Die Bundeskümmerin

Durch Bildausschnitt bereinigtes Foto. Den Mut, Merkel mit scheinbar kopulierenden Teddies im Hintergrund auftreten zu lassen, hatte zumindest die Regierungssprecherin nicht.

Merkel dreht ihr Fähnchen in Richtung Stimmung des Wahlvolks, ein rappender Pfleger und zwei kopulierende Teddybären helfen dabei nicht wirklich

Die Kanzlerin surft auf der wohltätigen Welle; Bedürftige sind auserwählt, um brave Statisten für die CDU abzugeben. Und das Beste: Der Clou scheint zu glücken, die Presse stimmt ein, Merkel auf Sommertour, Deutschland ist eine Spannweite nach dem missglückten Sommermärchen stolz auf seine unverwüstliche Chefin.

Momentaufnahme Ende Juli: Man nimmt sie wieder als aktive Politikerin wahr, ja, mehr noch: Man erblickt ein "helles Deutschland" (so seinerzeit Jachim Gauck), das steht dem "Dunkeldeutschland" entgegen mit all’ seinen Rassisten und Übelwollern.

Und dann gibt es da noch die Begeisterung der Bevölkerung über die eigene Moral, und daran knüpft Angie gekonnt an. Das Motto "Gut-leben-in-Deutschland" kann da zwar gerade eine sanfte Aufpolitur gebrauchen, auch das ist unübersehbar. Aber wer anders als Angela Merkel könnte sich darum kümmern.

Angela - sie spielt gern "die dem Parteienstreit enthobene Bundeskümmerin, die sich (…) die Sorgen und Nöte ihres Volkes anhört", so charakterisiert Robin Alexander die Kanzlerin (Robin Alexander: Die Getriebenen). Merkel will, so Alexander, mit solchen öffentlichen Auftritten wie denen, die wir gerade erleben, nicht nur "positive Assoziationen wecken, sondern vor allem negative vermeiden".

Bleibt hinzuzufügen: Dabei dürfte Merkel sich daran erinnern, dass sie sich seinerzeit lange (zu lange) geziert hatte, ein Flüchtlingsheim zu besuchen - bis zum "Horror von Heidenau", jenem Ereignis im August 2015, das sie schließlich zu einem Umsteuern zwang. Jetzt will sie es anders machen.

Was auf den ersten Blick so nett aussieht (so human), folgt doch in Wahrheit einem ausgetüftelten Kalkül. Vermutlich haben Merkels engste Berater nachgeholfen und den Termin zwischen nationaler Schmach (Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft) und dem Bedürfnis nach kollektiver Erquickung (Sommerferien) mit Bedacht anberaumt.

Es sind da bewährte Strategen am Werk, mit denen Merkel sich umgibt. Sie lässt sich Woche für Woche die Umfragewerte vorlegen. Das Bundespresseamt ist Insidern zufolge zu einer Behörde geworden, die für die Regierung ermittelt, was die Bürger denken und fühlen.

In Umfragen sah zuletzt eine Mehrheit der Deutschen die Stabilität und Handlungsfähigkeit der Regierung als gefährdet an, der Asylstreit schwächt die Union und macht vor dem Kanzleramt nicht halt: Es drohte eine Image-Katastrophe für die Kanzlerin. Da ist es höchst passend - Merkel macht kehrt, sie setzt ein optimistisches Zeichen, sie ist näher am Volk als alle dachten, sie erstickt die Sorge um die Zukunft in ostentativer Großherzigkeit, in staatsfraulichen Gesten, die ihr freundliche Bildchen mit lächelnden Mitbürgern garantieren.

So wird das Durchwursteln, Lavieren und Aussitzen mit Fingerfarben übermalt. Und die Medien machen begeistert mit: "Die Presse ist angetan: Heute gibt es keine Akten in Sitzungssälen. Heute gibt es Rollstühle und Bettpfannen", titelt der rheinische KStA und lobt artig: "Merkel zeigt sich verständnisvoll, zollt Respekt, schüttelt Hände, würdigt die Pflegekräfte als 'Helden des Alltags'".

Ein taktischer Zug: Zwar löst die Kanzlerin ein Versprechen vom Herbst vergangenen Jahres ein (der rappende Pfleger Ferdi Cebi hatte im September in der ZDF-Show "Klartext, Frau Merkel" die Personalnot und mangelnde Bezahlung in der Pflege kritisiert und Merkel nach Paderborn eingeladen), aber jetzt kommt das Thema mehr als zupass. Merkel inszeniert sich gekonnt als fürsorgliche Mutti der Nation, und sie kann darauf zählen: Eine treuherzige Öffentlichkeit wird ihr gerührt folgen. Gleichzeitig werden die peinlichen Kratzer beipoliert, welche "Die Anführerin der freien Welt" (so die NYT in besseren Tagen) zuletzt im internationalen Renommee davontrug.

In Köln traf sich die Bundeskanzlerin am Mittwoch mit Natalie Dedreux an deren Arbeitsplatz, einem Café der Kölner Caritas im Ortsteil Kalk. Die Visite wirkte inszeniert. Dedreux, eine junge Frau mit Down-Syndrom, holte die Kanzlerin bei ihrer Ankunft am Wagen ab, gemeinsam betrat man das Caritas-Zentrum. Ein Akt mit Symbolkraft. Dedreux hatte die Bundeskanzlerin und Zig-Millionen Zuschauer in der ARD-Sendung "Wahlarena" im September 2017 am Fernseher mit ihren kritischen Fragen für sich eingenommen, der emotionale Auftritt wurde auch in den Sozialen Netzwerken bejubelt. Hier dürfte wohlwollendes Medieninteresse garantiert sein.

Eine britische Boulevardzeitung macht allerdings Anstalten, die Mutti-Tour ins Lächerliche zu ziehen: Ein Foto zeigt Merkel in einer Gruppe von Kindern, aber im Hintergrund zwei Plüschtiere, die in auffälliger Manier aufeinander liegen. Der "Daily Mirror" macht daraus einen "peinlichen Fototermin, während zwei Teddybären Sex haben". Die Unterzeile spricht lustvoll von einer "sexuell expliziten Pose": "Unknown to her someone had placed a pair of stuffed animals in a sexually explicit pose right behind her."

Ein kleiner Dämpfer für's clevere Kalkül. Die Teddies können nichts dafür. Aber Angie, die Kanzlerin der Herzen, sieht für einen Moment aus wie eine Witzfigur. (Arno Kleinebeckel)

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