Die Avantgarde der Evolution

Die Extropianer

Die Extropianer sind die radikalsten Utopisten im amerikanischen High-Tech-Underground. Ihr Ziel ist, die erste systematische Philosophie für das nächste Millennium zu entwickeln. Gundolf S. Freyermuth besuchte ihren Häuptling und Vordenker Max More.

Der Beitrag über die Extropianer von Gundolf S. Freyermuth wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlages dem Band Cyberland. Eine Führung durch den High-Tech-Underground (Rowohlt Berlin Verlag) entnommen. Wir haben es auch rezensiert

Über den Umbau des Menschen und die amerikanische Sehnsucht nach der Verwandlung in Cyborgs hat Gundolf Freyermuth in Telepolis bereits geschrieben: Wir alle sind Cyborgs In Telepolis finden Sie auch einen Beitrag von Max More mit dem Titel From Human to Transhuman, der das extropische Programm ausführlicher formuliert.

Ich brauche einen neuen, posthumanen Körper. Vermutlich sogar mehrere, je nachdem, was gerade im Angebot ist. Ich will da durchaus mit der Mode gehen.

Nancie Clark

Nancie ist mittelgroß, sie hat halblange schwarze Haare und ein schmales, römisch wirkendes Gesicht. Wenn man von ihren gewölbten Oberarmmuskeln absieht, ist sie elfenschlank. Unter den Menschen, die ihre wenig idealen Gestalten in der neongrellen, vollklimatisierten Spiegelflucht foltern, stellt sie zweifelsfrei die schönste Ausnahme dar. Warum also will sie den durchtrainierten, alterslos scheinenden Leib, in dem sie gerade steckt, gegen einen anderen eintauschen?

"Nicht gegen einen, gegen mehrere!" Nancie winkelt die Arme, stemmt langsam das Paar Hanteln, und ihre Oberarme schwellen weiter an. Dabei sagt sie, schwer ausatmend: "Mehr ist mehr."

Und mehr ist gut. Nancie jedenfalls liebt das Mehr so sehr wie seinen Philosophen. Der heißt Max More und stemmt ein paar Meter weiter Gewichte, zu deren Transport Normalsterbliche sich eines Gabelstaplers bedienen würden.

Max nannten ihn seine Eltern, weil er vor 31 Jahren im britischen Bristol so gewaltig aus dem Mutterleib schlüpfte, daß als Namen für ihn nur die Abkürzung von Maximum in Frage zu kommen schien. Doch das Größte war Max schon als Kind nicht groß genug. Seine Unzufriedenheit begann bei seinem eigenen Körper, weshalb er sich aufs Bodybuilding verlegte, und reichte über die soziale Enge des eben gar nicht so großen Großbritanniens bis zu dem dort herrschenden intellektuellen Kleinmut. Mitte der 80er Jahre siedelte Max deshalb von Oxford, wo er Philosophie studierte, nach Kalifornien über, und kaum hatte er den Boden des Gelobten Landes betreten, tat er zweierlei.

Erstens erwählte er sich wie vor ihm hunderttausend andere, die im amerikanischen Westen ihr Leben von Neuem beginnen, einen Namen, der besser zu ihm paßte. Dabei steigerte Max O'Connor, wie er bis dahin hieß, eiskalt das Maximale, mit dem ihn seine Eltern versehen hatten: Max More (also Mehr). Und zweitens begründete er zusammen mit einem Anwalt künstlernamens Tom Morrow Extropy, ein laut Untertitel "Journal für transhumanistisches Denken", das zum Sprachrohr der extropianischen Bewegung wurde. 1991 rief Max More dann das "Extropy Institute" ins Leben, seit 1994 organisiert er eine jährliche und von den Medien vielbeachtete Konferenz namens "Extro".

Seinen Extropianismus nennt Max More eine Lebensphilosophie. Ihr Ziel ist nichts Geringeres als die Überwindung der gegenwärtigen menschlichen Form und ihrer Begrenzungen. Zu diesem Behufe soll die Evolution des Homo sapiens mit Hilfe von Wissenschaft und Technologie beschleunigt werden. Extropy und seine heute rund 5000 Leser, die meisten von ihnen Naturwissenschaftler, Programmierer und Ingenieure, beschäftigen sich vorrangig mit Lebensverlängerungs- und Unsterblichkeitstechniken, Smart Drugs, Nanotechnologie, maschineller Intelligenz, elektronischer Wirtschaft und freien Cyberspace- und Weltraumgesellschaften.

Im unbestrittenen Hollywooder Hauptquartier der Zukunft, im Haus des Cybergurus Timothy Leary, traf Max More dann die TV-Moderatorin, Malerin und Schauspielerin Nancie Clark. Es war Liebe auf den ersten Blick. Der allerdings fiel auf jeweils nur einen begehrenswerten Körper.

