Die Corona-Krise und was sie bewirkt

Woran man sich erinnern sollte - 7. und letzter Teil, jedenfalls vorläufig

Von den Corona-Monaten heißt es immer noch, nach ihnen sei nichts mehr, wie es vorher war. Obwohl sie das Zeug dazu hätte, kritisches Nachdenken und gesellschaftliche Einsichten zu befördern, steht zu befürchten, dass auch die Pandemie-Krise eine bleibt, die nichts und niemanden ändert.

Volksgesundheit

Für einen ersten Befund hierzu soll exemplarisch die AfD stehen - obwohl auch Mitglieder anderer Parteien, Journalisten, der Mann auf der Straße sowie Forenteilnehmer dieses Onlinemagazins dafür heranzuziehen wären. Alice Weidel, Volksvertreterin in der Opposition, hielt Mitte März der Regierung vor, das Virus, dessentwegen die anderen EU-Länder ihr "öffentliches Leben praktisch einstellten", könne sich im Deutschland dank der Merkelschen Untätigkeit "ungehindert ausbreiten". Keine zehn Wochen später forderte dieselbe Frau im erneut verspürten Volksauftrag, die Maskenpflicht müsse fallen, die Wirtschaft sei sofort wieder hochzufahren, um die "desaströse Chaos-Politik der Bundesregierung" zu beenden.

Um einen Vergleich mit den genannten Online-Foren zu machen: In ihnen las man anfangs Kommentare, die allen Ernstes mutmaßten, die Seuche käme, ihrer Wirkung auf die Risikogruppe der Älteren wegen, der Regierung gerade recht, um die Probleme der Renten-Finanzierung zu beheben. Im weiteren Krisenverlauf schlugen solche Klagen dann um und bemängelten, dass "unsere Wirtschaft" und "unsere Grundrechte" geopfert würden, bloß um einer kleinen Minderheit von Alten ein halbes Jahr Leben zu retten.

Um gedankliche Übergänge dieses Kalibers zu tätigen oder nachzuvollziehen, statt stutzig oder selbstkritisch zu werden, braucht es die feste Überzeugung von einer Zuständigkeit des Staats, die an dessen Allmacht zu glauben scheint. Denn die umfassende Abhängigkeit von den seuchenpolitischen Entscheidungen und Maßnahmen, welche die Obrigkeit den "Mitbürgerinnen und Mitbürgern" serviert, weckt in Letzteren offenbar den Anspruch oder wenigstens die Hoffnung, dass ihnen "Vater Staat" - als könne er eine nicht beherrschte Virusinfektion einfach ungeschehen machen - Ansteckung und vorzeitigen Tod erspart. Und dort, wo er sich auf seine Weise dieses Anliegens annimmt, also der Volksgesundheit einen Vorrang vor dem Geldverdienen einräumt, trifft ihn die Erwartung, dies habe gefälligst ohne größere Beeinträchtigung von bürgerlichen Interessen und Rechten abzugehen. Der untertänige Wunsch nach einer guten Herrschaft kriegt solche Disparitäten durchaus unter einen Hut.

Sie verraten etwas Grundlegendes. Gesundheit mag das sprichwörtlich "höchste Gut" für einen Schwerkranken sein, der endlich wieder ein paar Lebensinteressen realisieren will. Das ist sie aber weder für den Staat noch für den arbeitsfähigen Bürger; für beide besitzt sie den Charakter eines Mittels. Der Staat weiß sie als unerlässliche Bedingung für eine funktionierende Marktwirtschaft, der im Normalbetrieb mit medizinisch betreuten "Zivilisationskrankheiten", mit Orthopädie, Psychotherapie, durch Arbeitsschutz, Grenzwerte u.ä. hinreichend gedient ist.

Im Fall einer Pandemie ist es der Sache nach geboten, von der Symptombehandlung und Schadensbegrenzung wenigstens so weit zur wirklichen Bekämpfung der Ursachen überzugehen, dass eine Überlastung, gar ein Zusammenbruch des Gesundheitswesens vermieden werden. Ein Staat, der dieser Notwendigkeit folgt - was unterstellt, dass er dazu auch die materiellen, personellen und finanziellen Mittel besitzt -, muss vorübergehend die Bedingung Volksgesundheit über ihren marktwirtschaftlichen Zweck des Gelderwerbs stellen und diesen damit beschädigen.

