"Die! Die! Die!"

John Lennon und vergiftete Früchte auf Apple Records

Mittlerweile ist es 40 Jahre her, seit "Imagine" erstmals auf Platte erschien, 30 Jahre, seit es in England fünf Wochen lang die Nummer Eins der Hitparaden belegte. Das amerikanische Rolling-Stone-Magazin kürte "die globale Hymne" letztes Jahr zum drittbesten Rock-Song aller Zeiten.

Die Plätze eins und zwei auf der Liste gingen an Bob Dylan ("Like a Rolling Stone") sowie die Herren Jagger und Co mit "Satisfaction". Zu "Imagine" gibt es ein inzwischen klassisches Video. John und Yoko spazieren in frühmorgendlicher Dunkelheit durch die Fluren ihres Anwesens in Tittenhurst Park, Ascot. Sie dringen auf magische Weise durch die Eingangstür ins Innere der Lennonschen Luxusvilla, und wir sehen John an einem weißen Klavier. Während er die utopisch angehauchten Weltverbesserungs-Verse seines Liedes darbringt, öffnet Yoko im verdunkelten Musiksaal die Jalousien, um real und symbolisch "Licht" herein zu lassen. Zum Schluss küssen sich die beiden.

Imagine-Video. Zum Abspielen Bild anklicken.

Weder das Video noch der Song bewegten bei ihrem ersten Erscheinen die Gemüter der Massen in ausreichendem Maße. Erst im Januar 1981, einen Monat nach Lennons Ermordung, wurde der Song auch in England ein echter Hit. Zwanzig Jahre später, am 9. Dezember 2000, widmete Julie Burchill, Englands kratzbürstigste Edelfeder, im Guardian ihrem Lieblings-Hass-Objekt eine schrille Absage.

"John Lennon?" schrieb sie. "Was für ein Phoney!" Ein "Phoney" ist ein "falscher Fuffziger". Interessanterweise legte auch J.D. Salinger dieses Wort dem Helden seines Romans "Der Fänger im Roggen", Holden Caulfield, wiederholt in den Mund. Für Salinger ebenso wie für seinen jugendlichen Helden bestand die Welt aus unzähligen verlogenen Gestalten, was ja auch durchaus real zutrifft.

Die Welt IST verlogen, und die Lügner spazieren überall im hellen Tageslicht umher. Zwischen Sein und Schein klafft ein großer Spalt. Zu den Lesern des Buches gehörte auch Mark Chapman, der Mörder John Lennons, der sein früheres Idol, Lennon, als "Phoney" betrachtete. Um ihn vor dem weiteren Abgleiten in die völlige Verlogenheit zu schützen, beschloss er, ihn abzuschießen.

Nun ist das Ableben, durch Unfall, Mord oder Selbstschuss, für Film- und Pop-Größen oft ein wichtiger und richtiger "Karriere-Schritt", siehe Marilyn Monroe oder James Dean, siehe Sam Cooke, Buddy Holly, Otis Redding, Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix, Elvis Presley, Kurt Cobain, Freddie Mercury, Michael Jackson. Und nicht zuletzt, John Lennon.

Trotzdem wird niemand behaupten wollen, Chapman habe Lennon damit einen "Dienst" erwiesen. Und ich will es hier auch nicht tun. Trotzdem ist es, natürlich, schwer, sich vorzustellen, wie Lennons Entwicklung im Leben weiter gegangen sein mag. Er wäre, wie Ringo, mittlerweile 70 geworden, und hätte seinen früheren Kumpel am Schlagzeug möglicherweise vor der Peinlichkeit eines Albums wie "Y Not" bewahrt.

Andererseits hätten John und Paul sich vielleicht zu einem Revival-Konzert zusammen getan und das ganze "Sergeant Pepper"-Album live vorgetragen - wie es Cheap Trick, an ihrer Stelle, getan haben - und keineswegs so übel. Überraschenderweise ist bei dieser Aufnahme "Within You, Without You", die auf der Original Beatles-Scheibe etwas belächelte Tabla & Sitar-Nummer von George Harrison, hier nun einer der besten Tracks.

Ganz sicher aber hätte John Lennon als Lebender nicht die Heiligenverehrung erfahren, die ihm als Toter beschieden gewesen ist. Oder ob jemand den Text von "Imagine", wie hier, einem George W. Bush in den Mund gelegt hätte?

