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Die Böhnhardt-Peggy-Spur

Grafik: TP

Die Behörden können nicht erklären, wie die DNA des mutmaßlichen Terroristen an den Fundort des ermordeten Kindes kam, schließen aber eine Manipulation aus

Ende einer Spur - oder Fortsetzung eines Verdachtes? Im Schatten von Sommerferien und Bundestagswahlkampf ist eine Nachricht fast untergegangen, die ein Jahr zuvor bundesweit Wellen geschlagen hat. Am 8. September 2017 erklärte die Staatsanwaltschaft Bayreuth, zwischen dem mutmaßlichen Terroristen Uwe Böhnhardt und dem Tod der neunjährigen Peggy K. gebe es keinen Zusammenhang.

Nicht erklären kann die Behörde aber, wie die DNA des NSU-Mitgliedes Böhnhardt auf einem Stofffetzen an den Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens gelangte. Denn dass das Asservat inklusive der Genspur dort gesichert wurde, bleibt unstrittig.

Es ist eine der bizarrsten und abenteuerlichsten Geschichte der an Bizarrheiten reichen Mordserie, deren Hintergründe auch nach sechs Jahren nicht aufgeklärt sind. Das Besondere hier: Die Handelnden sind fast ausschließlich Sicherheitsbehörden. Sie sind es, die einen Zusammenhang zwischen Böhnhardt und dem ermordeten Kind hergestellt haben - insgesamt dreimal, wenn auch zweimal in der Negation.

Affäre noch nicht beendet

Mit der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Bayreuth vom 8. September sollte die Affäre beendet werden. Tatsächlich gelingt das aber nicht. Zunächst bestätigt die Behörde noch einmal, dass am Fundort von Peggy eine "DNA-Spur Böhnhardts festgestellt" wurde, an einem Textilteilchen. Und weiter: Dieses Textilteilchen, immerhin so groß wie ein halber Fingernagel, habe einem Kopfhörer Böhnhardts zugeordnet werden können und "muss bei der Spurensicherung am Fundort übertragen" worden sein.

Der "konkrete Übertragungsweg der DNA" habe allerdings "nicht mehr geklärt" werden können. Dann heißt es noch - was im Verlauf der Geschichte eine Rolle gespielt hat, - dass an den untersuchten Gerätschaften der Tatortgruppe des LKA Thüringen, "darunter ein Winkelmaßstab", keine DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt oder von Peggy Knobloch festgestellt werden konnten [1].

Akte zu - alle Fragen offen.

Pilze und DNA

Begonnen hatte die Geschichte am 2. Juli 2016, als ein "Pilzsucher", so die offizielle Angabe, im Wald bei Rodacherbrunn in Südthüringen auf die Knochen stieß, die einen Tag später als die sterblichen Überreste des Mädchens Peggy identifiziert wurden. Die Neunjährige war im Mai 2001 spurlos verschwunden. Sie lebte nur wenige Kilometer entfernt. Vermutlich wurde sie bereits damals ermordet. Der oder die Mörder wurden bis heute nicht gefunden. Ein geistig behinderter Deutsch-Türke war 2004 fälschlicherweise verurteilt und jahrelang eingesperrt worden, ehe er zehn Jahre später in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde.

Am 13. Oktober 2016 kam dann die Nachricht, die bundesweit für Aufsehen sorgte, dass bei dem toten Mädchen DNA-Material von Uwe Böhnhardt gesichert worden sei. Veröffentlicht wurde die Nachricht vom Polizeipräsidium Oberfranken und der Staatsanwaltschaft Bayreuth, die die Todesermittlungen im Falle Peggy führen. Abgespeichert ist die Pressemitteilung unter dem 14. Oktober 2016, verfasst wurde sie aber am Tag davor [2].

Im heiklen, von Ungereimtheiten und Widersprüchen angereicherten NSU-Komplex musste man davon ausgehen, dass eine solche Information amtlicherseits nicht ungeprüft und fahrlässig verbreitet wird. Zumal die beiden bayrischen Behörden unter anderem den Generalbundesanwalt erwähnen, der über die "neuen Erkenntnisse unterrichtet" und in die Ermittlungen "eingebunden" sei. Das konnte man nicht anders werten, als dass jene Instanz, die federführend das NSU-Verfahren betreibt, die Herausgabe der Information mitträgt.

