Die Bertelsmann-GLS-Bank-Connection

Wilhelm von Humboldt (Lithographie von Franz Krüger). Bild: HU Berlin / gemeinfrei

Über fragwürdige Verflechtungen einer Öko-Bank mit einer Privatuniversität und einer Lobby-Organisation

Die Universität Witten-Herdecke wurde 1983 als erste private Hochschule in Deutschland gegründet. Und zwar maßgeblich von Anthroposophen und Elite-Sprösslingen wie Gerhard Kienle und Konrad Schily (FDP), Bruder des Ex-Ministers Otto Schily. Mit Geldern und ideeller Unterstützung der Deutschen Bank, der Krupp-, der Zeit- sowie der Bertelsmann Stiftung.

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Bei diesen Finanzgebern braucht man sich keine Illusionen über die gesamtgesellschaftlichen Motive der Hochschule zu machen: Es geht darum, Bildung als Ware zu handeln und darum aufzuzeigen, dass Bildung eben nicht nur staatlich, sondern auch privat finanziert funktioniert. Funktioniert im Sinne der Wirtschaft.

Diese Bildungseinrichtung stellt, wie gezeigt werden soll, ein Labor für neoliberale Möglichkeitsräume und damit eine Gefahr für das staatliche Bildungssystem dar, das zunehmend ins Fadenkreuz von Wirtschaftslobbys und transnationalen Konzernen wie Bertelsmann gerät. Gerade der Bertelsmann-Konzern arbeitet systematisch daran, mit privaten Dienstleistungen in den Bildungsbereich vorzurücken.

Elitenbildung und Exzellenzstreben liegen im Trend, wie man an der hohen medialen Aufmerksamkeit für vermeintliche Innovationen in Schule und Universität und Bildungs-Rankings erkennen kann. Neoliberale Vordenker finden regelmäßig Gehör etwa in Bildungs-Magazinen wie Campus & Karriere auf Deutschlandfunk oder in Zeitungen wie Die Zeit, die mit dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) zusammenarbeitet und ein Mal im Jahr dessen Hochschulranking veröffentlicht und bewirbt.

Die Universität Witten-Herdecke ist durchsetzt vom Bertelsmann-Konzern, auch aufgrund des direkten Zugriffs durch die konzerneigene Stiftung. So hat die Bertelsmann-Stiftung seit 2010 ein eigenes Institut als integralen Bestandteil der Hochschule eingesetzt und finanziert es seither. Es trägt den Namen "Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung und Corporate Governance (RMI)" und hat inzwischen zwei Honorarprofessoren und insgesamt 12 Mitarbeiter.

Im Kuratorium der Universität sitzen wenig verwunderlich mehrere Bertelsmänner und -frauen (Brigitte und Liz Mohn sowie De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung). Von Seiten der Stiftung hieß es zu Beginn: "Die Ideen Reinhard Mohns zur Unternehmenskultur und -führung sollen in dem neu gegründeten Forschungsinstitut fortgeschrieben" werden. Die neoliberale Agenda des Bertelsmannkonzerns wird hierbei also nicht verborgen.

Ganz offen heißt es von Liz Mohn, der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann Stiftung: "Die Reform des Bildungswesens lag meinem Mann immer sehr am Herzen." Es gehe schließlich darum, dass "private Hochschulen den Wettbewerb beleben und wichtige Reformimpulse geben können". Also der Umbau auch der staatlichen Hochschullandschaft ist das erklärte Ziel.

Die Uni Witten-Herdecke hat heute insgesamt rund 2.400 Studierende, die zu einem Teil zu Promotoren einer durchökonomisierten Bildung werden, wie weiter unten aufgezeigt werden soll. Insgesamt liegen Privat-Universitäten hierzulande weiterhin im Trend, wie auch von Telepolis bereits mehrfach berichtet wurde.

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Die Universität Witten-Herdecke hat wohl nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe zur GLS-Bank in Bochum ihr Konto bei der Ökobank. Im Sinne der Gründungsväter der Hochschule verbindet sie die Anthroposophie, also die Lehre des Reformpädagogen Rudolf Steiners (1861-1925).

Neben der Finanzierung etwa von neoliberalen Spin-Offs aus der Universität durch die GLS-Bank finden aber auch zentrale Veranstaltung der Bank bzw. der GLS-Bank-Stiftung in der Uni Witten-Herdecke statt. So zuletzt der "Geldgipfel 2016" mit dem hochtrabend, bildungsbürgerlichen Titel "Homo civilis et oeconomicus - vom Fußabdruck zum Handabdruck".

Auf der Veranstaltung kamen durchaus kritische Köpfe wie Reinhard Loske zu Wort, der Professor an der Uni Witten-Herdecke ist. Etwas unkritischere Beiträge kamen dann wieder von den Initiatoren der "Chancen e.G", über die es im letzten Kapitel dieses Artikels geht.

An vielen inhaltlichen Beiträgen der Veranstaltung ist wenig auszusetzen, denn sie setzen sich kritisch auseinander mit dem pathologischen Wachstumszwang, der Durchökonomisierung der Gesellschaft und den Grundfehlern des kapitalistischen Wirtschaftssystems. So heißt es etwa vom Stiftungs-Vorstand Lukas Beckmann:

Richten wir unser Augenmerk auf diesem Geldgipfel auf den Homo oeconomicus - eine Weltanschauung, die als Denk- und Handlungspraxis alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen hat und das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft und von Bürger*innen zu Staat und Wirtschaft leider weitestgehend bestimmt. Gesellschaft und Staat sind mehr und mehr zu einer Funktion für die Wirtschaft geworden.

