Die Coronavirus-Infektionen in ganz Spanien wieder außer Kontrolle

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Die Lage entwickelt sich ähnlich wie im Frühjahr, die Infektionszahlen haben sich nun von einen auf den anderen Tag verdoppelt und die Zahl der Toten geht erwartungsgemäß hoch

Es hatte zwei Wochen gedauert, bis man auch im Auswärtigen Amt (AA) in Berlin endlich wahrgenommen hat, dass sich auch die Lage in der spanischen Hauptstadtregion Madrid fatal entwickelt, worauf an dieser Stelle bereits frühzeitig aufmerksam gemacht wurde. Dass sich die Lage im ganzen Land, auch auf der bei Urlaubern beliebten Insel Mallorca fatal entwickelt, entgeht den Experten in Berlin derzeit aber offenbar weiterhin.

Das galt über zwei lange Wochen auch für Madrid. Erst am Mittwoch wurde die Region, in der die Hauptstadt liegt, schließlich in die Liste der Länder und Regionen aufgenommen, vor denen nun auch bei "nicht notwendigen, touristischen Reisen" gewarnt wird. Madrid war der zentrale Infektionsherd im Frühjahr in Spanien. Nirgends waren so viele Menschen gestorben wie in der Hauptstadtregion. Lange ließ man sich in Berlin aber durch aufgehübschte Zahlen aus der Region an der Nase herumführen.

Deshalb kam die Warnung viel zu spät. Und, das ist besonders absurd, sie wurde auch nicht gleich für das gesamte Land ausgesprochen. Großbritannien und Norwegen, und dafür gibt es triftige Gründe, schicken Rückkehrer seit Wochen in eine Quarantäne. Auch die Schweiz zog vor einer Woche nach, nimmt aber die Kanaren und Balearen (noch) aus, was ebenfalls ein Fehler ist. Sogar die neuen offiziellen Infektionszahlen aus dem spanischen Gesundheitsministerium machen das mehr als deutlich.

Sie zeigen, dass begrenzte Warnungen wie vom AA nicht nur hanebüchen, sondern inzwischen schlicht unverantwortlich sind. Das hat auch damit zu tun, dass aus Madrid viele Menschen mit Viren im Gepäck an die Küsten ausströmen konnten - ganz ähnlich wie im Frühjahr, als der Alarmzustand angekündigt, aber keine Maßnahmen getroffen wurden, um Infektionsherde wie Madrid abzusperren.

Spanien ist nun auch bei den Infektionen in Europa Spitzenreiter. Inzwischen wurden am Donnerstag schon fast 8.000 infizierte Personen registriert, fast 3.000 davon waren neue Infektionen. Und das ist im Vergleich zum Mittwoch fast eine Verdoppelung. Das sind aber nur die offiziellen Zahlen des Gesundheitsministeriums, die stets mit großer Vorsicht genossen werden müssen, wie hier schon ausgeführt. Die Regionen melden oft andere und viel höhere Zahlen, die dann nicht in die Madrider Statistik einfließen.

Wiederholung der Situation im Frühjahr

Klar wird aber auch aus den Zahlen des Madrider Gesundheitsministeriums, dass die Lage in Spanien fast im gesamten Land wieder außer Kontrolle ist. Es wiederholt sich auch hier die Situation aus dem Frühjahr, als dies von den nationalen Behörden kleingeredet wurde. Es ist bekannt, wie sich die Lage danach entwickelt hat. Statt einer "Handvoll Fälle", die der Chef der Krisenbekämpfer Simon prognostiziert hatte, kam es ganz dick für Spanien.

Offiziell wurden mehr als 28.000 Tote verzeichnet, auch hier wird massiv gemogelt, denn die Übersterblichkeit stieg allein bis Mai auf etwa 44.000. Gelernt hat man aus den fatalen Vorgängen offensichtlich weder in einigen Regionalregierungen noch in der Zentralregierung.

Wie schon erwähnt, ist es einfach kurzsichtig, sich nur auf die Zahl der ermittelten neuen Infektionen zu stützen, wie es im AA geschieht. Diese Zahl ist sehr anfällig für Betrug. Erst im Verhältnis zur Zahl durchgeführter Test erhält die eine gewisse Aussagekraft. Und dringend sollte man sich, um ein ungefähres Bild zu bekommen, die Zahl der Einweisungen in Hospitäler anschauen.

Wenn sie vergleichsweise hoch ist im Vergleich zu neu entdeckten Infektionen, kann etwas nicht stimmen. Das ist seit geraumer Zeit in Madrid oder Andalusien der Fall, die beide von rechten Koalitionen mit Unterstützung der rechtsextremen Vox regiert werden. Auf dieser Basis konnte man längst vor der dramatischen Entwicklung in Madrid warnen.

So warnen inzwischen angesichts des neuen Chaos in der unverantwortlichen Regionalregierung auch Forscher, dass für "Madrid die Zeit abläuft". Allerdings weiß vermutlich auch Saúl Ares vom Obersten Rat für wissenschaftliche Forschung (CSIC), dass real die Zeit schon abgelaufen ist. Es kann jetzt (wieder einmal) nur noch darum gehen, den schlimmsten Schaden abzuwenden. Der Forscher macht in verschiedenen Tweets deutlich, wie sich die Lage in Madrid darstellt.

