"Die DB hat viele Baustellen"

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), nach dem Chaos in Mainz über die Probleme und Aussichten der Deutschen Bahn und die Forderungen der Gewerkschaft

Bahn-Chaos in Mainz, Pendler-Chaos in Wolfsburg, S-Bahn-Chaos in Berlin. Die Probleme der Deutschen Bahn (DB) – bzw. die für ihre Kunden – scheinen ohne Ende. Schon seit langem fordert vor allem die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ein Umdenken der Bahnführung. Berühmt-berüchtigt wurde der bundesweite GDL-Streik 2007, gegen den die DB gerichtlich erfolglos vorging und der zu einer breiten und teils heftigen öffentlichen Diskussion über "Kleingewerkschaften" in Schlüsselbereichen des öffentlichen Lebens und ihrer Macht führte.

In der GDL sind schätzungsweise 75% aller Lokführer organisiert, zudem andere Bahn-Beschäftigte, bereits während des Streiks 2007 kam es zu einer Übertrittswelle von hunderten Mitgliedern zur GDL. Als eine der wenigen Gewerkschaften in Europa kann die GDL einen Zuwachs ihrer Mitglieder verbuchen.

Im Interview zu diesen Thematiken äußert sich Claus Weselsky als Vorsitzender der GDL (wiedergewählt 2012 mit 90%) und Vize der Autonomen Lokführer-Gewerkschaften Europas (ALE). Weselsky ließ sich in den 70ern bei der Deutschen Reichsbahn zum Schienenfahrzeugschlosser und zum Lokführer ausbilden, seit zwanzig Jahren ist er im Betriebsrat und gewerkschaftlich aktiv. Wie sein Vorgänger, Manfred Schell, ist er Mitglied der CDU (Schell stimmte als einziger CDU-Bundestagsabgeordneter gegen die Bahnreform).

Die Bahn verkündete vor wenigen Tagen, die Probleme in Mainz seien nun beendet und alles wäre nun wieder normal. Sehen Sie das genauso: Bahnfahrer können nun beruhigt sein?
Claus Weselsky: Für die Bahnfahrer ist das Problem in Mainz ausgestanden. Für das Zugpersonal nicht. Fahrdienstleiter, Lokomotivführer und Zugbegleiter schieben haufenweise Überstunden vor sich her. In Bayern haben viele Lokomotivführer schon zum Oktoberfest ihre Jahresarbeitszeit erreicht. Hinzu kommen die typischen Probleme bei Personalmangel, wie kurzfristiger Dienstantritt oder Ausfall von Schichten - und somit keine Planungssicherheit. Hinzu kommt, dass der Wunsch-Urlaubstermin oft nicht genehmigt wird.
Der Verweis der Bahnführung auf den positiven Status quo ante lässt aufhorchen. War denn vor den Mainz-Problemen alles in Ordnung?
Claus Weselsky: Nein. Seit 1994 wurde bei der DB auf Teufel komm raus Personal abgebaut. Bahnchef Mehdorn hat alles der Börsenfähigkeit untergeordnet. Jetzt wird zwar wieder vermehrt eingestellt, nicht zuletzt auf unseren Druck, aber erstens ist so schnell kein qualifiziertes Personal zu finden. Und zweitens muss die DB auch mehr für qualifiziertes Personal tun. Allein bei der Deutschen Bahn fehlen 800 Lokomotivführer.
Sie wurden am letzten Montag auch vor dem Bundestags-Ausschuss gehört? Worum ging es Ihnen dabei?
Claus Weselsky: Wir fordern eine realistische Personalplanung. Das heißt im Klartext, dass 800 Lokomotivführer und jede Menge Zugbegleiter bei der DB eingestellt werden müssen. Überstunden in Geld transferieren, ist keine dauerhafte Lösung, um mehr Personal an Bord zu haben. Langzeitkonten, bei denen Überstunden in die Zukunft verschoben werden, auch nicht. Es ist außerdem dem Familienleben nicht gerade förderlich, wenn fünf Wochenenden am Stück gearbeitet werden müssen und man zwei Wochen vor Weihnachten immer noch nicht weiß, ob man Dienst schieben muss.

