Die Deutschen rüsten sich auf

Nach einem Bericht gibt es in den europäischen Staaten weit mehr Waffen in Privatbesitz als vermutet, Deutschland und Frankreich stehen mit an der Spitze

Kleine Waffen und Handfeuerwaffen sind die eigentlichen Massenvernichtungswaffen (Biowaffen, Infowar oder Kalashnikov?). Mehr als eine halbe Million Menschen fallen ihnen jährlich zum Opfer, 300.000 bei militärischen Konflikten. Verwundet werden damit jährlich 1,5 Millionen Menschen. Sie sind weltweit verfügbar, relativ billig, einfach zu bedienen und so leicht, dass auch Kinder sie bedienen können. Mit diesen Waffen sind nicht nur Bürgerkriegsgebiete oder Gesellschaften wie Afghanistan oder der Irak überschwemmt, sondern auch alle westlichen Gesellschaften - oft mit illegal erworbenen. Und das eben nicht nur in den USA, sondern auch in vielen europäischen Staaten.

Gerade hat wieder einmal ein 16-jähriger Schüler in Coburg eine Lehrerin angeschossen und sich anschließend selbst getötet. Er war ausgerüstet mit zwei Schusswaffen in die Schule gekommen - und hätte sehr viel Schlimmeres anrichten können, wenn er vor seinem Selbstmord nicht Lehrerin und Mitschüler aus dem Klassenzimmer hätte gehen lassen. Wie leicht Waffen zu erhalten und dann auch verheerend einzusetzen sind, hatte sich in Erfurt am April letztes Jahr gezeigt, als der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen und anschließend sich selbst erschoss. Insgesamt sind alleine bei Massenschießereien in Frankreich (Nanterre), Deutschland (Erfurt), Italien (Chieri) und in der Schweiz (Zug) 47 Menschen getötet und 36 verletzt worden.

Weltweit gibt es nach dem Small Arms Survey 2002 an die 640 Millionen Kleinwaffen. In den USA alleine gibt es zwischen 238 und 276 Millionen Kleinwaffen. Auf 100 Menschen kommen zwischen 83 und 96 Waffen, so dass sich das Land allmählich einem Verhältnis von einer Waffe pro Einwohner näher. Wie der Small Arms Survey 2003 berichtet, ist aber auch Europa mit Waffen überschwemmt. In den 15 EU-Mitgliedsstaaten soll es 84 Millionen Klein- und Handfeuerwaffen geben, 80 Prozent in Privatbesitz, so dass hier durchschnittlich 17 von 100 Menschen Waffe besitzen - etwas weniger als in anderen gut bewaffneten Ländern wie Australien, Argentinien, Kanada oder Neuseeland, in denen zwischen 20 und 25 von 100 mit Schusswaffen ausgestattet sind. In Deutschland und Frankreich haben allerdings 30 von 100 eine überwiegend nicht registrierte Schusswaffe, in Finnland gar 39 von 100, allerdings überwiegend registriert. In Großbritannien haben nur 10 von 100, in Holland nur 2 von 100 Menschen eine Schusswaffe.

Verlässliche Zahlen für viele andere europäische Staaten liegen allerdings nicht vor. "Offiziell" ist beispielsweise die Zahl der Schusswaffen in den Balkanländern relativ gering. In Russland sollen nur 4 von 100 eine Schusswaffe besitzen. Am wenigsten Schusswaffen scheint es in Polen zu geben. Freilich sind alle Zahlen nur mehr oder weniger verlässliche Schätzungen, in Osteuropa, so die Autoren der Studie, seien sie bislang völlig unzulänglich.