Zu Julie Burchill's Ehrenrettung ist indessen zu sagen, dass sie ihre schroffe Absage an John Lennon bereits zu dessen Lebzeiten geschrieben und, gute journalistische Praxis, zu seinem 20. Todestag wieder aufgefrischt hatte. Aus Hass, wie sie sagt, auf die posthume Lennon-Glorifizierung, und sehr zu Recht, wie ich meine. Daran hat sich auch in den seither vergangenen Jahren wenig geändert, und ihr Artikel ist aus genau diesem Grund weiterhin lesenswert.

Den Song "Imagine" hatte sie dabei besonders auf Korn genommen. Der dümmliche Text, meinte sie, hätte auch aus einem bekifften Glückskeks oder einem rührseligen Weihnachts-Knallbonbon kommen können. Er spräche ohnehin nur rücksichtslose Tatmenschen an, die ihr Lieblingshaustier an ein Folterlabor verkaufen würden, solange nur der Preis stimmt:

Imagine's lyrics could have come out of a stoned fortune cookie or maudlin Christmas cracker, and generally appeals to vicious go-getters who'd sell their best pet to a torture lab if the price was right.

Besonders die Verszeile "Stell dir vor, es gäbe kein Eigentum mehr" hatte es ihr angetan:

("Imagine no . . .") possessions; at the height of their swinishness, the Ono-Lennons kept a whole apartment in the Dakota building, just below the one they lived in, for the exclusive occupation of their fur coats - just to keep them at the right temperature. Forget sex and drugs; that's probably the most decadent, vile pop star antic I've ever come across in my life.

Ob Yoko Ono wirklich eine zweite Imelda Marcos war - in Bezug auf Pelzmäntel, statt auf Schuhe - mag nur ein unbestätigtes Gerücht sein. So wie Truman Capote, der behauptete sowohl mit Lee Harvey Oswald wie mit John F. Kennedy befreundet gewesen zu sein, später verkündete, zur gleichen Zeit, als John Lennon vorm Eingang des Dakota-Gebäudes erschossen wurde, sei bei Bekannten von ihm im gleichen Gebäude eine Dogge aus einem offenen Fenster auf der 23. Etage hinaus gesprungen.

Die Rückseite dieser Single war das dylanesk angehauchte Arbeiterlied, "Working Class Hero". Dazu Julie Burchill:

Working-class hero? My arse! He was about as working class as a Wilmslow dentist. The Marianne Faithfull cover version was more heartfelt! Lennon was about as working class as a Wilmslow dentist, unlike Paul, George, and Ringo.

Unabhängig davon, war Lennon natürlich zu seinen besten Zeiten - als "Beatle" und noch einige Jahre danach - ein begnadeter Lyriker und Song-Schreiber, und seine beiden Bücher aus den Sechzigerjahren - deutsch "In seiner eigenen Schreibe" und "Ein Spanier macht noch keinen Sommer" - sind noch heute vergnüglich zu lesen. "Working Class Hero" ist ein Song, dessen Text eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem bekanntesten englischen Gedicht jener Zeit - This Be The Verse - des königlichen Hofdichters Philip Larkin - aufweist.

Der relevante Punkt dabei ist aber dieser. Lennons Song erschien 1970. Larkins Gedicht geschrieben im April 1971, erschien im Druck erst im August 71.

Als die Beatles für das Cover von "Sergeant Pepper" sich im Jahr 1967 neben eine ganze Reihe von unsterblichen Pappkameraden - und ihren eigenen, nun schon etwas abgestandenen Wachsfiguren aus dem Kabinett der Mme Tussaud - ablichten ließen, konnte man ihre Hybris bewundern, wie unverfroren sie sich unter diese unsterblichen einreihten.

Heute, mehr als 40 Jahre später, wo zwei dieser einst jungen Burschen nicht mehr unter den Lebenden weilen und die anderen bereits alte Racker geworden sind, scheint es ein Akt weiser Voraussicht gewesen zu sein. Ja, auch sie gehörten, bereits zu Lebzeiten, zu den Unsterblichen des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Erst in der Nach-Beatles-Zeit reduzierte sich ihre Lebensdimension auf ein gewisses Normal-Maß. Wer sich heute eine Scheibe mit Lennons Post-Beatles-"Hits" anhört, wie etwa "Power to the People", gewinnt leicht den Eindruck, es handele sich um eine Sammlung von Out-Takes aus seinen Beatle-Tagen. Überproduziert, unterinspiriert, aber immer noch singbar, mitsingbar. Ein wenig über-aufdringlich, und offenbar ins Psycho-Gequassel abdriftende Eso-Traum-Geschichten, John Lennon auf der George Harrison-Überholspur.

