"Die Entdeckung der Langsamkeit"?

Felix von Leitner zu den Drossel-Plänen der Telekom

Die Ankündigung der Telekom, die Internet-Geschwindigkeit im deutschen Festnetz künstlich zu drosseln, löst bei etlichen Experten Verständnislosigkeit aus. Wir haben den IT-Experten Felix von Leitner hierzu befragt.

Die Telekom sorgt derzeit bei den Netzaktivisten mit ihren Plänen zur Drosselung von Internet-Flatrates für Aufruhr. Was genau hat man vor?
Felix von Leitner: Ab dem 2. Mai 2013 soll es wie im Mobilfunknetz der Telekom auch im Festnetz Traffic-Begrenzungen geben. Damit kommen dann längst überwunden geglaubte Zeiten zurück, bei denen man die Kinder nicht mehr einfach im Internet klicken lassen darf, weil es in der Flatrate abgegolten ist und nichts kostet. Stattdessen gibt es pro Monat eine Anzahl an Daten, die man wie gewohnt übertragen darf - aber danach wird der Anschluss auf einen so verschwindend geringen Bruchteil seiner Leitungsfähigkeit reduziert, dass Experten von "funktional kaputt" statt von "gedrosselt" reden.
Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Telekom sehen so etwas schon länger vor, aber es was eben bisher eine reine Androhung. Tatsächlich zu befürchten hatte man keine Drosslung. Das soll auch jetzt noch nicht direkt im Mai losgehen, sondern erst 2016.
Ist diese Drosselung netzökonomisch bedingt? Immerhin wird erwartet, dass sich der Traffic in den nächsten Jahren vervielfacht und daher Engpässe zu erwarten sind.
Felix von Leitner: Nein. Die PR-Argumentationslinie der Telekom versucht das zwar so hinzustellen, als sei diese Drosselung eine technische Notwendigkeit. Das ist aber vorgeschoben, hat mit der Realität nichts zu tun. Der Löwenanteil der Betriebskosten der Telekom für ihr Netz sind Fixkosten für die Anschaffung der Hardware und deren Stromverbrauch, Personalkosten für den Support und Reparaturen. Diese Kosten sind aber völlig unabhängig von der tatsächlichen Auslastung des Netzes. Man kann sich das ein bisschen wie Flughäfen oder Krankenhäusern vorstellen. Die kosten eine relativ fixe Menge Geld, ob da jetzt viele oder wenige Leute fliegen oder krank werden.
Einzelne Operationen kosten Geld, das ist auch im Internet so. Wenn man z.B. Musik online kauft. Aber das findet eben normalerweise nicht bei der Telekom statt, sondern bei Anbietern wie Amazon oder Apple. Hiermit ist die Telekom unzufrieden, weil sie sich auf das Bereitstellen der Infrastruktur reduziert sieht, die die fetten Profite der Contentverkäufer ermöglicht, aber an ihnen nicht beteiligt werden. Die Telekom ist aber nicht gänzlich unbeteiligt an diesen Profiten, denn sie nimmt nicht nur von den Endkunden Geld für deren DSL-Anschluss, sondern sie nimmt auch von den Server-Hostern im Internet Geld dafür, dass ihre Server von den Millionen von Telekom-Kunden erreichbar sind.
Auch die Telekom bietet ja Content an. Besteht da nicht ein Interessenkonflikt?
Felix von Leitner: Die Telekom versucht auch Content anzubieten, ist damit aber vergleichsweise wenig erfolgreich. Das ist meines Erachtens auch der Hintergrund dieser Drossel-Offensive jetzt. Hier macht jemand viel Geld, und es sind nicht wir. Wir können materiell nicht konkurrieren, weil unsere Dienste weniger populär sind. Aber wir können auf der anderen Seite die Dienste der anderen Marktteilnehmer behindern, damit sie auch weniger populär werden. Das klingt wie ein klarer Fall für das Kartellamt. Ich hoffe, dass das Kartellamt das auch so sieht.
Die Zahlen, die die Telekom nennt, klingen erstmal sehr großzügig bemessen. Die Telekom spricht bei einem ihrer Tarife von einem Daten-Volumen von 75 GB im Monat. So groß waren vor zehn Jahren die Festplatten. Das klingt wie unglaublich große Datenmengen. Aber man muss das in Kontext setzen. Videos haben heutzutage "Full HD"-Auflösung, YouTube unterstützt das seit einiger Zeit. Die Fernseher-Branche versucht sogar schon den Nachfolger zu etablieren, 4K. Die Auflösung ist dann viermal so groß. Ein Kinofilm in Full HD ist grob 10 GB groß.
