Die Böhnhardt-Peggy-Spur

Kehrtwende um 180 Grad

Damit vollzieht die Staatsanwaltschaft Bayreuth gleichzeitig gegenüber ihrem zunächst an den Tag gelegten Auskunftsverhalten eine Kehrtwende um 180 Grad. Anfänglich hatte der für den Fall zuständige Staatsanwalt mündlich einige Antworten gegeben und gebeten, weitere Fragen schriftlich einzureichen. Eine Woche danach meldete er sich von sich aus, um mitzuteilen, die Auskünfte würden noch mit der SoKo Peggy abgestimmt werden, er bitte darum, sich noch ein paar Tage zu gedulden.

Statt konkreter Antworten kam dann eine Email des Leitenden Oberstaatsanwaltes Herbert Potzel, in der im wesentlichen auf die drei Pressemitteilungen von Oktober 2016 sowie März und September 2017 verwiesen wird, inklusive der zitierten Passage über die "Gesamtbewertung" der Behörde. "Nähere Einzelheiten zu den weiteren Fragen können nicht mitgeteilt werden", so der Behördenleiter abschließend.

Unter diesen weiteren Fragen waren beispielsweise folgende:

* Wo wurde das Textilteilchen mit den Böhnhardt-DNA sichergestellt? Laut Medien soll das "im Waldboden" "unter dem ermordeten Kind" gewesen sein.

* Laut Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft v. 8.9.2017 kann der "konkrete Übertragungsweg" der Böhnhardt-DNA an den Auffindeort in Rodacherbrunn "nicht mehr geklärt werden". Warum ist die Behörde dann sicher, dass die Übertragung ausschließlich am 3. Juli 2016 und nicht vorsätzlich stattgefunden haben muss?

* In der Pressemitteilung v. 8.3.2017 heißt es, bei der Spurensicherung "ergaben sich Hinweise, dass der Spurenübertrag bei der Spurensicherung am Fundort stattgefunden haben muss". Um welche Art Hinweise handelte es sich?

Wenn die DNA-Spur Böhnhardts am 3. Juli 2016 zum Fundort Peggy verbracht wurde, muss das durch die Thüringer Tatortgruppe, die für die Spurensicherung verantwortlich war, geschehen sein. Die Staatsanwaltschaft Bayreuth formuliert das zwar nicht explizit, legt es aber nahe, auch weil sie die "Tatortgruppe" namentlich erwähnt. Damit liegt der ´Schwarze Peter also bei der Thüringer Kriminalpolizei.

Standard gründliche Reinigung

Ein Kriminalbeamter, der früher einmal Mitglied der Tatortgruppe war, wehrt sich entschieden gegen diese simple Schuldzuweisung. Alle Geräte, die zur Spurensicherung verwendet werden, würden nach jedem Einsatz gründlich gereinigt, erklärt er. Das sei Standard und quasi sankrosankt, etwas anderes undenkbar.

Wer den Erklärungen von der unabsichtlich verschleppten Spur Glauben schenken will, muss sich tatsächlich einen monströsen Vorgang vorstellen.

Denn bei der DNA-Spur geht es nicht etwa nur um eine Hautschuppe oder ein Haar, sondern um ein 12 mal 4 Millimeter großes Textilteilchen. Das gehörte, so wieder die Staatsanwaltschaft Bayreuth, zu einem Kopfhörer, der am 4. November 2011 im ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach auf dem Fahrersitz lag. In dem Fahrzeug wurden am selben Tag auch die Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefunden.

Kopfhörer und Kopfhörerteilchen

Dass Kopfhörer und Kopfhörerteilchen an jenem Novembertag, als der NSU aufflog, dort in Eisenach lagen, würden Anschmelzungen belegen, die durch die Hitzeentwicklung im Wohnmobil nach der Brandlegung entstanden seien. Bei ihrer Pressekonferenz am 8. März 2017, als Staatsanwaltschaft und SoKo Peggy bereits einen Zusammenhang zwischen Böhnhardt und dem Mädchen ausschlossen, erwähnten die Ermittler die "Anschmelzungen" nicht.

Das tat einen Tag später im Bundestag der Generalstaatsanwalt von Bamberg in nicht-öffentlicher Sitzung gegenüber den Mitgliedern des NSU-Untersuchungsausschusses. Es ist ein wichtiges Detail, weil es belegt, dass der Kopfhörerfetzen erst nach November 2011 an den Fundort der Leiche Peggy gekommen sein kann. Also frühestens etwa zehn Jahre nach ihrem Tod. Die "Anschmelzungen" sind nebenbei das einzige Detail, das Oberstaatsanwalt Potzel in seiner Email an den Autor bestätigt.

Doch wo war das angeschmolzene Teilchen mit der Böhnhardt-DNA all die Jahre? Der Kopfhörer wurde asserviert und kam in die Obhut des Bundeskriminalamtes (BKA). Das Kopfhörerteilchen aber besitzt keine eigene Asservatennummer, wie man aus dem NSU-Untersuchungsausschuss in Berlin erfuhr. Ist es irgendwann vom Kopfhörer abgefallen - oder bekam es von Anfang gezielt keine eigene Asservatennummer? Sollte jemand oder eine Stelle etwa ein Asservat mit Böhnhardt-DNA zurückgehalten haben, um es irgendwann "einsetzen" zu können, spekuliert ein Abgeordneter und mag eine solche Vorstellung gleichzeitig nicht glauben.

Wie soll das Teilchen dann, nächste Frage, vom BKA zurück zur Thüringer Tatortgruppe gelangt sein? Oder lag es etwa die ganze Zeit, nämlich vier Jahre und acht Monate, bei den Spezialisten in Erfurt unbemerkt? Und ohne dass es in dieser langen Zeit an andere Tatorte, wo die Spurensicherer tätig wurden, verschleppt worden wäre?