"Du gedenkst dich zu multiplizieren, Nancie?" frage ich sicherheitshalber nach.
"Oh ja, auf jeden Fall ...", antwortet sie leichthin, als müsse das eigentlich jeder wollen: "Einer meiner neuen Körper soll einer Gazelle gleichen, größer, schneller und gelenkiger, als ich jetzt bin. Und ein anderer könnte leuchtende Haut wie ein Chamäleon haben, damit ich meine Farbe nach Lust und Laune wechseln kann."
"Willst du bloß deinen Körper multiplizieren? Oder gleich dein komplettes Selbst?"
Nancie hält mitten in der Bewegung inne. "Über die Frage muß ich nachdenken ...", sagt sie zögernd. Die Hanteln schweben wie schwerelos auf halb acht. Allein die winzigen Schweißtropfen, die sich auf Nancies gerunzelter Stirn bilden, verraten Anstrengung: "Solange ich irgendwo bin, will ich dort natürlich die einzige Nancie Clark sein. Aber ich hätte nichts gegen Duplikate, die an Orten arbeiten, wo ich nicht bin; wie es Dämonen tun."
"Läufst du dabei nicht Gefahr, dir selbst Konkurrenz zu machen? Wenn du einen Job willst, schnappt ihn dir glatt eine deiner Doppelgängerinnen weg, mal abgesehen von all dem, was die mit deinen Freunden anstellen könnten ..."
"Du hast recht", nickt Nancie Eins. "Ich will keinen Ärger mit meinen Subpersönlichkeiten. Was meinst du, Max?"

Der stöhnt still auf einer Streckbank. Seine sommersprossigen Arme, jeder zur Schulter hin dicker als eine Kindertaille, bearbeiten ein Paar Drahtseile mit dampfmaschinenartiger Regelmäßigkeit.

"Ich habe kein dringendes Bedürfnis, mich zu vervielfältigen", preßt er mit einer britisch-akzentuierten Bescheidenheit hervor, die an Arroganz grenzt. "Ich mag es, von meiner Sorte der einzige zu sein."

Seine hellblauen Augen starren dabei leer und geradeaus zur Decke, an der sein Spiegelbild hängt. Max Mores heftiger Einspruch immerhin ist sehr im Sinne ihrer gemeinsamen Ideale. "Wenn zwei Extropianer in allem übereinstimmen", heißt es über den Individualismus der Bewegung, "dann ist zumindest einer von ihnen kein Extropianer."

"Mir reicht es, einen Haufen Implantate und goldene Haut zu bekommen und um die zwei Meter 20 groß zu sein", sagt Max More. "Obendrein werde ich natürlich meine neuronale Chemie perfekt programmieren und damit meine Emotionen und mein Denkvermögen kontrollieren. Denn ich glaube nicht, daß ich mein Gehirn schon bis zum Jahr 2100 auf eine nichtbiologische Basis umgestellt haben werde."

Heute, knapp 105 Jahre vor der Zukunft, die wir gerade imaginieren, ist Max More erst um die 1 Meter 85 groß, und golden sind allein seine schulterblattlangen Haare, die er zu einem Pferdeschwanz gebunden trägt und die mit jedem Kraftstoß wippend den Boden unter seiner Streckbank berühren. Doch seine Physis - von einem britischen Reporter einmal als "leicht teutonisch" beschrieben: "wie ein junger Siegfried, oder war es Roy?" - läßt so wenig zu wünschen übrig wie seine phantastische und zugleich kühle Intelligenz.

Kein Geheimnis ist heilig, keine Grenzen existieren, die sich nicht in Frage stellen ließen. Kein Unbekanntes kann sich dem erfinderischen menschlichen Verstand verbergen. Laßt uns unsere alten Formen sprengen! Hinweg mit unserer Unwissenheit, unserer Schwäche und unserer Sterblichkeit. Die Zukunft gehört uns!

Max More

Der promovierte Philosoph ist der unangefochtene Vordenker der Bewegung. Er formulierte auch ihr Grundgesetz, die Extropianischen Prinzipien, welche nach dem Vorbild von Computerprogrammen regelmäßig aktualisiert werden und Versionsnummern tragen. Gegenwärtig gültig ist Fassung 2.5. Sie fordert in 3000 nicht unkomplizierten Worten zum Kampf gegen die Entropie in all ihren Erscheinungsformen auf.

Der Begriff stammt aus der Wärmelehre und meint das Abfallen der Energiedifferenzen, den Hitzetod, der dem zweiten thermodynamischen Gesetz zufolge alle geschlossenen Systeme früher oder später ereilt. Wobei die Betonung auf "geschlossene Systeme" liegt. Denn nach Max More stellen die Erde, das Sonnensystem, die Galaxis und sogar das Universum offene Systeme dar. Für sie gelte daher das zweite Gesetz der Thermodynamik nicht, schließt er, jedenfalls nicht unbedingt: Leben muß nicht in Entropie enden, es könnte ein Prozeß sich ausweitender Energie sein, die Verwirklichung von Extropie.

Aufwärts müssen wir! Nach oben hin sind unser aller Möglichkeiten unbegrenzt.

Max More

Max Mores Kampf richtet sich daher zuvorderst gegen das Versickern des ursprünglichen Elans aller Zivilisationen, gegen Dekadenz und Resignation sowie gegen das Versinken jugendlichen Lebens in Verkalkung, Alter, Tod.

Es ist Entropie, die unsere Autos kaputt gehen läßt, unsere Computer durchschmoren, unser Fleisch verfallen. Entropie ist der Erzfeind menschlicher Hoffnung!

Max More

Das probate Gegenmittel: ein unerbittlicher Wille zur Ausweitung der eigenen intellektuellen und körperlichen Fähigkeiten. Ganz oben in der extropianischen Werteskala rangieren Vitalität, Intelligenz, Kreativität und Individualismus. Max More und die Seinen votieren gegen jede Form von Kontrolle, die wissenschaftliches und wirtschaftliches Wachstum behindert, und sie opponieren jeder Autorität, die intellektuelle Energien bremst.

