Die Dumping-Preise eines liebeskranken Gehirns

Was passiert genau mit uns, wenn es schief geht, wenn der oder die andere nicht mehr mitspielt?

Die amerikanische Anthropologin Helen Fisher studiert seit zehn Jahren die sogenannte "romantische Liebe". In ihrer neuen Buchveröffentlichung Why we love: The Nature and Chemistry of Romantic Love weist sie Zusammenhänge zwischen menschlichem Verhalten bei Liebeskummer und spezifischen Grundlagen in der Evolution sowie Prozessen im Gehirn nach. Der Versuch, den Partner zurückzugewinnen sowie depressive Trauer um eine gescheiterte Liebesbeziehung sind jeweils Ausdrucksformen eines primären Triebs, der der Selbsterhaltung wie Arterhaltung dient.

Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht. So wählerisch ist der Homo sapiens sapiens seit Jahrtausenden in Liebesdingen. Die flotte Nachbarin oder der TV-Soap-Schönling sind halt begehrenswerter als das verknitterte Gesicht, das einem morgens als ungeschminktes Spiegelbild eigener Befindlichkeit vom Nachbarkissen herzhaft zugähnt. Aber auch das ist relativ. Denn man weiß ja auch oft erst, was man an jemand hat(te), wenn man ihn nicht mehr hat. Wenn Er/Sie einem nicht in gegenseitigem Einvernehmen mitgeteilt hat, dass es "aus" ist. Duh! Was tun?

Frühes Stadium großer Verliebtheit. Die fMRI-Bilder zeigen die Gehirnaktivität von Männern und Frauen, die sich gerade heftig verliebt haben und ein Bild ihres Partners betrachten. Allgemein wird Dopamin ausgeschüttet (A), was über den Nucleus Caudatus (B) Aufmerksamkeit und die Motivation weckt, Anerkennung zu empfangen. Bei Frauen sind Areale aktiver, die mit Aufmerksamkeit, Emotionen und Erinnerung zu tun haben (C), bei Männern sind es Areale, die bei der Integration von visuellen Stimuli und der Peniserektion eine Rolle spielen (D).Bild: Lucy L. Brown und Diane M. Smith, Albert Einstein College of Medicine, Bronx, New York.

Gemäß der Verhaltensforscherin Helen Fisher hat der liebeskranke Mensch gar keine große Wahl. Romantische Liebe ist, wie Studien mit Kollegen ergeben haben, keine Emotion, sondern ein primärer Trieb (wie Hunger oder Sex z.B.), der zur Partnersuche antreibt. All you need is Love, demnach. Kein Wunder, dass unaufhörlich davon gesprochen und gesungen wird.

Was aber passiert genau mit uns, wenn es schief geht, wenn der oder die andere nicht mehr mitspielt? Die Psychologie unterscheidet seit langem zwei Hauptphasen, die ein liebeskranker Mensch durchmacht. Zum einen eine Phase des aktiven Protests. Man will den verlorenen Partner unbedingt wiederhaben, verfolgt ihn auf Schritt und Tritt, bombardiert ihn mit Briefen, Mails oder Anrufen und macht sich meist doch nur zum Affen. Helen Fisher nennt dieses Phänomen "Frustraction Attraction". Die Wissenschaftler Thomas Lewis, Fari Amini und Richard Lannon von der University of California in San Francisco führen das Protest-Verhalten auf archaische Mechanismen zurück. Die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin verursachen im Gehirn erhöhte Wachsamkeit und stimulieren eine verlassene Kreatur dazu, um Hilfe zu rufen und nach dem fehlenden Beschützer, typischerweise dem Muttertier, zu suchen.

Diese Reaktion deutet der Forscher Jaak Panksepp auch als Panik-Reflex, der sich typischerweise bei Säuglingen äußert, wenn die Mutter einmal weggeht.

Vermutlich erklärt die höhere Dopamin-Ausschüttung, so Fisher, dass der liebeskranke Mensch in seiner aktiv-aggressiven Protest-Phase sein Objekt der Begierde noch mehr als in glücklicheren Zeiten zu lieben glaubt. Des weiteren spielt der Stress-Faktor bei Liebesdramen eine nicht geringe Rolle. Stress regt die Produktion von Dopamin und Noradrenalin an und unterdrückt das Regulationshormon Serotonin.

Der Schweizer Wissenschaftler Wolfram Schultz von der Uni Fribourg hat nachgewiesen, dass das Ausbleiben erwarteter Belohnungen, wie es Liebe wohl ist, dazu führt, dass entsprechend ausgerichtete Neuronen ihre Aktivität verlängern. Zwar haben sie nichts mit der Ausschüttung von Dopamin zu tun, aber sie sind Bestandteile der Gehirnregion, die mit Belohnung, Aufmerksamkeit und Motivation zu tun hat.

