Die CO2-neutrale Heilsmaschine

Der Westen steckt in der Wohlfühlkrise, doch ein kollektiver Grünwaschgang verspricht Linderung

Es war einmal, als die Luft dick wurde. Alle merkten es, sogar die beim New Oxford American Dictionary. 2006 kürten sie dort Carbon Neutral zum “Oxford Word of the Year”. Der im April 2007 leider verstorbene US-amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut vermutete, „dass das Immunsystem der Erde versucht, uns loszuwerden“. Bestürzung machte sich breit, die Angst vor dem Klimawandel penetrierte jede Pore der öffentlichen Wahrnehmung, selbst Politiker, an denen bis vor kurzem noch keine gemeinsame Schnittstelle zur Natur zu bemerken war, betätigten sich plötzlich als Meteorologen der Apokalypse. Lösungen des Problems wurden gesucht – und gefunden. Kevin Smith von Carbon Trade Watch beleuchtet diese in The Carbon Neutral Myth: Offset Indulgences for your Climate Sins.

Bild: CarbonNeutral

Seit längerem war bekannt, dass sich mit Geld einfach alles regeln ließ. Es war nun an der Zeit, diesen omnipotenten Geld-Regulationsmechanismus in die komplexen Systeme der natürlichen Stoffkreisläufe einzuweben. Wohl rechtzeitig, denn gerade der Kohlenstoff-Zyklus schien leicht außer Rand und Band geraten zu sein und höchst unerfreuliche Zukunftsaussichten zu verheißen. Der Geldfluss sollte es nun richten. Im Großen nannte man diesen Trick Kyoto-Protokoll. Doch das linderte noch nicht die individuelle Bestürzung von Hinz und Kunz. Findige Geschäftsleute witterten hier einen immensen Bedarf. In der Folge hat das geradezu schlichte Gas Kohlendioxid die traditionellen Betroffenheitsrefugien – wie z.B. den afrikanischen Kontinent - aus dem Bewusstsein der Gesellschaft pneumatisch verdrängt.

Denn gerade in Afrika waren internationale Hilfsprojekte oft gescheitert und haben in vielen Fällen den betroffenen Gemeinden vor Ort neue oder gar noch schlimmere Probleme beschert. Das hinterließ auch in der ersten Welt eine tiefe Ratlosigkeit. In der Folge verschob sich der Fokus und die Art und Weise von Betroffenheitsritualen stark, hin zu neuen Formen, die sogar unbewusst funktionieren. Die westliche Verbraucherkultur selbst bot nun das Podium, um aus banalen Alltagshandlungen eine politische Aktion zu machen – für jeden gut sichtbar.

„Brand Aid“ machte es möglich – per Farb-Armband oder auch mittels politisch korrekter Gebrauchsgegenstände. Das tägliche Leben musste für einen solchen Akt nicht unterbrochen werden, und alle sahen, dass man seinen Beitrag geleistet hatte. Doch richtig befriedigend war das nicht, eine gewisse Leere blieb; ein neues Wohlgefühl wollte sich bei soviel Belanglosigkeit nicht einstellen.

Ausgerechnet die letzte Konsequenz des modernen, konsumgesteuerten Lebens, die weit reichende Zerstörung natürlicher Grundlagen für ein Leben auf der Erde, schickt sich nun an, diese Wohlfühl-Krise zu beenden. Der an stetigem Wachstum ausgerichtete Lebenswandel westlicher Prägung wird zwar vielerorts als abträglich für die Natur erkannt, jedoch nicht in Frage gestellt. Diese paradoxe Situation versetzt manches Individuum in einen Zustand schlimmer innerer Zerknirschung. Was könnte man denn wenigstens tun, wenn selbstauferlegte Einschränkungen gerade nicht im Programm vorgesehen sind?

Hier setzen neuartige „Umweltgruppen“ an, die (das traditionelle Feindbild der) Konsumgewohnheiten nutzen, um ihre Programme zu legitimieren. In einer modernen Form des Ablasshandels erteilen sie denjenigen Absolution, an denen ein schlechtes Gewissen nagt und die bereit und Glaubens sind, sich durch das Entrichten von Geldbeträgen ein reines Gewissen erkaufen zu können. Unternehmen wiederum können sich hier publikumswirksam in sozialer Firmenverantwortung üben. Schnell wird dabei allerdings übersehen, dass die meisten dieser Organisationen ihrerseits nichts anderes sind als größere Unternehmen.

