Die "Electrohippies" kommen

Aktionen im Netz zum WTO-Millenniumstreffen angekündigt

Nach dem globalen Aktionstag vieler Gruppen anlässlich der G7-Konferenz in Köln am 18. Juni, an dem es unter anderem zu einer unangemeldeten Demonstration in Londons City, zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und zur vorübergehenden "Besetzung" einiger Banken kam, wird für den Dienstag, an dem das WTO-Millenniumstreffen beginnt, bei dem es um weitere Liberalisierung des Handels geht, unter dem Namen N30 wieder ein weltweiter Aktionstag gegen die Globalisierung vorbereitet.

Hinter diesen Aktionstagen steht ein weltweites Netz an meist linken Gruppierungen und Organisationen, die sich gegen transnationale Unternehmen und den Neoliberalismus zur Wehr setzen wollen, indem sie sich auch global organisieren, bei ihrem "transnationalen Aktivismus" aber ohne zentrale Organisation auskommen wollen. Durch Websites und vor allem Emails soll eine "kreative, antihierarchische und dezentrale Bewegung gegen die politischen und ökonomischen Institutionen des Kapitalismus" geschaffen werden, die punktuell gemeinsame Aktionstage organisiert, die gleichzeitig auf der ganzen Welt stattfinden. Doch nur die politischen Ziele und die Zeit sind dieser Bewegung im Zeitalter des Internet gemeinsam, ansonsten handelt es sich um ein dezentrales Netzwerk unabhängiger Gruppen, die jeweils ihre eigenen "direkten Aktionen" durchführen. Diese reichen von Demonstrationen über "Straßenfeste" oder dem Tortenwerfen auf Politiker bis hin zu Blockaden, Besetzungen oder der "Sabotage oder Störung der kapitalistischen Infrastruktur", wozu vermutlich auch das Internet gehört.

In Seattle selbst treffen nicht nur 5000 Delegierte ein, sondern erwartet man auch 3000 Menschen von den Medien und bis zu 50000 Demonstranten, zumal auch die amerikanischen Gewerkschaften zu einer großen Demonstration aufgerufen haben. Die Stadt hat starke Sicherheitsmaßnahmen getroffen, sich sogar auf einen Terroranschlag mit chemischen und biologischen Waffen eingerichtet und eine eigene Website eingerichtet. Eine ganze Reihe von Websites bieten Informationen zur WTO und rufen zu Protesten auf, u.a. seattlewto.org, WTO Watch, Direct Action Network oder One World.

Die dezentrale Organisation machte auch der Polizei in London beim "Carnival against Capitalism" am 18. Juni zu schaffen, zu dem Reclaim the Streets aufgerufen hatte. Schon damals hatte man Angst, dass Aktivisten auch in die Computersysteme der Banken eindringen oder diese lahmlegen könnten. Auch jetzt wurde wieder vor "Cyberangriffen" gewarnt (Cyberwar - eine Luftblase?!, FBI warnt vor Cyber-Attacken). Dieses Mal hält sich Reclaim the Streets noch weiter bedeckt: "Seattle? London? Who knows? 30. November? 31. Dezember? January? They may say that, we couldn't possible comment." Und die Polizei fürchtet eine Wiederholung der Proteste in der City, zumal auch noch niemand eine Demonstration angemeldet hat, aber eine Uhrzeit schon feststeht: "Wir haben einen ziemlich großen Polizeieinsatz vorbereitet", sagt James Hart von der Polizei der City of London, "aber wie beim 18. Juni gibt es keine einzige Organisation, die uns über ihre Absicht zu demonstrieren informiert hätte." Das würde es schwer machen, auf den friedlichen Protest zu reagieren, der angekündigt wurde. Die Polizei hofft zumindest in London darauf, dass kaltes Wetter die Lust der Protestierer dämpfen könnte. Übrigens hat die Polizei in London sich auch des Internet bedient und auf ihrer Website mit der Bitte um Identifizierung Bilder von Verdächtigen veröffentlicht, die an den Aktionen am 18. Juni teilgenommen haben (Die Gespenster des 18. Juni). Auf einer der Websites wird, aufbauend auf den "Erfahrungen und Ideen des 18. Juni", so auch gesagt, dass es eine "weitverbreitete, nützliche und spaßbringende Idee ist, eine unangemeldete Straßenparty als Rahmen und Ausgangspunkt für weitere Aktionen zu veranstalten."