Direkter Zusammenhang zwischen dem ständig wachsenden Wasserkopf und der abnehmenden Produktivität

Sie sind Fachmann. Was ist für den Winter zu erwarten? Im Sommer hatte die Bahn ja Glück, dass es erst spät heiß wurde.
Claus Weselsky: Die DB hat viele Baustellen. Die neuen ICE werden nicht geliefert. Es gibt einen Investitionsrückstau in der Infrastruktur. Hinzu kommt das Hochwasser. Vom gravierenden Personalmangel haben wir ja schon gesprochen. Aber trotz alledem hat die DB viele engagierte Eisenbahner, die das System am Laufen halten.
Im Gegensatz zu fast allen anderen Gewerkschaften erfreut sich die GDL eines sehr regen Mitgliederzulaufs. Wie erklären Sie sich das? Haben die anderen Gewerkschaften ihre jeweiligen Postionen verraten, um es grob zu sagen?
Claus Weselsky: Wir kennen die Probleme und Nöte unserer Mitglieder und wir tun etwas dagegen. Und wir haben Mitglieder mit Courage. Wir können vernünftige Tarife nur dann schließen, wenn unsere Mitglieder auch hinter uns stehen. Das tun sie und das wissen auch die Arbeitgeber. Und: Wir haben es nicht nötig zu klüngeln. Aus all diesen Gründen haben wir die Löhne und Arbeitsbedingungen der Lokomotivführer in den vergangenen Jahren stark verbessert, was zweifelsohne dringend nötig war. Wir sind als Berufsverband viel näher an unseren Mitgliedern und bieten ihnen zusätzlichen Komfort, wie zum Beispiel technische Informationen, Unterstützung bei der Qualifikation und berufsspezifische Betreuung innerhalb unserer Ortsgruppenstrukturen.
Die Einkommen der Lokomotivführer könnten höher sein, obwohl die Bahn ständig die Preise erhöht. Auch für Normalverdiener ist Bahnfahren oft ein Luxus, während Prestigeprojekte gefördert werden. Wie betrachten Sie diese Entwicklung?
Claus Weselsky: Statt Stuttgart 21 könnten viele kleinere Baustellen in der Infrastruktur beseitigt werden, wie zum Beispiel marode Tunnel- oder Brückenbauten. Man kann den Euro eben nur einmal ausgeben. Es muss mehr Wert auf eine flächendeckend, gut vertaktete Infrastruktur gelegt werden. Dann kommen auch die Kunden. Sicher spielt auch der Preis eine gewisse Rolle, aber in die Preispolitik für Fahrkarten mischen wir uns nicht ein. Wir finden es nur unangebracht, wenn die regelmäßigen Preiserhöhungen der DB immer wieder mit den angeblich stark steigenden Löhnen begründet werden. Vielmehr sehen wir einen direkten Zusammenhang mit dem ständig wachsenden Wasserkopf im Konzern und der trotzdem abnehmenden Produktivität. Mehr Häuptlinge als Indianer ist die eine Seite der Medaille: Wenn die Häuptlinge dann auch noch immer weniger Ahnung vom Eisenbahnverkehr haben, dann wird es eben so, wie es sich momentan abzeichnet.

Eine Reglementierung der Berufsgewerkschaften über die Tarifeinheit ist nur mit einer Verfassungsänderung möglich