Madrid

Er setzt dabei neue Infektionen, Einweisungen in Hospitäler und Intensivstationen in ein Verhältnis zueinander. Zwar seien die Hospitäler nicht voll, aber das sei angesichts der exponentiellen Ausbreitung wohl nur eine Frage der Zeit. Denn Einweisungen und Tote gibt es erst deutlich nach der Diagnose. Nur solange die Zahl klein sei, sei sie wegen der exponentiellen Ausbreitung beherrschbar. "Wenn die Zahlen aufhören klein zu sein, ist es zu spät", erklärt Saúl Ares.

Ares sagt voraus, dass in einem Monat die Intensivstationen vermutlich wieder überlastet sein dürften. Wenn nicht eingegriffen werde, sei eine Katastrophe wie im Frühjahr zu erwarten. Er appelliert deshalb an die Regionalregierung. "GESTERN fehlten Hunderte Personen für ein Tracking, für Tests an jedem Kiosk, Maßnahmen in der Metro, Verstärkung der Primärversorung bis ins Unendliche und darüber hinaus."

Sehr deutlich lässt dieser Forscher die Alarmglocken schrillen. Man könne nicht "zu vorsichtig" und "zu eilig" sein. Das hätten die Erfahrungen im März gezeigt. Offensichtlich ist, dass es in Madrid an allem hapert, viel zu wenig getestet wird und die Region auch beim Personal zur Nachverfolgung von Infektionen ganz am Ende der Liste steht.

Worauf Ares abhebt, ist, dass die Region nun bei Einweisungen in Hospitäler offiziell mit 228 in den letzten sieben Tagen schon zum traurigen nationalen Spitzenreiter aufgestiegen ist. Madrid hat den bisherigen Infektionsherd Aragon (199) abgelöst, wo die 2. Welle vor einem Monat deutlich ausgebrochen war. Von Katalonien (68), wo man früh und scharf gehandelt hat, erst gar nicht zu sprechen.

Katalonien, Andalusien und Baskenland

Dort konnte die Regionalregierung die Lage stabilisieren. Sogar der oberste Krisenbekämpfer Simon dient Katalonien schon seit einer Woche als Beispiel dafür, wie man die Lage wieder in den Griff bekommen kann. Allerdings: auch das muss mit Vorsicht genossen werden (siehe unten).

In Katalonien wurden, trotz der vielen Test, nach offiziellen Angaben des Gesundheitsministeriums in den letzten 24 Stunden bis Donnerstag nur 164 Neuinfektionen festgestellt, in Madrid dagegen, mit einer geringeren Zahl an Test und einem praktisch inexistenten Tracking dagegen schon 842. Aber wie gesagt, aussagekräftiger ist die Zahl der Einweisungen in Krankenhäuser.

Inzwischen finden sich in Andalusien deutlich mehr Einweisungen in Hospitäler als in Katalonien. Das Gesundheitsministerium gab am Donnerstag 85 an, aber für lokale Stellen sind es am Freitag schon 142. Eine fatale Entwicklung. Trotz schwacher Testzahlen dort fanden sich dort mit 217 auch mehr neue Infizierte. Für Katalonien besteht seit Wochen eine Reisewarnung, für Madrid wurde sie gerade ausgesprochen und vor Andalusien wird im AA nicht gewarnt. Die Region wird nicht einmal erwähnt bisher, weil man offensichtlich in Berlin andalusische Tomaten vor den Augen hat.

Allerdings hat das AA nun auch das Baskenland endlich in die Warnungen aufgenommen, wo die Zahlen ebenfalls im Urlaubssommer explodieren. Es waren zuletzt 569 festgestellte Neuinfektionen in nur 24 Stunden. Solche Zahlen gab es ebenfalls seit März nicht mehr. Zwar konzentriert sich die Lage auf Biskaya um Bilbao herum, während es im Frühjahr einen Infektionsherd in der Verwaltungshauptstadt Gasteiz (Vitoria) gab.

Aber die Zahlen entwickeln sich auch in der Provinz Gipuzkoa um Donostia (San Sebastian) herum schlecht, die von der ersten Welle weitgehend verschont geblieben war. Man darf davon ausgehen, dass mit den Urlaubern auch verstärkt das Virus in die Region getragen wurde.

Mallorca und die Balearen

Und, da die Deutschen ja besonders auf Mallorca und die Balearen stehen, soll die schlechte Entwicklung dort nicht unerwähnt bleiben. An dieser Stelle wurde längst auch auf die sich zuspitzende Lage dort hingewiesen. Inzwischen hätte das Auswärtige Amt längst vor Reisen auf die Baleareninseln warnen müssen. Doch bisher wird nur halbgar darauf hingewiesen, dass zuletzt die Infektionszahlen "auch in Kastilien-Léon und auf den Balearen stark gestiegen sind, besonders betroffen ist dort Palma de Mallorca".

