zu identifizieren, um sie an der Einreise zu hindern. Das aber sei praktisch unmöglich, ebenso sei eine umfassende Überwachung der subversiven Kräfte und eine Abwehr aller heimlichen Anschläge nicht realisierbar. Aber schon bevor die Sowjets überhaupt die Atombombe getestet hatten, wurde in einem FBI-Memo 1947 auf die Gefahr hingewiesen, dass sie eine Atombombe heimlich ins Land schmuggeln könnten. Man ging von der Möglichkeit aus, dass die Zündung von in die USA eingeschmuggelten Atomwaffen dazu dienen könnte, einen Atomkrieg auszulösen.

Die Kommunisten von damals entsprechen den al-Qaida-Islamisten von heute. Die Szenarien gleichen sich, wenn auch der Jargon sich gelegentlich unterscheidet, man also von Angriffen anstatt von Anschlägen oder von Saboteuren anstatt von Terroristen sprach. Wie Obama und andere Regierungschefs jetzt vor dem Nuklearterrorismus warnen, schrieb die New York Times bereits 1953, dass Regierungsmitglieder "die Möglichkeit einer atomaren Sabotage als größte Subversionsgefahr betrachten, mit dem dieses Land mit praktisch unüberwachten Grenzen jemals konfrontiert war".

Mit den damaligen noch eher bescheidenen Mitteln, vergleicht man sie mit den heutigen Überwachungs- und Erkennungstechniken, wurde versucht, die Grenzen dichter zu machen. Aber 1953 hieß es in einem FBI-Memo auch schon, dass ein Saboteur "mit einer Atomwaffe im Gepäck" ganz leicht von Mexiko aus ins Land gelangen könne, ohne entdeckt zu werden. Und man beschwor die Gefahr mächtig, wohl auch um die Mittel zur Bekämpfung zu erhalten und die eigene Macht zu vergrößern. Das FBI unter J. Edgar Hoover meinte so, dass die "Überwachung aller Mitglieder und Sympathisanten der Kommunistischen Partei" unmöglich und praktisch nicht zu realisieren sei, "weil sie die gesamte Mannschaft der Special Agents des FBI um ein Vielfaches übersteigt". Die Medien machten das Angstspiel natürlich mit. So war etwa von "Baby-Atombomben" die Rede, die man im Koffer mit sich herumtragen kann.

Ende der 50er Jahre, so stellt die New York Times verschwindet allmählich die Angst vor den geschmuggelten Bomben, da es nun Transkontinentalraketen gab, mit denen sich Überraschungsangriffe ausführen ließen. Gut möglich, dass die ballistischen Raketen des Kalten Krieges zu den Drohnen und anderen Robotern der Gegenwart werden, die den Schläfer oder den Selbstmordterroristen ersetzen. Ob al-Qaida tatsächlich eine schmutzige Bombe oder gar eine Atombombe zünden würden, wenn sie solche in die Hände bekämen, weiß man nicht. Allerdings scheinen die islamistischen Krieger sich weiterhin vor allem auf den viel leichter herzustellenden und einsetzbaren Sprengstoff zu verlassen, während sie bislang auch mit chemischen oder biologischen Massenvernichtungsmitteln – im Unterschied zu der japanischen Sekte Aum - nicht weit gekommen sind. Auch das von Cyberterroristen bewirkte digitale Pearl Harbour, ebenfalls seit den 90er Jahren beschworen, hat sich noch nicht materialisiert. Micah Zenko vom Council on Foreign Relations meint daher auch zum jetzt wieder einmal beschworenen Nuklearterrorismus, dass man wohl nicht vor Angst in die Knie gehen müsse, wenn man sehe, dass die Warnung seit mehr als 60 Jahren umgehe.

Noch hat es auch keinen Krieg mit Atomwaffen gegeben, nur die USA haben am Ende des Zweiten Weltkriegs in Hiroshima und Nagasaki das Massenvernichtungspotenzial der Atombombe real getestet. Das macht freilich deutlich, dass die Gefahr eher von Staaten und Militärs ausgeht als von Terroristen, die diesen auch dazu dienen, ihre gegen die "Bösen" gerichtete Macht zu stärken. Wirkliche Schritte der offiziellen und inoffiziellen Atommächte zur Abrüstung sind aber noch nicht auszumachen, das neue Start-Abkommen zwischen den USA und Russland wird kaum einen wirklichen Schritt zu einer atomwaffenfreien Welt bedeuten (wobei man ja auch schon genug Unheil mit "konventionellen" Waffen ausrichten kann). (Florian Rötzer)

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