Niemand anderes als Sicherheitsbehörden stellten damit also einen Zusammenhang zwischen dem ermordeten Mädchen und dem toten mutmaßlichen Terroristen her.

Aufgeregtes Zurückrudern

Es waren dieselben Behörden, die wenig später begannen, aufgeregt zurück zu rudern. Was folgte, war eine Geschichte selbst verantworteter Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten - bis heute.

So hieß es im Herbst 2016, die DNA-Spur sei bei einer Nachsuche am Fundort im Oktober 2016 entdeckt worden. Einige Monate später, im März 2017, und schließlich jetzt im September 2017 wurde verlautbart, das Stoffteilchen mit der DNA sei am 3. Juli 2016, dem ersten Tag der Spurensicherung, sichergestellt worden. Zugleich schließt die Staatsanwaltschaft aus, dass das Stück vor und nach dem 3. Juli an die Stelle kam. Zusätzlich verneint sie, dass die DNA Böhnhardts vorsätzlich, also mit einem Manipulationsinteresse gelegt worden sei. Worauf sie ihre Erkenntnisse stützt, kann sie nicht sagen. Die entsprechenden Fragen beantwortet sie nicht.

Die zeitliche Eingrenzung auf den 3. Juli 2016 wurzelt in der Hergangsversion der Ermittler. Sie ist die Voraussetzung, um behaupten zu können, das Stoffteilchen sei in den Wald von Rodacherbrunn verschleppt worden, mutmaßlich von der Tatortgruppe des Landeskriminalamtes (LKA) Thüringen - und zwar versehentlich.

Eine reine Hypothese, für die die Behörde keinen Beleg erbringen kann. Auch auf Nachfrage teilt sie lediglich schriftlich knapp mit, das sei Ergebnis einer "Gesamtbewertung der eigenen Untersuchungen, der eingeholten Sachverständigengutachten und der Feststellungen aus anderen Ermittlungsakten." (Email an den Autor vom 10.10.17)

Kehrtwende um 180 Grad

Damit vollzieht die Staatsanwaltschaft Bayreuth gleichzeitig gegenüber ihrem zunächst an den Tag gelegten Auskunftsverhalten eine Kehrtwende um 180 Grad. Anfänglich hatte der für den Fall zuständige Staatsanwalt mündlich einige Antworten gegeben und gebeten, weitere Fragen schriftlich einzureichen. Eine Woche danach meldete er sich von sich aus, um mitzuteilen, die Auskünfte würden noch mit der SoKo Peggy abgestimmt werden, er bitte darum, sich noch ein paar Tage zu gedulden.

Statt konkreter Antworten kam dann eine Email des Leitenden Oberstaatsanwaltes Herbert Potzel, in der im wesentlichen auf die drei Pressemitteilungen von Oktober 2016 sowie März und September 2017 verwiesen wird, inklusive der zitierten Passage über die "Gesamtbewertung" der Behörde. "Nähere Einzelheiten zu den weiteren Fragen können nicht mitgeteilt werden", so der Behördenleiter abschließend.

Unter diesen weiteren Fragen waren beispielsweise folgende:

* Wo wurde das Textilteilchen mit den Böhnhardt-DNA sichergestellt? Laut Medien soll das "im Waldboden" "unter dem ermordeten Kind" gewesen sein.

* Laut Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft v. 8.9.2017 kann der "konkrete Übertragungsweg" der Böhnhardt-DNA an den Auffindeort in Rodacherbrunn "nicht mehr geklärt werden". Warum ist die Behörde dann sicher, dass die Übertragung ausschließlich am 3. Juli 2016 und nicht vorsätzlich stattgefunden haben muss?

* In der Pressemitteilung v. 8.3.2017 heißt es, bei der Spurensicherung "ergaben sich Hinweise, dass der Spurenübertrag bei der Spurensicherung am Fundort stattgefunden haben muss". Um welche Art Hinweise handelte es sich?

Wenn die DNA-Spur Böhnhardts am 3. Juli 2016 zum Fundort Peggy verbracht wurde, muss das durch die Thüringer Tatortgruppe, die für die Spurensicherung verantwortlich war, geschehen sein. Die Staatsanwaltschaft Bayreuth formuliert das zwar nicht explizit, legt es aber nahe, auch weil sie die "Tatortgruppe" namentlich erwähnt. Damit liegt der ´Schwarze Peter also bei der Thüringer Kriminalpolizei.