Dieser Widerspruch ist dafür verantwortlich, dass ein Staat sich seinen Lockdown dreimal überlegt, ihn dann mehr oder weniger entschlossen durchführt, später mit Öffnungen experimentiert, Risiken eingeht und wieder begrenzt usw. Entlang dieses unvermeidlichen Hin und Hers sortieren sich die verschiedenen Pandemie-Maßnahmen der Industriestaaten.

Auch die Bürger kennen eine Funktionalität ihrer Gesundheit. Für manche soll sie das Rauchen oder das Bergsteigen aushalten. Alle brauchen sie für ihren Lebensgenuss. Aber bevor der losgeht, ist jeder und jede auf Gesundheit angewiesen, weil sie ihm und ihr die Erwerbsfähigkeit gewährleistet. Leider ist das Arbeitsleben der großen Mehrheit so beschaffen, dass es die Gesundheit nicht nur braucht, sondern auf Dauer auch verbraucht und untergräbt. In aller Regel zählen die Normalbürger diesen Vorgang aber zu den akzeptierten Lebensumständen, denen sie das nötige Geld für ihre privaten Bedürfnisse, Interessen und Vergnügen abgewinnen müssen und wollen. Dafür fordern sie vom Staat den Schutz ihrer Gesundheit - genauso, wie sie ihm übelnehmen können, dass er ihre freie Verfügung über dieselbe aus Seuchengründen limitiert und sie in Sachen Arbeit wie Freizeit "bevormundet". Auch auf Bürgerseite existiert also ein Widerspruch zwischen Gesundheit und ihrer Verwendung.

Prekarität

Natürlich hat es sich als Mangel in der Pandemie-Vorsorge erwiesen, dass aus Kostengründen kaum Schutzkleidung bevorratet wurde bzw. ihre Produktion im Interesse eines preisbewussten Gesundheitswesens nach Fernost abwandern durfte. Auch die gewinnorientierte Privatisierung von Krankenhäusern, der Abbau von Betten und die Überlastung des Personals aus Gründen der kaufmännischen Rechnung haben sich hier bemerkbar gemacht. Die gesundheitspolitische Rücksicht auf das Geschäftsleben wurde schon erwähnt. Es handelt sich schließlich um das Gesundheitswesen einer auf Geldvermehrung abonnierten Wirtschaftsweise, dessen Verantwortliche nicht versagen, sondern deren Rechnungsweise befolgen.

Die Kritik allerdings, die sich, wie flächendeckend geschehen, auf diese Mängel versteifte, war geeignet, das Wesentliche zu verpassen, die Frage nämlich, wie und warum ein Virus und seine Bekämpfung eine allgemeine Krise auslösen können, die massenweise Lebensinteressen schädigt, viele Existenzen gefährdet und etliche davon ruiniert. Diese Prekarität ist nicht der Pandemie, auch nicht den Gegenmaßnahmen anzulasten, sondern auf die polit-ökonomischen Voraussetzungen zurückzuführen, auf die sie treffen.

Das wäre eigentlich anhand der Corona-Erfahrungen nicht so schwer zu bemerken. Immerhin sind es die Einkommensbedingungen und Notwendigkeiten des kapitalistischen Normalbetriebs, die dafür sorgen, dass ihre bloße Unterbrechung schon existenzielle Konsequenzen für die Mehrzahl der Betroffenen hat. Wenn die vorübergehende Schließung des Kleingewerbes, die entfallenen Jobs für Freiberufler und vor allem die Unterbrechung des Bezugs von Lohn und Gehalt die Gefährdung der Lebenslage bedeuten, dann ist eines doch offensichtlich: Als Mittel zur Sicherung der eigenen Existenz taugen weder die lohnabhängigen Arbeitsverhältnisse noch bestimmte selbstständige Einkommen der unteren Ebene.

Beteiligte, die dies als praktisch erfahrene Wahrheit ihrer Lebensumstände festhalten, könnten durchaus einen Widerspruch zu ihrem Appell an den Staat bemerken, möglichst schnell den Status quo ante wiederherzustellen, in dem die akute Notlage ihren Ursprung hat.

Die Betroffenen sahen und sehen dies in aller Regel anders. Nicht in den normalen marktwirtschaftlichen Verhältnissen, die sie ihrer regelmäßig geäußerten Unzufriedenheit zum Trotz als ihr Lebensmittel begreifen, sondern in einer exzeptionellen Pandemie, in gesundheitspolitischen "Versäumnissen", später in den "überzogenen" Gegenmaßnahmen verorten sie den Grund der Misere.

