Die Außenseiterbande

Alle Bilder: 20th Century Fox

Explizite und kompromisslose Kritik an Amerika: Der US-amerikanische Film "The East" legt die Amoral der Wirtschaft ebenso frei wie den Moralismus der Widerständler

The East ist ein in die Form des Thrillers, also des Unterhaltungskinos, gekleideter politischer Essay. Es geht um einen Kampf zwischen den Extremen, zwischen dem Amoralismus heutiger Unternehmen und dem Moralismus des Protests. Am Ende steht eine sozialdemokratische Lösung.

"We need someone to get inside the East. Whom would you choose?"
"Me. I am unexpected. Being unexpected is the only advantage that matters."

Jane ist Ex-FBI-Agentin und arbeitet nun für ein privates Sicherheitsunternehmen jenes neuen globalen Typus', wie ihn die berüchtigte Firma "Blackwater" repräsentiert. Sie ist jung, talentiert und von solidem, aber nicht gewissenlosem Ehrgeiz .

Und auch ansonsten eben so, wie man die Helden des amerikanischen Independent- und ambitionierteren Mainstream-Kinos kennt: Erfüllt vom kapitalistischen Arbeitsethos innerweltlicher Askese, ein Mädchen, das pastellfarben lebt und das die Pferde liebt, die sie immer bei der Autofahrt aus den Suburbs zur Arbeit sieht - Pferde erinnern nicht allein an die Kindheit und die erste Liebe des jungen Mädchens, sie sind auch außerhalb Amerikas der Inbegriff von gesellschaftlich erlaubter Freiheit und Abenteuer.

Bei der Fahrt in die Stadt sehen wir auch, dass Jane einen christlichen Radiosender hört. Später sehen wir sie beten. Das unterstreicht nicht nur ihren Konservatismus, es betont auch ihre Werteorientierung und dient so als Schlüssel um ihre Gesinnungskrise zu verstehen.

Ein konventioneller Anfang: Ihre Chefin vertraut ihr eine verantwortungsvolle Aufgabe an: Sie soll undercover jene Gruppe ausfindig machen und infiltrieren, die unter dem Namen "The East" von sich reden macht: Antikapitalistische und -konsumistische Widerständler, vage linksorientiert und keineswegs gewaltfrei. In Botschaften an die Medien bedrohen sie die Pharma- und Bauindustrie mit Anschlägen auf Sachen und auf deren Manager:

We are the east. We don't care how rich you are. We want all those who are guilty to experience the terror of their crimes, It's easy when it's not your life, easy when it's not your home. But when it's your fault, it shouldn't be so easy to sleep at night. Especially when we know where you live. Lie on uns - we'll lie on you. Spy on us - we'll spy on you. Poison us - we'll poison you. And this is just the beginning.

Unter falscher Identität - sie nennt sich nun Sarah - wechselt die schicke Städterin in den Tramper-Outfit, reist per Fahrrad, als blinde Passagierin in Güterzügen und trampend durch das Land und landet bald in einer Aussteiger-Kommune in den Wäldern um Pittsburgh, die sich als "The East" entpuppt.

Der Film nimmt sich viel Zeit, diese Gruppe in ihren Facetten zu zeigen, die Individualität ihrer einzelnen Mitglieder herauszuarbeiten und ist erkennbar bemüht, seinem Publikum zu vermitteln, was deren Bohème-Leben und ihren politischen Widerstand für die brave Bürgerstochter Sarah/Jane attraktiv macht. Dabei verklärt der Film nichts. Es scheint den Filmemachern einfach um Fairness zu gehen.

Upgedatete Hippies

Zwar ist Sympathie für die Armen Amerikas deutlich, für diejenigen, die sich von den Abfällen der Supermärkte ernähren, die unter Brücken schlafen, wie auch für das verbreitete Lebensgefühl zwischen Paranoia und Weltuntergang und für Menschen, die auf die alltägliche Zerstörung unserer Welt und ihrer natürlichen wie ethische Lebensgrundlagen nicht mit Gleichgültigkeit antworten. Doch ähnelt der Film stellenweise eher einem politischen Manifest als einer kühlen sozialpsychologischen Studie über Gruppendynamiken.