Lukas Beckmann

Weitere durchaus kapitalismuskritische Beiträge kamen zum Thema der ökonomisch geleiteten Entwicklungshilfepolitik, zu ethisch motivierten Investments und gemeinwohlorientiertem Wirtschaften. Nur der seltsame Widerspruch zur Wahl des Veranstaltungsortes - nämlich einer privaten Elite-Universität blieb unausgesprochen.

Bei genauerem Hinsehen, wirken die Aussagen des GLS-Manns Beckmann etwas seltsam, wenn man sie in den Kontext der Kritik an seiner Person betrachtet:

Auch im Filz der Ruhrgebiets sind die angeblichen Gut-Banker längst angekommen: Lukas Beckmann, der langjährige ehemaliger Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Bundestag und heutiger Vorstand der GLS-Treuhand, sitzt im Kuratorium der RAG-Stiftung, deren Aufgabe es ist, neben der Befriedigung der Eitelkeit ihres Chefs Werner Müller, die Ewigkeitskosten des Bergbaus abzudecken.

Ruhrbarone

Es sollte aber auch noch einmal genauer angeschaut werden, um was für eine Universität es sich konkret bei der in Witten-Herdecke handelt. Oberflächlich betrachtet liegt die Hauptgemeinsamkeit mit der GLS-Bank im proklamierten Humanismus.

Die Selbstdarstellungstexte auf der Internetseite der Hochschule lesen sich in etwa so: "Wir sind der Universitätsidee Humboldts verpflichtet und denken sie gleichzeitig neu." Oder: "In der Fortführung des Humboldtschen Bildungsideals verstehen wir uns als eine unternehmerische Universität."

Die missbräuchliche Verwendung Wilhelm von Humboldts Namen ist bei neoliberalen Organisationen Standardprogramm, wie auch an der Leuphana Universität in Lüneburg. Das humanistische Bildungsideal wird auch hier zweckentfremdet, worauf ich bereits 2015 hingewiesen habe.

Was eine "Fortführung" sein soll, bleibt ein wenig schleierhaft. Da könnte man polemisch auch sagen: "Wir sehen den Drohnenkrieg in Pakistan und Afghanistan als Fortführung des Lebenswerkes Mahatma Gandhis." Die Verwendung des Begriffs des humanistischen Bildungsideals ist offenbar kühl kalkulierte PR-Strategie, denn man beruft sich auf Wilhelm von Humboldt, den heute beliebten Bildungsreformer im Preußen des 19. Jahrhunderts.

Dieser würde sich im Grab umdrehen, wüsste er von dieser nachträglichen "Ehrung" einer neoliberalen Kaderschmiede zur Ökonomisierung der Bildung. Es handelt sich ganz klar um eine Umdeutung des humboldtschen/humanistischen Bildungsideals, denn Humboldt selber betonte, der gesellschaftliche Ansatz, primär "Wohlstand und Ruhe" schaffen zu wollen, sei letztendlich inhuman. Er warf den Vertretern dieses Bildungsverständnisses vor, dass man "aus Menschen Maschinen machen will".

Und etwas anderes ist es auch nicht, wenn Bildung von privaten Universitäten zu einer handelbaren Ware wird, mit einem Preisschild auf jedem einzelnen Studiengang, je nach ökonomischer Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt und entsprechend der Ideologie des Humankapitals, wie sie von der Universität Witten-Herdecke zelebriert wird.

Humboldt kritisierte zudem, die "Freiheitsbeschränkungen", die entstünden, wenn es eher darum ginge, "was der Mensch besitzt, als auf das, was er ist". Es sei wünschenswert, dass "jeder einzelne der ungebundensten Freiheit genießt, sich aus sich selbst in seiner Eigentümlichkeit zu entwickeln", und zwar "jeder einzelne nach dem Maße seines Bedürfnisses und seiner Neigung". Und das ist nicht möglich, wenn Studierende für jeden einzelnen Studientag einen Haufen Geld auf den Tisch legen müssen.

Denn die Ökonomisierung des Studiums führt zwangsläufig dazu, dass sich Studierende ganz genau ausrechnen (müssen), mit welchen Studiengängen sie Profit machen und mit welchen eher nicht. Die Rhetorik von der freien Entfaltung der Persönlichkeit ("Ort des kritisch-wachen Beobachtens [...] aufgeklärten Analysierens [...] Entwicklungsraum für Veränderung") ist insofern unglaubwürdig, da die private Finanzierung des Studiums gegenteilige Lenkungseffekte hat.

Humboldt hin oder her. Es geht der Uni Witten-Herdecke ums Geschäft und darum, neoliberale Ideologie weiter zu verbreiten. Man formuliert daher widersprüchlich und in professionellster PR-Manier, weil man um die Deutungshoheit des sozialen Begriffes in Deutschland weiß.