Extropianismus stellt so die passende Philosophie zur Praxis technischer Aufrüstung dar. Die Mehrzahl der Mitglieder stammt aus dem amerikanischen Westen, aus den "Hauptstädten des Technofetischismus und der Todesverneinung", wie die Silicon-Valley-Regionalzeitung "Metro" vermeldete. 80 Prozent aller Extropianer sind männlich, und mit Ausnahme von Robert Anton Wilson finden sich unter Max Mores prominenteren Anhängern ausschließlich Naturwissenschaftler, darunter der "Vater der künstlichen Intelligenz" Marvin Minsky, der Begründer der Nanotechnologie Eric Drexler, Fuzzy-Logic-Guru Bart Kosko und der Robotiker Hans Moravec.

Wissenschaftliche Rationalität scheint ihnen das einzig geeignete Mittel, um den Kampf gegen die drohende Entropie welt- und bald auch weltallweit führen zu können. Nur im vollkommen freien Spiel der Kräfte sehen sie eine rasante Fortentwicklung der Menschheit gewährleistet. Ökonomisch tendieren sie folgerichtig zur unbegrenzten Konkurrenzwirtschaft, politisch mehrheitlich zum Liberalismus und Anarchismus. Den Umweltschutz wollen sie dem Markt überantworten, das Rechtssystem privatisieren. Ihre Utopie ist die endlose Ausbreitung posthumaner Intelligenzen durch das Universum, ihr bescheideneres Nahziel die Umwandlung der menschlichen Rasse in eine unsterbliche transhumane Spezies.

Doch Extropianismus ist nicht bloß eine futuristische Art zu denken, es ist auch ein Lifestyle von heute für morgen. Wer einmal in den achtziger Jahren Staaten des Ostblocks bereiste, wird sich ein Bild von Entropie im Alltag machen können. Und wer Südkaliforniens alters- und rastlose Beschäftigungskultur kennt, mag sich vorstellen, wie eine zukünftige extropianische Lebensform schlimmstenfalls ausfallen könnte. Max More und Nancie Clark jedenfalls predigen nicht nur Transhumanität, sie praktizieren sie, so gut es in unseren primitiven Zeiten eben geht.

Mit Bodybuilding bekämpfe ich die physische Entropie. Ich will mich für den Zeitpunkt fit halten, wenn ich in den Weltraum hinausgehe. Man muß langfristig denken und leben ...

Nancie Clark

Die elegante, chromglänzende Fertigungsstatt, in der die Transformation der eigenen Körper unter sanfter Musikberieselung geschieht, liegt in einem Einkaufszentrum und ist von einer traditionellen Turnhalle so verschieden wie die Senator-Lounge der Lufthansa von einer ordinären Bahnhofswartehalle. Riechen tut es hier nach nichts als Parfüm, und der Schweiß perlt verführerisch wie in Deodorantreklamen.

Max More wischt sich die Stirn. Er hat seine Streckbanktortur beendet. Ein wenig steht er wie Supermann zwischen den buckligen und bäuchigen Zwergen, die sich weiterhin um ihn herum abrackern. Er nimmt einen langen Schluck aus seiner mitgebrachten Wasserflasche.

"Wir brauchen einen neuen Gesundheitsbegriff", fordert er, kaum daß er wieder ruhig atmen kann. Bislang sei einer als gesund durchgegangen, wenn alle Körperfunktionen im normalen Bereich lagen. Medizin war gewissermaßen ein Reparaturgewerbe, das Schäden am Originalzustand so gut wie möglich beseitigte. Doch der Normalzustand des Homo sapiens ist Max More nicht genug.

Wir Extropianer wollen nicht nur normal sein, wir wollen supernormal sein, supergesund, superstark, superintelligent.

Max More

Für jeden, der derlei erreichen will, muß das etablierte Gesundheitswesen ein lästiges Hindernis darstellen. Die Zulassung von Medikamenten orientiert sich weltweit daran, inwieweit sie Krankheiten heilen und Defekten vorbeugen. Mit Drogen, Prothesen und Implantaten, die klinisch gesunden Menschen zu höherer Leistungsfähigkeit verhelfen sollen, können und möchten die meisten Medizinverwalter nicht umgehen, von der amerikanischen FDA bis zum Bundesgesundheitsamt.

Es wird ziemliche Kämpfe geben, um das zu ändern, vor allem, da wir es mit einem monopolistischen System zu tun haben, das die Richtlinien zugleich festsetzt und kontrolliert.

Max More

Früher oder später aber, meinen er und seine Extropianerschar, wird der kombinierten Kraftanstrengung von wissenschaftlichem Forschungsdrang, transhumanistischer Aufklärungsarbeit und einem eindeutig vorhandenen Massenbedürfnis, das sich rücksichtslos auf dem Markt bedienen wird - und sei es dem schwarzen -, Erfolg beschieden sein. Über 30 Milliarden Dollar sind bereits in Biotechnik-Firmen investiert worden, die an der Verbesserung des Dürftigen arbeiten, was die Natur dem Menschen mitgegeben hat. Die dynamische Logik von Nachfrage und Angebot wird die bürokratisch-moralischen Vorbehalte der sentimentalen Zukunftsbremser beiseite fegen.

Max More hegt keinen Zweifel: Wir werden in naher Zukunft Medikamente nicht nur gegen Grippe und Krebs kaufen können, sondern auch gegen angekränkelte Vorstellungskraft und Ideenarmut. Wir werden unser Immunsystem unangreifbar machen, unsere Sinne schärfen, unsere körperliche Stärke erhöhen, unsere Denkfähigkeit beschleunigen, den Tod abschaffen.

Bis es allerdings soweit ist, muß der aufs bessere und ewige Leben hoffende Homo sapiens vulgaris sich behelfen, so gut es geht. "Nur wer ständig kämpft, bleibt ein Kämpfer", sagt Max More.

