Die Convenience-Formel

Moderne Monopolunternehmen wie Apple, Amazon, Facebook oder Google nutzen mit ihren Plattformen die neue Superideologie der Digitalisierung in immer schärferem Maße aus. Inzwischen hat die Digitalelite "On-the-go-Nutzer" als zentrale neue Kundengruppe erschaffen, mit denen sie über Convenience-Leistungen 24 Stunden am Tag konsumtiv verbunden bleibt

In der Entwicklungsgeschichte der Menschen wird der Nomadismus als jene Existenz- und Wirtschaftsform eingeordnet, die als einzige in der Lage ist, auch in den kärgsten Teilen der Erde zu überleben. Ein wesentlicher Grundsatz des ursprünglichen nomadischen Lebens war und ist, dass die wandernd umherziehenden Hirten ihre vorübergehenden Aufenthaltsorte so verlassen, wie sie sie vorgefunden haben, also ohne Rückstände und ohne die Ausbeutung der Böden in einer Art, die eine Wiederkehr anderer Stämme oder desselben Trecks an denselben Lagerplatz unmöglich machen würde.

Ich erzähle über die ursprünglichen Nomaden, um sie von den modernen Lifestyle-Nomaden des 21. Jahrhunderts abzusetzen. Moderne Wanderer verlassen ihre "Weideplätze" nie so, wie sie sie vorgefunden haben. Ich wundere mich, wie raumgreifend man Zeitungen zerknüllen, leere Plastikflaschen kunstvoll verdrehen, alle Arten von Rastplätzen verlassen kann. Da ich viel Bahn fahre und häufig umsteige, finde ich davon reichlich um meine Zugsessel herum verteilt, dazu vergessene Mülltüten, schon lange ausgeleerte Kaffeebecher, leere Bierflaschen, benutzte Servietten oder Taschentücher, allerhand andere Nahrungscontainer, Apfelkitschen, diverse Zettel, Hefte, zerlesene Zeitschriften. Inzwischen schickt die Deutsche Bahn Niedriglohnbeschäftigte mit riesigen Müllbeuteln durch die Züge, um Sitzplätze, die auf einer langen Fahrt zwei- oder dreimal verkauft werden, zu säubern. Wir haben uns noch nicht wie in Japan üblich angewöhnt, kleine persönliche Mülltüten den ganzen Tag über mit uns herumzutragen.

Ganz im Gegenteil zum ursprünglichen Leben der Nomaden führt das moderne Reiseleben geradewegs zu einem Überschuss an Rückständen und Resten an Zurückgelassenem, an Ressourcenverbrauch und Konsummüll. Als Symbol eines modernen Lebenswandels ist der Nomade im globalen Norden schon seit einiger Zeit so beliebt wie niemals zuvor. Ein nomadisches Leben gilt heute als Lifestyle-Emblem.

Vertreter ganz unterschiedlicher Milieus beziehen sich auf den Nomadismus: Die Varianten gehen von Künstlern, die sich früh mit Nomaden identifizierten, über den Medienbereich bis zu Unternehmern, Managern oder den IT-Stars des Silicon Valley. Auch sogenannte "Aussteiger" bezeichnen sich gerne als moderne Nomaden. Schließlich ist das Nomadische ebenso im Design wie in der Mode populär geworden und inzwischen sogar im arbeitenden Mittelstand angekommen. Bei vielen Europäern wecken die Ursprungsnomaden immer noch ziemlich romantische Vorstellungen. Der romantischen Verklärung lag jedoch von Anfang an eine Fehlannahme zugrunde, die man sich allenfalls mit dem literarischen Bild des verhältnismäßig begüterten Wanderer-Gentlemans des 19. Jahrhundert oder den Märchen aus Tausendundeiner Nacht erklären kann.