Man tut dies etwa auch durch die gleichzeitige Nennung des Sozialen und des Wirtschaftlichen in einem Atemzug ("gemeinnützig und unternehmerisch") oder durch das Nebeneinanderstellen von "#dieweltverändern" und "#unternehmergeist". Zugleich lässt man aber schon ehrlicher die Katze aus dem Sack, wenn man schreibt:

Ein wichtiges Ziel der Uni Witten/Herdecke ist die Förderung unternehmerischer Persönlichkeiten. [...] Wittener Studierende gestalten von Anfang an ihr Studium unternehmerisch."

Aus der Selbstdarstellung, Uni Witten-Herdecke

Angeblich will man die Studierenden "zur Freiheit ermutigen" und damit sie "nach Wahrheit streben" und "soziale Verantwortung fördern". Dann kommen aber wieder seltsam neoliberal anmutende Formulierungen wie: "Die eigene, persönliche Wirksamkeit (Selbstführung)" in bester Optimierungsrhetorik. Und dann wird wieder die Möglichkeit hervorgehoben, "sich in über 60 bestehenden studentischen Initiativen zu engagieren". Oder aber in einem "Gründungszentrum für Start-ups" gefördert zu werden.

Die Initiativen scheinen dabei von oben vorgegeben zu sein. Von wegen also "Freiheit": Und unter den Gelisteten finden sich wenig verwunderlich überhaupt keine gegen die Ökonomisierung der Bildung, gegen die Einflussnahme von Privatunternehmen auf die Universitäten und das Bildungssystem, gegen Bertelsmann oder andere Wirtschaftslobbys, wie das an großstädtischen, staatlichen Universitäten in Deutschland vielfach der Fall ist.

Das höchste der Gefühle studentischer Widerstandspotentiale an der Uni Witten-Herdecke gegen das bestehende Bertelsmann-System lautet da "Debating society".

Es bestehen insgesamt wenig Berührungsängste bei der GLS-Bank in Bezug auf die Bertelsmann-Vorzeige-Universität Witten-Herdecke. Aber wie sieht es aus mit möglichen Verflechtungen mit der Bertelsmann Stiftung selber, die als Lobbyorganisation berüchtigt ist?

Bei der Angliederung des Bertelsmann-Instituts an die Universität Witten-Herdecke wurde unternehmerische Verantwortung hervorgehoben. Und das ist ein klarer Anknüpfungspunkt zur Arbeit der GLS-Bank. Von Prof. Dr. Michèle Morner hieß es seinerzeit:

Die vergangenen Jahre haben aufgezeigt, dass verantwortungsbewusste Unternehmensführung gesellschaftlich von großer Bedeutung, aber nicht selbstverständlich ist.

Michèle Morner

Zum angeblichen Verantwortungsbewusstsein des Bertelsmann-Konzerns sei eine persönliche Anekdote des Autors zum Besten gegeben: Als meine Mutter 1978 im Rahmen eines studentischen Austauschprogramms aus den USA nach Deutschland auswanderte, fand ihre erste Geschäftserfahrung mit dem Bertelsmann-Konzern statt.

Und zwar wurde der mittellosen jungen Frau, die der deutschen Sprache nicht mächtig war, in der Fußgängerzone eines der berüchtigten Bertelsmann-Club Buch-Abos angedreht, das sie dazu verpflichtete, dem Bertelsmann-Konzern über einen langen Zeitraum eine Vielzahl von Büchern von mäßiger Qualität abzukaufen. Mit diesem zweifelhaften bis betrügerischen Geschäftsmodell war Bertelsmann seit den 1950er-Jahren überhaupt erst groß geworden.

Es wurde zwar 2015 eingestellt, aber es zeigt doch, dass "verantwortungsbewusste Unternehmensführung" hier wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. Auch das "Verantwortungsbewusstsein" des Bertelsmann-Tochterunternehmens Arvato, kann man sich anhand eines Teils der vernichtenden Kommentare auf der Zunge zergehen lassen. Soviel zur aufgeblähten Darstellung des Konzerns - ganz zu schweigen von dessen angeblichen Engagement für den "Qualitätsjournalismus" (Beef!, Gala, Schöner Wohnen, Stern), sein "umweltfreundliches Drucken" und vor allem die "Mitarbeiterverantwortung".

Auch die Bertelsmann-Uni Witten-Herdecke hat natürlich nach Selbstdarstellung ausschließlich "verantwortungsvolle" Führungskräfte wie Jan Peter Nonnenkamp, der zuvor beim Bergbau-Unternehmen K+S beschäftigt war und sich nun Kanzler der Universität nennen darf. Der K+S Konzern ist dafür bekannt, mit der Umwelt in Deutschland nicht unbedingt so umzugehen, dass "verantwortlich" dafür die richtige Bezeichnung wäre.

Offenkundige Verbindungen zwischen Bertelsmann und GLS-Bank bestehen auch jenseits der Universität Witten-Herdecke. Denn die Bertelsmann Stiftung erkundet neue Geschäftsmöglichkeiten für ihren Mutterkonzern, die Bertelsmann SE & Co. KGaA. Als neuen Sektor für das Profitstreben hat sie den sozialen Sektor ausgemacht, nachdem andere Gesellschaftsbereiche offenbar abgeschöpft sind.