Der protestierende liebeskranke Mensch ist aber logischerweise auch meist ärgerlich, zornig. Helen Fisher hat dafür ebenfalls ihren eigenen Terminus geprägt:"Love Hatred". Eigentlich seltsam, dass man den Menschen hassen sollte, den man doch eigentlich liebt. Experimente mit Tieren haben jedoch gezeigt, dass die Gehirnzentren für Zorn und Belohnung eng verflochten sind. Dieselbe Katze schnurrt, wenn sie gehätschelt wird, brät andererseits dem Frauchen umstandslos eins mit der Tatze über, wenn entgegen ihrer Erwartung mal nicht gestreichelt wird. Diese Reaktion nennt Helen Fisher "Frustration-Aggression Hypothesis". Aus der Vernetzung von Liebe und Zorn zieht sie den Schluss, dass nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit das Gegenteil von Liebe darstellt.

Wie erklärt sich Hass auf den geliebten Menschen sinnvoll aus der Evolution? Schließlich ist Wut eher ungesund, erzeugt hohen Blutdruck, stresst das Herz und schwächt das Immunsystem. Die Anthropologin führt die Reaktion zum einen darauf zurück, dass verlassene Liebhaber dadurch ermuntert werden, sich neuen Ufern zuzuwenden. Außerdem motiviert Hass zum Kampf für den Nachwuchs, wie man bei oft mit härtesten Bandagen geführten Scheidungsprozessen um das Sorgerecht gut beobachten kann.

Aggression und Protest dauern bei von Liebeskummer gebeutelten Seelen aber (gottlob) auch nicht ewig. Dann muss man mit einer zweiten Hauptphase der Resignation und Verzweiflung fertig werden können. Man heult, liegt tagelang im Bett, betrinkt sich oder glotzt dumpf fern, bis der Arzt kommt. Tiefe Melancholie bis hin zur ausgewachsenen Depression regiert das Bewusstsein. Wie der Psychologe Norman Rosenthal von der Washingtoner Georgetown University berichtet hat, kann eine solche Depression im Extremfall sogar zum Herztod (dem berühmten "gebrochenen Herzen") führen.

Die Depressionsphase kann - wie die Protestphase - auch schon bei Jungtieren vieler Säugetier-Spezies beobachtet werden. Wenn die Hilferufe nichts bringen verfallen die Jungen irgendwann in depressive Erstarrung. Bezogen auf Prozesse im Gehirn heißt dies, dass beim Ausbleiben von Belohnungsreizen Dopamin vermindert produziert und damit Lethargie und Depression befördert wird. Eine evolutionstechnische Begründung für Depression liefern der Anthropologe Edward Hagen, die Biologen Paul Watson und Paul Andrews und der Psychiater Andy Thomson.

Sie vertreten die These, dass das Ausleben von Depressionen eine sinnvolle soziale Funktion hat. Es zeigt Mitmenschen, dass etwas ernsthaft nicht in Ordnung ist und stellt einen konkludenten Hilferuf dar. In einer Urmenschensippe könnte also, so Helen Fisher, depressives Verhalten z.B. einer von ihrem Partner ständig betrogenen Frau bewirkt haben, dass ihre Angehörigen den untreuen Casanova zum Teufel jagten und ihr wieder auf die Füße halfen, sodass sie wieder in der Lage war, eine neue Beziehung mit arterhaltendem Nachwuchs einzugehen.

Und Depression macht auch Sinn, wenn man sie als Mittel der Selbsterkenntnis interpretiert, wie es der Psychologe Jeffrey Zeig tut. Der depressive Mensch kann seine Probleme nicht mehr verdrängen. Er ist gezwungen, den unangenehmen Wahrheiten über sich und seine Misere ins Auge zu sehen und etwas dagegen zu tun, um zu überleben.

Helen Fisher hatte bereits 1996 zusammen mit den Kollegen Lucy Brown und Arthur Aron eine Gruppe von Männern und Frauen getestet. Die Probanden sollten zum Vergleich jeweils ein Foto ihres geliebten Partners und einer ihnen unbekannten Person betrachten. Die Gehirnaktivitäten wurden jeweils durch einen MRI-Scanner gemessen und zeigten erhöhte Aktivität in zwei Regionen: dem Ventralen Tegmental Areal (VTA), das den Neurotransmitter Dopamin produziert und dem Nucleus Caudatus. Dabei handelt es sich um einen Endhirnkern für die motorische Steuerung, der zu den Basalganglien gehört. In der betreffenden Gehirnregion werden grundsätzliche Erregung von Aufmerksamkeit und das Begehren von Belohnung gesteuert.

Seit 2001 läuft ein weiterer groß angelegter Versuch, bei dem die Gehirne von Leuten gescannt werden, die erst kurz vorher von ihren Partnern verlassen worden sind. Helen Fisher hofft herauszufinden, ob bei dem oft existenziellen Liebeskummer-Trauma vielleicht auch noch andere Gehirnregionen eine bisher nicht bekannte Rolle spielen. (Hubert Erb)

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