Die Beckstein-Doktrin

Rentner und lahme Hunde aufgepasst: CSU-Wähler dürfen wieder betrunken ans Steuer

In Ammerland am Starnberger See, dort wo sich die Reichen und die Künstler ganz natürlich geben, gibt es ein Lokal am geld-und machtumsäumten Ufer, dessen Bierstube mit einer kleinen Preziose protzt: die Rechnung einer Riesenzeche, gezeichnet von Franz-Josef Strauß. Der Besucher darf über weit mehr als hundert Schnäpse und Ströme von Bier und Wein staunen, die hier einstmals einer überschaubaren Gruppe gestandener Mannsbilder verabreicht wurde. Ein kleiner Zettel, der von dem großen Epos namens FJS kündet, ein Fragment vom archaischen Wissen der Bayern darüber, dass ein großer Mann das gute Leben groß lebt, jenseits der Leber und kleingeistiger Bravbleiben-Formeln.

So oft wie der längst verstorbene Strauß, und dazu bräuchte es gar kein Gedenkjahr, zitiert wird - als geradezu übermenschliches Beispiel für gute, authentische, ein bissl anarchische, selbstbewußte bayerische Politik, für das richtige Maß zwischen "Mirsanmir", Gesetzen und politischen Sachzwängen, zwischen Monarchie und Demokratie, kann man fast darauf wetten, dass ihm die CSU noch immer einen Grundstock an mindestens 30 Prozent der Wählerstimmen verdankt - egal wie verlogen das Bild ist und schon immer war.

Die CSU hängt ganz offensichtlich sehr an alten verblichenen Welten, denen sie ihre Stimmen im Nachkriegsbayern verdankte. Wo die Straßen noch halbwegs leer waren, ab und zu höchstens ein Mercedes von einem Großbauern zu sehen, und die Kirche noch Mittelpunkt im Dorf war, Frau und Kinder brav zuhause blieben und die Sünder am Sonntag Buße taten, den Nacken rot gescheuert vom gestärkten weißen Kragen, mit weithin verströmenden Fahnen vom Frühschoppen, falsch sangen, bevor sie dann die Kinder watschten. Und am Biertisch mit Geschäften protzten, die anderen eine Grube gruben - mit einem Augenzwinkern erzählt, logisch, Batzi-Witz halt. Dass er das Fiese feiert, stört sowieso nur die Falschen, Unechten, Zugereisten.

Mit einem solchen Frère-et-Cochon-Augenzwinkern wollte auch Ministerpräsident Beckstein seine Bierdoktrin erzählt haben, ernstgemeint seien seine Worte, wonach man mit viel Zeit, sechs oder sieben Stunden, "ein oder zwei Maß" Bier trinken könnte und danach noch Auto fahren, natürlich NICHT. Was noch einmal beweist, dass die CSU eine Partei ist, die auf Sentimentalität gegründet ist, was sich nicht nur in der Rückbesinnung auf gute alte Zeiten zeigt, sondern auch auf Gefühle und Gefühlsäußerungen, für die man keine Verantwortung übernehmen will.

Zum anderen stehen diese Äußerungen in einer festen Tradition, die die CSU mit Alkohol verbindet. Wer erinnert sich nicht an jene Tage in den 1980er Jahren, in denen Trunkenheitsfahrten von CSU-Großkopferten Stoff für tragische Zeitungsmeldungen und aber auch für lustige Kommentare abgaben, als die Titanic Briefe an Leser schrieb, die vor betrunkenen CSU-Kadern warnten.

"Mir san Hund - die andern san a Hund - aber mir san die größeren Hund." Ein Aufkleber mit diesen Worten soll am Armaturenbrett des Autos von Otto Wiesheu, damals Vorsitzender der Jungen Union Bayern, im Jahr 1975 geklebt haben. Wiesheu sorgte Ende 1983 für Schlagzeilen, als er betrunken auf tragische Weise mit dem Auto eines Rentner kollidierte, was zum Tod des Mannes führte.

Beckstein muss es sich gefallen lassen, dass er wegen seiner lockeren Äußerungen an solche Geschichten erinnert wird. Als Innenminister war er ein "scharfer Hund", der beispielsweise jeden Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz ohne jede Toleranz verfolgen ließ.

Siehe auch die Umfrage: „Eine Maß geht immer, manchmal auch zwei! Oder drei?“ (Thomas Pany)

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