Thomas Goldfuß, Seniorexperte Nachhaltigkeit bei der GLS Bank, ist zugleich Mitglied des G8-bezogenen Gremiums "National Advisory Board Germany" (NAB), dessen Vorsitzende in Deutschland die Bertelsmann-Frau Brigitte Mohn höchstpersönlich ist. Außerdem im NAB vertreten ist eine Auswahl des who is who der neoliberalen Scharfmacher in Deutschland. Darunter vier Personen von der Bertelsmann Stiftung direkt sowie Personen der BMW/Quandt Stiftung, der Deutschen Bank und der Vodafone Stiftung.

Im Report der Bertelsmann Stiftung "Social Impact Investing - Financing Social Change" heißt es von der Cheflobbyistin Brigitte Mohn zum Thema:

Over the last year, an international working group that emerged from a meeting of the G8 countries in summer 2013 has been intensively investigating the potential development of additional financing sources for the social sector.

Brigitte Mohn

Und zur Begründung, weshalb man in "sozial" investieren sollte heißt es weiter:

Wirkungsorientiertes Investieren (WI) bzw. Social Impact Investing (SII) umschreibt eine noch recht neue Möglichkeit für Anleger, zivilgesellschaftliche Verantwortung gezielt und mit messbaren Wirkungen durch ihre Kapitalanlagen wahrzunehmen.

Bertelsmann Stiftung: Risiko, Rendite - und Wirkung?

Die genannten Vordenker haben sich also einen Begriff für den neuen Geschäftsbereich ausgedacht: "Wirkungsorientiertes Investieren". Man heuchelt, es gehe hierbei um "Neue Finanzierungsquellen zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen". Die Bertelsmann Stiftung lobt dabei auch explizit die GLS-Bank:

Zudem zeigen sich die Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship und die GLS Gemeinschaftsbank eG als neue Motoren für WI-Produkte

Social Impact Investment in Deutschland 2016

Auch im hauseigenen "change - Das Magazin der Bertelsmann Stiftung" feiert man im Artikel "Verantwortung statt Gier" die Aktivitäten und das Geschäftsmodell der GLS-Bank. Beim Thema "Social Impact Investing" will sogar die OECD mitmischen. Natürlich in neoliberaler Eintracht mit der Bertelsmann Stiftung, bei der man sich artig für die Unterstützung bedankt:

The OECD is grateful to the Department of Employment and Social Development in Canada, the U.K. Cabinet Office, and the Bertelsmann Foundation for their support of this work.

OECD

Eine weitere Überschneidung zwischen Bank und Stiftung findet sich im Bericht der GLS-Bank namens "5. Mission Investing Forum". An diesem Papier hat etwa der Bertelsmann Johannes P. Weber mitgearbeitet, der zugleich "Projektmanager bei der BMW-Stiftung Herbert Quandt" ist.

Eine vielleicht zufällige Verbindung ist zudem, dass die GLS-Bank bereits 2010 zur "Bank des Jahres" gekürt worden war. Und zwar vom TV-Sender n-tv und dem Blatt Börse Online, zwei Medien in der Hand des Bertelsmann-Konzerns. Dies war schon damals einigen negativ aufgefallen und entsprechend kritisiert worden. Harald Weil hat es in einem Artikel des anthroposophischen "Instituts für soziale Dreigliederung" seinerzeit bereits auf den Punkt gebracht:

Dass die Wahl der GLS über n-tv und Börse online geschehen ist, hat eine gewisse subversive Ironie. Gehören doch beide zum übermächtigen Imperium der absolut fragwürdigen Bertelsmann Stiftung, die es durch eben diese Konstruktion als Stiftung ermöglicht, die enormen Gewinne der Bertelsmann AG für Partikularinteressen zu stauen, der Steuer und damit dem Nutzen der Bevölkerung zu entziehen und massive, neoliberal ausgerichtete Einflussnahme auszuüben.

Harald Weil

Für alle, die es noch nicht wussten und die aus Ablehnung von Spekulation zur GLS Bank gewechselt sind - oder es vorhaben: Die GLS-Bank legt seit 2015 Aktienfonds auf (auch wenn strenge ethische und ökologische Kriterien für die Aufnahme von Firmen in den Fonds gelten).

Damit könnte man sagen, nähert sie sich auch ideologisch Organisationen wie der Universität Witten-Herdecke und der Bertelsmann Stiftung an, indem sie auf steigende Kurse spekuliert, und die ultra-kapitalistische Infrastruktur der Aktienmärkte nutzt.

Wir haben also eine Stiftung, einen Medienkonzern und eine Universität, die betonen, ihnen sei unternehmerische Verantwortung wichtig. Und wir haben die GLS-Bank, die sich bei aller Kritik zumindest in vielen Fällen für gute Projekte jenseits von reinem Wachstumsstreben und Gewinnmaximierung einsetzt indem sie diese finanziert.

Etwa im Bereich der Energiewende, unkonventioneller Wohnprojekte oder reformpädagogischer Schulen, in deren Mittelpunkt jenseits von technokratischer Qualifizierung der Mensch mit der Entfaltung seiner Persönlichkeit steht.

Die GLS-Bank hat zwar auch anthroposophische Wurzeln und finanziert daher die ideologisch nahe stehenden Waldorf- und Montessori-Schulen und Kindergärten, die Denkweise dieser Bildungseinrichtungen stehen den Zielen von Bertelsmann aber entgegen. Daher verstören die Verflechtungen der GLS-Bank mit der beschriebenen privaten Universität Witten-Herdecke.

