Die CIA und das Öl

Seven Sisters

1928 trafen sich die drei Chefs der Konzerne Anglo-Persian Oil Company (heute BP), der Royal Dutch Shell und Standard Oil im schottischen Achnacarry scheinbar nur zu einer Jagdgesellschaft. Tatsächlich aber vereinbarten sie unter größter Geheimhaltung ein verdecktes Kartell auf den Ölfeldern im Mittleren Osten. Wie schon beim Sykes-Picot-Abkommen spielten Landesgrenzen und Politiker für die Ölmänner bei der geheimen Landnahme keine Rolle. Vier weitere US-Ölkonzerne stießen später zu dem geheimen Kartell, das Jahrzehnte danach als Seven Sisters bekannt werden sollte.

Von den westlichen Regierungen waren Widerstände nicht zu erwarten, Geschäfte in Übersee störten Kolonialmächte traditionell nicht, die US-Seite verfügte über beste Kontakte zum kriegsbegeisterten vormalige US-Marineminister Franklin Delano Roosevelt, der als Gouverneur von New York inzwischen nach dem Präsidentenamt griff. Es sollte dem Kartell gelingen, seine Existenz fast ein Vierteljahrhundert zu verheimlichen. Als die US-Kartellbehörde 1952 gegen die Seven Sisters ermittelten, überzeugte FBI-Chef J. Edgar Hoover Präsident Truman mit einem geheimen Schreiben, dass das Unternehmen im besten Interesse der USA wäre.

Der als "Mr. Five Percent" bekannt gewordene Unterhändler Calouste Gulbenkian steckte für die Ölkonzerne ein Gebiet aus der Türkei, dem Irak und Saudi-Arabien ab - ohne Rücksicht auf die aktuellen politischen Verhältnisse.

Sullivan & Cromwell

Die Rockefellers bedienten sich der auf Außenhandel spezialisierten New Yorker Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell. Rechtsanwalt William Nelson Cromwell hatte einst für ein Rekordhonorar in Washington für die Fertigstellung des Panamakanals lobbyiert, dessen französische Gesellschaft insolvent gegangen war. Rechtsanwalt Algernon Sydney Sullivan hatte trickreich die Auffanggesellschaft finanziert und in Panama u.a. verdeckt eine Revolution organisiert, so dass Washington schließlich das US-Militär aufmarschieren ließ und damit den Bau absicherte.

Die renommierte Wirtschaftskanzlei organisierte mit US-Steel die Rüstungsindustrie und wickelte für die Wallstreet das Auslandsgeschäft ab. Die Kanzlei finanzierte u.a. den Wiederaufbau deutscher Industrie und repräsentierte deutsche Konzerne wie das Chemiekartell IG Farben. Seit den 1920er Jahren wurde Sullivan & Cromwell von den Gebrüdern Allen Dulles und John Foster Dulles geleitet. Prominente Mandanten waren rechtsgerichtete Rassisten wie Henry Ford und Nazi-Bankier Prescott Sheldon Bush.

Zweiter Weltkrieg

In Kooperation mit der IG Farben lieferte Standard Oil an Nazi-Deutschland selbst nach Kriegseintritt der USA noch Treibstoffe, was schließlich in einen unpatriotische Skandal mündete. Die Nazi-Affäre, die Prescott Bush zeitweise in der Existenz gefährdete und die Dulles-Brüder in Washington Einfluss kostete, wurde politisch beigelegt. Auch Stalin belieferte Hitler mit Öl, das dessen Panzer, Transporter und Luftwaffe trieb. Der strategische Wert von Stalins Ölfelder in Baku gilt manchen als ausschlaggebendes Ziel für Hitlers Überfall auf Russland. Die erhoffte Eroberung von Baku war dem Strategen wichtiger als die Unterstützung der eingeschlossenen Armee bei Stalingrad.

Zu den Zielen der deutsche Luftwaffe gehörten auch Ölfördereinrichtungen im heutigen Irak, um die Briten vom kriegswichtigen Treibstoff abzuschneiden. Den lieferten stattdessen die USA nebst Kriegsgerät über den Atlantik. Als die Deutschen und Italiener in Nordafrika einmarschiert waren, um dort Zugang zum Öl in Libyen und Ägypten zu erlangen, schnitten die Alliierten ausgerechnet den Treibstoffnachschub ab.

Room 3603

Die New Yorker Industriellen-Elite traf sich monatlich diskret im Raum 3603 im Rockefeller-Center, um Informationen über das Ausland auszutauschen. Organisator der Geheimtreffen war der rechtsgerichtete Rechtsanwalt und Weltkriegsveteran General William Donovan. Während des Zweiten Weltkriegs gründete diese Clique das paramilitärische Office of Strategic Services (OSS). Dieser neue Kriegsgeheimdienst sollte weniger spionieren, sondern verdeckte Kommandoaktionen ausführen, Desinformation betreiben und sabotieren.

Die Führungsebene des OSS stellten die Söhne der Milliardäre, die nach Kriegsabenteuern dürsteten. Der unkonventionelle Geheimdienst fungierte auch als Kaderschmiede für die künftige Elite der USA. Von Anfang an hatte das OSS neben patriotischen Zielen unverblümt wirtschaftliche Interessen im Blick, die auch nach Kriegsende knallhart in Süd- und Mittelamerika verfolgt werden sollten. Einflussreichster OSS-Agent war der Sullivan & Cromwell-Anwalt Allen Dulles, der von der Schweiz aus die Nazis über seine deutschen Geschäftspartner ausspionierte, aber auch anrüchige Geschäfte für seine rechtsgerichtete Clique tätigte. In den letzten Kriegsjahren bereitete Dulles heimlich mit abtrünnigen Nazis den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion vor.

