Die Atomwüste von Los Alamos

Neben Atomwaffen wird in Los Alamos heute auch Genetikforschung betrieben

Eine Dokumentation beschäftigt sich mit der Verstrahlung in der Umgebung des amerikanischen Atombombenlabors Los Alamos, wo selbst das 700 Meter tief gelegene Grundwasser mit Tritium und Gift verseucht ist und die Freisetzung von bakteriellen Waffen kurz vor der Jahrtausendwende gerade noch verhindert werden konnte.

Dass die Umwelt um die US-Atomreaktoren in Oak Ridge und Hanford atomar und auch chemisch verseucht ist, wo im zweiten Weltkrieg hektisch Plutonium und angereichertes Uran 235 für die ersten Atombomben unter aus heutiger Sicht abenteuerlichen Bedingungen produziert wurden, verwundert nicht wirklich. Für die eigentlichen Bombenbastler, die in Los Alamos nur stolz die fertigen Plutoniumhalbkugeln oder Uran-235-Zylinder entgegennahmen, war dies nur "unsere Industrie" – was sie anrichtete, ahnten sie damals nicht einmal und bekamen davon auch nichts mit.

Von John Balagna abgefüllter Jubiläums-"Atomwein". John Balagna war einst Chemiker im "Manhattan Project".

In Los Alamos selbst wurde allerdings auch mehr experimentiert, als gut war: Inzwischen bekannt sind die zwei tödlichen Strahlenunfälle von Harry Daghlian und Louis Slotin, als Wissenschaftler "den Schwanz des Drachens kitzelten", also eine kritische Masse Plutonium erzeugten und eine Kettenreaktion starteten – sozusagen eine Atombombe nur ein kleines bisschen hochgehen ließen, und zwar ein bisschen mehr, als eigentlich beabsichtigt.

Es handelte sich übrigens in beiden Fällen um dasselbe Plutonium, das später in der Atombombe "Bravo" der Atomtestreihe "Operation Crossroads" endgültig hochgejagt wurde und dabei noch einige Beobachter mehr tötete – nur nicht so schnell. 250.000 US-Soldaten wurden im Laufe der Jahre insgesamt verstrahlt.

Doch neben diesen ungeplanten Verstrahlungen wurde im Atombombenlabor auch jahrelang regulär mit radioaktiven Materialien gearbeitet. Dabei herrschte nicht nur allgemeine Schlamperei (Sag mir, wo die Bomben sind – wo sind sie geblieben?); es wurden auch hochradioaktive und giftige Abfälle auf dem Gelände von Los Alamos verscharrt. "Area G", die Kloake des Labors, wo sie die radioaktiven Abfälle verscharrten, war einst ein heiliger Ort der Indianer.

Die Los Alamos Study Group (LASP) stellt etliche Anti-Atom-Plakate in New Mexico auf

Los Alamos war von Robert Oppenheimer, dem Chef des Manhattan Projects, einst als Standort für die geheime Atombombenentwicklung gewählt worden, weil er ihn als Jugendcamp einst in den Ferien selbst kennengelernt hatte. Das Camp wurde abgerissen und die Atomstadt gebaut. Santa Fé, die nächste größere Stadt, ist heute ein Treffpunkt für alternative Lebensweisen, doch bei vielen der vermeintlich nur töpfernden Hippies arbeiten in Wirklichkeit Familienmitglieder in Los Alamos und keiner redet davon.

300 Milliarden Dollar soll die Säuberung verstrahlter Regionen in den nächsten 70 Jahren nach jüngsten Zahlen kosten, denn "ein Atomunfall ist nie vorbei", so Ed Grothus – im Gegensatz zu Zerstörungen durch natürliche Katastrophen wie Hochwasser oder Hurricane.