Im Gegensatz zu Privatunis und staatlichen Schulen verfolgen die Waldorfschulen im Rahmen ihres Bildungskonzepts keine "neoliberalen" Ziele: Während an staatlichen Schulen in den meisten Fällen die Qualifikation der Kinder für die spätere reibungslose Integration in den Arbeitsmarkt im Vordergrund steht, ist es bei Waldorfschulen - zumindest erklärtermaßen - die Persönlichkeit des einzelnen Menschen.

Damit stehen die staatlichen Schulen trotz ihrer Unentgeltlichkeit ideologisch eher auf der Seite von Bertelsmann und Privatuniversitäten. Man könnte die Waldorfschulen mit ihrem Ansatz, möglichst wenig und möglichst spät mit Schulnoten Druck auf die Schülerinnen und Schüler auszuüben, in einem gewissen Sinne sogar als Insel in einem Meer einer stetig weiter durchökonomisierten Gesellschaft und einem Denken in Kategorien von Humankapital sehen.

Dem entgegen wird häufig der Vorwurf gegen die Waldorfschulen vorgebracht, sie seien elitär, da sie Schulgebühren nehmen. Dieser Vorwurf sollte jedoch differenziert betrachtet werden, weil Waldorfschulen vor allem deshalb gezwungen sind, Schulgeld zu nehmen, da die Bundesrepublik Deutschland für jeden Schüler an privaten Schulen lediglich 80 % der Mittel bereitstellt, wie an staatlichen Schulen.

Sie sind also nicht per se elitär, sondern werden durch die Bildungspolitik zu einem gewissen Elitismus gezwungen. Um diesen gering zu halten, gibt es ein sozial gestaffeltes Schulgeld an Waldorfschulen - je nach finanziellen Kapazitäten der Eltern und für einige Kinder muss kein Schulgeld gezahlt werden.

Die Selektivität bleibt aber bestehen, allein schon dadurch, da Eltern sich aktiv um die Einschulung in eine Privatschule kümmern müssen: Dies setzt Wissen und meist auch eine höhere Bildung voraus, so dass die meisten Waldorfschüler aus der Mittelschicht - und teilweise aus der Oberschicht stammen.

Der Diskurs über die Frage, ob private Schulen überhaupt notwendig sind, ist auch legitim, soll aber an dieser Stelle nicht ausgebreitet werden. Aus Sicht des Autors ist ihre Existenz so lange sinnvoll, wie staatliche Schulen durch technokratisch-neoliberale Prinzipien bestimmt werden und mit nachweislich unsinnigen Bestrafungssystemen wie Notendruck, früher Selektion und Sitzenbleiben arbeiten.

Das Studieren an der privaten Universität Witten-Herdecke ist sehr teuer. Es gibt mehrere Finanzierungsmodelle zur Auswahl. Man kann beispielsweise pauschal nach 4 Semestern Studium im Beruf 10 Jahre lang jeweils etwa 4,5 - 14 Prozent des Einkommens an die Uni Witten-Herdecke zurückzahlen. Oder man kann sofort zahlen für eine monatliche Studiengebühr von 464 bis 1.100 Euro - je nach Studienfach.

Denn auch die Gebühren sind entsprechend der Humankapital-Ideologie danach gestaffelt, wie hoch die Gehaltserwartungen der Studierenden bei Eintritt in den Arbeitsmarkt sind. Die Studiengebühren betragen also für den "Billig"-Studiengang "Philosphie & Kulturreflexion" für ein Semester (bzw. sechs Monate) 2.784 Euro und für ein exquisiter klingendes "MA Management (extern)" schlappe 6.600 Euro pro Semester (!). Dazu kommen natürlich Lebenshaltungskosten.

Schlau wie man ist, nimmt man an der Uni Witten-Herdecke das böse Wort der Studiengebühren nicht in den Mund. "Beiträge" heißen die Studiengebühren euphemistisch und verschleiernd in Witten. Das Wort erinnert eher an "Verwaltungsgebühren", die üblicherweise an staatlichen Universitäten in geringem Umfang erhoben werden und eine Art von Bearbeitungsgebühren darstellen.

Die GLS-Bank hilft der Universität Witten-Herdecke dabei, ihre PR-Version der Wahrheit über die Studiengebühren zu verbreiten. So etwa auf dem Blog der Bank. Im Beitrag und dem dazugehörigen Web-Video heißt es etwa:

"Wer Privatuni hört, denkt schnell an große Geldbeutel und abgeschirmte Elite. Die Gründer der Universität Witten/Herdecke hatten aber ganz anderes im Sinn - und das trifft auch auf die StudierendenGesellschaft (SG) der Uni zu."

[GLS-Blog-Moderatorin:] "Es ist ja ein sehr solidarisches Konzept" [Antwort:] "Es ist eine Ausleihung, kein Kredit" [Dass] "jeder studieren kann, ob mit oder ohne Geld"

Im dazugehörigen Video ist auch immer wieder die Rede von "Beiträgen", nicht von Studiengebühren. Das Wording zieht sich durch alle Teilorganisationen der Universität durch, wie etwa bei der sogenannten Studierenden Gesellschaft, auf deren Internetseite die Studiengebühren der Eliteschmiede aufgeführt werden.