Entgegen prunkvollen Märchenbildern sind Hirtennomaden immer ein Vorbild an enthaltsamer, extrem flexibler Lebensweise sowie nachhaltiger Mobilität gewesen. Der Unterschied zum Leben moderner Jetset-Nomaden, die inzwischen die Illustrierten der ganzen Welt bevölkern, könnte nicht größer sein: Sie fliegen für eine Produktvorstellung, ein Konzert, eine Filmpremiere, ein Fußballspiel, eine Angebotspräsentation, ein Meeting, eine Konferenz, eine Party oder eine Modenschau um die halbe Welt, führen ein Leben ohne Mangel an irdischen Gütern. Während Rentnerinnen ihre Brottüten aufbewahren und mehrfach benutzen, gebrauchen Vielreisende oft kein Ding ihres Alltags ein zweites Mal. Mit der ursprünglichen Existenz umherziehender Hirten hat das Leben der postmodernen Lebens- und Arbeitsnomaden nichts mehr zu tun. Das Einzige, was sie mit den traditionellen Vorbildern teilen, ist allenfalls die Einsamkeit.

Auch der Mobilitätsaspekt stellt höchstens theoretisch eine Parallele dar. Für die ursprünglichen Nomaden war Mobilität weder eine touristische Angelegenheit, noch ging es um Wohlfühlaspekte oder um eine ständige Bewegung von A nach B. Nomadische Wanderungen geschahen langsam und bedacht, sie waren mit der genauen Erkundung der Gegebenheiten am neuen Ort verbunden. Und sie hatten einen existenziellen Sinn, denn sie erschlossen unmittelbar überlebenswichtige Nahrung und Ressourcen.

Mit den Langstreckenflügen von heute, mit Senator-Karten oder mit dem Leben auf verschiedenen Kontinenten, haben sie nichts gemein, mit einem Unterwegssein als Selbstdarstellungsmedium ebenso wenig. Die Entwicklung der traditionellen und der sogenannten modernen Nomaden des Westens verlief denn auch in den letzten Jahrzehnten diametral unterschiedlich: "Während sich die Lebensbedingungen für Hirtennomaden infolge offener politischer Diskriminierung und struktureller Benachteiligung, von Landkonflikten, sich wandelnden ökonomischen Rahmenbedingungen und des Klimawandels verschlechtert haben, entwickelte sich der Nomadismus im globalen Norden - und insbesondere in (West-)Europa im selben Zeitraum zu einem wichtigen Referenzpunkt. Verkürzt dargestellt gehören letztere zu den Gewinnern, erstere zu den Verlierern der globalen Welt und ihrer Wirtschaft."

Als menschliches Modernitätsideal auserkoren wurde der Nomadismus übrigens vor einem ganz anderen Hintergrund. Seine Schöpfer sahen den Nomaden als Symbolfigur eines nationalstaatlich ungebundenen und deshalb potenziell subversiven und kulturkritisch eingestellten modernen Menschen. Es waren die beiden französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari, die den Nomaden in den achtziger Jahren als Ideal von Mobilität, Flexibilität, Grenzüberschreitung und vor allem von Nonkonformismus »erschaffen« haben. In ihrem prägenden Werk Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie konstruierten sie ihn als neue Wunschfigur einer modernen Welt.

Allein als statusunabhängiger Nomade kann der moderne Mensch ihrer Auffassung nach das Potenzial entwickeln, gegen hegemoniale und statisch aufgeladene gesellschaftliche Machtstrukturen zu agieren. Revolutionäre Potenz wurde dem Nomaden auch deshalb zugeschrieben, weil er die ständige Grenzüberschreitung gewohnt war und damit ein hohes Maß an Bewegungsfreiheit und Unabhängigkeit - räumlich wie geistig - zu seinen Persönlichkeitsmerkmalen zählte.

