Die Deutschen fallen in die Depression

Nach dem DAK-Gesundheitsreport sinkt der Krankheitsstand, während vor allem bei den jungen Menschen Angst und Depression "dramatisch" zunehmen

In Deutschland kommt keine Stimmung auf. Die nationalen Rucks sind nur ein schwaches Zittern. Anstatt Aufbruch wollen alle nur ihre Bestände sichern oder ausbauen. Gegen die miese Laune hilft kein Holzen gegen den jeweiligen politischen oder gesellschaftlichen Gegner, da alles nur zurück kommt und die Lage verfahren erscheint. Niemand glaubt derzeit, dass es mit der Regierung oder mit dem Regierungswechsel aufwärts gehen kann. Und tatsächlich schlägt sich diese Stimmung auch bei den Einzelnen nieder. Die Menschen haben mehr Angst um ihren Arbeitsplatz und machen kaum mehr krank, sagt zumindest die Angestelltenkrankenkasse DAK, während gleichzeitig die psychischen Probleme "dramatisch" zunehmen.

Die BBC spricht schon von der neuen deutschen "Großen Depression" und spielt damit auf die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse des DAK-Gesundheitsreports 2005 an. Danach hat die Menschen in Deutschland tatsächlich die Angst am Wickel.

Wer noch Arbeit hat, klammert sich fest und schuftet immer mehr für weniger Geld, um den großen Unternehmen Gewinne zu bescheren, die trotzdem Arbeitsplätze abbauen oder ins Ausland verlegen. Natürlich traut man sich da nicht mehr krank zu feiern oder auch bei tatsächlicher Erkrankung Zuhause zu bleiben, wenn es irgendwie geht. Der Krankenstand ging von 2003 nach den Statistiken der DAK, die 2,6 Millionen Mitglieder (63% Frauen, 37% Männer) hat, noch einmal von 3,5 auf 3,2 Prozent zurück (so hoch wie 1998). Wer es sich eher erlauben kann, wird eben eher auch mal krank. So sind die Branchen mit dem geringsten Krankenstand "Rechtsberatung/Wirtschaftsprüfung" und "Datenverarbeitung", die mit dem höchsten "Öffentliche Verwaltung" und "Gesundheitswesen". Aber vielleicht trügt der erste Anschein.

Dabei scheint die Angst – oder die Disziplin – in den westlichen Bundesländern mit durchschnittlich 3 Prozent stärker durchzuschlagen als in den östlichen mit 3,8 Prozent, obwohl die Arbeitslosenzahlen eigentlich eher das umgekehrte Verhältnis vermuten ließen. Und die Länder im Süden haben die geringsten Krankenstände. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen fallen demgegenüber kaum ins Gewicht. Besonders weggebrochen sind die kurzfristigen Erkrankungsfälle. Man geht eben nun auch in die Arbeit, wenn es irgendwie geht. Daher ging die Zahl der Erkrankungsfälle zurück, für den Krankenstand verantwortlich sind wenige, aber langfristige Krankheitsfälle. So stellen schwere Erkrankungen, die sich über mehr als sechs Wochen hinziehen, zwar nur vier Prozente aller Krankheitsfälle dar, sind aber "aufgrund ihrer langen Dauer für mehr als 40 Prozent des Krankenstandes verantwortlich".

Das aber ist nur die eine Seite der Zwangsmaschinerie, in der sich die Deutschen befinden oder zumindest meinen, sich zu befinden. Bezahlt wird der anwachsende Stress offenbar – und wenig verwunderlich – mit einer Zunahme von psychischen Störungen. Zwar stehen sie noch immer erst an vierter Stelle nach Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Atmungssystems sowie nach Verletzungen, aber nach den Statistiken der DAK gibt es hier einen rasanten Anstieg: "Von 1997 auf 2004 stieg die Zahl der Fälle bei psychischen Erkrankungen um 70 Prozent."

Dazu trage bei, dass die Menschen heutzutage eher einen Therapeuten aufsuchen und Ärzte eher ein psychisches Problem diagnostizieren, aber es gebe nach Auskunft von Experten in der Tat auch mehr Fälle, während die Arbeitssituation ("überhöhte Anforderungen, geringe Möglichkeit der Einflussnahme sowie hohe Unsicherheit") öfter "schlechtere Rahmenbedingungen" aufweisen. Genannt werden hier Arbeitsverdichtung, Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und diskontinuierliche Erwerbskarrieren, die Dienstleistungsgesellschaft, die neu kommunikative und emotionale Fähigkeiten erfordert, und die Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit, wenn "Überforderung oder starke Fremdkontrolle" vorliegen.

Am häufigsten kommen Depressionen und Angststörungen vor. Besorgniserregend sei besonders, dass die stärkste Zunahme bei den jungen Menschen beobachtet werden, also jenen, die mit der Arbeit beginnen, erste Erfahrungen damit gemacht haben oder als Arbeitslose außen vor bleiben. Am stärksten davon betroffen sind "die Altersgruppen der 15- bis 29-Jährigen (bei den Frauen) bzw. der 15- bis 34-Jährigen (bei den Männern)", die Zunahme zwischen 1997 und 2004 liegt hier manchmal bei mehr als 100 Prozent. Die meisten psychischen Erkrankungen gibt es übrigens in der "Öffentlichen Verwaltung" und im "Gesundheitswesen", "Bildung, Kultur, Medien" liegt in der Mitte, am wenigsten gibt es beim "Handel" und der "Rechtsberatung". (Florian Rötzer)