Mit fließenden Bewegungen schiebt der Philosoph seinen Körper in eine hydraulische Push-up-Maschine und wird eins mit ihr, ein Antriebsrädchen in ihrem Getriebe, wie sich Charlie Chaplin einst die "Modernen Zeiten" vorstellte. Schwer mischt sich Mores Atem mit dem Eiserne-Lunge-Stöhnen der Hydraulik. "Bodybuilding ist für mich mehr als Sport", schnauft er: "Es ist eine Lebensweise."

Beim ersten Rendezvous, zu dem er und Nancie sich nach dem Abendessen bei Tim Leary verabredeten, führte er sie daher in ein Fitness-Center. Bevor sie miteinander schliefen, haben sie zusammen trainiert. "Ich liebe es zu spüren, wie der Schmerz ansteigt", sagt Max More.

Mit verzerrtem Gesicht stößt er weiter. Aufwärts. Und mit ihm tun es zugleich drei, vier weitere Max Mores in ebenfalls hautengen lila Hosen mit einem verstärkten, wülstigen Suspensorium. Denn die totale Verspiegelung in diesem fensterlosen Labyrinth erlaubt den Einzelkämpfern kein Entkommen vom eigenen Ebenbild - von all dem schwabbelnden Fett, das es zu eliminieren gilt. Bei Max More allerdings ist in der Hinsicht nichts zu beobachten als das Spiel der Muskelstränge. Seine Motivation kann sich nicht aus dem Abscheu vor den eigenen Mängeln speisen, sie muß von innen kommen.

Ich denke an Nietzsche, wenn ich trainiere: der eiserne Mensch, der eiserne Wille.

Max More

Später, nach dem Ende der Torturen, erholen wir uns in dem Reihenbungalow in Marina Del Rey, den sich Nancie Clark und Max More teilen. Hier drinnen ist es still und kühl wie in einer Raumstation, draußen aber ist der Tag heiß und voller Verkehrslärm. In der Marina schaukeln die Segelboote dicht an dicht wie in einem Freeway-Stau, am Ufer drängeln sich Trauben von Menschen in Shorts und zu engen T-Shirts. Wir sitzen in weichen Polstern und trinken Instantkaffee.

"Die Extropianer" staunte ein britischer Journalist, nachdem er Max More und Nancie Clark besuchte, "pflegen sich für eine Science-fiction-Zukunft, die viele lediglich für eine andere Form des Selbstmordes halten würden."

Max Mores Lieblingsutopie heißt Cybertopia, ein Reich der Freiheit im Cyberspace. "Wir werden digitales Geld haben", prophezeit er begeistert, "das die Regierung nicht kontrollieren kann." Doch was als relativ normaler Computertrip beginnt, soll in ein paar Jahrzehnten radikal enden: Wenn es nach Max More geht, werden Nanomaschinen die Gehirninhalte der Cybernauten Synapse für Synapse auf elektronische Speichermedien übertragen und in die Netze hochladen ("upload"). Ähnliche Szenarien haben Maverick-Wissenschaftler wie Marvin Minsky vom Media Lab des Massachusetts Institute of Technology und Hans Moravec von der Carnegie-Mellon University in vielbeachteten Büchern und Fachartikeln ausgemalt.

Als virtuelle Lebewesen wären die Extropianer unsterblich, erklärt Max More, wobei die digitalisierten Gehirninhalte jederzeit auf Robotkörper oder Klones herunterkopiert werden könnten. Und selbstverständlich böte die Digitalisierung unserer Persönlichkeit ebenfalls die angenehme Option, sie wie alle digitalen Dokumente spurenlos zu bearbeiten. Wir könnten also unerwünschte Charakterzüge und schlechte Erinnerungen löschen, zumindest aus unserem aktiven Gedächtnis, und statt dessen Fähigkeiten und Erfahrungen einspeichern, die uns angenehmer sind oder mehr Vorteile bieten.

"Hat dich in letzter Zeit mal jemand für verrückt erklärt?" frage ich den Extropianerhäuptling.
Der schüttelt amüsiert den Kopf. "Warum?"
"Wenn du an einer deutschen Universität Philosophie unterrichten würdest und so über den Umbau des Menschengeschlechts reden, hättest du gute Chancen, kaltgestellt zu werden. Wegen philosophischer Unzurechnungsfähigkeit."
"Guter Punkt", sagt Max More. "Das erklärt, warum ich nicht in Europa lebe, sondern hier." Er streckt die langen Beine und wirft seinen goldenen Zopf zurück in den Nacken. "In England habe ich mich nämlich nie wohl gefühlt. Dort sind die Menschen zu vorsichtig, zu mißtrauisch und furchtsam, sie leben in ständiger Angst vor zu starker Veränderung ..."
"Hältst du das für typisch britisch?" werfe ich ein.
"Nein, das ist wohl überall in Europa so", sagt Max More, und sein Gesicht zeigt Spuren des langen Leidens an diesem Alte-Welt-Fatalismus: "Mit fünf Jahren habe ich im Fernsehen die Mondlandung gesehen und beschlossen, daß ich nach Amerika gehöre. Hier arbeiten die führenden Forscher in den Schlüsselwissenschaften der Zukunft. Alles Neue beginnt hier und erobert von hier aus den Rest der Welt."