Das Wort Solidarität wird auffällig häufig verwendet, wohl geschickt gespinnt im Rahmen derselben professionellen PR-Strategie. Die häufige Verwendung des Wortes ändert aber nichts am Umstand, dass sich Studierende dieser Elite-Universität verschulden und den Kredit entweder 10 Jahre lang abbezahlen müssen - oder aus einem reichen Elternhaus stammen.

Dass die Verschuldung einen abschreckenden Effekt auf potentielle Studierende hat, liegt auf der Hand - insbesondere wenn der familiäre Hintergrund wenig finanziell abgesichert ist.

Der Versuch, Studiengebühren durch derartige Modelle der nachgelagerten Zahlung als sozial darzustellen, ist nicht neu und es hatte sich das Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS) bereits intensiv damit auseinandergesetzt. Die Widerlegung der allgemeinen Argumente von Studiengebühren-Befürwortern wurde auch etwa prägnant durch das Studiengebühren-Boykottbündnis an der Universität Hamburg in den Jahren 2007 und 2008 vorgenommen.

Für die Finanzierung des speziellen Modells von Studiengebühren an der Universität Witten-Herdecke wurde eine Anleihe über die GLS-Bank aufgesetzt. Die Funktion ist recht einfach:

Über 10 Jahre lang leihen wir uns Geld von Anlegerinnen und Anlegern für 3,6% jährlichem Zins - und nach 10 Jahren zahlen wir das Geld an die Anleger zurück.

GLS-Bank

In anderen Worten verdient die GLS-Bank Geld mit der Verschuldung von Studierenden durch die Zahlung von Studiengebühren an einer privaten Hochschule. Es bleibt aber auch über die privaten Universitäten hinaus zu befürchten, dass das Thema Studiengebühren noch lange nicht vom Tisch ist, wenn Bertelsmann, andere neoliberale Organisationen und sogar die GLS-Bank an Modellen zur privaten Finanzierung des Studiums tüfteln.

Das Thema scheint überhaupt wie kaum ein anderes kaum tot zu kriegen zu sein - auch nachdem zwischen 2007 und 2013 der soziale Kampf gegen die Studiengebühren in Deutschland zunächst gewonnen worden war. In den Hinterzimmern der Macht werkeln Bertelsmänner und andere Wirtschaftslobbyisten weiterhin daran, die Studiengebühren auch an staatlichen Universitäten wieder einzuführen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Thema wieder auf den Tisch kommt.

Was dabei herauskommt, wenn eine Elite-Uni mit starkem Bertelsmann-Einfluss Studierende und Absolventen hervorbringt, zeigt ganz deutlich das Beispiel eines Artikels in der Mitglieder- und Kundenzeitschrift der GLS-Bank "Bankenspiegel" ("Wir denken Bildungsfinanzierung solidarisch"). Es handelt sich um ein Interview mit zwei ehemaligen Studenten der Universität, die eine Ausgründung im Gründerzentrum der Uni Witten-Herdecke gestartet haben - und einem GLS-Bank-Mitarbeiter, der das Ganze betreut hat:

[...] Willkommen bei 'Chancen eG'. Die Vorstände Florian Kollewijn und Olaf Lampson planen gerade gemeinsam mit Karsten Kührlings von der GLS Bank die Ansprache weiterer Investoren; sie sollen gewonnen werden für den "UGV", den "Umgekehrten Generationenvertrag". [...]

FLORIAN KOLLEWIJN: Der Umgekehrte Generationenvertrag ist ein Akt der Solidarität. Er entstand in den Neunzigerjahren, als die Uni hier Studienbeiträge einführte. Die Studierenden gründeten eine Gesellschaft mit dem Ziel: erst studieren, später zahlen. Die Geförderten zahlen nach ihrem Studium einen Anteil ihres Einkommens wieder zurück. Es gibt keine fixe Schuldenlast: Wer viel verdient, zahlt mehr, wer weniger verdient, zahlt weniger zurück." [...]

Bankenspiegel

Schon gleich der Name des Startups "Chancen eG" transportiert im Lichte des Geschäftszwecks das neoliberale Mantra der Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen in einer Gesellschaft, in der jeder für sich kämpft. Hier klingt die Melodie US-amerikanischer Aufstiegsrhetorik mit. Dann folgen wichtig klingende, aber hohle Worte - wie eben "Umgekehrter Generationenvertrag".

Zumindest Teile einer stromlinienförmigen Generation von Absolventen tun hier offenbar genau das, was von ihr verlangt wird. Sie hat sich aus der Uni ausgegründet. Man versteht sich als Sozialunternehmer, ohne einen Widerspruch zu dem zu bemerken, was man da eigentlich betreibt.

Mag sein, wer später im Beruf etwas weniger verdient, zahlt am Ende mit diesem Modell etwas weniger zurück, aber dennoch natürlich sehr viel mehr, als wenn man an einer staatlichen Universität studiert hat. Zu den Studiengebühren kommen ja dann auch noch Lebenshaltungskosten für deren Deckung viele Studierende ohnehin schon Bafög beziehen und sich verschulden müssen (wenngleich dort nur die Hälfte der Leistungen zurückgezahlt werden müssen).