Der relative Erfolg der Pandemiebekämpfung stachelt daher den Ruf nach Öffnung, den Streit um ihr Ausmaß sowie die Suche nach Schuldigen und ihren Motiven an. Vermutetes "Staatsversagen" wird zur Richtschnur des "kritischen" Nachdenkens. Viele demokratisch Gesonnene sehen sich von der Staatsmacht gegängelt und kontrolliert, ohne dass ein näheres Weiß-Warum dafür angegeben werden müsste. Eine gedankliche Extremform landet bei dem Fehlschluss, der epidemiologisch gebotene Mundschutz sei ein Maulkorb, der die Bürger an der Aufdeckung imaginierter Machenschaften hindern soll. Das halten abgeklärte Journalisten dann für lächerlichen Unsinn, die ihrerseits - und passend zu der im freien Europa entdeckten Rivalität zur VR China - die erfolgreichen Pandemie-Maßnahmen dort als Alibi und Hintertür "enthüllen", die ein inneres "Kontrollregime" und nach außen eine "Machtexpansion" zum wahren Ziel haben sollen.

Gemeinwesen Geld

Obwohl die Corona- Analyse in solche Höhen abheben kann, verfügt im Prinzip jeder Interessierte über die intellektuellen und informationellen Voraussetzungen, der Grundlage dieser Krise im ökonomischen Leben der Nation auf die Spur zu kommen.

Vom alten Marx stammt der Satz, wonach im Kapitalismus "das Geld das wahre Gemeinwesen" darstellt. Das ist kein moralischer Seufzer über die "Herrschaft des Mammon", sondern die prägnante Zusammenfassung von Folgendem: Der gesellschaftliche Austausch von Waren und Diensten, auf den jedermann unweigerlich angewiesen ist, findet im Wesentlichen nur darüber statt, dass verschiedene private Eigentümer ihre jeweilige Erwerbsquelle in Abhängigkeit von- und im Gegensatz zueinander zum Einsatz bringen. Die Eigner ihres persönlichen Arbeitsvermögens verkaufen es gegen Lohn. Die Unternehmer ziehen daraus Gewinn, weil das produktive Kapital ihr exklusives Eigentum ist. Immobilienbesitzer profitieren von der Miete. Handelsunternehmen beanspruchen einen Anteil dieser Einkommen. Die Banken schließlich verlangen für ihre Dienste an den Erwerbsquellen einen Zins.

Der bürgerliche Staat hat all diese Interessen ins Recht gesetzt und sucht sie durch regelnde Eingriffe, die nie enden, auf ein gedeihliches Verhältnis für eine Gesellschaft zu verpflichten, die auf Marktwirtschaft beruht. Er betreut also keine Symbiose.

Das zeigt sich im kapitalistischen Normalverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, wo der Erfolg des Kapitals systemisch auf dem Schaden der abhängig Beschäftigten beruht. Die konkurrenzgetriebenen Produktionsfortschritte haben den ökonomischen Zweck, Lohnkosten zu reduzieren oder zu effektivieren, wofür historisch wie gegenwärtig verschiedene Verfahrensweisen zur Anwendung kommen, die aus der Privatmacht des Eigentums an Produktionsmitteln hervorgehen. Sie beginnen bei der Lohndrückerei und der Verlängerung des Arbeitstags. Ihr Kern ist dessen Verdichtung durch eine Rationalisierung, die Arbeitskosten und Beschäftigte überflüssig macht. "Lohnveredelung" und Kapitalexport kommen hinzu.

Die Verelendung und die Gegenwehr des Proletariats haben den bürgerlichen Staat zu gewissen Eingriffen in dieses Klassenverhältnis bewogen, um es haltbar, also für Lohnarbeiter möglichst aushaltbar zu machen. Darin eingeschlossen ist eine sozialstaatliche Zwangsversicherung für beschäftigungslose Zeiten und das Alter. Auch das Recht zur Bildung von Gewerkschaften zählt hierzu, genauso wie ein gesetzlicher Mindestlohn. Solche Regelungen sind allerdings immer daran bemessen, dass die unternehmerischen Interessen in jedem Fall aufgehen. Von deren Erfolg, der Wachstum heißt, ist schließlich das gesamte Leben von Gesellschaft und Nation abhängig gemacht.