Nuanciert und anspielungsreich geht es dabei um die Mechanismen von Freundschaft und Zusammenhalt, um die Versuchungen durch Drogen, Sex und überhaupt die Attraktionen, die die "Freiheit von" haben kann - die Absage an alle Konventionen des modernen Daseins, der antizivilisatorische Affekt eines Lebens unter eigenen Regeln, das notgedrungen zum Selbst-Experiment werden muss.

"The East" aktualisiert die Hippiephilosophie und fragt nach deren Chancen und Gefahren unter heutigen Bedingungen. Das Spektrum reicht dabei gewissermaßen von John Lennon bis Charlie Manson - es geht auch um Gruppenterror, um moralische Exzesse und um die Selbstermächtigung einer kleinen Minderheit. Zugleich wird gezeigt, was geteilte Geheimnisse und gesetzlose Taten mit einer Gruppe machen; wie sie sie von innen auflösen und schließlich zerstören.

Das aus vielen Thrillern bekannte Motiv einer Undercover-Identität wird nicht allein an Sarah/Jane durchgespielt, deren Loyalität bald ins Wanken gerät, sondern an der ganzen Gruppe, die in konservativer Kleidung die Dinnerpartys der oberen Zehntausend besucht.

"Revisionistische" Agenda

"The East" ist insofern vor allem ein Film über schillernde moralische Identitäten. Als Jane steht Sarah für keinerlei Werte, sondern für die neutrale Prinzipienlosigkeit des Marktprinzips. Es ist für das Verständnis des Films essentiell, dass diese Heldin nicht für das FBI arbeitet, eben keine wie auch immer gezeichnete Gesetzesdienerin ist.

Sie steht auch nicht zwischen zwei Prinzipien, sondern zwischen dem postmodernen Abschied vom Prinzipiellen, den die Sicherheitsfirma ebenso verkörpert - wie jeder andere Teil der Welt der Industrie - und dem klassisch-modernen Konzept des Handelns nach Prinzipien. Als Sarah ist Jane ein Individuum, das zwischen zwei Weltentwürfen hin- und hergerissen ist.

Zugleich reiht sich "The East" ein in eine inzwischen schon längere Reihe von neuen US-Filmen mit "revisionistischer" Agenda. Ganz eng ähnelt er Robert Redfords "The Company you keep", der kaum zufällig nur eine Woche später ins Kino kommt, und in dem gleichfalls Brit Marling eine Hauptrolle spielt.

Auch darin geht es - allerdings in Form eines bilanzierenden Rückblicks - um eine radikale linke politische Untergrundbewegung innerhalb der Vereinigten Staaten, und um die Folgen, die es zwangsläufig hat, wenn man sich in die Abhängigkeit einer Gruppe begibt und Geheimisse teilt.

Kompromisslose Kritik an Amerika

Doch auch "World War Z" mit seiner Staatskritik, Tarantinos "Django Unchained" mit einem überraschend ungeschönten Blick auf die Sklavenwirtschaft der Südstaaten und aktuell Gore Verbinskis "Lone Ranger", in dem das Böse in Form eines Bündnisses aus Gesetz, Mördern und dem militärisch-industriellen Komplex des Wilden Westens - Eisenbahn und US-Kavallerie - auftritt, fügen sich zum Gesamtbild einer erstaunlich expliziten und kompromisslosen Kritik an den politischen Mythen Amerikas.

You create for a living toxichemicals, that will outlive us all and feel nothing. But tonight you will feel something.

Hauptdarstellerin Brit Marling schrieb auch das Drehbuch zu diesem hervorragenden Thriller, bei dem ihr Studienkollege Zal Batmanglij Regie führte. Marling gehört zu den unkonventionellsten und auch darum interessantesten Film-Persönlichkeiten der letzten Jahre. Sie führte selbst in Werken Regie, die man nicht im deutschen Kino sehen konnte, und schrieb überdurchschnittliche Filmscripts. "The East" ist ihr bisher anspruchvollstes Werk.

Der Weg ist in diesem ausgezeichneten Film viel interessanter als sein Ziel, die ersten 80 Minuten besser als die letzten 15, der klare Blick, mit dem "The East" die Amoral der Wirtschaft ebenso freilegt wie den Moralismus der Widerständler, ist ergiebiger als das erwartbare Ende der Reise dieser Hauptfigur. Sarah kann und will nicht in dieser Außenseiterbande bleiben. Aber wieder in ihr früheres Leben integrieren kann sie sich auch nicht - Jane ist sie nicht mehr.

(Rüdiger Suchsland)

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