Zum WTO-Millenniumstreffen wurde nicht nur eine Website erstellt, die ähnlich aussieht wie die offizielle, aber die Ziele der WTO kritisiert (Eine Online-Kampfansage an die Welthandelsorganisation), sondern es wurde auch von Briten, wahrscheinlich aus dem Umkreis der in Großbritannien auch militanten und schon lange über das Netz sich organisierenden Umwelt- und Tierschützer, die Bewegung der Electrohippies gegründet, die anstatt zu "direkten Aktionen" auf den Strassen zu "virtuelle Aktionen" aufruft. Zusammen mit dem Electronic Disturbance Theater (EDT) und auf der Website des Green Net wird für den 30. November bis zum 5. Dezember wieder einmal ein virtuelles Sit-In als Ausdruck des zivilen Ungehorsams vorbereitet. Dabei kommt wieder das Programm Flood Net zum Einsatz, mit dem EDT bereits mehrmals zur Unterstützung der Zapatistas versucht hatte, Websites etwa des mexikanischen Präsidenten oder des Weißen Hauses für einige Zeit durch wiederholtes automatisches Aufrufen zu blockieren (Virtuelles Sit-in gegen den Militärschlag).

Update: Heute, am 29.11. um 23 Uhr 30, wurden in einer Presseerklärung bereits vor der angekündigten Zeit die Websites bekannt gegeben, gegen die das FloodNet gerichtet werden soll: die offizielle Website der WTO, die eigens zum Treffen in Seattle eingerichtete WTO-Website und die Website für die Live Webcasts. Auch FloodNet ist bereits installiert und aktiv. Die Begründung: "In normalen Sit-Ins versuchen Menschen, Eingangstore oder Gebäude zu blockieren. In einem virtuellen Sit-In können Menschen aus der ganzen Welt den Zugang zu den Webservern der WTO blockieren. Auf diese Weise hoffen wir, den Informationsfluss von der Konferenz zu blockieren, was wichtig ist, weil sie die Vorschläge zementieren will, um die Globalisierung im 21. Jahrhundert auszudehnen." Das Sit-In soll pünktlich mit dem Start des Treffens um 16 Uhr Greenwichzeit beginnen.

Aber was ist ein "Electrohippie"? Auf der britischen Website, liest man, dass der Name eigentlich egal ist, jedenfalls sei ein Electrohippe eine "sich nicht normal verhaltende Person, die keine eskapistischen Halluzinogene benutzt, sondern die globalen Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation und der Informationstechnologie einsetzt, um die Gesellschaft in Richtung auf eine stärker anhaltende (sustainable) Form hin zu verändern." Im Zentrum der modernen Gesellschaft stehe die "elektronische Informations- und Kommunikationsinfrastruktur", die zwar einerseits als Macht- und Zerstörungsinstrument diene, aber auch eingesetzt werden könne, um anonym zu bleiben und so Aktionen planen zu können:

It is not a group in the formal sense, but rather a 'collective' of people who work together remotely via the Internet to develop the tools necessary to promote electronic activism. Because of their positions in the information technology industry most of the contributors to the collective are having to remain anonymous.

Doch jetzt will man die Idee der direkten Aktion auch in diese virtuelle Welt einführen, auch wenn man mit Aktionen wie den virtuellen Sit-Ins nicht viel mehr erreichen könne als das, was eine ärgerliche Mücke anrichtet.

Aber man will sich auch lösen vom bisherigen "elektronischen Aktivismus" und nicht mehr im Geheimen arbeiten. Zumindest einer der Gruppe, Paul Mobbs, von dem die Website eingerichtet wurde, hat sich namentlich zur Aktion bekannt. Die Technologie würde es zwar heute dem Staat oder großen Unternehmen ermöglichen, ähnlich wie in Orwells "1984" die Aktivitäten der Bürger immer stärker zu überwachen und vielleicht irgendwann jeden Widerstand zu unterdrücken, aber man werde in aller Offenheit handeln und für die Aktionen trotz aller juristischen Konsequenzen sich verantwortlich zeigen. Man wolle zwar Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, um sich vor Infiltration oder Überwachung zu schützen, ansonsten aber sich an die Öffentlichkeit wenden, wenn die Polizei zurückschlägt.

Gleichwohl stehe man erst am Anfang des elektronischen Aktivismus und des elektronischen zivilen Ungehorsams, die in den USA aufgekommen sind und ein Zusammengehen der Welt der Computerhacker und der politischen Aktivisten darstellen. Während der elektronische Aktivismus von der Benutzung eines Computers zum Schreiben einer Nachricht bis hin zum Gebrauch von Geräten reiche, um die Räume nach Abhörgeräten zu durchsuchen, gehe der elektronische zivile Ungehorsam jedoch weiter, der Aktionsformen von Protesten auf der Straße in die virtuelle Welt zu überführen sucht: "Das beginnt mit dem gemeinsamen Versuch, Email-Adressen und Faxgeräte mit Beschwerdebriefen zu bombardieren, bis hin zu virtuellen direkten Aktionen, Computer und Kommunikationsverbindungen zu blockieren." Man könne noch viele erfolgreiche Taktiken erfinden, und die Website der Electrohippies verfolgt den Zweck, diese Aktionsformen in Großbritannien bekannter zu machen und als Informationsplattform zu dienen. (Florian Rötzer)