"Die Bewegung gegen das Impfen ist in Österreich beklemmend stark"

Österreich: Soziale Folgen des Lockdowns nicht im Blick

Es gibt keine Pflicht zum Homeoffice?

Frank Jödicke: Nein, das ist die Absurdität in Österreich. Man hat alle Theater und Kinos und so weiter und so weiter zugesperrt. Aber es wurde weiterhin zur Arbeit gegangen. Ich habe mir sagen lassen, die Inzidenz bei den Fünf- bis Zwölfjährigen liegt bei über 2.000. Da geht man natürlich ein sehr großes Risiko ein.

Und wir sind auch in einer Situation, wo man sagen muss, das ist jetzt die letzte Patrone im Revolver, die man abfeuern kann. Der Lockdown ist jetzt so, dass man sagt, Schule ja, aber man soll nicht hingehen, während die Sessellifte in den Skigebieten fahren, weil das öffentliche Verkehrsmittel sind.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird man feststellen müssen, dass die Intensivstationen und Krankenhäuser mit dieser Situation nicht mehr klarkommen.

Das ist aber im Augenblick noch nicht in Gefahr, oder?

Frank Jödicke: Die Situation war sehr prekär in Oberösterreich und Salzburg. In Kärnten ist die Situation jetzt auch schon sehr angespannt. In Wien und im Burgenland, wo man schon früher restriktive Maßnahmen gemacht hat, ist jetzt noch besser, aber auch dort zeigen die Zahlen nach oben.

Gibt es denn in der Situation Erwägungen, Vorschläge oder Drohungen, dass Ungeimpfte dann benachteiligt werden könnten.

Frank Jödicke: Solche Vorschläge habe ich gehört, aber ich glaube, dass das rechtlich glücklicherweise nicht nötig ist. Ich finde es aber auch Teil der Rhetorik dieser Bundesregierung, die statt die eigene Verantwortung auch einmal jetzt kundzutun, immer sagt: Na ja, die haben sich nicht geimpft und sind irgendwie schuld. Da wird jetzt vieles abgewälzt.

Aber ich glaube, es gibt noch diesen Grundkonsens, dass, wenn jemand mit Ballettschläppchen auf den Großglockner steigt, dass man ihn trotzdem rettet und nicht einfach sagt: Wer keine Bergschuhe hat, hat Pech gehabt.

Wir müssen als Gesellschaft das Fehlverhalten von Menschen mittragen, auch wenn man selbst keine Fehler gemacht hat. Ich sehe zum Glück noch nicht, dass das jetzt wirklich infrage gestellt wird.

Ich nehme an, dass viele Fragen bei der geplanten Impfpflicht noch offen oder nicht geklärt sind. Vor allem wie eine Impfpflicht organisiert werden soll, wenn eine Impfung nach der anderen kommt. Ab wann man dann vollständig geimpft ist, ist wahrscheinlich in Österreich auch noch nicht abschließend klar.

Frank Jödicke: Ich muss angesichts des Verhaltens der Bundesregierung in den letzten zwei Jahren vermuten, dass man auch darüber nicht wirklich nachgedacht hat.

Also hat man sozusagen einfach mal das Schwert ergriffen, aber muss erst mal sehen, wie man es dann führen wird?

Frank Jödicke: Also wenn wir jetzt eine Pflicht hätten ab Februar, dann würde das ja erst einen Effekt sechs oder acht Wochen später haben. Ich glaube, die Hoffnung ist, dass sich jetzt aufgrund der Androhung der Impfpflicht ganz viele impfen lassen und dass das dann gar nicht nötig sein wird. Aber die Zahlen sprechen im Moment nicht dafür. Es sind einfach genauso viele Erstimpfungen wie zu Beginn November, als die ganze Sache hochgekocht ist.

Das Interview erschien zuerst bei unserem Partnerportal Krass und Konkret.

(Florian Rötzer)