Wenn wir von 75 GB pro Monat reden, dann sind das also 7 gestreamte Filme. Wenn man sich einen dieser Filme nochmal anschauen will, sind es nur noch 6. Außerdem muss man ja sehen, dass das als normal empfundene Trafficvolumen sich mit dem durchschnittlichen Trafficvolumen im Internet seit Jahren schnell nach oben bewegt. Wenn 75 GB also schon heute eher knapp wirken, dann muss das in ein paar Jahren völlig inadäquat gelten.
Ist es denn nicht nachvollziehbar, dass die Telekom auch an iTunes-Transaktionen etc. verdienen will?
Felix von Leitner: Das klingt auf den ersten Blick plausibel, aber wenn man genauer hinschaut, verdient die Telekom jetzt schon an Anbietern wie iTunes. Die Telekom hat eine so marktbeherrschende Stellung mit ihren über 12 Millionen DSL-Kunden, dass sie an normalen Internet-Gepflogenheiten nicht teilnimmt. Im Internet ist es üblich, dass sich große Netzbetreiber einfach zusammenschalten. Da vereinbart man dann einen Ort, zu dem legen beide ein Kabel, und dann werden da Datenpakete ausgetauscht. Da stellt niemand eine Rechnung über den Traffic, weil da ja beide etwas von haben. Dieses Verfahren nennt man Peering, weil beide Teilnehmer als Gleichberechtigte (engl.: peer) zusammenkommen.
Die Telekom bietet auch Peering an, aber versteht unter dem Namen etwas anderes. In der Praxis ist das Netz der Telekom auf normalen Peering-Wegen nur über ungünstige Routen zu erreichen, und die Übergabepunkte sind notorisch überlastet. Wenn dann ein Anbieter wie 1&1 oder Amazon oder YouTube möchte, dass ihr Angebot für die Millionen von Telekom-Kunden ruckelfrei abrufbar ist, dann müssen sie von der Telekom einen Großkundenanschluss mieten.
Die Telekom verdient also bei allen digitalen Transaktionen im Internet einmal auf Seite des DSL-Anschlusses mit, und einmal auf der anderen Seite. Das ist zwar weit von den 30% entfernt, die Apple abgreift, aber es kann eben auch keine Rede davon sein, dass die Telekom hier nicht mitverdiene. Marktbeobachter sehen die Drosselung daher als konsequente Fortsetzung der Politik der Telekom, den Internetzugang ihrer Kunden absichtlich schlechter als möglich zu halten, um einen zusätzlichen Markt für den Handel mit weniger schlechtem Zugang zu schaffen.
Die Pläne der Telekom werden von Kritikern allgemein als Angriff auf die Netzneutralität interpretiert. Trifft das den Punkt?
Felix von Leitner: Dafür gibt es im Moment noch keine konkreten Hinweise. Die Telekom kooperiert aber mit Spotify, um ihren Kunden den Zugang zu Musik zu verkaufen. Wenn dieses Streaming nicht unter das Traffic-Kontingent fällt oder nicht von der Drosselung betroffen ist, wäre das eine klare Verletzung der Netzneutralität. Ob das so ist oder nicht, wird sich erst 2016 klären lassen. Das Problem an dieser Frage ist aber, dass es einen Nebenkriegsschauplatz eröffnet, bei dem es viele Unschärfen gibt. So vermuten einige Kritiker, dass das Entertain-Angebot der Telekom (bei dem das Fernsehprogramm über den DSL-Anschluss ausgestrahlt wird) nicht unter das Drosseln fällt und das eine Verletzung der Netzneutralität wäre.
Entertain kommt zwar über den DSL-Anschluss, aber die Telekom drosselt nicht den DSL-Anschluss, sondern den Internetzugang. Das Entertain-Programm ist nicht Teil des Internets. Es nicht als Teil des Volumens zu zählen, ist daher keine Verletzung der Netzneutralität. Allerdings kann man hier auch fundamentalistisch argumentieren und das anders sehen. Daher halte ich das Hereinbringen der Netzneutralität in die Drosselfrage für taktisch unklug. Denn letztlich ist das Ziel der Kritiker ja nicht, dass beim Drosseln auch das Fernsehen ausgeht, sondern dass gar nicht erst gedrosselt wird.
Sie bezweifeln, dass die Telekom-Pläne aus marktwirtschaftlicher Perspektive Sinn ergeben.
Felix von Leitner: Ja. Da die Telekom wie beschrieben auf beiden Seiten Geld einnimmt - beim DSL-User und beim Hoster - und jetzt auf Seite des DSL-Users den Traffic beschränkt, kann sie weniger Traffic an die Hoster verkaufen. Außerdem könnte man als Hoster jetzt argumentieren, dass die Telekom-Kunden eh wegen des Drosselns alle dauernd gedrosselt sein werden, und dann kann ich mir die Investition in schnelles Routing zur Telekom auch gleich ganz sparen.
