Die Blindheit der Mächtigen gegenüber den anderen Menschen

Der Fall Stoiber führt vor, was eine Studie von US-Psychologen belegt: Machthaber können nicht erkennen, was Andere sehen, denken und empfinden - was mitunter auch zu ihrem Untergang beiträgt

Das Schauspiel einer allmählichen Erosion der Macht von Ministerpräsident Stoiber, wie man es bei der CSU in Bayern gerade aufführt, verrät viel über die Mechanismen der Macht. Längst ist der einstige strahlende Held demontiert, jeder weiß, dass er langfristig keine Chance mehr hat, aber keiner der anderen Parteimächtigen mag sich zu schnell auf die gegnerische Seite schlagen, um nicht des Verrats bezichtigt zu werden und damit selbst seine Macht einzubüßen. Ins Rollen gebracht hatte es eine Außenseiterin, die es in dem traditionellen bayerischen Männerverband der CSU wagte, das Selbstverständliche anzusprechen und nicht aus Angst zu kneifen. Dann beginnt die übliche Welle zu wachsen, mit der alle ihre Posten und ihre Zukunft sichern wollten, wobei es auch auf die richtige Zeit des Abspringens ankommt. Nur warum machte Stoiber dieses Spiel eigentlich mit und erklärte nicht selbst rechtzeitig, dass er das Feld räumt, um nicht als Person noch mehr als bislang zum Popanz zu werden?

Menschen, die Macht haben, sind wahrscheinlich nicht besonders sensibel für Meinungen und Gefühle ihrer Mitmenschen, sondern suchen dies vornehmlich für die eigenen Zwecke auszunutzen. Dabei werden aber nur kollektive, also abstrakte Stimmungen berücksichtigt, während man ansonsten mit den Interessen selbst mächtiger Individuen handelt, um einen vorteilhaften Tausch zu bewerkstelligen. Sich in die Lage von Mitmenschen einzufühlen, zumal wenn sie keine Bedeutung für das Spiel der Macht besitzen, ist für die Machtmenschen vielleicht nicht nur uninteressant, sondern auch abwegig und unmöglich, weil sie die Perspektive, nämlich die ihre, nicht wechseln können. Muss dann andererseits sagen, dass nur diejenigen, sie keine Macht haben, sich in andere einfühlen und eine Situation auch mit den Augen von Anderen sehen können?

Nach einer Studie der Psychologen Adam Galinsky von der Northwestern University, Joe Magee von der Wagner Graduate School of Public Service an der NYU und Ena Inesi und Deborah Gruenfeld von der Stanford University scheint es so zu sein, dass Machtausübung systematisch verhindert, die Perspektive eines Mitmenschen einnehmen und die Gefühle von diesem erkennen zu können (A. Galinsky et al.: Power and Perspectives Not Taken, in: Volime 17 - Number 12/2006). Macht ist, wie die Psychologen sagen , gerade das Gegenteil von Einfühlungsvermögen, nämlich die Fähigkeit, andere Menschen mit Belohnungen und Strafen beeinflussen zu können. Wer andere besser verstehen kann, übernimmt deren Perspektiven und wird auch dadurch beeinflusst, Mächtige sind rigider und halten an ihrer Identität stärker fest. Dafür leisten sie sich mehr Vorurteile und denken weniger komplex. Wer Macht hat, übt eine entsprechend große Kontrolle über Ressourcen aus und ist daher weniger abhängig als andere Menschen. Zudem seien Mächtige vor allem auf ihre Ziele orientiert und daher nicht auf eine korrekte Deutung der Befindlichkeit und Interessen der Mitmenschen ausgerichtet.

Um herauszufinden, ob Macht tatsächlich das Einfühlen in andere Menschen verhindert, haben die Psychologen ihre Versuchspersonen zunächst Tests unterzogen, in denen sie Auskunft über die von ihnen ausgeübt Macht und ihre Tendenz zur Einfühlung in andere geben. Daraus ergab sich ein negativer Zusammenhang, den die Wissenschaftler anhand von vier Experimenten überprüft haben.

Bei einem der Experimente mussten die Versuchspersonen ein großes E auf ihre Stirn schreiben. Damit sollte die Bereitschaft von diesen erkannt werden, spontan die visuelle Perspektive von anderen einzunehmen. Wer das E in seiner Blickrichtung schreibt, lässt den anderen nur den spiegelverkehrt geschriebenen Buchstaben sehen. Die Versuchspersonen wurden vor dem Test zufällig jeweils für die Position großer bzw. geringer Macht geprägt. Dazu mussten sie zunächst einen Bericht über ein persönliches Erlebnis schreiben, in dem sie Macht über Andere bzw. Andere Macht über sie ausübten. Macht wurde so beschreiben, die Möglichkeit zu besitzen, Andere zu etwas veranlassen oder Andere bewerten zu können.

Links der Machtmensch, rechts der Schwächere oder Einfühlsamere, der auch die Perspektive des Anderen einnehmen kann. Bild: A. Galinsky et al.

Zur Verstärkung des Machtgefühls mussten die dafür bereits "geprägten" Versuchspersonen noch Ressourcen verteilen. Sie sollten entschieden, wie viele von sieben Lotterielosen sie selbst und wie viele eine andere Person erhalten sollten, während auf die niedrige Macht getrimmten raten sollten, wie viele sie wohl erhalten würden. Dann sollten die Versuchspersonen beider Gruppen schnellstmöglich mit ihrer dominanten Hand einen Filzstift nehmen und damit das E auf ihre Stirn schreiben. Danach wurden sie überprüft, ob sie einen Verdacht gehegt hatten, dass die Machtmanipulation und das Anbringen des Buchstabens irgendwie zusammen hängen. Angeblich habe niemand der 57 Versuchspersonen (41 Frauen und 16 Männer) einen solche Möglichkeit erwogen.

