Die Dschihadisten plappern lassen wie Popstars

Eingang zum "Kalifat". Foto: Zana Omar (VOA)/gemeinfrei

IS-Anhänger wollen wieder nachhause in die Systeme, die sie verachten, weil sie dort besser behandelt werden. Über Wut, Berichterstattung und soziale Verachtung

In Mosul überlegt man sich angesichts der in Schutt und Asche gelegten Innenstadt, ob man sie nicht völlig planiert und neu aufbaut, mit Wolkenkratzern und Projekten, die manche an Dubai erinnern. Die Stadt würde sich vollkommen verändern. Für die ärmeren Bewohner wird das mit großer Wahrscheinlichkeit ein Problem werden. In solchen Master-Plänen kommen sie nicht gut weg. Da passen sie nicht gut hinein. Die Abfindungen, die ihnen in Aussicht gestellt werden, sind kein Ersatz für das, was sie hatten: eine Wohnung im Stadtzentrum.

Dass die Stadt derart zerstört wurde, liegt an den Methoden, die zu ihrer Befreiung vom IS angewendet wurden. Es führte nach mehreren Jahren, in denen sich der IS in der Stadt eingenistet hatte, nach Ansicht der irakischen und amerikanischen Militärs kein anderer Weg zur Befreiung - und wer hätte denn einen anderen gewusst?

Auch dem geopolitischen Konkurrenten Russland fällt, wie man beim Kampf der syrischen Regierung gegen Dschihadisten in Aleppo oder Ost-Ghouta sehen konnte, nicht wirklich Besseres ein.

Opfer im Kampf gegen das "IS-Kalifat"

Nach den Luftangriffen und dem immens aufreibenden Häuserkampf in Mosul blieb kaum mehr ein Stein auf dem anderen. Wie viele menschliche Opfer die Befreiung gekostet hat, ist noch immer nicht ganz klar beziffert. Dass es Nachrichten gab, wonach unter den Schutt möglicherweise bis zu 40.000 Leichen liegen, führt die Dimension des Grauens vor Augen.

Es gibt, auch wenn die tatsächliche Opferzahl nicht bekannt ist, keinen Zweifel daran, dass das Ende einer gut dreijährigen Herrschaft des IS entsetzlich und katastrophal ist. Dabei darf nicht vergessen werden, dass zu den Opfern der Befreiung neben den Stadtbewohnern, die durch den Krieg umkamen, auch diejenigen gehören, die als Soldaten oder Milizionäre ihr Leben beim Kampf gegen den IS verloren haben.

Darauf, dass dies nicht vergessen werden sollte, machen gerade Journalisten und Twitterer aufmerksam, die mit Bewohnern in Mosul in engerem Kontakt stehen.

"Die Hölle"? - Wut über Klagen von IS-Fans aus dem Westen

Sie berichten von Wut und Ärger der Bevölkerung über Medien, die sich mit westlichen IS-Anhängern befassen. Die IS-Anhänger sind nun, nachdem der schwarze Fleck des IS-Kalifats von der Karte verschwunden ist, zu Hunderten und Tausenden in Lagern untergebracht und wollen wieder nachhause. Auf einmal, nachdem sie dann doch nicht so gute Erfahrungen mit dem "Islamischen Staat" gemacht haben, der doch noch vor kurzer Zeit die einzig gute und wahre Adresse für die einzig guten und wahren Menschen war.

Ärger und Spott stellen sich unweigerlich ein, wenn die Lagerbedingungen von IS-Anhängern als Hölle bezeichnet werden, wenn sich herausstellt, dass diejenigen, die mit buchstäblich mörderischem Fanatismus einer menschenverachtenden Ideologie huldigten, nun klagen, wie es Bürger aus westlichen Wohlstandsländern häufig und gerne tun.

Die Flucht der Teenager

Seit einem Jahr gebe es keinen Feuerlöscher im Zelt, klagt eine IS-Anhängerin und eine britische Journalistin hat es aufgeschrieben und der Telegraph verbreitet es in die Welt. Noch krasser ist der Heimweh-Fall der jungen Britin Shamira B..

Sie war zusammen mit zwei Freundinnen, auch im Alter zwischen 14-und 15 Jahren, ein großes Medienereignis, als sie sich 2015 auf den Weg zum Islamischen Staat gemacht hatten und die Bilder aus den Überwachungskameras am Flughafen der britischen Öffentlichkeit einen ganz eigenen Brexit vorführten. Den von weltabgewandten islamistischen Fanatikerinnen, die frohen Schrittes ein neues Erlebniszentrum suchten.