Nicht zuletzt stellt sich die Frage, welche Auswirkungen das Drosseln auf Geschäftsbereiche wie "Wlan to go" haben wird. Dabei öffnen Kunden ihre Wlan-Router als öffentlich benutzbare Hotspots für andere. Das hat die Telekom mit großem Tamtam eingeführt.. Wenn ich damit rechnen muss, dass mir durch den so entstehenden Traffic mein Inklusivvolumen aufgebraucht wird, wird die Teilnahme an dem Programm unattraktiv. Und wenn der Traffic auf den Hotspots nicht gedrosselt wird, dann kann ich das Drosseln auf meinem Anschluss umgehen, indem ich mich auf meinem Hotspot einwähle.
Diese ganze Problematik tritt sich die Telekom jetzt völlig ohne Not ein, nur um Apple und Co. ihr Geschäftsmodell madig zu machen. Das halte nicht nur ich für nicht sinnvoll. Ich vermute, dass auch die Aktionäre der Telekom hier einige unangenehme Fragen haben werden.
Im Übrigen kann ja keine Rede davon sein, dass die Telekom in der Nische als Zugangsprovider nur die Brotkrumen des Riesengeschäftes abbekommt. Die Telekom kann seit Jahren Milliardengewinne verkünden und zahlt sogar Dividende an ihre Aktionäre.
Sehen Sie Bedarf für staatliche Intervention?
Felix von Leitner: Ja. Aus meiner Sicht wäre das Kartellamt schon seit Jahren in der Pflicht, das Ausnutzen der marktbeherrschenden Stellung der Telekom zu unterbinden. Aber auch die Politik, die seit Jahren von Breitbandausbau und Informationsgesellschaft schwafelt, wäre gut beraten, ihren leeren Worten mal Taten folgen zu lassen. Es wäre z.B. denkbar, dass der Bund einen Internet-Backbone zur Verfügung stellt, damit es für regionale oder kommunale Anbieter möglich ist, ohne Rückgriff auf die Telekom am Markt teilzunehmen.
Im Moment ist es für ein Dorf auf dem Lande zwar aus eigener Kraft möglich, DSL zu den Bauernhöfen zu bringen, aber eine Glasfaser zum Internet bis zu ihrem Dorf zu legen, das überschreitet die finanziellen Mittel.
Kann sich die Telekom leisten, die Attraktivität ihres Produkts zu schmälern, wenn andere Anbieter nach wie echte Flatrates liefern?
Felix von Leitner: Das ist in der Tat der Knackpunkt. Werden die anderen Marktteilnehmer weiterhin echte Flatrates liefern? Der Hauptkonkurrent mit eigenem Netz ist Kabel Deutschland, die ihr Kabel-TV-Netz auch für den Internetzugang verkaufen. Und die sind sogar schon vor der Telekom zum Drosseln übergegangen. Deren Drosselmodell läuft allerdings pro Tag, nicht pro Monat. Ob die anderen großen DSL-Provider mitziehen, das wird sich jetzt zeigen. Die Aktivisten von Netzpolitik.org haben relativ schnell nach der Telekom-Ankündigung mit Berufung auf gut unterrichtete Quellen berichtet, dass auch Vodafone die Einführung eines Drossel-Modells plant. Das hat Vodafone aber bisher dementiert.
Der andere große Player mit eigener Netzinfrastruktur ist Telefonica.
Felix von Leitner: Ob die jetzt auch drosseln oder nicht, das wird hauptsächlich davon abhängen, ob sie glauben, dass ihnen dann die Kunden weglaufen oder nicht. Die beobachten im Moment, wie sich der Kundenstamm der Telekom verhält. Meine Einschätzung ist: Die werden jetzt die Wechselkunden übernehmen und dann auch Drosselung einführen. Denn die Kunden, die jetzt wechseln, das sind ja genau die Vielbenutzer. Die haben ja auch die anderen Provider schon auf verschiedene Arten wegzuekeln versucht.
Zu den Gekniffenen werden wohl auch Content-Anbieter wie der mächtige Google-Konzern gehören. Google experimentiert in den USA mit dem Projekt "Fiber". Wäre es vorstellbar, dass Google selbst ins deutsche Telko-Geschäft einsteigt?
Felix von Leitner: Natürlich, denkbar wäre das. Allerdings hat Google ja nicht einmal in den USA wirklich den Willen für das Geschäft. Die haben das in ein paar Großstädten eingeführt, um den Beweis anzutreten, dass man das machen kann. Denn die etablierten Telcos in den USA sind ähnlich träge und inkompetent wie die Telekom und haben ähnliche Argumente wie die Telekom angebracht. Der viele Traffic, so einen Backbone kann man gar nicht bezahlen, das geht technisch gar nicht. Das hat Google elegant widerlegt, indem sie es einfach gemacht haben.
Google will nicht wirklich Endkunden-Fiber anbieten. In Amerika nicht und hier auch nicht. