Die Aufregung um die "Nacktscanner"

In die Privat- und Intimsphäre wurde schon lange und tiefer eingedrungen, warum also die Hysterie über unscharfe Nacktbilder?

Große Aufregung herrscht bei Politiker derzeit über die "Nacktscanner", die, wenn es nach der EU-Kommission geht, möglicherweise an den Flughäfen installiert werden sollen, um durch die Kleidung der Passagiere hindurch nach verborgenen Gegenständen zu suchen. Sicherheit, das ist klar, setzt Transparenz voraus. Sie wird buchstäblich von den Scannern hergestellt, die dem Bedienpersonal zwar unscharfe, aber dennoch relativ genaue Bilder des nackten Körpers präsentieren.

Es ist von Peepshow, Striptease, Eindringen in die Intimsphäre und der Entwürdigung des Menschen die Rede, der sich den neugierigen Blicken eines wildfremden Menschen aussetzen muss. Jetzt scheinen die Überwachungsfanatiker, die in den letzten Jahren fast ungehindert für staatliche Aufklärung sorgen konnten und jede neue technische Möglichkeit aufgriffen, sie zu erweitern, eine Grenze überschritten zu haben.

Die Grenze, das unnötige und massenhafte Eindringen in die Privatsphäre, wurde natürlich schon längst überschritten, gestört hat es allerdings nur wenige. Man blieb dabei, dass derjenige, der nichts zu verbergen hat, auch von der Aufklärung nichts zu befürchten habe. Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Überwachung der Kommunikation und des Verhaltens im Internet, Sammeln und Austauschen von persönlichen Daten der Flugpassagiere, Videokameras, biometrische Ausweise, Terrorlisten, Aushebelung der Grenzen zwischen den Befugnissen von Polizei, Geheimdiensten und Militär. Alles kein großes Problem, trifft ja nur Terroristen.

Aber jetzt, wo ein Sicherheitsarbeiter ein unscharfes Bild vom nackten Körper erhält und der gläserne Bürger zum nackten Passagier wird, beginnt man sich zu genieren. Am Strand, in der Sauna, im Internet und auch sonst ist das Zeigen des nackten oder fast nackten Körpers kein Problem, sondern gerne schon einmal Pflicht, Vergnügen und Selbstverständlichkeit. Der nackte Körper selbst verrät sicherheitsstrategisch nichts, viel mehr dringt man in die Intimsphäre ein, wenn man Menschen belauscht, ihre Emails liest, ihre Wege verfolgt und die Kontakte aufzeichnet. Natürlich kann man sagen, dass der Blick auf den virtuellen nackten Körper distanzierter ist, als wenn das Sicherheitspersonal den Körper mit den Händen abtastet und nach verborgenen Gegenständen sucht. Und natürlich ist es Blödsinn, wenn etwa die die innenpolitische Sprecherin der FDP, Gisela Piltz, sagt, dass mit den Nacktscannern "das letzte Stück Privat- und Intimsphäre für Fluggäste" fällt. Durch den Anblick von einem bisschen Haut, den Speckfalten, den Geschlechtsorganen wird die ansonsten medial und anderswie dauerhafte ausgestellte Körperlichkeit nicht zum Gradmesser für die endgültige Zerstörung der Privat- und Intimsphäre, zumindest nicht für die Menschen in der westlichen, liberalen und sexuell aufgeheizten Welt, in der permanent sehr viel mehr obszön gezeigt wird und zu sehen ist.

Gleichwohl ist die Aufregung verständlich. Es geht um eine symbolische Aktion, auch wenn sie technisch vollzogen wird. Ausgezogen zu werden, heißt auch, einen Schutz und die Freiheit zu verlieren, sich zeigen und darstellen zu können, wie man will. Zwangsweise nackt (und unbewaffnet, also wehrlos) sich den Blicken von anderen aussetzen zu müssen, wird erfahren als Demütigung. Nicht umsonst wurden Menschen in den Konzentrationslagern und in Abu Ghraib (Sadistische KZ-Spiele) ausgezogen und wurden nackt denen ausgesetzt, die die Macht über sie auch durch die Nacktheit ihrer Opfer demonstrierten. Die Selbstachtung wird damit untergraben und die Verletzbarkeit deutlich, schließlich ist jede Kleidung auch eine Art Panzer und eine Maske. Man könnte vielleicht hoffen, dass das buchstäbliche Ausgezogenwerden endlich dazu führt, dass die Aufmerksamkeit auf Datenschutz und Überwachung größer wird und der Widerstand auch politisch wächst, immer weiter ausgezogen werden.

Es gab allerdings auch in den USA und in Großbritannien anfangs einen ähnlichen Aufschrei, als die Nacktscanner an einigen Flughäfen eingeführt wurden. Die Aufregung ist jedoch schnell verflogen und durch andere Skandale ersetzt worden, die ebenso ergebnislos wieder abgelöst wurden. Die von Medien und Politik inszenierten hysterischen Reaktionen auf Ereignisse haben wohl den Effekt, dass Energie und Aufmerksamkeit zu schnell verpuffen. Wer nachhaltig wie die Sicherheitspolitiker und die Sicherheitsindustrie seine Interessen verfolgt, duckt sich einfach schnell weg, um nach der Aufregung und in deren Windschatten desto erfolgreicher die eigenen Interessen voranbringen zu können. Die Lobby gegen den Überwachungswahn ist schlicht zu schwach, wahrscheinlich auch deswegen, weil dies zu wenig sexy ist. Aufklärung und Enthüllung ist da, auch journalistisch, eher gefragt. Ebenso wie Voyeurismus. Die Hoffnung allerdings bleibt, dass die listenreiche Kunst des Sich-Verbergens und Maskierens mit dem fortschreitenden Zeitalter der Aufklärung wieder interessanter werden wird.

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