Die Studiengebühren sind also eine massive Zusatzbelastung, ob sie nun direkt oder nach dem Studium gezahlt werden müssen, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Fakt ist, dass die Kosten für das Studium, das eigentlich allen Menschen in der Gesellschaft unentgeltlich zustehen sollte, hier privat finanziert werden müssen.

KARSTEN KÜHRLINGS: Zusammen mit der GLS Treuhand haben wir diese Schritte von Anfang an mit begleitet und bis 2014 die Beiträge durch Darlehen vorfinanziert. [...] Wir haben die Studierenden dann 2014 bei der Platzierung einer Unternehmensanleihe — der "StudierendenAnleihe" — begleitet. Das Geld war übrigens sehr schnell zusammen. Bei den vielen Gesprächen in Bochum und in Witten kam uns dann die Idee: Das macht bundesweit Sinn.

Warum?

OLAF LAMPSON: Studiengebühren gibt es auch bei anderen privaten Hochschulen. Damit das Studium dort nicht vom finanziellen Hintergrund abhängt, braucht es sozialverträgliche und chancengerechte Finanzierungen. Darüber hinaus stellt die Finanzierung der Lebenshaltungskosten während des Studiums für viele Abiturienten ein Hindernis dar. Auch dafür wollen wir Lösungen anbieten. Insgesamt bauen wir finanzielle Bildungshürden ab. Außerdem werden die Schuldenbremse und der demografische Wandel dafür sorgen, dass Bildung neu finanziert werden muss — da könnten Beiträge auch bei staatlichen Hochschulen wieder ein Thema werden. Wichtig sind dann solidarische Lösungen. [...]

Bankenspiegel

Das Projekt wurde also von der GLS Treuhand "von Anfang an mit begleitet" und vorfinanziert. Die GLS-Bank hat die Unterstützung der Studiengebühren damit bewusst gefördert und es ist unwahrscheinlich, dass man sich bei der Bank der politischen Implikationen nicht bewusst ist.

Man übernimmt gezielt einzelne Wortfragmente linker Protest- und Alternativbewegungen - im vollen Bewusstsein, das man sie gegen die Ziele derjenigen verwendet, die soziale Kämpfe ausfechten - etwa gegen Studiengebühren. Auch nachgelagerte Studiengebühren sind Studiengebühren und eine Genossenschaft mit einem solchen Geschäftsmodell ist nicht sozial und erst recht nicht solidarisch.

Es folgt ein Standard-Argument wie aus der Fibel neoliberaler Rhetorik: Der demographische Wandel zwinge die Gesellschaft, den Gürtel enger zu schnallen. Mit derartigen Argumentationsketten wurden schon andere neoliberale Hervorbringungen wie Hartz IV durchgesetzt.

Mit dem Argument ignoriert Lampson aber die fortwährenden Produktivitätssteigerungen unserer Gesellschaft, die den demographischen Wandel mehr als ausgleichen. Das Problem ist ja nicht, dass die Steuereinnahmen sinken würden, sie steigen weiterhin. Das Problem ist, dass der größte Teil des erwirtschafteten Wohlstands in den Taschen einiger weniger Milliardäre und Millionäre verschwindet.

Der Startup-Mensch argumentiert hier entweder, ohne das Gesamtsystem auch nur ansatzweise verstanden zu haben, oder er argumentiert ganz bewusst in bewährter Bertelsmann-Manier und dehnt die Begrifflichkeiten so, wie das für den eigenen Konzern bzw. in diesem Fall für die Geschäftsinteressen der Chancen eG nützlich sind.

Warum gehen die Studenten nicht an staatliche Unis?

KOLLEWIJN: Eine berechtigte Frage, auf die es gute Antworten gibt: Zum einen decken die über 160 privaten Hochschulen einige Nischen ab [...] Oder sie bieten Studienplätze an, von denen es an staatlichen Hochschulen schlicht nicht genug gibt, zum Beispiel in der Humanmedizin und der Psychologie — weil der Zugang zu diesen Fächern durch einen hohen Numerus clausus beschränkt ist. [...]. Ich will nicht wissen, wie vielen möglichen fähigen Ärzten jedes Jahr der Berufsweg verbaut wird. Und dies zum Schaden der Gesellschaft.

KÜHRLINGS: Übrigens zeigen Studien, dass nichtstaatliche Hochschulen eine Innovationskraft und Dynamik aufweisen, von der sich viele staatliche Hochschulen inspirieren lassen, sie werden flexibler und studentenbezogener.

Bankenspiegel

Dass private Hochschulen Nischen abdecken würden bleibt eine Behauptung. In jedem Studiengang bestehen ja viele Spezialisierungsmöglichkeiten. Im recht allgemein klingenden Studienfach Geographie etwa kann man sich auf Migration oder Globalisierung, regionale Wirtschaftsförderung oder auf Desertifikation und viele andere Themen spezialisieren.