Es gab Pläne der Bundesregierung, sog. Kleingewerkschaften wie die GDL stärker in puncto Arbeitskampf reglementieren, damit nicht "eine Minderheit über die Mehrheit entscheidet" - wäre dadurch nicht ein hart erkämpftes Streikrecht unterminiert?
Claus Weselsky: Ja, klar! Mit guten Worten alleine sind keine guten Tarifverträge möglich, sondern nur mit einem hohen Organisationsgrad. Schon eine Streikdrohung reicht oft aus, um vernünftige Löhne zu vereinbaren, ansonsten sitzen die Arbeitgeber in anderen Branchen immer am längeren Hebel. Eine Minderheit entscheidet auch nicht über eine Mehrheit, das ist eine immer wieder aufgerufene Mär der Arbeitgeber. Wir schließen die Tarifverträge für Lokomotivführer bei der Deutschen Bahn und in vielen Privatunternehmen, dort auch noch für die Zugbegleiter. Das Zugpersonal mit den vielen Problemen im unregelmäßigen Schicht- und Wechseldienst braucht spezielle Regelungen und dazu braucht es eine spezielle Interessenvertretung in einer Berufsgewerkschaft.
Eine Reglementierung der Berufsgewerkschaften über die Tarifeinheit ist aber nur mit einer Verfassungsänderung möglich. Wird uns berufsspezifischen Gewerkschaften jedoch das Recht auf Koalitionsfreiheit abgesprochen, dann würden wir bis zum Bundesverfassungsgericht gehen. Das eigentliche Ziel der Arbeitgeber ist doch eine erhebliche Schwächung von schlagkräftigen Berufsvertretungen. Die schwächer organisierten Großgewerkschaften sind doch pflegeleichter und nehmen schneller Angebote der Arbeitgeber an, weil ihnen die Durchsetzungskraft fehlt. Das bedeutet dann mehr Arbeitszeit, niedrigere Zuwächse oder manchmal auch Lohneinbußen.
Der Beruf des Lokomotivführers galt von jeher als attraktiver Beruf. Geht dieser schöne Ruf durch die starke Ökonomisierung der Verkehre immer mehr verloren?
Claus Weselsky: Natürlich machen ständige Dienstplanänderungen, der unregelmäßige Schicht- und Wechseldienst und auch manchmal das Betriebsklima Probleme. Aber die meisten Kollegen sind trotz alledem aus tiefster Seele Lokomotivführer.
Über die Privatisierung wird viel gestritten. Wie stehen Sie dazu?
Claus Weselsky: Die wichtigste Frage ist doch: Welche Bahn braucht und will dieses Land angesichts steigender Mobilität und ständig verstopfter Straßen? Das muss die Gesellschaft und somit die Politik festlegen. Das heißt: Die Schieneninfrastruktur darf in keinem Fall an die Börse. Vielmehr muss sie überführt werden in eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Zu den jetzigen Konditionen ist ein Börsengang auch für die Transportgesellschaften ausgeschlossen - und ob sich das jemals rechnet, darf bezweifelt werden. Ob Börsengang oder nicht: Für uns ist es das Gebot der Stunde, dass insbesondere jene angemessene Löhne/Arbeitsbedingungen erhalten, die tagtäglich dafür sorgen, dass die Bahn pünktlich, zuverlässig und kundenfreundlich verkehrt.
Die GDL vertritt nicht nur Lokführer. Wie bewerten Sie die Arbeitssituation der anderen Beschäftigten. Was verändert sich?
Claus Weselsky: Egal ob Lokomotivführer oder Zugbegleiter. Sie haben dieselben Probleme. Und wir sind angetreten, diese zu lösen oder zumindest zu verringern, sei es bei der Personalplanung, der Schichtgestaltung und nicht zuletzt bei den Löhnen. Allerdings ist nicht zu bestreiten, dass auch andere Beschäftigtengruppen eine bessere Interessenvertretung benötigen, wie zum Beispiel Fahrdienstleiter. Hier sieht man ganz deutlich die fehlende spezifische Interessenvertretung und damit einhergehend auch einen niedrigen Organisationsgrad.