Diese „öko-kapitalistischen“ Gruppierungen („eco-economy“) leben von den Ablassspenden ihrer Klientel. Andere wiederum preisen ihren emissionsfreien Umweltservice als Mehrwert an, und wieder andere leiten Gelder in den Sektor CO2-freier Niedrigtechnologien um und besetzen so eine Marktnische.

Und mehr noch. Bei dieser Art der Problembewältigung „kämpft“ jedes Individuum isoliert per Mausklick und Kontobewegung gegen den Klimawandel. Fragen über die Richtigkeit der zugrunde liegenden Annahmen wie die Natur wirtschaftlicher und sozialer Strukturen vor dem Hintergrund des Marktes, die unter Umständen erst zu dieser Krisensituation führten, sollen und können so gar nicht erst aufkommen. Die Angelegenheit wird entpolitisiert, das Credo: Der Planet kann auch schmerzfrei gerettet werden.

Die ersten freiwilligen Kohlendioxid-Ausgleichsmaßnahmen liefen 1989 in den USA an. Heutzutage existiert eine Vielzahl von Firmen, die es auf sich genommen haben, dem modernen CO2-Sünder Erleichterung von dessen Seelenpein angedeihen zu lassen. Die Parallelen zum Ablasshandel des Mittelalters liegen auf der Hand. Es besteht darüber hinaus sogar die Möglichkeit, rückwirkend für bereits Verstorbene CO2-Ablässe zu erwerben.

Unternehmen wie ClimateCare, 3C, CarbonNeutral, Carbon Footprint, Terrapass, The World Land Trust, Myclimate, PrimaKlima-weltweit oder Atmosfair bieten eine ganze Palette von Formen an, das Purgatorium so angenehm wie möglich zu gestalten. Hier lauern auf den spendierfreudigen Individual-Klimaretter von heute die nächsten, manchmal sogar moralischen Fußangeln - spätestens dann, wenn er sich bei verschiedenen Ausgleichs-Anbietern durch seine Emissionen hindurch rechnet und feststellt, dass Emission offensichtlich nicht gleich Emission ist und selbst hier – je nach Anbieter - Geiz geil sein kann. Möglich macht das die Vergabe von Projekten in die Dritte Welt. Ausgleich anbietenden Unternehmen gelingt so das Kunststück, die Unterentwicklung vor Ort auszubeuten und das dann medial gleichzeitig als Befreiung von ihr zu verkaufen.

Die meisten Ausgleichsschemen gehen nach demselben Strickmuster vor. Auf der Website des Ausgleichsunternehmens errechnet ein einfacher Rechner die Kohlendioxid-Emissionen für bestimmte Aktivitäten oder Produkte. Danach wird eine Reihe von Projekten angeboten, die allesamt versprechen, diese Emissionen zu „neutralisieren“ – durch Energie sparen oder Bäume anpflanzen beispielsweise. Der Kunde bezahlt die anfallenden Projektkosten. Das gilt für Unternehmen wie auch für Privatkunden. Erstere können dann ihre Klimafreundlichkeit vermarkten, bis hin zum „Grünwaschen“ ihrer Aktivitäten. Das ist besonders beliebt bei Energieunternehmen, Autoherstellern und Fluggesellschaften.

Letztendlich sollen die freiwilligen Ausgleichsmaßnahmen Produkte und Dienstleistungen legitimieren, die von Natur aus nicht nachhaltig sind. Die Kosten dieses Grünwaschgangs werden nach multimedialer Stimulation der Betroffenheitssynapsen spielend auf die Konsumenten umgelegt.

Es wird geschätzt, dass der Markt des freiwilligen CO2-Ausgleichs im Jahre 2010 450 Millionen Euro wert sein wird. Diese Herangehensweise an den in Mode gekommenen Klimawandel ist grundsätzlich fragwürdig. Der Kundschaft wird vorgegaukelt, man könne so weitermachen wie bisher. Anstatt Konsumteilnehmer und Institutionen zur tief greifenden Änderung von Verbrauchsmustern und zur Restrukturierung von Gesellschaft und Ökonomie zu animieren, wird suggeriert, dass allein durch die Zahlung eines kleinen Geldbetrags keine Einschränkungen im Lebenswandel nötig seien. Politiker preisen diese Ausgleichszahlungen als Alternative zu einem ernsthaften Herangehen an das Problem, doch genau betrachtet behindern sie sogar letzteres:

Die Ausgleichsmaßnahmen stellen eine gefährliche Verzögerungstechnik dar, weil sie uns davon abhalten, die eigentliche Aufgabe in Angriff zu nehmen. Sie helfen uns gut zu schlafen zur Nachtzeit, wenn wir eigentlich nicht gut schlafen dürften. Wenn wir bereits alles unternommen hätten, alles, was in unserer Macht steht, wäre das vielleicht ein Weg, aber wir haben noch nicht einmal damit begonnen, irgendetwas an unserem Verhalten zu ändern. Ich bin mir sicher, dass die G8-Teilnehmer nicht alle Einzel-Limousinen oder Mercedes gebraucht hätten, um sich chauffieren zu lassen. Aber hinterher zu erklären, dass man das Problem im Griff hat, wenn man Bäume pflanzt oder sonst etwas tut, ist bedenklich.

Kevin Anderson, Tyndall Centre for Climate Change Research

Während einige Anbieter damit werben, dass die Effektivität der CO2-Sequestrierung durch Bäume nicht mehr bewiesen werden muss, sind andere vorsichtiger und verringern deren Anteil am Gesamtportfolio.

Die Idee zu Future Forests kam dem Musik-Promoter Dan Morrell und der mittlerweile verstorbenen Punk-Ikone Joe Strummer von The Clash. Es wird kolportiert, dass ihnen 1996 an einem Lagerfeuer beim Glastonbury Music Festival einfiel, die Emissionen von Treibhausgasen durch das Anpflanzen von Bäumen auszugleichen. Dank der Beziehungen der beiden stieg Future Forests durch die Einbindung von Popstars und Schauspielern binnen kürzester Zeit zur bekanntesten Firma der Offset-Sparte auf. Auch die Rolling Stones gehörten bereits zur Kundschaft – bei einer Schätzung von 57 Fans pro Baum sollen 2800 Bäume ausgereicht haben, um die Emissionen der Großbritannien-Tour von 2003 zu neutralisieren. In der Folgezeit gab sich die Prominenz bei Future Forests die Klinke in die Hand. So zahlte Brad Pitt 2004 10.000 US-Dollar für einen Wald im Königreich Bhutan, um seiner Erscheinung als Jet-settender Hollywood-Star ein klimaneutrales Funkeln zu verleihen.

Auch nicht ganz so reichen, aber nichts desto trotz ebenso engagierten Erdenbürgern steht das Konzept offen: so konnten beispielsweise Coldplay-Fans Mango-Bäume auf einer indischen Plantage mitfinanzieren, während der Massive Attack-Fan-Wald die Halde Klobikau bei Mücheln in Sachsen-Anhalt begrünen soll, anteilig bezahlt aus CD-Verkaufserlösen. Auch Unternehmen fühlten sich von der Idee angesprochen: BP, Fiat, Mazda, Audi oder Warner Brothers gehörten ebenfalls zum Kundenkreis.

Seit 2004 mehrten sich jedoch auch kritische Stimmen. Coldplays Mangobäume darben im Dürre geplagten südindischen Bundesstaat Karnataka vor sich dahin – die Band unterstützt mittlerweile ein anderes Projekt in Chiapas, Mexiko. Noch unangenehmer waren auftauchende Fragen, die sich mit dem Geschäftsmodell selbst auseinandersetzten. Wie verhält es sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Kohlendioxid-Ausgleichsmaßnahmen, besonders bei den Baumanpflanzungen? Wie viel „Bußgeld“ kommt am Ende wirklich bei den angepriesenen Projekten an? Warum glauben Popstars, dass sie für die Anpflanzung von Bäumen zahlen, wenn in Wirklichkeit eine Marketingfirma Emissionsrechte auf Bäume erwirbt, die ohnehin von anderen Leuten gepflanzt worden wären?

Die Strategie der Einbindung von Berühmtheiten war schlau eingefädelt – die Firma konnte für eventuelle Fehldeutungen der angebotenen Leistungen legal nicht belangt werden. So verbreiteten Journalisten auch weiterhin die Mär vom Bäumepflanzen – und nicht die zweifellos etwas weniger spektakuläre Nachricht vom Kauf der Emissionsrechte bereits existierender Baumanpflanzungen.