So kam und kommt ein von allen Wirtschaftssubjekten und vom Staat benötigter Fortschritt zustande, der im modernen und globalen Kapitalismus so ziemlich jede gesellschaftliche Tätigkeit dem Sachzwang seines Gelingens subsumiert hat. Der Normalmensch dient ihm nicht nur als Erzeuger von Gütern und Diensten, sondern auch als freier Konsument bis hin zum Urlaub. Die Grundbedingung Wohnen ist eine Ware mit Kosten, die viele dort nicht aufbringen können, wo sie arbeiten müssen. Teile der Infrastruktur oder des Gesundheitswesens wurden zu Geschäftssphären "dereguliert". Weltweite "Wertschöpfungsketten" optimieren in jedem Erdenwinkel die Verwertung von Kapital. Ein globales Kreditgeschäft sorgt schließlich für den Erfolg und Fortgang dieser Subsumtionen und hat die "Realwirtschaft" zur Basis seines eigenen Bestands und Fortschritts gemacht. Das alles lässt sich der Zeitung entnehmen.

Doppelkrise

Zu lesen und zu sehen war auch, was passiert, wenn ein Virus, genauer seine Bekämpfung durch den Staat, zuerst einige - und in der Folge, die dann "Abwärtsspirale" heißt, sehr viele dieser Wertschöpfungsketten unterbricht. Ihr Zusammenhang existiert ja nur über das Geld, das darüber verdient wird. Jeder Wirtschaftsbürger muss dann schauen, wo er mit seiner Erwerbsquelle bleibt.

Unternehmer retten sie per Entlassung und Kurzarbeit. Die Betroffenen schränken ihren Konsum ein, müssen auf staatliche Zuschüsse setzen und sich gegebenenfalls die Miete stunden lassen. Immobilienbesitzer kündigen an, dass sie auf Dauer nur Wohnungen zur Verfügung stellen können, die sich auch rechnen. Preise für Ein- und Verkauf verfehlen die nötigen Gewinnmargen oder versuchen sie zu erzwingen. Zur Beschränkung der Massenkaufkraft treten Ausfälle durch Marktverdrängung und Pleiten hinzu. Die Banken achten verstärkt darauf, nur das zu kreditieren, was solide Zinsen abwirft usw. So kommen sich die versammelten Konkurrenzinteressen zu Krisenzeiten in die Quere, und welche davon mehr oder weniger unter die Räder geraten, ist keine Frage.

Angesichts der doppelten, zunächst epidemischen, in der Folge dann ökonomischen Krisenlage kommt der bürgerliche Staat in einer Weise ins Spiel, die planwirtschaftliche Züge trägt. Produktionsaufträge für Gesichtsmasken werden abgesichert, Notfallbetten verdoppelt, der Außenminister lässt 200.000 Touristen heimholen und zigtausend osteuropäische Erntehelfer einfliegen. Löhne und andere Einkünfte werden substituiert, Staatsschulden mit mehr als zwölf Stellen sollen die Wirtschaft, so gut es geht, am Laufen halten, um vorhandenes Geschäft zu retten und künftiges vorzubereiten.

Die "Planwirtschaft" erfolgt also nur notgedrungen und vorübergehend. Dennoch repräsentieren die staatlichen Maßnahmen so etwas wie die "Vernunft" des kapitalistischen Gemeinwesens: Die Staatsgewalt stellt sich über die gegensätzlichen Konkurrenzinteressen ihrer Klassengesellschaft, weil ein "allgemeines Wohl" - den Sozialkundebüchern zum Trotz - in ihnen gar nicht existiert.

Sogar in Zeiten von Corona würden diese Klassen eher stur an ihrer jeweiligen Einkommensquelle festhalten - also weiterhin Gewinne machen oder Erwerbsarbeit verrichten -, als der Volksgesundheit durch eine soziale Distanzierung Rechnung zu tragen. Einen Geschmack davon liefern einige Bundesstaaten im "großen Freiheitsstall" (Heinrich Heine) unter Trump. Die staatliche Hoheit muss ihren Konkurrenzbürgern den Lockdown deshalb eigens aufnötigen und sieht sich gehalten, sich für die Einschränkung der Interessen, Rechte und Freiheiten zu rechtfertigen sowie die daraus entstehenden Folgen und Schäden einigermaßen zu kompensieren. Das muss ein Staat monetär, fiskalisch sowie ordnungspolitisch erstens einmal können.