Die Deutschen kaufen jährlich so viele Schusswaffen wie die Amerikaner

Natürlich rangieren die USA sowohl beim privaten Waffenbesitz als auch bei der Zahl der damit Getöteten weit vor den europäischen Ländern. In den USA sind im Jahr 2000 über 30.000 Menschen (11,3 von 100.000) mit Handfeuerwaffen (Unfälle eingeschlossen) getötet worden (das National Center for Injury Prevention and Control gibt für das Jahr 2000 28.663 Tote durch Schusswaffen und ein Verhältnis von 10,41 auf 100.000 an), in Deutschland beispielsweise 1.201 (1,5 von 100.000) oder in Frankreich 2.964 (5 von 100.000). Damit erreicht der private Waffenbesitz in diesen beiden Ländern etwa 50 Prozent des US-Niveaus. Die Deutschen scheinen jedoch weiter aufzuholen und kaufen derzeit ebenso viele Waffen pro Kopf wie die Amerikaner: pro Jahr werden in Deutschland eine Million Pistolen und Gewehre verkauft.

Viele, aber nicht alle europäischen Länder haben eine starke Waffenkultur. Deutschland hat jedoch eine lange Tradition von privatem Waffenbesitz und begrenzten Vorschriften.

Aaron Kaup, Mitautor des Berichts

Die schärfsten Waffengesetze in Europa haben Großbritannien, Holland und Polen. Gerade in Frankreich und Deutschland seien Schusswaffen keine Mangelwaffe, was auch an den laxen Gesetzen liegt: "Trotz ihres Images von sorgfältiger Regulierung weiß in Wirklichkeit niemand in diesen Ländern, wie viele Waffen in Umlauf sind", so Kaup. Angeblich soll es in Deutschland 7,2 Millionen registrierte Schusswaffen geben, die Autoren des Berichts gehen aber von höheren Zahlen aus. In Deutschland wurden Waffen erst seit 1972 registriert, noch immer gibt es keine zentrale Registrierung. Die im Juni 2002 nach dem Massaker in Erfurt verschärften Waffengesetze würden allerdings kaum etwas an der zunehmenden Bewaffnung in Deutschland verändern, wo es gegenwärtig mindestens 24 Millionen Schusswaffen in Privatbesitz gebe: "wahrscheinlich mehr und kontinuierlich zunehmend".

Am gefährlichsten sind nach dem Bericht die Waffen, die in die Länder geschmuggelt und meist von denjenigen gekauft werden, die sich legal keine beschaffen können und sie oft mit kriminellen Absichten erwerben. Diese Waffen sind meist nicht nur neuer, sondern auch wie automatische Gewehre oder leichte Maschinengewehre gefährlicher. Genaue Zahlen gibt es naturgemäß nicht, es ließen sich aber einige Trends ablesen. In aller Regel gelangen sie aus dem Osten in den Westen und stärken hier das organisierte Verbrechen, das sich mit schwereren Waffen aufrüstet. In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 12.000 illegale Waffen beschlagnahmt.

Allerdings wird der Großteil der Schusswaffen in den USA und in Europa hergestellt, so dass sich die Folgen gewissermaßen auch Reimporten verdanken. In den USA vertritt die US-Regierung den Standpunkt, dass Waffenbesitz ein Verfassungsrecht sei und wird womöglich die Waffengesetze lockern wollen (Waffenbesitz ist ein von der Verfassung geschütztes Recht). Um die Verbreitung von Klein- und Handfeuerwaffen zu begrenzen, fand 2001 eine UN-Konferenz über den illegalen Handel mit solchen Waffen statt, die auch zu einem Programm führte, dem aber noch der wirkliche Biss fehlt. Vor allem die US-Regierung suchte strengere und verbindliche Abkommen zu verhindern (UN-Abkommen über die Kontrolle von Schusswaffen verabschiedet). Vereinbart wurde die Produktion und den Vertrieb stärker zu regulieren, auf die Markierung der Waffen zu dringen, beschlagnahmte Waffen zu vernichten und illegalen Waffenhandel schärfer zu verfolgen. Das nächste Treffen zu diesem Thema auf UN-Ebene findet vom 7. bis 11. Juli in New York statt. (Florian Rötzer)

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