In Kalifornien klangen seine Ideen gar nicht mehr so verrückt, im Gegenteil, unter der Schar der Extropianer, die er seitdem um sich versammelt hat, ist Max More eher einer der bedächtigeren und gemäßigten. Sein Verlangen, alle Bücher, die je von Menschenhand geschrieben wurden, in einem implantierten Speicherchip spazierenzutragen, oder der Wunsch, sich über eine direkte Verbindung seines Gehirns mit den elektronischen Netzen in ein System globaler Gedankenübertragung einzuklinken, das sind in der hiesigen Cyberkultur so normale Spinnereien, wie es unter mittleren Angestellten der Drang ist, einmal im Leben einen Ferrari mit 300 Stundenkilometern über die Autobahn zu jagen.

Wir sehnen uns danach, Schädelstecker eingebohrt zu bekommen. Das ist die Technologie unserer Träume." Tausenden von Cyberianern gleich phantasiert sie von implantierbaren "Mikrochips für die Beherrschung einer Sprache, von der wir vorher noch nie etwas gehört haben, für Expertensystem-Wissen von neuen Technologien, für eine neue Persönlichkeit ...

Hacker-Queen St. Jude

Sammelplatz der Möchtegern-Neuronauten mit dem desire to be wired, der Begierde nach dem Kabelkopf, ist das Internet. In Dutzenden von Newsgroups und auf World-Wide-Web-Seiten mit Titeln wie "The Transhuman Body", "The Posthuman Body", "Brain Enhancements", "Gender Bending and Sex Change" oder "Plastic Surgery" imaginieren sie hybride Formen von Natur und Technik, den komplett bionischen Menschen. Allein die home page des Body Modification E-zine, eines elektronischen Mitteilungsblattes für Trends in der Körpermodifikation, zählt pro Woche über eine halbe Million Besucher.

Befremdlicher als diese Phantasien selbst ist jedoch die Tatsache, daß sie ihren Ausgangspunkt nicht in literarischen Alpträumen, sondern in wissenschaftlichen Spekulationen haben. "Treib dich eine Weile in respektablen amerikanischen Forschungslabors herum", schrieb Jim McClellan im britischen "Observer", "und du kannst Wissenschaftler dieselben Sprüche klopfen hören. Der Extremismus [der Extropianer] stellt so eine entlarvende Spiegelung der modernen amerikanischen Techno-Kultur dar."

"Komm!" sagt Max More: "Ich zeige dir das Extropy Institute."

Der Weg ist nicht weit. Wir brauchen bloß ein paar Treppenstufen hinauf in den ersten Stock des Reihenbungalows zu steigen, denn das Institut ist eine teils nomadische, teils virtuelle Einrichtung. Die Versammlungsräume, in denen sich die aktivsten der vierhundert Mitglieder fast täglich treffen, befinden sich im Cyberspace, der jährliche Kongreß ist eine Wanderveranstaltung, die offizielle Anschrift "13428 Maxella Avenue, #273" in Wirklichkeit ein Postfach.

"Es gibt da draußen viele Verrückte", sagt Max More, plötzlich ganz kalifornischer Normalbürger, "man muß vorsichtig sein."

In dem winzigen Arbeitszimmer unter dem schrägen Dach wirkt er maximaler, als er ohnehin ist. Achtsam setzt er sich hinter den Schreibtisch, der gut fünfzig Prozent der Stellfläche einnimmt. Ihn wiederum okkupiert fast ganz ein Gateway-Computer mit einem großen Bildschirm. An ihm produziert Max More im Alleingang sein "Extropy"-Magazin. Auf dem freien Teil des Bodens stapeln sich alte Ausgaben, die Wände sind mit philosophischer Fachliteratur verstellt, und an der Innenseite der Tür klebt ein ausgeschnittener Zeitungsartikel: "Wie man Seminare jeder Art entwickelt, bewirbt, vermarktet und verkauft, als Ganztags- oder Nebentätigkeit."

Das Bedürfnis, sich die Zukunft erklären zu lassen, wächst ganz augenscheinlich im selben Maße, wie der Fortschritt Angst und Schrecken verbreitet. Im zwanzigsten Jahrhundert kam die Menschheit von Pferdekutschen über Autos und Flugzeuge zu Raketen, von simplen Impfstoffen zur Genmanipulation, von handbetriebenen Rechenmaschinen über Lochkartencomputer und Mainframes zu billigen Laptops, die jeder für sich über mehr maschinelle Rechenkraft verfügen als im Jahre 1900 ganze Nationen - oder als noch Anfang der achtziger Jahre das Pentagon mit seinen Multimillionen-Dollar-Cray-Supercomputern. Wer heute Siebzig oder älter ist, erlebte so bewußt, wie drei komplette Innovationswellen seinen Alltag überrollten: die elektrische (Licht, Radio, Telefon, Haushaltsgeräte), die elektronische (TV, Mainframes, Satelliten, Videorecorder) und die digitale (PC, CD-Rom, Internet).

Mit diesem technischen Wandel Schritt zu halten, ist unseren kulturellen Selbstbildern nur sehr unzulänglich gelungen. Wenn auch "die Revolution gerade erst begonnen hat", wie "Newsweek" schreibt: "Sie beginnt bereits, uns zu überwältigen, sie erschöpft unsere Fähigkeit, mit ihr fertig zu werden, sie läßt unsere Gesetze veralten, verändert unsere Sitten, reorganisiert unsere Ökonomie, setzt neue Prioritäten [...], formt um, was wir für wirklich halten."