Die Schädigung von Wirtschaftssubjekten, die der Staatskassen inklusive, wird dennoch nicht vermieden, macht also bei Bürgern wie in der Politik das Bedürfnis dringlicher, möglichst schnell in den alten Normalzustand zurückzukehren, wo wieder jeder seines Glückes Schmied sein darf. Dahin also, wo die aktuell erfahrene Misere ihren Ausgang nimmt, weil bei einem Großteil der Schmiede am Monatsende z.B. schlicht kein Geld mehr da ist.

Prinzip Hoffnung

Wie in jeder Krise so gilt für fortschrittliche und linksorientierte Zeitgenossen auch in den Tagen von Corona das Prinzip Hoffnung. Zwar erleben sie, dass die Regierungsparteien und ihre Anführer in solchen Zeiten Sternstunden verzeichnen. Sie setzen aber dennoch auf eine Lernwirksamkeit schlechter Erfahrungen - die leider noch nicht einmal für die linken Kritiker selbst zutrifft. Ihre Schlussfolgerungen sind über die in der Finanzkrise vor zwölf Jahren getätigten nicht hinausgekommen. Erklärtermaßen ermutigt sehen sie sich diesmal durch den vermeintlichen Umstand, dass der Staat beim Management der Pandemie und ihrer Folgen zu Taten fähig schien und scheint, zu denen er sich in seiner vordem "neoliberalen" Verfasstheit außerstande erklärt habe.

Diese Missinterpretation der "planwirtschaftlichen" Momente im Staatshandeln heißt in hoffnungsfrohem Englisch "The state is back!" (Trades Union Congress) und zeigt, dass der Ruf nach guter Herrschaft auch eine linke Variante hat. Statt in der politischen Ökonomie des Kapitalismus landet eine Systemkritik dieser Art bei der Vorstellung eines "handlungsfähigen Staats" - also da, wo der als "ideeller Gesamtkapitalist" (Engels) genau die Wirtschaftsweise betreut, deren schädliche Wirkungen auf die "kleinen Leute" so eindringlich beklagt werden.

Also ergehen Forderungen, der Staat müsse "das Geld dahin lenken, wo es gebraucht wird" (Wagenknecht), sein Konjunkturpaket müsse gerechter und mehr auf Umwelt und Zukunft hin ausgerichtet sein, vor allem "Milliardäre" seien an der Finanzierung der Krisenlasten zu beteiligen, eventuell sei auch ein "Infrastruktursozialismus" angezeigt, der Krankenhäuser, Verkehrsbetriebe u.ä. wieder in die öffentliche Hand überführt oder sie dort belässt usw.

Ob die Regierung das würdigt oder nicht: Solche Forderungen anerkennen durchaus die gültigen Interessen und Rechnungsweisen der herrschenden Gesellschaftsordnung - mindestens als die Basis einer "sozialeren", "gerechteren" und "umweltbewussteren" Umgestaltung. Ihre Vertreter stellen sich deshalb den Argumenten, die ihre "Mach- und Finanzierbarkeit" sowie ihre Verträglichkeit mit dem unentbehrlichen Wirtschaftswachstum bezweifeln. Dem begegnen sie mit Ideen zu "finanzierbaren" Sozialtransfers, alternativen Steuermodellen oder dem Ruf nach "Zukunftstechnologien", die sich auch verkaufen lassen.

Die Staatsmänner und -frauen im Amt weisen die in spe zunächst darauf hin, dass sie die Gesamtinteressen der Gesellschaft zu vertreten haben, zu denen auch die Braunkohle, der Verbrennungsmotor oder die Rüstungsexporte gehören, aber nicht die partikularen und "unrealistischen" Ansprüche - gerade jetzt in Krisenzeiten. Daneben macht die Krise gewisse Staatseingriffe durchaus fällig, verstärkt den Ruf nach Konkurrenzfähigkeit und Marktführerschaft mittels innovativer Produkte und beflügelt die Suche nach neuen Steuerquellen. Dabei steht selbstredend Rücksicht darauf an, dass der unternehmerischen Klasse genügend Eigenmittel, der Zugang zu Krediten und die nötige Motivation erhalten bleiben. Das macht sogar Dividenden-Ausschüttungen weiterhin "systemrelevant".