Ed Grothus vor seinem Laden, dem "Black Hole"

Ed Grothus war einst über 20 Jahre Mechaniker in Los Alamos, bis er wegen des Vietnam-Kriegs ausstieg. Heute ist er Schrotthändler und Friedensaktivist und nennt sich "das Gewissen der Stadt". Sein Laden heißt "Black Hole" – das schwarze Loch – und ist eine Provokation. Ed Grothus stellt die ausrangierten Geräte des Los Alamos National Laboratory zur Schau, verkauft die einst in der Atomforschung verwendeten Elektronikteile und den Schrott an Bastler, Künstler und Erfinder. Die rostenden Reste sind wie eine ständige Mahnung, doch Ed sehnt den Tag herbei, an dem er keinen Nachschub mehr bekommt aus den Labors, weil Schluss mit der atomaren Abschreckung ist.

Ich bin der einzige, der hier den Mund aufmacht. Wenn ich nicht hier wäre, würde niemand etwas sagen. Sie würden ihren Geschäften nachgehen, wie sie es in den Konzentrationslagern in Deutschland gemacht haben. Damals hat auch fast niemand den Mund aufgemacht

Ed Grothus

Greg Mello war Umweltinspektor der Regierung von New Mexico. Als er entdeckte, wie fahrlässig das Labor giftigen und strahlenden Müll im Boden verscharrte, musste er feststellen, dass seine Behörde machtlos war gegenüber den kriminellen Machenschaften des staatlichen Labors. Also kündigte er und gründete die unabhängige Los Alamos Study Group 1989. Er wollte das Labor in eine zivile Forschungsstätte verwandeln, bevor der Rüctungswettlauf wieder begann.

Ed Grothus vor elektronischen Geräten aus der Atombombenforschung

Der einstige Labormitarbeiter Eloy Roybal wurde dort mit Beta- und Gammastrahlen geschädigt; er hat heute einen seltenen Leberkrebs und innere Blutungen

Es gab damals keine Sicherheitsmaßnahmen gegen Strahlung. Los Alamos hat kein Gewissen – wenn es um den Faktor Mensch geht, dann sind sie skrupellos. Ich erhalte 500 Dollar im Monat Pension. Eigentlich könnten sie mich auch verpacken und entsorgen, so wie sie das mit den verseuchten Sachen tun.

Eloy Roybal

Als 1991 die Tageszeitung "The New Mexican" von Verseuchungen in Los Alamos und den umliegenden Canyons berichtete, wurden der Chefredakteur und die Autoren des Berichts gefeuert.

70 Prozent des Milliardenetats des Labors fließen in die Atomforschung. Das Los Alamos National Laboratory hat die höchste Konzentration von Doktortiteln in den USA, die Hälfte der 19.000 Einwohner von Los Alamos arbeitet im Labor. Ohne eine Anstellung im Labor oder jemand in der Familie mit einer solchen bekommt man in Los Alamos ja auch keine Wohnung – und will dort auch gar nicht sein. Doch angeworbene Studenten wissen auch heute oft nicht, dass Los Alamos Atomwaffen herstellt.

Zu den Atomwaffenbastlern haben sich inzwischen auch noch die Genforscher gesellt – und auch hier geht es auch um militärische Dinge. Die umliegenden Indianer wären 1999 mit Bakterien verseucht worden, wenn der Plan nicht an die Presse gelangt wäre und deshalb abgeblasen werden musste.

Die heilige Stelle der Wasserschlange Avanyu der Indianer liegt direkt unter der Atommüllkippe Area G und ist deshalb vor den Indianern abgesperrt. "Wer dem Wasser die Lebenskraft raubt, wird seine Hüterin, die Wasserschlange Avanyu, in die Feuerschlange verwandeln und die Zerstörer des Wassers verbrennen", so die indianische Prophezeihung. Als bei einem großen Feuer im Mai 2000 insgesamt 400 Familien alles verloren, wurde dies als Rache Avanyus für die Vergiftung des Wassers gesehen.

"Los Alamos und die Erben der Bombe", Dokumentation des Hessischen Rundfunks, Deutschland 2000, Regie: Bertram Verhaag und Claus Biegert, 41 Minuten, nächster Sendetermin: Arte TV, 16. Februar 2005 18.15 Uhr

(Wolf-Dieter Roth)