Die Attraktivität der surrealistischen Tat, wahllos zu töten

Eine Kirche in einem Dorf. BIld: Screenshot aus CNN-YouTube-Video

Ein bewaffneter 26-jähriger Amerikaner betrat eine Baptistenkirche in einem texanischen Dorf und schoss um sich

Die USA brauchen keine Terroristen aus dem Nahen Osten und kein Einreiseverbot für Muslime. Anschläge üben vornehmlich Männer seit Jahren mit den überall vorhandenen Schusswaffen aus. Sie schießen aus Verzweiflung, Wut oder Todessehnsucht wahllos Menschen nieder, meist suchen sie den eigenen Tod. Darin gleichen sie dem islamistischen Drehbuch, das womöglich auch in den amerikanischen Amokläufen ein Vorbild gefunden hat.

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1930 hatte André Breton schon formuliert: "Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen."

Die amerikanischen Medien sprechen von einem "Gunman", nicht von einem Terroristen, der mittags in eine Kirche in Sutherland Springs eingedrungen war und mindestens 27 Menschen tötete, darunter Kinder und eine schwangere Frau. Er wurde nach einer kurzen Jagd erschossen, was vermutlich auch der Sinn der Aktion war. Die Polizei wird damit zum Partner der Selbstmordattentäter. Allerdings ist noch unklar, ob er sich nicht selbst umgebracht hat.

27 Tote und ebenso viele Verletzte sind weit unter dem Rekord, den im Oktober ein anderer Amerikaner mit der Tötung von 58 Menschen und der Verletzung von mehr als 500 erzielt hat. Zynisch gesprochen, hat der Glücksspieler damit die Latte hoch gesetzt, aber vermutlich einen Rekord gesetzt, der andere Selbstmordattentäter, die einen finalen Aufmerksamkeitscoup landen wollen, anspornen dürfte. Allerdings ist in einem Dorf mit wenigen hunderten Einwohnern die Verlustrate hoch. Und einen Rekord hat er doch eingestellt: "worst shooting at a place of worship in American history". Ranking ist alles, auch wenn es um den Tod geht.

Würde eine Person, die sich zum Islamismus bekennt, 20 oder 58 Menschen bei einem Anschlag töten, wäre die Nation in Furor, während die Regierung schnelle Maßnahmen umzusetzen versprechen würde: Mauern an der Grenze, Einreiseverbote, mehr Überwachung, was auch immer. Aber wenn Amerikaner ohne erkennbare Ideologie ihre Mitmenschen abschlachten, kommen rituell einige Forderungen nach schärferen Waffengesetzen, die Trump-Regierung reagiert überhaupt nicht, abgesehen davon, dass sie die Opfer und ihre Angehörigen bedauert. So etwas gilt den rechten Waffennarren als ein schicksalhaftes Ereignis, das man höchstens mit der allseitigen Bewaffnung der Bevölkerung verhindern könnte. Trump sagte in einem Tweet aus Japan lapidar, er beobachte die Situation.

Wenn auch einige Islamisten im Visier hatten, so scheint der Täter ein 26-jähriger Amerikaner gewesen zu sein. Devin P. Kelley soll der Täter sein, er kam nicht aus dem Dorf. Die Motive sind wie beim Massenkiller in Las Vegas unklar. Die Vermutung liegt nahe, dass die Motive, mit einem finalen und blutigen Aufmerksamkeitsspektakel aus dem Leben zu gehen, etwas mit dem amerikanischen Lebensstil zu tun. Dann würden auch Verschärfungen der Waffengesetze wenig bewirken. Aber an die Ursachenforschung wollen werden demokratische noch republikanische Abgeordnete hin. Donald Trump schon gar nicht, der Politik etwa gegenüber Nordkorea oder Iran mit Gewaltandrohungen betreibt und Aufrüstung forciert.

Selbstreflexion ist nicht gefragt, wenn es um nationale Größe und individuelle Aufblähung geht. So lange werden suizidale Westernhelden ihre Zuflucht in der Gewalt suchen, die maximale Aufmerksamkeit verspricht. Und die Amerikaner müssen damit leben, jederzeit Opfer des Terrors werden zu können, wo immer sie sich aufhalten. Dafür sorgen die angeblichen Antiterror-Kriege im Ausland und die trotz sinkender Arbeitslosigkeit verzweifelte Stimmung im Inland. In den USA, wo alles auf den Erfolgreichen ausgerichtet ist, kommen die "Verlierer" unter tödlichen Druck. (Florian Rötzer)

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