Die von Deleuze und Guattari entwickelte philosophische Lesart der nomadischen Existenz hat sich dem realen modernen Nomaden in keiner Weise eingeschrieben. Sie war immer ein Ideal, eine theoretische Figur, eine Möglichkeit. Realexistierende mobile Menschen sind heute weder kritischer noch rebellischer, was die Strukturen unserer Gesellschaft angeht, als sesshafte Menschen es sind. Die Industrie hat sie allerdings als lukrative Kundengruppe und Trendsetter erkannt und versorgt sie mit sogenannten »Convenience-Produkten«, also scheinbar lebenserleichternden Dingen oder Diensten. Schärfer ausgedrückt will die versorgende Industrie, dass moderne Nomaden sich ohne Convenience-Produkte hilflos fühlen, und sie hat sie inzwischen so konditioniert, dass ihnen ihr Leben ohne diese Dinge und Dienste nicht mehr organisationsfähig erscheint.

Das Mobiltelefon und der Kaffeebecher sind zu zentralen Symbolen modernen Nomadentums geworden, aber es gibt inzwischen kein Nahrungsmittel und keinen Gegenstand des täglichen Lebens mehr, der noch nicht als »To-go-Artikel« verfügbar geworden ist - vom frischen Sushi-Tablett über die chinesische Nudelbox bis zur Einzelportion Zahnpasta oder Shampoo, dem Einmal-Schuhputzset, dem Kopfhörer, dem Reise-Organizer in Steingrau, der aufblasbaren Nackenstütze mit Fellimitat für unterwegs.

Ich habe lange zu verstehen versucht, woher der Convenience-Wahn in unserem Warenangebot eigentlich kommt. Ich stehe vor Körben mit Einmalrasierschaum, Miniwegwerffeuchttüchern, einem Reiseset mit zehn Minibadedüften, einem Nageletui en miniature, das kein erwachsener Mensch benutzen kann, oder einem Eau de Toilette in Reisegröße für sagenhafte 60 Euro und frage mich: für wen?

Wahrscheinlich hat diesen Produkten das moderne Nomadentum zum Durchbruch verholfen. Es könnte allerdings auch so sein, dass die Convenience-Strategien der Wirtschaft das moderne Nomadentum erst hervorgebracht haben. Und weiterhin könnte es sein, dass dies mit dem Reisen an sich gar nichts mehr zu tun hat.

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass durch Elektronik eine Art kommunikativer Notversorgung zu gewährleisten ist, aber auch wie schnell digitale Technik zur Überwachung der Bevölkerung genutzt werden kann. In ihrem neuen Buch Die Anbetung. Über eine Superideologie namens Digitalisierung, das im Westend Verlag erschienen ist, beschreibt Marie-Luise Wolff, wie moderne Monopolunternehmen wie Apple, Amazon, Facebook oder Google mit der Digitalisierung eine neue Superideologie erfanden, die weder Fortschritt noch Werte schafft. Denn ihr Geschäft ist der Verkauf unserer persönlichsten Daten, die für jeden digitalen Nutzer Entmachtungsvorgänge in Gang setzt und schon heute zur Überwachung missbraucht wird. Es ist Zeit, die Anbetung der Digitalisierung zu beenden und sich einer modernen Wirtschaft zuzuwenden, die Probleme löst und nachhaltige Werte schafft.

Der zentrale Gegenstand, den moderne Nomaden benötigen, um ihr Leben an den verschiedensten Orten der Welt so zu führen, als seien sie gar nicht weggefahren, ist das Smartphone: die digitale Nabelschnur nach Hause oder ins Büro und das begehrteste Zerstreuungs- und Unterhaltungstool, das die Menschheit je hatte.

Die Datenströme, die von internetfähigen Geräten ausgelöst werden, verbrauchen inzwischen jährlich rund 10 Prozent des weltweit erzeugten Stroms. Da sowohl die Zahl wie die Leistungsfähigkeit von Smartphones zunimmt, wird der Stromverbrauch für diese Geräte weiter steigen. Der CO2-Ausstoß durch Internetnutzung hatte im Jahr 2015 bereits den des gesamten privaten Flugverkehrs eingeholt, 2019 war es dann schon doppelt so viel. Eine Google-Anfrage kostet 0,3 Wattstunden, zehn Google-Anfragen so viel wie eine Glühbirne, wenn sie eine Stunde brennt.