Eine verbreitete Reaktion darauf ist schierer Schrecken. 55 Prozent aller amerikanischen Frauen und 45 Prozent aller Männer räumen ein, daß ihnen die Technik, die sie im Alltag umgibt, nicht ganz geheuer ist. Ein Viertel aller US-Erwachsenen hat noch nie einen Videorecorder oder nur die Tasten eines Autoradios programmiert, genauso viele trauern der Schreibmaschine nach. Der Widerstand gegen die Revolutionierung des Lebens durch den entfesselten technischen Fortschritt wächst - vor allem in der Mittelschicht, und zwar gleichermaßen bei den alternden, ökologisch orientierten Liberalen der Babyboomer-Generation, die sich und ihre Werte zunehmend marginalisiert sehen, wie bei den Vertretern des radikalen christlichen Fundamentalismus, die der Evolutionslehre und damit der Gentechnik mit der Pseudowissenschaft des "Kreationismus" begegnen wollen.

Religion ist eine entropische Kraft, die unserer posthumanen Zukunft entgegensteht. Gottesdienst, Glaubensartikel, das alles will die Menschen an ihre eigene Blindheit binden. Statt Kraft in sich selbst zu finden, sollen sie auf Rettung durch höhere Mächte hoffen.

Max More

Mit ähnlicher Verve schreibt er gegen die Mythen der Begrenzung an, die in liberalen ökologischen Kreisen eine Renaissance erlebt haben - gegen die moralische Argumentation zur freiwilligen Selbstlimitierung, wie sie sich beispielhaft in den Horror-Geschichten vom Turmbau zu Babel, von Ikarus, von Frankenstein ausdrückt. Selbstbescheidung jedoch, lehrt sein Extropianismus, bedeutete das Ende der Evolution intelligenter Lebensformen auf diesem Planeten.

Der Sinn jeden Lebens ist die Überwindung immer neuer Grenzen, die Expansion, der unendliche Prozeß des Fortschreitens.

Max More

Die Spitzenforschung hat sich dem common sense allerdings entfremdet, und sie hat sich zugleich so weitgehend spezialisiert, daß mancher Experte nicht einmal mehr die eigene Disziplin komplett überblicken kann. Die zahllosen, scheinbar zusammenhanglosen technischen Innovationnen und naturwissenschaftlichen Denkansätze müssen deshalb, meint Max More, zu einem sinnvollen, das heißt unter extropianischer Perspektive sinnvollen, Gesamtbild zusammen gefügt werden.

"Wir brauchen dringend einen philosophischen Rahmen für das digitale Zeitalter. Ich sammle Ideen aus verschiedenen Gebieten, suche nach Mustern und synthetisiere sie. Denn ohne einen solchen Orientierungsrahmen starren die Leute gebannt auf einzelne Veränderungen und sagen: 'Oh Gott, nun muß ich mich wieder daran gewöhnen.'"

Insbesondere die Extropianischen Prinzipien sollen als eine solche "Schutzimpfung gegen Zukunftsschock" wirken.

"Sie stellen keine ganzheitliche Philosophie dar, die unser Weltbild festlegt. So etwas wäre un-extropianisch", sagt Max More. "Die Prinzipien sind nur einige sehr grundsätzliche Haltungen und Basiswerte, eine Art neues Betriebssystem für uns selbst, mit dessen Hilfe jeder für sich selbst die Konsequenzen ziehen kann."

Praktischerweise fügen sich die Anfangsbuchstaben der fünf Maximen zu dem extropianischen Slogan Best Do It So ("Am besten macht es so"): "Boundless Expansion", "Self-Transformation", "Dynamic Optimism", "Intelligent Technology" und "Spontaneous Order". Was der recht abstrakt klingende Pentalog bedeuten soll, erklärt Max More gerne und so routiniert wie ein Priester die ersten fünf Gebote.

Grenzenlose Selbstausweitung trägt der Sonderstellung der Menschheit Rechnung, die, aus unbelebter Materie entstanden, als einzige Lebensform des Planeten Bewußtsein ausgebildet hat. Dieser evolutionäre Prozeß dürfe nicht enden. Extropianer trachten daher nach der Beseitigung aller Hindernisse, die den technischen Fortschritt und die Selbstausbreitung der Menschheit bremsen, inklusive des "apokalyptischen Umweltkatastrophendenkens". Ziel ist es, die irdische "Wiege der menschlichen und transhumanen Intelligenz" zu verlassen, "um uns über das Universum auszubreiten und ohne Ende fortzuschreiten".

Selbsttransformation ist für das Individuum, was "grenzenlose Selbstausweitung" für die menschliche Rasse bedeutet. Steigerung von persönlicher Extropie erfordert kontinuierliche Infragestellung der eigenen Lebensweise durch kritisches Denken, Bereitschaft zum Experimentieren sowie die Nutzung biologischer und technischer Verbesserungen. Staatlicher Zwang und Bevormundung stehen dem ebenso entgegen wie Konformität und Mystizismus, weshalb der extropianische Mensch in politischer, spiritueller und psychischer Hinsicht Eigenverantwortlichkeit erreichen muß.

Dynamischer Optimismus richtet sich gegen entropische Verhaltensweisen wie Resignation, Kleinmut und Opferhaltung. Extropianer fordern und fördern Tatendrang statt Zögern, Handeln statt Abwarten, Aggressivität statt Passivität. Als dynamische Optimisten streben sie nach Realisierung aller Wünsche und Hoffnungen im Diesseits.