Standard gründliche Reinigung

Ein Kriminalbeamter, der früher einmal Mitglied der Tatortgruppe war, wehrt sich entschieden gegen diese simple Schuldzuweisung. Alle Geräte, die zur Spurensicherung verwendet werden, würden nach jedem Einsatz gründlich gereinigt, erklärt er. Das sei Standard und quasi sankrosankt, etwas anderes undenkbar.

Wer den Erklärungen von der unabsichtlich verschleppten Spur Glauben schenken will, muss sich tatsächlich einen monströsen Vorgang vorstellen.

Denn bei der DNA-Spur geht es nicht etwa nur um eine Hautschuppe oder ein Haar, sondern um ein 12 mal 4 Millimeter großes Textilteilchen. Das gehörte, so wieder die Staatsanwaltschaft Bayreuth, zu einem Kopfhörer, der am 4. November 2011 im ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach auf dem Fahrersitz lag. In dem Fahrzeug wurden am selben Tag auch die Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefunden.

Kopfhörer und Kopfhörerteilchen

Dass Kopfhörer und Kopfhörerteilchen an jenem Novembertag, als der NSU aufflog, dort in Eisenach lagen, würden Anschmelzungen belegen, die durch die Hitzeentwicklung im Wohnmobil nach der Brandlegung entstanden seien. Bei ihrer Pressekonferenz am 8. März 2017, als Staatsanwaltschaft und SoKo Peggy bereits einen Zusammenhang zwischen Böhnhardt und dem Mädchen ausschlossen, erwähnten die Ermittler die "Anschmelzungen" nicht [3].

Das tat einen Tag später im Bundestag der Generalstaatsanwalt von Bamberg in nicht-öffentlicher Sitzung gegenüber den Mitgliedern des NSU-Untersuchungsausschusses. Es ist ein wichtiges Detail, weil es belegt, dass der Kopfhörerfetzen erst nach November 2011 an den Fundort der Leiche Peggy gekommen sein kann. Also frühestens etwa zehn Jahre nach ihrem Tod. Die "Anschmelzungen" sind nebenbei das einzige Detail, das Oberstaatsanwalt Potzel in seiner Email an den Autor bestätigt.

Doch wo war das angeschmolzene Teilchen mit der Böhnhardt-DNA all die Jahre? Der Kopfhörer wurde asserviert und kam in die Obhut des Bundeskriminalamtes (BKA). Das Kopfhörerteilchen aber besitzt keine eigene Asservatennummer, wie man aus dem NSU-Untersuchungsausschuss in Berlin erfuhr. Ist es irgendwann vom Kopfhörer abgefallen - oder bekam es von Anfang gezielt keine eigene Asservatennummer? Sollte jemand oder eine Stelle etwa ein Asservat mit Böhnhardt-DNA zurückgehalten haben, um es irgendwann "einsetzen" zu können, spekuliert ein Abgeordneter und mag eine solche Vorstellung gleichzeitig nicht glauben.

Wie soll das Teilchen dann, nächste Frage, vom BKA zurück zur Thüringer Tatortgruppe gelangt sein? Oder lag es etwa die ganze Zeit, nämlich vier Jahre und acht Monate, bei den Spezialisten in Erfurt unbemerkt? Und ohne dass es in dieser langen Zeit an andere Tatorte, wo die Spurensicherer tätig wurden, verschleppt worden wäre?

Nicht "vorsätzlich"

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth dagegen bleibt bei ihrer gleichwohl unbegründeten Einschätzung: Das Ding muss nach Rodacherbrunn verbracht worden sein. Allerdings, wie erwähnt, nicht "vorsätzlich", wie die Verantwortlichen bereits im März 2017 vor der Öffentlichkeit kund taten. Das erscheint einerseits wie eine pflichtschuldige Exkulpation einer Sicherheitsbehörde.

Andererseits macht es auch eine Manipulation unwahrscheinlicher, denn offensichtlich haben die Behörden selber kein Interesse an dieser Verbindung Böhnhardt-Peggy. Jedenfalls: Wie sie darauf kommt, dass das Teil nicht vorsätzlich gelegt wurde, ist eine der Fragen, die die Staatsanwaltschaft nicht beantworten mag.