Das Tattoo des IS: Mentale Schäden und kaputtes Sozialgefühl

Das hat elementare menschliche Schäden hinterlassen, wie sich herausstellt, und furchterregende soziale Schäden. Die Dschihadistin plapperte dem Times-Reporter unsäglichen Kram ins Mikro, das dieser der jungen Frau völlig konzeptlos hinhielt, als sei sie ein Popstar.

So erzählte sie, dass sie einmal einen abgeschnittenen Kopf in einer Mülltonne entdeckt habe, was ihr aber überhaupt nichts ausgemacht habe. Da dieser Mann ganz sicher "Muslimen" Schlimmes angetan hätte, wäre er von ihren IS-Kameraden getötet worden. Zu dieser Infamie fiel dem Times-Reporter nichts ein.

Er ersparte sich auch jeden bewertenden Kommentar darüber, dass die Frau, die im Islamischen Staat zwei Kinder verlor, weil diese nicht ausreichend versorgt wurden, sich nun wieder in den britischen Staat zurückwünscht, weil dort die Versorgung besser ist.

Als ob das ein Anspruch wäre, den sie jederzeit wieder stellen kann, ohne sich damit befassen zu müssen, woher diese Gemeinschaftsleistung stammt und - dass sie jahrelang diese Gemeinschaft einem Gesellschaftsmodell gegenüber als minderwertig gesehen hat, das andere Menschen aufgrund allein der Glaubenszugehörigkeit abschlachtet, ohne dass seine Untertanen mit der Wimper zucken.

Zu befürchten ist, dass der jungen Frau Einsicht in das menschliche Desaster, das hinter ihren Bemerkungen steckt, lange verborgen bleiben könnte. Der französische Autor David Thomson, der sich viele Jahre mit Dschihadisten beschäftigt hat und auch auf Tuchfühlung ging, was ihm akademische Experten, die ihm Intoleranz(!) vorwarfen, lange übelnahmen, fand eine Regelmäßigkeit heraus. Sie wird in seinem Buch "Die Rückkehrer (Les Revenants)" mehrfach bestätigt: Die Dschihadisten mögen vom IS enttäuscht sein, ihre grundsätzliche Ideologie behalten sie.

Kein Bedauern

Wenn nun die junge Britin dem Times-Reporter sagt, dass sie mit dem IS nicht einverstanden war, weil er "so korrupt" war und Unterdrückung im Spiel war und Muslime nicht immer gut behandelt wurden - samt und sonders gestanzte Floskeln, keine eigenen Reflexionen - , dann müsste der Alarm schrillen. Umso mehr als Shamira B, die sich vor vier Jahren als 15-Jährige auf den Weg zum IS machte, deutlich erklärt: "And I don’t regret coming here."

Die Schwierigkeiten, die kommen

Das nützt aber möglicherweise nicht viel, denn die Schwierigkeiten, welche die IS-Rückkehrer, und das sind eben nicht nur die kämpfenden Dschihadisten, ihren Herkunftsländern stellen, sind immens, wie von Shiraz Maher ausführlich und lehrreich ausgeführt wird.

Das beginnt mit der Anklage und dem vorliegenden Beweismaterial, geht über die richtige Unterbringung in Gefängnissen, um die Ausbreitung der Radikalisierung zu verhindern, und landet schließlich bei der Problematik, wie mit den Kindern der Dschihadisten umzugehen ist.

Beim Problem der IS-Heimkehrer steht man erst am Anfang. Stimmen die Zahlen, die die New York Times aktuell veröffentlicht, geht es um weit mehr Personen als nur ein paar Hundert.

Auch für die Menschen im Irak - und besonders auch in Mosul - ist das Kapitel Bedrohung durch den IS noch nicht wirklich abgeschlossen, wie in dem Hintergrundbericht von Aziz Ahmad zu erfahren ist. Die IS-Milizen wissen, wie sie zielgenau operieren können, sie haben Adressenlisten von Personen mit wichtigen Posten - und sie haben, wie sie es in irakischen Städten vor einigen Jahren zeigten, Wege und Mittel, um sich in die Infrastruktur einer Gesellschaft einzuschleusen.

Die neuen Bebauungspläne Mosuls mögen die Ärmeren "außen vor" halten, den IS aber nicht. Der Kampf gegen die Extremisten muss sich Neues einfallen lassen. Diejenigen, die in die Peripherie müssen - und dies auch noch unter Verächtlichmachen ihrer Lebensleistungen -, weil drinnen nur Platz ist für Reichere, sind sie potenziell bereitwillige Ansprechpartner für radikale Staatsmodelle. (Thomas Pany)

Anzeige