Spontane Ordnung soll zentrale Autoritäten durch freiwillige dezentralisierte Koordinationsprozesse ersetzen. Vorbild solch spontaner Ordnung ist der sich selbst regulierende Markt. Er garantiere individuelle Freiheit und persönliche Verantwortung, indem er Initiative, Innovation, Toleranz, Heterogenität und Abweichung belohnt. Zudem funktioniere er erheblich effektiver als jede Kommando- oder Planwirtschaft. Extropianer plädieren deshalb dafür, auf Politik und Recht zu übertragen, was wir vom Markt und ebenfalls aus evolutionären Prozessen, vom Ökosystem und von neuronalen Netzwerken her kennen. Ihr Ziel ist die Ablösung der alten tribalistischen, autoritären und demokratischen Ordnungsformen durch polyzentrische Systeme, in denen sich die Macht auf zahlreiche autonome Agenten verteilt.

Intelligente Technologie, das fünfte, erst beim letzten update hinzugekommene Prinzip, versteht unsere Werkzeuge als natürliches Produkt der menschlichen Intelligenz und damit als Teil der Evolution. Technologie erlaube, die Grenzen zu überschreiten, die uns Herkunft, Kultur und Umwelt auferlegen, und bekämpfe insofern Entropie. Alle historischen und gegenwärtigen Anstrengungen, menschliches Wissen und technische Möglichkeiten zu erweitern, konvergieren so zwangsläufig, meint Max More, in der Transformation des Homo sapiens.

Wir werden uns zusammen mit den Produkten unseres Verstandes entwickeln. Wir werden uns ihnen anpassen, und wir werden schließlich mit unserer intelligenten Technologie zu einer posthumanen Synthese verschmelzen, womit wir unsere Möglichkeiten endlos erweitern werden und unsere Freiheit vergrößern.

Max More

Max More lächelt und schweigt. Er hat seine Argumente kühl und sachlich vorgetragen. Niemand kann ihm vorwerfen, sich selbst in den Vordergrund zu drängen, niemand kann behaupten, er führe sich als verrückter Sektenführer oder von Visionen geschüttelter Prophet auf. Im Gegenteil, der extropianische Philosoph liebt es, seine Sätze so trocken zu formulieren, als sei ihr geheimes Ideal eine mathematische Gleichung.

"Man sieht hier seltsame Körperformen", sagt Max More. Das tageszeitneutrale Licht in dem fensterlosen Spiegelsaal, in dem er und Nancie trainieren, läßt die Nacht draußen vergessen. Um uns herum hängt ein halbes Hundert Frauen und Männer in Stahlkabeln und Lederschlaufen und kämpft stumm und stur gegen das Gewicht der chromglänzenden Maschinen.

"Ich finde das toll!" Nancie strahlt: "Ich liebe die Disziplin. Sie gibt mir Energie und erhält mich als alterslose Kreatur."

"Viele Frauen hier machen es sich leicht", sagt Max: "Nancie treibt sich richtig zur Grenze." Er greift zu den Hanteln. Seine Muskeln spannen sich, und die Adern an seinen Oberarmen treten hervor wie elektrische Leitungen, die unverputzt verlegt wurden. Wieder und wieder stößt er die Gewichte gen Himmel. Aufwärts.

"Bis ich versage ...", stöhnt er. "Ahhh ...." Seine Pupillen springen hervor und starren leer in den Spiegel, der denselben toten Blick zurückwirft. Noch einmal, und die Arme geben nach. Die Hanteln fallen aus seinen Händen, der Boden vibriert wie bei einem der vielen kleinen Nachbeben, die Los Angeles regelmäßig erschüttern. Max sinkt auf eine der Lederbänke. Er scheint so gut wie am Ende.

"Was kommt nach den Extropianern?" frage ich.
Max sieht mich verständnislos an.
"Nach Hegel kam Marx", sage ich, "dann Nietzsche ..."
"Oh", sagt Max More, "ich verstehe. Aber das war etwas anderes, die sind ja alle gestorben, nicht wahr?"
"Ja ...?" antworte ich, ohne zu kapieren.
"Und wir werden nicht sterben", erklärt Max. "Wir werden flexibel bleiben, und wenn neue Idee auftauchen, werden wir sie absorbieren."
"Wie die Leute, die eine Party immer zuletzt verlassen, damit nicht schlecht über sie geredet werden kann?"
Max verzieht den Mund. "Wenn du so willst ... Extropianismus ist halt ein Denksystem, das unentwegt im Fluß ist und sich entwickelt wie die Evolution selbst. Wir sind auf der Höhe der Zeit, und da bleiben wir."
"Kommt mir bekannt vor", sage ich: "'Wir brauchen keine neue Revolution, wir sind die permanente Revolution!' Das behaupteten die Greise in jedem ZK."
"Mit dem Unterschied, daß wir niemanden kontrollieren oder zwingen wollen", antwortet Max. "Im Gegenteil, wir ermutigen jede Form von Rebellion, von abweichendem Denken. Daraus entsteht ja Fortschritt. Wir hören uns alle Ideen an, was gut ist, übernehmen wir, und was wir nicht übernehmen wollen, können andere trotzdem für sich selbst ausprobieren. Denn in welche Richtung die Reise geht, bestimmt am Ende die Summe der Milliarden von Einzelentscheidungen - der Markt eben."

Eine halbe Stunde später steigen wir in Nancies alten Volvo. Die Luft riecht nach Salz und Wind. Ein paar Straßen weiter schlägt der Pazifik an die kalifornische Küste, ein steiler Laserstrahl streicht den Himmel ab. Los Angeles bei Nacht scheint aus nichts als Weite und beweglichen Lichtpunkten konstruiert.

