"Die Deutschen sind autoverrückt"

Mit vier Teams ist Deutschland bei der Darpa Urban Challenge ungewöhnlich stark vertreten

Das Punktesystem, nach dem die Leistungen der autonomen Fahrzeuge bei der Darpa Urban Challenge (Das große Roboter-Rennen) bewertet werden, ist ein gut gehütetes Geheimnis der Veranstalter. Aber 14 Runden auf Track A, wo das Einfädeln in den fließenden Verkehr getestet wird, können nicht so schlecht sein, zumal während der 30-minütigen Testzeit am Montagmorgen kaum Fahrfehler zu beobachten waren. Entsprechend begeistert waren die Mitglieder des Teams Lux aus Hamburg, die sich mit dieser Leistung ernsthafte Hoffnungen aufs Finale am kommenden Samstag machen können.

Das Fahrzeug von Team Lux startet zum Navigtionstest auf Track B. Bild: H.-A. Marsiske

Lux ist eins von insgesamt vier deutschen Teams, die sich an dem Wettbewerb beteiligen. Die starke deutsche Präsenz ist bemerkenswert, denn ansonsten gibt es unter den insgesamt 35 Teilnehmern des Halbfinales mit dem israelischen Team AvantGuardium nur noch ein nicht-amerikanisches Team. Eigentlich erstaunlich, dass dies noch kein Ministerium als Erfolg seiner Politik verbucht hat.

Denn die Teilnahme an dem offiziell „National Qualifikation Event“ genannten Halbfinale ist bereits ein großer Erfolg. Um hierher eingeladen zu werden, mussten sich die Teams einem rigorosen Auswahlprozess unterziehen. Von ursprünglich 89 Teams, die sich um die Teilnahme bewarben, wurden 53 im Juni zu „Site Visits“ in den USA eingeladen, bei denen Darpa-Experten die Leistungen der Fahrzeuge begutachteten. Danach blieben zunächst 36 Teams übrig, von denen sich das Team UU der Firma General Dynamics allerdings ohne Angaben von Gründen zurückzog.

Raúl Rojas, Professor für Informatik an der Freien Universität Berlin, zeigte sich denn auch hoch zufrieden, es überhaupt bis hierher geschafft zu haben. „Wir haben erst im Januar mit der Arbeit an dem Fahrzeug angefangen“, sagt er. Was sein Team Berlin in dieser knappen Zeit mit dem vergleichsweise bescheidenen Budget von 150.000 Euro erreicht hat, ist in der Tat beachtlich. Hier dürften sich auch die häufigen Teilnahmen an RoboCup-Wettbewerben auswirken, bei denen Rojas mit den FU Fighters mehrere Titel gewann. Mehrere der ehemaligen FU Fighters gehören jetzt zum Urban Challenge Team. „Wir sind alle stresserprobt“, sagt Rojas. „Das zahlt sich aus.“

Raúl Rojas erläutert einem Fernsehteam das Fahrzeug des Berliner Teams. Bild: H.-A. Marsiske

Das Fahrzeug wurde für 25.000 US-Dollar bei Ebay Kanada ersteigert. Es gehörte zuvor einem Behinderten und war daher schon mit der nötigen Elektronik zur Steuerung durch Computer ausgestattet. „Die Installation der erforderlichen Technik hätte ansonsten etwa 75.000 Euro gekostet“, schätzt Rojas. Das „Spirit of Berlin“ getaufte Auto dürfte jetzt das billigste im Wettbewerb sein.

Während das Team Berlin an frühere Forschungen zur Robotik und Künstlichen Intelligenz anknüpfen kann, stützt sich Team Lux eher auf Erfahrungen mit der Automobilindustrie. Es wird gebildet von Mitarbeitern der Sensorproduzenten Ibeo und Sick. „Die Mehrheit der Teilnehmer bei den Darpa-Wettbewerben verwendet unsere Laserscanner“, erläutert Teamsprecherin Tanja Müller die Motivation, an der Urban Challenge teilzunehmen. „Jetzt wollten wir einmal selbst zeigen, was man damit erreichen kann.“ Dabei spielte es eine entscheidende Rolle, dass der diesjährige Wettbewerb in einer städtischen Umgebung stattfindet. Denn für den Einsatz im Stadtverkehr seien die Sensoren in erster Linie konzipiert, so Müller.

Bemerkenswert an dem Lux-Fahrzeug ist seine Schlichtheit. Während andere Teams ihre Vehikel mit Dutzenden verschiedenster Sensoren vollpacken, orientiert sich dieser Wagen neben GPS lediglich mit drei Laserscannern, die unsichtbar in die Karosserie integriert sind. Es handelt sich um Prototypen eines neuen Modells, das erst Ende 2008 in die Serienproduktion gehen soll und hier unter harten Wettbewerbsbedingungen erprobt wird. Eine wesentliche Intention des Teams ist es außerdem zu demonstrieren, dass intelligente Fahrzeuge keine Science Fiction mehr sind, sondern bereits nahe an der Marktreife.

"Caroline", das Fahrzeug des Braunschweiger Teams, hielt sich beim Kreuzungstest auf Track C brav an die Vorfahrtsregeln. Bild: H.-A. Marsiske

Die Nähe zur Automobilindustrie kommt auch beim Team CarOLO der TU Braunschweig zum Tragen. Die Teammitglieder stammen aus fünf verschiedenen Universitätsinstituten und können sich unter anderem auf Forschungen zu Fahrerassistenzsystemen stützen. Das Budget beziffert Projektleiter Bernhard Rumpe mit 1,3 Millionen Euro. Bei der geografischen Nähe zu Wolfsburg ist es Ehrensache, dass als Fahrzeug ein VW Passat verwendet wird.

AnnieWay, das vierte deutsche Team, ist aus dem Sonderforschungsbereich Kognitive Automobile der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hervorgegangen. Mitglieder der Universität Karlsruhe, der Fraunhoferinstituts für Informations- und Datenverarbeitung, der TU München und der Bundeswehrhochschule München sind an diesem Team beteiligt. Ein anderes Team, das im Rahmen dieses DFG-Projekts forscht, hatte bereits im August an der Leistungsschau C-Elrob im Tessin teilgenommen und dort exzellente Leistungen gezeigt. Hier scheint die Robotik stärker zum Tragen zu kommen als die Automobiltechnik.

Das Fahrzeug des Teams AnnieWay machte beim Einfädeltest auf Track A eine gute Figur. Bild: H.-A. Marsiske

Auf die Frage nach einem Grund für die auffallend starke Präsenz deutscher Teams bei der Urban Challenge antwortet Raúl Rojas knapp: „Die Deutschen sind autoverrückt. Neben Fußball sind Autos ihre große Leidenschaft.“

Ob diese Leidenschaft sie hier ins Finale am Samstag bringt, entscheidet sich bis Mittwoch. Bis dahin laufen noch die Tests auf drei Feldern, bei denen das Einfädeln in den Verkehr, die Navigation in teilweise engen und durch Hindernisse blockierten Straßen und das Verhalten an Kreuzungen erprobt wird. Am Donnerstag werden dann die 20 Finalisten bekanntgegeben. Alle vier Teams aus dem autoverrückten Deutschland haben bislang noch gute Chancen dabei zu sein.

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