...immer noch mitsingbar...

Die Buchtitel, die durch Lennons Songs durchscheinen - "Mind Games", "Tibetanisches Totenbuch" - deuten darauf hin, dass von einem späteren Lennon kaum noch Nennenswertes zu erwarten gewesen wäre. Die kürzlich von Yoko Ono herausgebrachte, "gestrippte", also von allen Produktionsbearbeitungen "bereinigte" Version von "Double Fantasy" beraubt selbst die halbwegs anhörbaren Songs ihres letzten Rests an Charme. Also, meine Meinung: Ohne die rührige Aktivität der Witwe wären Lennons Post-Beatle-Bemühungen weitgehend auf irgendwelchen Billig-Labels verramscht worden, etwa wie die "Greatest Hits" von Mungo Jerry oder Gilbert O'Sullivan.

Julie Burchill meint, sowieso seien 99 Prozent aller guten Beatles-Songs von Paul McCartney geschrieben worden. Witzigerweise konzentrieren sich die Leute von Rolling Stone fast ausschließlich auf die eher Lennon-lastigen Beatles-Songs, auch wenn sie unter den zehn besten einzig den McCartney-Titel "Hey Jude" stehen haben, auf Platz sieben. Eben mit "Imagine" weit davor an Stelle drei.

Ich habe mir zur Überprüfung dieser Situation unlängst einmal alle im UK erschienenen Apple-Singles zu Gemüte geführt, und dabei die Feststellung gemacht, dass diese Äpfelchen einen recht seltsamen Früchtekorb bilden. Sie sind wie die Äpfel der Hexe in Schneewittchen, auf der einen Seite süß, auf der anderen Seite fast durchgängig vergiftet.

"Vergiftete Früchte"

Man vergisst manchmal, dass Liverpool ein Stück verpflanztes katholisches Irland auf englischem Boden ist, und mir sind die Beatles-Songs immer schon, von allem Anfang an, sehr hymnisch vorgekommen, also egal wie sehr sie sich als Rock & Roll gebärden mochten, eigentlich eher, von der Art her, Kirchenlieder. Dieser Trend verstärkt sich, auch wenn man bei Macca eher katholisch angehauchte Songs ("Hey Jude", "Let It Be") antrifft, bei Lennon eben esoterische Sachen ohne konkreten Religionsbezug, die aber letztlich den katholischen Kirchenchor nicht ganz abstreifen können, und bei Harrison die Guru-lastigen sektiererischen Sachen. Selbst da, wo er vermeintlich nur indische Musik an westliche Ohren vermitteln will, schummelt er immer noch ein bisschen Hare-Krishna mit hinein. Ein Proselyt. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Das überraschende bei den Apple-Singles ist nun weniger, dass hier viel Ramsch dabei ist. Die Firma sollte ja ursprünglich dazu dienen, allen möglichen Supertalenten, die anderswo kein Zuhause fanden, eine Heimstatt zu bieten, sprich ein Studio und eine Veröffentlichunsgmöglichkeit.

Stattdessen, unsäglicher Mist. Kurioserweise aber - weswegen ich von vergifteten Äpfeln sprach - ist dieses Material nicht nur religiös angehaucht oder gar dominiert, es trägt auch eine unterschwellige, immer wieder spürbare, Todessehnsucht.

Beispiel, Billy Preston. Der Keyboarder, der George Harrison so begeistert hatte, dass er ihn als fünftes Mitglied der Beatles an Bord holen wollte, und der etlichen Beatles und Stones-Nummern den richtigen Pfiff verlieh, war auf sieben Apple-Aufnahmen fast ausschließlich im Gospel-Geschäft unterwegs.

Die langweiligste Nummer war natürlich "My Sweet Lord", bei der der weibliche Gospel-Chor immerzu "My Sweet Lord" singt, nicht aber "Hare Krishna". Schließlich schummelten die Ladies doch zweimal "Hare Krishna" hinein, und die Nummer wurde gekippt. Vermutlich hätte sich Billy Preston danach nicht mehr in die Kirche seiner Heimatgemeinde zurück getraut.