"Wenn man in Europa etwas Neues machen will", sage ich, "behaupten erst mal alle, das ginge sowieso nicht. Hier hingegen wird man noch zu dem größten Unsinn ermuntert. Ist nicht zuviel Optimismus naiv, vielleicht sogar ungesund?" Nancie blickt mich mit spöttischer Entgeisterung an, und Max Mores Mundwinkel verraten, wie gut er meine Einwände kennt. Schließlich studierte er mal in Oxford.

"Ich stimme mit Nietzsche darin überein", sagt er höflich, aber bestimmt, "daß der Nihilismus nur eine Übergangsphase ist zwischen dem Zusammenbruch eines falschen Weltbilds und dem Entstehen des neuen."

Und daran, an nichts geringerem als diesem neuen Weltbild, einem kompletten intellektuellen Neuanfang, bastelt Max More.

Extropianismus ist die erste neue Philosophie nach dem Scheitern der traditionellen Denksysteme am Ende dieses Jahrhunderts. Wir entwickeln die erste systematische Philosophie für das nächste Millennium. Wir sind die neue Aufklärung. Wir sind die Avantgarde der Evolution. Wir beschleunigen die Fortentwicklung der menschlichen Rasse.

Max More

Fünf Milliarden Jahre hat es gedauert, bis sich aus einem Haufen Urschleim die Menschheit entwickelte. Hundert Millionen Jahre brauchte es dabei, bis jeweils eine neue Klasse von Lebewesen entstand, zehn Millionen für jede neue Art, eine Million Jahre für jede neue Spezies. Niemand kann allen Ernstes annehmen, daß die Menschheit das Ende in der Geschichte intelligenten Lebens darstellt.

Ob aber unsere technischen Mittel in absehbarer Zeit ausreichen werden, um binnen Monaten oder Jahren zu betreiben, wofür sich die Natur eine Million Jahre und mehr Zeit ließ?

Viele Extropianer sehen eher das umgekehrte Problem: Daß wir unsere avancierten Kenntnisse der eigenen Biologie dazu nutzen, um Krankheiten zu beseitigen, und damit ganz nebenbei die genetische Evolution beenden.

Wir sind keine Steine, sondern lebende denkende Wesen. Stasis ist unmöglich. Wir müssen weiter. Stillstand wäre unser Tod.

Max More

An 18th Street steuert Nancie vom Santa Monica Boulevard in eine schmale, kümmerlich erleuchtete Gasse. Hinter einem zugewachsenen Vorgarten liegt ein flaches Haus, das Urmodell aller Cybercafes. Wir setzen uns hinaus in den Vorgarten zu einem Dutzend anderer Cybernauten. Jeder kennt jeden, und die Gespräche kreisen um die Macht des Computers: Wie er neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet, wie er soziale und geographische Grenzen überwindet.

Oder auch nicht. Denn jeder weiß gleichfalls Geschichten vom Irrsinn zu erzählen, den der Zusammenstoß zwischen alt und neu alltäglich produziert. Das wiederkehrende Motiv: Wie geht man mit dem analogen Rest der Menschheit um, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, aber das Treiben der digitalen Elite in einem fort einschränken oder zensieren will?
"Könnte es sein", frage ich, "daß Amerika seine Jugend verliert und allmählich wie Europa wird - eine alte Gesellschaft, starr und geschlossen?"
Max More nickt. "Immer neue Vorschriften, immer höhere Steuern." Doch auch dieser traurigen Tatsache kann er etwas Optimistisches abgewinnen. "Wenn der Druck durch Überregulierung und Rigidität der Vorschriften erstmal stark genug geworden ist, wird das Interesse an der Gründung neuer Gesellschaften steigen, und man wird wieder ausbrechen müssen."

"Wohin denn noch?" fragt Steve, ein bezopfter ziegenbärtiger Anwalt, der sich auf juristische Fragen des Internet spezialisiert hat und seinen Klienten die Arbeitsstunde mit 260 Dollar in Rechnung stellt"
"Aufwärts!" sagt Max More und deutet mit der Rechten hinauf zum dunklen Nachthimmel, hinter dem sich Galaxien verbergen: "Das ist der nächste Fluchtraum, die nächste frontier."
"Wie ich mich darauf freue", schwärmt Nancie. "Allein der ästhetische Reiz! Raumschiffe und Stationen auf fremden Planeten bieten außerordentliche Chancen für grandiose, kühne Architektur ..."
"Und im Gegensatz zu allen Grenzen, die die Menschheit bislang überschritten hat", sagt Max More, "ist das Universum eine frontier ohne Ende, ein Reich wirklich unbegrenzter Möglichkeiten für endlose Experimente und Abenteuer!"
Steve schüttelt pessimistisch den Kopf. "Sterne hin, Sterne her", sagt er, "wir sind alle nichts als Staub."

Doch damit beweist er für Max More bloß einmal mehr, daß Wohlstand und Optimismus nicht unbedingt Hand in Hand gehen. Der recht mittellose Philosoph hingegen, der sich im Augenblick nicht mal ein eigenes Auto leisten kann, lächelt zukunftssicher.

Unsere Körper sind Staub. Aber nur unsere Körper, und auch das nicht mehr lange.

Max More

Später, auf dem Weg über den dunklen Parkplatz zurück zu Nancies altem Volvo, bleibt er dann stehen und starrt hinauf zum Himmel, als könne er dort etwas anderes erkennen als den blinden Abglanz der Milliarden Lichter und Leuchtreklamen, die diese Stadt der Engel Hunderttausende von Kilometern weit ins All hinausglühen lassen.

"Alle Paläste", fällt mir da ein, "sind einmal Luftschlösser gewesen."

Copyright Rowohlt Verlin Verlag

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