Genau wie die, wo das halbfingernagelgroße Stück Stoff gefunden wurde. Auch dazu existiert eine weitere Merkwürdigkeit: Den Bundestagsabgeordneten des NSU-Ausschusses wurden im März 2017 zwei Fotos vom Fundort Peggys gezeigt. Auf dem ersten sieht man einen rechtwinklig ausgelegten Zollstock und in der Innenfläche sieben kleine Asservate.

Ein achtes Asservat, es ist das besagte Textilteilchen mit der Böhnhardt-DNA, liegt außerhalb der Zollstockinnenfläche. Auf einem zweiten Foto ist das achte Asservat von außen nach innen zu den anderen Asservaten gelegt, die Zahl "7 Asservate" wurde durchgestrichen und handschriftlich in "8 Asservate" umgeändert. Wer das wann und warum tat, ist unklar. Auch dazu keine Stellungnahme der Staatsanwaltschaft Bayreuth.

Nicht nur Morde, sondern auch Kinderhandel und Kindermissbrauch?

Zurück zum Oktober 2016, denn zur Geschichte der Böhnhardt-Peggy-Spur gehört der mediale Umgang mit ihr.

Die Nachricht, es könnte eine Verbindung zwischen dem NSU und dem Peggy-Mord bestehen, schockierte die Öffentlichkeit. Sollten die Rechtsterroristen etwa auch mit Kinderhandel und Kindermissbrauch zu tun gehabt haben?

Auffällig war, dass, obwohl Uwe Böhnhardt zusammen mit Uwe Mundlos bereits zehn Morde zugeschrieben werden, im Fall Peggy sofort Abwehrreflexe einsetzten. Bald wurden Spekulationen über eine Tatortverunreinigung durch Übertragung der DNA-Spur angestellt. Zuerst hieß es, Peggy sei auf dem selben Tisch seziert worden wie Böhnhardt. Dann wurde gemutmaßt, die DNA könne an einem Zollstock geklebt haben und so vom Tatort Eisenach, wo Böhnhardt im November 2011 ums Leben kam, Jahre später an den Fundort des Mädchens verschleppt worden sein.

Die Zollstock-Panne schaffte es schnell von der bloßen Spekulation zur angeblichen Tatsache. Mitverantwortlich dafür ein Reporter der ARD, der sich auf "gesicherte" Informationen aus höchsten Ermittlerkreisen berief. Sollte das zutreffen, wäre damit ein zweites Mal offiziell der Zusammenhang zwischen Böhnhardt und dem Mädchen hergestellt worden, zwar in der Verneinung, aber in der programmatischen Absicht, einen Zusammenhang wegreden zu wollen. Und das ist auch ein Zusammenhang.

Denn ein Zollstock ("Winkelmaßstab") war nicht der Überträger der Böhnhardt-Spur, wie die Staatsanwaltschaft Bayreuth in ihrer Pressemitteilung vom 8. September 2017 ausdrücklich erklärt.

Wie es zu den falschen öffentlichen Spekulationen und die Berufung auf "Ermittlerkreise" kommen konnte, ist eine weitere der Fragen, die die Ermittlungsbehörde in Bayreuth nicht beantwortet. Dass sie trotz etlicher ungeklärter grundlegender Fragen aber an ihrer "Gesamtbewertung" festhält, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen Böhnhardt und Peggy K., dokumentiert damit ein drittes Mal eben diesen Zusammenhang, wenn auch in der Negation.

Wer hat Angst vor einem solchen möglichen Zusammenhang? Und warum? Würde sich dadurch eine noch größere kriminelle Dimension andeuten dessen, was der "NSU-Komplex" genannt wird? Wäre das eine Spur in die Organisierte Kriminalität, der unter anderem der Untersuchungsausschuss von Thüringen seit einiger Zeit nachgeht?


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[2] https://www.justiz.bayern.de/gerichte-und-behoerden/staatsanwaltschaft/bayreuth/presse/2016/1.php
[3] https://www.justiz.bayern.de/gerichte-und-behoerden/staatsanwaltschaft/bayreuth/presse/2017/2.php