Aramco

Bereits in den 30er Jahren hatte der US-Konzern Chevron in Saudi Arabien nach Öl gesucht. Standard Oil war zur Stelle, als dem Haus Saud mit Aufkommen künstlicher Perlen die Haupteinnahmequelle weggebrochen war. Nach der Konferenz von Jalta bereiste 1945 US-Präsident Franklin Delano Roosevelt auf einem Zerstörer die arabische Welt und empfing u.a. den saudischen König Ibn Saud, dessen Land vom Zweiten Weltkrieg verschont geblieben war. Dieser überreichte als Geschenke goldene Dolche, die symbolischer für das Verhältnis beider Nationen nicht sein konnten: Die USA stellten Militär, die Saudis bezahlten - mit Schürfrechten an die von vier US-Ölkonzernen gegründete Arabian-American Oil Company (Aramco). Die einst im Geiste von Religionsfreiheit und Menschenrechten gegründete Demokratie USA finanzierte und beschützte seither die mittelalterliche Theokratie der Saudis.

Roosevelt teilte dem britischen Botschafter brüsk mit, man überlasse den Briten das Persische Öl, die Felder im Irak und in Kuwait könnte man teilen. Das saudische Öl jedoch beanspruchten die USA fortan alleine. Die wegen Kriegskosten an die USA verschuldeten Briten mussten dies hinnehmen. Im ursprünglich britischen Protektorat Kuwait investierte Prescott Bushs Sohn George Herbert Walker Bush in Ölquellen.

Central Intelligence Agency

Nachdem Truman das cowboyhafte OSS wegen Ineffizienz beseitigte, lobbyierte der Vorsitzende des privaten Think Tanks Council on Foreign Relations, Allen Dulles, für einen zivilen Geheimdienst, der lediglich Informationen sammle. Tatsächlich aber fassten in der neuen Central Intelligence Agency (CIA) etliche OSS-Veteranen Fuß, und mit ihnen die verdeckten Operationen. Geführt wurde die CIA von einem Militär, jedoch kontrollierte Dulles persönlich die Abteilung für "spezielle Pläne", intern als "Department of Dirty Tricks" bekannt.

Selbstzerstörung

1948 befürchteten die USA nach der Berlin-Blockade weitere Aktionen der Sowjets. Eine militärische Verteidigung der Ölfelder durch die USA und Briten und ihre örtlichen Verbündeten beurteilten Militärs als unrealistisch.

Die CIA prüfte verschiedene Pläne, wie das Öl vor dem Zugriff der Sowjets bewahrt werden könnte. Eine Vorschlag, die Bohrlöcher mit Zement zu verschließen, wurde als zu zeitaufwändig verworfen. Die CIA erwog auch die radioaktive Verseuchung der Ölfelder, was die Infrastruktur erhalten hätte. Die Strategen verwarfen den Plan jedoch, weil man befürchtet, Moskau könne arabische Arbeiter zur tödlichen Arbeit zwingen.

Die USA diskutierten ihre Pläne mit den Briten, mit denen sie sich in Kuwait, Kathar und Bahrrain die Ölfelder teilten. Die Kolonialmacht wies die US-Pläne 1951 zunächst zurück, da deren Geheimhaltung insbesondere vor den Gastgebern als riskant erschien, die eine solche Verletzung des Gastrechts kaum gebilligt hätten. Ein möglicher Leak des Staatsgeheimnisses (wie er 1996 durch ein Versehen geschah), hätte das Ende der wirtschaftlichen Beziehungen zur Folge haben können. Schließlich ließen sich die Briten doch noch auf den Plan ein. Für Iran und Irak, die bei einer sowjetischen Invasion als erstes betroffen gewesen wären, erschien jedoch eine Sabotage als zu langwierig. Auch von Washingtons Vorschlägen, die Einheimischen zum Anzünden der Ölfelder zu bewegen, hielt London wenig.

Während manche die geplante Sabotage der eigenen Industrie als eine militärische Operation ansahen, setzte sich schließlich die Strategie durch, die Aufgabe verdeckt durch Zivilisten zu erledigen. Die CIA organisierte daher bei Aramco Agenten, die sie nach dem Need-to-Know-Prinzip zur Selbstzerstörung ihrer Anlagen anleitete. Mit der Organisation befasste man den vormaligen Sicherheitschef eines Ölkonzerns George Prussing, der in die CIA gewechselt war. Die CIA infiltrierte Aramco auch mit eigenen Leuten, die undercover über die Fortschritte des Sabotageprogramms berichteten.

Prussing wählte gezielt Anlagen aus, deren Zerstörung die Infrastruktur für etwa sechs Monate lahmlegen sollte, etwa weil die Sowjets nicht über Ersatzteile verfügten. Nach einem Abzug sollte der Westen hingehen schnell zur Restauration in der Lage sein. Die Agenten wurden u.a. mit Flammenwerfern und sogar Thermitgranaten ausgerüstet, deren hohe Temperaturen Öl hätte entzünden können.

Zwar hatten die Briten gegenüber den USA entsprechende Sabotagepläne für den Iran abgelehnt. Heimlich aber bereiteten sie ebenfalls die Selbstzerstörung vor. Die Geheimhaltung vor den USA war die Bedingung der britischen Ölindustrie gewesen, allerdings teilte das Empire aus pragmatischen Gründen ihr Geheimnis schließlich doch mit der Supermacht und befasste mit der Sache den MI6. Auch die anderen Ölgesellschaften wurden in die Operationen eingebunden.