Beispiel, Mary Hopkin. Die Sängerin mit dem Kirchenchor-Stimmchen und dem heimeligen walisischen Akzent bringt "Those Were the Days" ebenso auch auf Deutsch und Spanisch. Daneben gibt es fromme Lieder ("Denk an deine Kinder, Mutter, rette die Welt!") und statt "la la la" singt der Chor im Hintergrund gerne "Die! Die! Die!" ("Stirb! Stirb! Stirb!")

Beispiel, Die Gruppe Splinter, "Another Chance That I Let Go", eine Bee-Gee-Kopie, der halbe Song besteht auch hier aus "Die! Die! Die!" Beispiel: "Warm Woman" von Lon & Derek Van Eaton. Man hat das Gefühl, man hört eine Vorausnahme von Lennon, circa 1975. Eines Lennon, freilich, der zuviel "Odessa" von den Bee-Gees gehört hat. Auch "More Than Words" von den beiden klingt, als sänge John Lennon dabei im extremen Falsett.

So sehr Lennon sich auch in einem Interview aus dem Jahr 1969 darüber beklagt, dass die Beatles als Geschäftsleute versagt haben, weil sie sich unkritisch dem Diktat ihrer Steuer- und Finanzberater gefügt und diese Firma, Apple, gegründet haben, die nun ihr Geld auffrisst, und aus der sie eher Heute als Morgen wieder aussteigen wollen - so scheint doch die Firma einen eigenen Hausgeist besessen zu haben.

Die eher grauenvollen Badfinger - eine Beatle-Imitations-Gruppe, die in Amerika großen Erfolg hatte - scheint ein Projekt McCartneys gewesen zu sein, so wie die Ravi Shankar Aufnahmen und andere Hare Krishna-Platten auf George Harrison zurückgingen. Lennon produzierte Yoko Ono als Apple-Künstlerin.

Die Beatles-Singles, die auf Apple erschienen, waren die Hits die man ohnehin kennt, von "Hey Jude" bis "You Know My Name". Dann kamen einige Raritäten, BBC-Aufnahmen für Sammler. McCartney mit seiner Post-Beatle-Gruppe Wings hatte alle Hits hier, von "My Love" bis "Live and Let Die". Ringo hatte auf Apple eine erstaunliche Reihe von Hits, von "Back Off Boogaloo" bis "You're Sixteen" - perfekte Kneipen oder Party-Musik. Und zudem ein volles Dutzend Songs, nicht alle als Singles, die extra für ihn von den anderen drei Beatles geschrieben und mit ihnen zusammen eingespielt wurden. Die Scheibe, die heißen müsste "The Beatles, Featuring Ringo" gibt es nur noch nicht.

Vergleichsweise uninteressant ist die Produktion von George Harrison, und wenn man sich seine Hit-Sammlungen anschaut - oder seine letzte CD, "Brainwashed" - es ist alles kompetent gespielt aber letztlich gibt es keine Nummer, die man nicht schon beim ersten Hören weiter klickt.

Die Überraschung bei all diesen Apple-Singles ist, dass die Aufnahmen von John und Yoko damals von keiner anderen Plattenfirma gemacht worden wären - wenn es eben nicht der Ex-Beatle John und seine Frau Yoko gewesen wären. Damals müssen diese Kreisch-Arien wie absoluter Schrott geklungen haben. Aber heute klingen sie so, als sei der ganze Zweck der Apple Firma der gewesen, diese Aufnahmen hervorzubringen. John Lennon scheint auch besondere Aufmerksamkeit in die Produktion der Scheiben seiner Frau investiert zu haben. Gerade die Yoko-Singles aus dieser Zeit heben sich unter dem übrigen Apple-Gedöns als hörenswert hervor.

Julie Burchill hat Recht: Paul McCartney war es, der die Beatles so kommerziell erfolgreich machte - man denke nur an die 100.000 Imitationen von "Obladi Oblada", die ihren unerträgliche Kondensstreifen durch die gesamten Siebzigerjahre hindurch zogen - und auch seine Wings und Solo-Projekte sind durchwegs nett. Ich vermisse übrigens eine Single von "Monkberry Moon Delight", seinem besten Nach-Beatles-Track. Aber es sind die Lennon/Ono-Singles, die nachhaltig interessant geblieben sind. (Tom Appleton)

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