Das Ergebnis wurde nach Geschlecht, Händigkeit und der Machtposition ausgewertet. Nur letztere ergab einen signifikanten Unterschied. 33 Prozent der auf Macht getrimmten Versuchspersonen schrieben das E aus ihrer Perspektive, während es bei der anderen Gruppe nur 12 Prozent waren. Das Ergebnis stimmte auch mit der Auswertung der Erzählungen überein, die die Versuchspersonen geschrieben hatten. "Menschen, die die Möglichkeit erhalten, spontan den Gesichtspunkt einer anderen Person einzunehmen", so das Ergebnis der Psychologen, "machen dies mit geringerer Wahrscheinlichkeit, wenn sie die Prägung für große Macht erhalten haben, als wenn sie derjenigen für geringe Macht unterzogen wurden.

In einem anderen Experiment sollten wiederum auf dieselbe Weise geprägte Versuchspersonen entscheiden, ob die Äußerung eines Freundes sarkastisch ist oder nicht. Auf Einladung dieses Freundes, so das Szenario, waren beide in ein schickes Restaurant gegangen. Die Versuchsperson fand das Essen schlecht. Vom Freund war lediglich bekannt, dass er am nächsten Tag in einer E-Mail geschrieben hatte: "Was das Essen anbelangt, so war es wirklich vorzüglich, einfach vorzüglich." Die auf größere Macht getrimmten Versuchspersonen bestätigten wiederum die Hypothese, dass sie in ihrem Urteil stärker von sich ausgehen, und meinten eher als die anderen, dass der Freund dies sarkastisch und nicht ehrlich gesagt haben müsse. Ähnliche Ergebnisse ergaben sich beim umgekehrten Szenario. Beide gingen in das Restaurant, in dem der Freund stets schlechte Erfahrungen gemacht hatte. In der Mail schrieb er jedoch wieder, wie vorzüglich das Essen gewesen sei, das nach dem Szenario der Versuchsperson auch geschmeckt hatte. Diesmal gingen die "Machtmenschen" eher davon aus, dass der Freund die Wahrheit gesagt hatte.

Beim dritten Experiment wurde überprüft, ob Macht – die in der Gesellschaft gemeinhin eher Männer ausüben – verhindert, die Gefühle eines Mitmenschen richtig zu erkennen. Dieses Mal wurde neben der auf große Macht geprägten Versuchspersonen eine neutrale Kontrollgruppe gebildet. Vorgelegt wurden Fotos aus einem diagnostischen Test von Gesichtern, die Glück, Angst, Ärger oder Traurigkeit zeigen. Hier schlug einerseits das Geschlecht durch. Männer machten häufiger Fehler als Frauen. Aber auch die "Mächtigen" irrten sich mehr als die Mitglieder der Kontrollgruppe.

Macht, so die Psychologen, scheint also zu erschweren, den Gesichtspunkt von Anderen einzunehmen und deren Gefühle korrekt zu erkennen. Das könnte auch ein Teil des Problems von Edmund Stoiber und seiner Entourage von Machtmenschen sein, die meist von ihren eigenen Interessen ausgehend die Anderen wahrnehmen und sie nur in den Aspekten erkennen, die den eigenen Zielen dienen. Daher könne das fehlende Vermögen, eine Situation auch aus der Sicht der Anderen zu sehen, auch zum Untergang der Mächtigen beitragen, weil sie zu spät erkennen, wenn Unmut wächst, der schließlich in Rebellion umschlagen kann.

Allerdings sei diese einseitige und komplexitätsreduzierende Machtperspektive nicht unveränderlich, meinen die Psychologen. Eine genaues Erkennen der Perspektive eines anderen Menschen könne dem Machtmenschen nämlich auch dienlich sein, seine Ziele zu erreichen. Überdies würde dann, wenn der Machthaber sich für seine Mitmenschen verantwortlich fühlt, er auch die Perspektive der Anderen einnehmen und sich beispielsweise großzügig zeigen können. Auch Druck und jeweilige Kultur könnten die Haltung der Mächtigen beeinflussen. Für Adam Galinsky hat die Studie weit reichende Folgen von der Politik bis zur Wirtschaft. Als Beispiel führt er einen geradezu bayerischen Fall an:

Präsidenten, die einer uneinigen Regierung vorsitzen und daher weniger Macht haben, werden psychologisch eher dazu geneigt sein, alternative Gesichtspunkte zu berücksichtigen als diejenigen, die es mit einer einigen Regierung zu tun haben.

Möglicherweise fiel es daher dem bayerischen Ministerpräsidenten auf dem Hintergrund einer Zwei-Drittel-Mehrheit seiner meist disziplinierten und sich mit entsprechenden Mitteln geschlossen gebenden, von Männern dominierten Regierungspartei besonders schwer, die Stimmung der Menschen im Land und in der eigenen Partei zu erkennen. Und dass ausgerechnet mit der Landrätin Pauli eine Frau die Erosion des Alpha-Tiers Stoiber eingeleitet hat, dürfte nach der Studie auch nicht belanglos sein. Pauli hat die Stimmung besser erkannt, während die oben an der Macht sitzenden Männer nur darauf schauten, wie sie ihre Interessen mit dem Erhalt oder dem Sturz der Macht von Stoiber verbinden konnten. (Florian Rötzer)

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