Besonders ins Gewicht fällt das Videostreaming, das inzwischen für 60 Prozent des durch Internet verursachten Stromverbrauchs verantwortlich ist. Ein einziger gestreamter Film benötigt inklusive des Verbrauchs im Rechenzentrum, über das das Video aufgerufen wird, 2 Kilowattstunden Strom über Festnetz oder WLAN und mehr als doppelt so viel, nämlich 4,4 Kilowattstunden, wenn ich den Film über ein mobiles Endgerät von unterwegs anschaue. Im Vergleich zum Stromverbrauch eines Drei-Personen-Haushalts kostet der Aufruf eines einzigen gestreamten Films von unterwegs etwa so viel wie ein halber Tag Strom für die ganze Familie.

Man muss konzedieren, dass das Leben vieler moderner Nomaden nicht ganz freiwillig gewählt ist. Urbanisierung, rezessive beziehungsweise volatile Zyklen von Arbeit haben dazu vehement beigetragen, die Globalisierung von wirtschaftlicher Tätigkeit und wirtschaftlichem Austausch ebenfalls. Rund 13 Millionen Menschen, damit rund 40 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer, also jeder Dritte von uns, pendelte 2019 regelmäßig zur Arbeit, Tendenz steigend.

Die meisten modernen Nomaden der arbeitenden Mittelklasse ziehen besseren Jobs nach und pendeln täglich oder mindestens wöchentlich zum Teil mehrere hundert Kilometer zu ihren Arbeitsstätten. Im ICE zwischen Düsseldorf und Frankfurt oder weiter nach Mannheim und Stuttgart begegnet man ihnen täglich und fühlt sich am Morgen im ICE-Abteil ganz genauso wie am Abend. Es geht zu wie in einem Großraumbüro: Die meisten Mitreisenden haben ihre Laptops aufgeklappt, telefonieren, gestikulieren, sind in ihrem Büroelement oder streamen einen Film - um sie herum verteilt die Ausstattungsbestandteile eines To-go-Frühstücks oder -Abendbrots.

Grenzenlose Mobilität als Lebensbedingung oder sogar als Lebensanspruch ist im Grunde eine Illusion, aber sie findet dennoch unaufhaltsam statt und hat verschiedene neue Ansprüche begründet, die von Digitalkonzernen und der Konsumindustrie permanent ausgeweitet werden. Dazu kommt vermehrtes Reisen als prinzipielle Freizeitbeschäftigung, der heute lebenslang und vielfach im Jahr nachgekommen wird.

Wir verbringen alle viel mehr Zeit unterwegs, doch Unterwegssein soll heute keinesfalls mehr mit Abstrichen verbunden sein, sondern ganz im Gegenteil eher mit einem höheren Maß an Bequemlichkeit. Ein neuer Megatrend ist geboren, der sich mittlerweile unter der Formel »Convenience-Philosophie« auch in zahlreichen Marktstrategien von Unternehmen findet. Sowohl jene Firmen, die Produkte des täglichen Bedarfs herstellen, wie auch alle Unternehmen, die Dienste für das tägliche Arbeiten oder Leben zur Verfügung stellen, haben sich auf "On-the-go-Nutzer" als Kunden eingestellt. Und sie haben Convenience-Leistungen als eine zentrale Kategorie ihrer Unternehmensangebote auserkoren.

Dr. Marieluise Wolff leitet als Vorstandsvorsitzende die ENTEGA AG, einen der großen deutschen Energieversorger in öffentlicher Hand, und ist Präsidentin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW). Die studierte Anglistin und Musikwissenschaftlerin hat über 30 Jahre Erfahrung in den verschiedensten Positionen der deutschen Industrie gesammelt. Darüber hinaus sitzt sie in zahlreichen Gremien und Aufsichtsräten, unter anderem im Kuratorium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

(Marie-Luise Wolff)