Von der SBB in der Schweiz kann sich die DB einiges abschauen

Gibt es Ihrer Meinung nach auch positive Entwicklungen im Bahnverkehr - politisch, technisch usw.?
Claus Weselsky: Ja, denn der Anteil Eisenbahnverkehr ist ständig gewachsen, was positiv für die Arbeitsplätze in diesem Verkehrssegment ist. Technisch gesehen gab es eine Zeit lang den Wunsch, möglichst alles ohne die Menschen durchzuführen. Das hat sich aber wieder gewandelt und es herrscht der feste Wille, Service und Sicherheit auch durch die Menschen zu gewährleisten.
Zusätzlich nehmen wir einen immer stärkeren Willen im Lande wahr, der sich auf die Vertaktung des Eisenbahnverkehrs konzentriert und dadurch die Investitionsentscheidungen in die Infrastruktur unter einen objektiven Maßstab bringen will. Wir befürworten das, weil derzeit viel zu viele Leuchtturmobjekte in Richtung Hochgeschwindigkeitstrassen laufen und die Entscheidungen nicht an den tatsächlichen Geschwindigkeitserfordernissen ausgerichtet werden.
Gibt es Länder, in denen nach Ihrer Meinung die Bahn besser funktioniert. Und was kann die Deutsche Bahn lernen?
Claus Weselsky: Von der SBB in der Schweiz kann sich die DB einiges abschauen, wie den Ausbau der Infrastruktur in einem viel schwierigeren Gelände, die Vertaktung der Züge und nicht zuletzt das Image. Die Schweizer lieben nicht nur ihre Bahn, sondern sie sind auch bereit, die dafür notwendigen Mittel aufzubringen. Wir sind noch ein ganzes Stück davon entfernt.
Gerhard Polt meinte mal, die heutigen Züge hätten nichts Romantisches und Gemütliches mehr: Kein Rauchen, Kein Essen, Fenster nicht zu öffnen. Sehen Sie das auch so?
Claus Weselsky: Wenn ich von Leipzig nach Frankfurt fahre, ist mir ein schnell fahrender, klimatisierter ICE lieber als ein überfüllter Bummelzug. Ein Bordrestaurant gibt es hier auch und ich denke, alle sind froh, wenn man beim Essen nicht mehr von Rauchern belästigt wird. Ist die Technik auch wirklich in Ordnung, dann braucht man kein Fenster zum Öffnen. Wir haben einen hohen Reisekomfort und sind es gewohnt, schnell durch Deutschland und auch Europa zu reisen, ob dienstlich oder privat spielt dabei keine Rolle und die Romantik tritt dabei in den Hintergrund.
Wenn ich mit der Harzer Schmalspurbahn auf den Brocken fahre, dann nimmt man auch die zugige und rauchende Dampflok in Kauf, aber da ist die Touristenattraktion im Vordergrund und auch die Bewahrung der Tradition, nicht die Reisegeschwindigkeit. Da habe ich natürlich andere Prioritäten und es stellt sich auch Romantik dabei ein.
Wie sehen Sie kommenden Tarifverhandlungen entgegen? Wird die GDL ihr eigenständiges Profil beibehalten?
Claus Weselsky: Die momentan laufenden Tarifverhandlungen zum Zukunft-Tarifvertrag zeigen schon wieder klar auf, wohin unsere Reise geht. Unsere Klientel hat spezielle Arbeits- und Einkommensbedingungen, weil es spezielle Berufe hat. Aus diesem Grunde müssen wir auch die spezifischen Interessen vertreten und fordern deshalb in den Tarifverhandlungen, das was notwendig ist.
Wir werden in der Entgeltrunde im Sommer 2014 sicherlich alles daran setzen, bei der DB auch die Zugbegleiter zu tarifieren, weil wir mittlerweile schon 30 Prozent der Zugbegleiter bei der DB organisieren. Einerseits soll nur die Gewerkschaft einen Vertretungsanspruch erheben und das Klientel auch tatsächlich tarifieren, die einen guten Organisationsgrad hat. Andererseits ist der Personenkreis in der täglichen Arbeitspraxis sehr eng mit uns am Zuge unterwegs und unterliegt oftmals den gleichen Prämissen. Deshalb macht auch die gemeinsame Interessenvertretung an der Stelle absolut Sinn. Dann werden die Tarifverträge für das gesamte Zugpersonal unsere Handschrift tragen.
Wenn junge Menschen heute Lokomotivführer werden wollen - würden Sie ihnen zuraten?
Claus Weselsky: Ja, jetzt wieder, weil es uns gelungen ist, den Traumberuf eines jeden Jungen wieder attraktiver zu machen und weil wir auch zukünftig darauf achten werden, dass Qualifikation und Einkommen in einer Waage stehen. Darüber hinaus haben wir im Markt selbst schon einen Umschwung herbeigeführt. Die Arbeitgeber wollen wieder besser motivierte und qualifizierte Mitarbeiter und ihnen ist klar, dass dies auch etwas kostet. Insoweit wollen wir dauerhaft darüber wachen, dass es auch so bleibt.
Noch ein Reisetipp, bitte: Sie sind wahrscheinlich ein Zugenthusiast. Welche Bahnstrecke ist die schönste der Welt?
Claus Weselsky: Als Lokomotivführer bin ich immer wieder gern die Strecke von Bad Schandau nach Sebnitz gefahren, weil sie nicht nur landschaftlich wundervoll ist, sondern auch eine ingenieurtechnische Meisterleistung abbildet, mit den vielen Tunneln und Brücken mitten durch das Elbsandsteingebirge. Als Dienstreisender habe ich nach der Wiedervereinigung die alte Rheinstrecke von Koblenz nach Bonn schätzen gelernt. (Marcel Malachowski)