Im September 2005 wurde aus Future Forests „The CarbonNeutral Company“, angeblich um zu unterstreichen, dass die Aktivitäten nun einen anderen Schwerpunkt als Aufforstungen haben würden. Kritiker jedoch vermuten, dass man aus dem Schussfeld der zunehmend unfreundlicher werdenden Presse kommen wollte. Das Marketing-Konzept des Unternehmens ging dennoch auf: Trotz aller Kontroversen gehört es immer noch zu den bekanntesten Anbietern von Ausgleichsmaßnahmen; die Arbeit als Sekretariat der All Party Parliamentary Climate Change Group liefert eine weitere Legitimierung.

Als Folge der negativen Presse und ausstehender wissenschaftlicher Beweise haben sich viele Offset-Firmen vom Geschäft der Baumanpflanzungen distanziert; sie konzentrieren sich auf Projekte zu erneuerbaren Energien sowie zur Erhöhung der Energieeffizienz. Auch bei CarbonNeutral bemerkte man, dass sich der Trend wegbewegt vom Aufforsten hin zu technologischen Ausgleichslösungen – doch ist man dort immer noch der Meinung, dass das Anpflanzen von Bäumen zum Zwecke des „Neutralisierens“ von Emissionen seine Rechtfertigung behalten wird.

Ein Teil des Erfolgs von CarbonNeutral und vergleichbaren Anbietern von Ausgleichsmaßnahmen ist im Image von Bäumen selbst begründet, da sie schnell mit „einer guten Sache“ per se assoziiert werden und letztlich eine starke Symbolik haben. Und das nicht nur für Umweltgruppen – auch politische Parteien nutzen mittlerweile Bäume im Logo, um potentielle Wähler von ihrer naturnahen Gesinnung zu überzeugen, so seit 2006 auch die Konservative Partei Großbritanniens.

Dabei gibt es weiterhin eine große Schwankung bei den Schätzungen, wie viel Kohlendioxid Bäume überhaupt aufnehmen und wie viel sie über welchen Zeitraum tatsächlich speichern können. Zu komplex ist der Kohlenstoffzyklus, zu verschieden sind die biogeochemischen Bedingungen am jeweiligen Ort. Deshalb ist es beinahe unmöglich, zu „neutralisierende“ Emissionen einfach pauschal in eine Anzahl anzupflanzender Bäume umzurechnen.

Vollends unseriös wird es, wenn Anbieter von Ausgleichsmaßnahmen behaupten, sie würden Aufforstungen über einen Zeitraum von mindestens 99 Jahre betreuen. Wie das im einzelnen aussehen soll, ist unklar – Kritiker weisen auf eine Diskrepanz zwischen geringen Investitionssummen und langfristig anfallenden Kosten hin.

Noch schwerwiegender ist jedoch die Philosophie, die sich hinter der Bezeichnung „future value accounting“ verbirgt: Die Einsparung von Kohlendioxid-Emissionen, die infolge der Waldanpflanzungen irgendwann, über einen längeren Zeitraum verteilt zu erwarten wären, werden einfach als sofortige Einsparungen im Jetzt und Heute gezählt und vermarktet. So steigt die Emissionsrate des Einzelnen viel schneller an als die jeweilige „Neutralisationsrate“. Und mehr: Das Fehlen einer gesicherten, allgemein akzeptierten Grundlinie beim Berechnen hypothetischer Emissionsreduzierungen öffnet der „kreativen Rechnungsführung“ Tür und Tor.

Sollte das Anpflanzen von Bäumen zur Problemlösung beitragen, müssten riesige Flächen zur Bewaldung zur Verfügung stehen (für die Aufnahme der Emissionen Großbritanniens allein grob geschätzte 10.000 Quadratkilometer jährlich). Das trifft in noch erheblich größerem Maße auf die Folgen der Vereinbarungen von Kyoto zu. Forstprojekte gibt es unter anderem in Bhutan, Brasilien, Ecuador, Indien, Mexiko, Mosambik, Tansania und Uganda. Auseinandersetzungen um Landrechte und soziale Gerechtigkeit sind absehbar. Als Folge wird das Umsichgreifen einer Art von Kohlenstoff-Kolonialismus befürchtet.

Eine Gemeinde, die heute durch ein Unternehmen vertrieben wird, dass Öl fördert, um weit entfernte Autos damit zu versorgen, könnte sich ironischerweise schon morgen umgesiedelt wieder finden – dieses Mal wegen Baumanpflanzungen, die im Namen der Fahrer dieser Autos vorgenommen wurden, als Ausgleich für das verbrannte Öl.

L. Lohmann, „The Carbon Shop – Planting New Problems“, WRM Plantations Campaign Briefing No.3, 2000

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