Eigentlich richtet man sich im AA an den Maßstäben des Robert-Koch-Instituts. Wird der Grenzwert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner überschritten, wird üblicherweise eine Warnung ausgesprochen. Dabei ist dieser Grenzwert nach Auskunft der Gesundheitsbehörde der Autonomieregion längst deutlich überschritten.

Es gibt 1.504 aktive Fälle auf den Balearen, der Wert liegt also bei etwa 130. Und das RKI verweist sogar darauf, dass auch Regionen, die den Grenzwert nominell unterschreiten, zum Risikogebiet erklärt werden können, wenn "die Gefahr eines erhöhten Infektionsrisikos vorliegt". Und das gilt ganz offensichtlich derzeit für ganz Spanien.

Es ist deshalb schon erstaunlich, wenn angesichts der Vorgänge in deutschen Zeitungen so getitelt wird: "Spanien wundert sich über die Wucht der zweiten Welle.".

Verwunderlich ist daran nichts, denn es wurde viel zu plötzlich und unkontrolliert geöffnet, um die darbende Wirtschaft mit Geld zu versorgen und die Tourismussaison nicht ganz zu verlieren. Ausgeführt wird in dem Artikel, dass die zweite Corona-Welle nicht lange auf sich warten ließ. "Keine zwei Monate nachdem das Virus scheinbar zurückgedrängt war."

Verwiesen wird darauf, dass in Saragossa (Aragon) die Notfallbrigade der Armee sogar schon wieder ein Feldlazarett aufgebaut hat. Der Artikel verweist darauf, dass der Zentralismus in Spanien es verhindert, dass Regionen lokal vorgehen und in Hotspots lokal einen Lockdown verfügen dürfen. Und das wirkt sich fatal aus, weil die Zentralregierung, wie im Frühjahr, es erneut verschläft, von sich aus zu handeln. Wie im Frühjahr wäre es nötig gewesen, die große Ausfahrt aus Madrid zu verhindern. Eilig wurde für heute (endlich) ein Treffen zur Koordination mit den Regionen einberufen.

Doch wie der Epidemiologie-Professor Miquel Porta aus Barcelona richtig zitiert wird, ist es "irrsinnig, dass die Politik keine Maßnahmen ergreift". Auch der Wissenschaftler hat ein Schreiben unterzeichnet, das in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde, in dem eine unabhängige Aufklärung der Vorgänge in Spanien gefordert wird.

Zahl der Toten

Dabei geht es auch darum, warum Spanien eine so hohe Zahl an Toten von bis zu 44.000 aufweist, warum sich 50.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen anstecken konnten, so viele wie in keinem anderen Land und vieles mehr. Auch Porta fordert Personal zur Nachverfolgung von Kontakten. "Wir brauchen Leute vor Ort, die ganz altmodisch nach Kontakten suchen", erklärt er und kritisiert, dass "einige Regionalregierungen tun nicht das, was sie angekündigt haben."

Inzwischen ist klar, dass nach der Zahl der Einlieferungen in Hospitäler und Intensivstationen nun auch die Zahl der Toten wieder steigt. Allein am Donnerstag wurden vom Gesundheitsministerium in Madrid 26 gemeldet.) Auch diese Zahl muss, wie üblich, mit viel Vorsicht genossen werden. Denn am Freitag meldeten allein die katalanischen Gesundheitsbehörden 28 Tote. Und nach deren Angaben gab es am Vortag auch keine 164 Neuinfektionen in Katalonien, sondern 450.

Diese Zahl ist in den letzten 24 Stunden nun nach ungeschönten katalanischen Angaben wieder auf über 1000 angestiegen. Es ist der zweite Tag in Folge, in dem auch in Katalonien die Zahl der gemeldeten neuen Infektionen gestiegen ist. Man darf wieder einmal gespannt sein, welche Zahlen daraus das spanische Gesundheitsministerium in Madrid übernimmt.

Auf dem Treffen zwischen Zentral- und Regionalregierungen wurde nun beschlossen, die Diskotheken wieder zu schließen, die in Spanien wieder aufgemacht worden waren.

Rauchen im Freien verboten

Das Rauchen im Freien wird nun verboten, wenn der Sicherheitsabstand möglicherweise nicht eingehalten werden kann. Das hatten einige Regionen schon eingeführt, da sich das Virus im Rauch besser verbreiten könne. Auch in Kneipen und Restaurants werden nun wieder Einschränkungen eingeführt, ähnlich, aber zaghafter wie die, die Portugal schon Anfang Juli eingeführt hatte und auch darüber die Lage in den Griff brachte.

Um 1 Uhr müssen nun Kneipen geschlossen werden, ab 24 Uhr dürfen keine neuen Gäste mehr angenommen werden. In Portugal mussten Bars um 20 Uhr schließen, Restaurants um 23 Uhr. In Spanien sollen nun die Abstände der Tische vergrößert und die Höchstzahl von Zusammenkünften auf 10 Personen verringert werden. (Ralf Streck)