Die privaten Universitäten nutzen aber offenbar PR-Strategien, um mit aktuellen Schlagworten gespickte Studiengänge zu promoten. Hauptfächer heißen dann auf einmal "Major" und Nebenfächer "Minor". Ist das die Innovation, auf die die Bundesrepublik gewartet hat? Oder die Studiengänge legen eine Zwangsspezialisierung im Vorwege fest und nutzen kreative Spielräume im Wording. Sie heißen dann aufgejazzt:

  • Uni W-H: "Doing Culture. Bildung und Reflexion kultureller Prozesse" (also Kulturwissenschaften)
  • Uni W-H: "Multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Einschränkungen" (also Medizin)
  • Leuphana-Universität: "Environmental and Sustainability Studies" (also Umweltwissenschaften)
  • Leuphana-Universität: International Business Administration & Entrepreneurship (also BWL)

Dass weniger Ärzte ausgebildet werden, wenn es keine privaten Hochschulen gibt, mag sein. Aber das ist auch nicht die Frage. In einer Gesellschaft, in der man sich einig ist, dass Bildung unentgeltlich sein muss, müssen eben über Steuergelder entsprechend ausreichend Studienplätze bereitgestellt werden. Dafür bedarf es keiner privaten Universitäten.

Interessant wäre zu wissen, was Kühlrings von der GLS-Bank mit seiner Aussage nach der höheren "Innovationskraft und Dynamik" privater Hochschulen gegenüber staatlichen Universitäten meint. Vermutlich eben die Geschwindigkeit des Umbaus und der Entkernung der "alten" Universität, die primär der Wissenschaft und Erkenntnis und nicht der Wirtschaft und der Verwertung verpflichtet ist.

Sollte Bildung nicht kostenlos für alle sein?

LAMPSON: Bildung ist nicht kostenlos. Die große Frage ist, wer es bezahlt. Zum Beispiel finanzieren der Maurermeister und die Krankenschwester über ihre Steuern die Hochschulbildung — obwohl sie ihre Ausbildung und Meisterprüfung teils privat bezahlen mussten. Wir wollen Solidarität bewusst machen. [...]

Bankenspiegel

Wirklich solidarisch ist eine Finanzierung des Studiums über das Steuersystem, denn die progressiven Steuersätze in diesem Land sorgen ja schon dafür, dass die Reicheren mehr Steuern zahlen, als die Ärmeren. Bildung ist einer der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben, wenn nicht sogar die wichtigste.

Wenn überhaupt Steuergelder ausgegeben werden sollen, dann doch bitte als aller erstes für die Bildung - vom Kindergarten bis zur Uni und zwar für so viele Menschen wie möglich! Unsolidarisch ist es, mittellose Menschen in die Verschuldung zu zwingen.

Auf einer rhetorischen Ebene ist bezeichnend, dass Herr Lampson exakt dieselben Argumente verwendet, wie sie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und die Bertelsmann Stiftung einst erdacht haben, als sie vor einigen Jahren für die Einführung der Studiengebühren trommelten ("Ist es nicht ungerecht, dass ein Kfz-Mechaniker einem Rechtsanwalt das Studium bezahlt?").

Andersherum könnte man nicht weniger rhetorisch fragen: "Ist es nicht überaus gerecht, dass ein Kfz-Mechaniker in Deutschland kostenlos studieren kann?" Oder: "Ist es nicht extra ungerecht, dass sich Kinder von Lehrern oder Anwälten keine Gedanken über die Regelstudienzeit machen müssen, wohingegen Kinder ärmerer Eltern, die Bafög-Empfänger sind, die Regelstudienzeit einhalten müssen, da sie sonst die Finanzierung gestrichen bekommen?"

Oder: "Ist es nicht ungerecht, dass die Kinder reicher Eltern an der Universität Witten-Herdecke studieren können ohne Schulden zu machen, wohingegen sich die Kinder ärmerer Eltern dort massiv verschulden müssen?"

Fast witzig ist, dass in der Argumentation die staatlich selbst verordnete "Schuldenbremse" als Grund für die vermeintliche Notwendigkeit der Einführung von Studiengebühren genannt wird. Anstatt die Kosten der Bildung dann nämlich aus dem Steuertopf zu zahlen, sollen die Kosten einfach auf die einzelnen Menschen übertragen werden - in Form von Schulden!

Die GLS-Bank ist eine der progressiven Banken in Deutschland und nimmt mit ihrem Ansatz, soziale Projekte, reformpädagogische Bildung, ökologische Landwirtschaft und erneuerbare Energien möglichst direkt zu fördern, eine wichtige Rolle ein.

Aber sie sollte ihre ethische Ausrichtung in Bezug auf die Kooperation mit neoliberalen Organisationen dringend überdenken. Schließlich steht die Bank aufgrund ihres stark hervorgehobenen Ethikansatzes unter besonderer Beobachtung von Seiten der Zivilgesellschaft, gerade aus dem politisch linken Spektrum, aus dem viel potentielle Kundschaft für die GLS-Bank kommt.

Es ist verstörend zu wissen, wenn die eigene Hausbank mit Hedgefonds und dubiosen Finanztransaktionen zockt, mit Lebensmitteln spekuliert, Waffendeals oder Diktaturen finanziert. Als Kunde der GLS-Bank möchte man sich als Teil einer besseren Welt wissen. Dazu passt die Bertelsmann Stiftung aber nicht, ebenso wenig wie der beschriebene Lobbyismus für Studiengebühren und damit für eine Ökonomisierung und Privatisierung des Bildungssystems.

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