Die Lufthansa-Beteiligung des Staats und weitere Rettungsaktionen, die Finanztransaktionssteuer des Finanzministers oder die Forderung des Entwicklungsministers, Krisengewinner wie Amazon zur Kasse zu bitten, lassen sich aber links-demokratisch als "Schritte in die richtige Richtung" deuten, also als kleine Belege dafür, dass doch nichts so bleibt, wie es war …

Sozialpartnerschaft

Um ihr Profil in Sachen Innovationsfähigkeit zu schärfen, konnte die sozialdemokratische Partei eine Unstimmigkeit mit Teilen des DGB nicht ganz vermeiden, die im Konjunkturpaket auch Kaufprämien für konventionelle Autos untergebracht sehen wollten, während die SPD der E-Mobilität den Vorzug gab. Dass aber Arbeitsplätze, Umwelt, Innovation und Wachstum Hand in Hand gehen müssen und das bei der richtigen Sozialpartnerschaft auch können, war auf beiden Seiten unstrittig.

Die IG Metall hatte dazu Ende Januar für die neue Tarifrunde ein eigenes "Moratorium" vorgeschlagen, denn "die Uhr tickt" für die Zukunft des Industriestandorts Deutschland. Darin sieht die Gewerkschaft so sehr das Fundament für den Erhalt von Arbeitsplätzen, dass sie dafür den Ertrag daraus glatt zur Disposition stellt. Zwar schließt sie eine Lohnerhöhung generell nicht aus, "schließlich ist die private Nachfrage der größte Wachstumsfaktor". Das müsse den Unternehmen doch einleuchten - die dafür gemäß Betriebslogik nicht sich, sondern die verehrte Konkurrenz zuständig sehen. Jedenfalls "sieht die IG Metall […] von einer bezifferten Forderung zur Erhöhung der Entgelte [aber] ab", wenn die Unternehmen bereit sind, ihr Gewerbe "verantwortungs- und planvoll" zu betreiben:

Die Transformation [Digitalisierung und Energiewende] führt in den meisten Betrieben zu großen Veränderungen. Trotz der dringenden Notwendigkeit gibt es aber für viele Betriebe immer noch kein Konzept, wie die Arbeitsplätze gesichert und zukunftsfest gemacht werden können. Leider nutzen einige […] die aktuelle Lage zum Stellenabbau […], greifen zu Maßnahmen zur Kostenreduzierung: Standortschließungen und Arbeitsplatzabbau.

DGB

Das schießt deshalb an der Realität vorbei, weil das "Konzept" der Unternehmen, die exklusiv über "zukunftsfeste Arbeitsplätze" gebieten, nicht fehlt, sondern eben die "Kostenreduzierung" ist, damit die Gewinnrechnungen aufgehen, von denen auch die Beschäftigung abhängt. Mit dem Vorschlag einer sozialpartnerschaftlichen "Festlegung konkreter Investitions- und Produktperspektiven für Standorte und Beschäftigte, Vereinbarungen über Personalentwicklung und […] zum Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen", präsentiert die IG Metall einerseits in der Pose des "besseren" Unternehmers das Ideal einer Symbiose aus Beschäftigungssicherung und betrieblichem Konkurrenzerfolg. Andererseits wird darin der zugehörige Realismus deutlich: die Abhängigkeit vom Interesse der Gegenseite, dessen Gelingen eine moderne Gewerkschaft zu berücksichtigen weiß.

Corona fügte dem genannten Moratorium allerdings ein weiteres hinzu. IG Metall und Arbeitgeber einigten sich darauf, die Verhandlungen auszusetzen und die Löhne in diesem Jahr nicht zu erhöhen, um den Unternehmen hier Sicherheit zu geben. Arbeitnehmer mit kleinen Kindern erhalten zusätzliche freie Tage und Kurzarbeiter eine Zuzahlung von 350 Euro - ein Kompromiss im Geist des gemeinsamen Boots, der auch der staatlichen Krisenfinanzierung entgegenkommt. Ansonsten haben die Metallarbeitgeber die gewerkschaftliche Gleichung von "Zukunftssicherung der Unternehmen und der betrieblichen Beschäftigungssicherung" begrüßt, bitten um Verständnis, wenn sie zu Letzterer "keine verbindlichen Zusagen machen" können, verhandeln im nächsten Jahr aber gern weiter. So bleibt die IG Metall immerhin - "systemrelevant".

Der Autor war Lehrkraft an verschiedenen Schularten, bevor er 2016 das Berufsleben hinter sich ließ. Seit 2013 schrieb er regelmäßig für das Online-Magazin für Bildung und Erziehung AUSWEGE. Als dieses zum 1.1.2020 sein Erscheinen auf unbestimmte Zeit unterbrach, wechselte er zu Telepolis. Seine Aufsätze bei AUSWEGE sind weiterhin zugänglich.

(Georg Schuster)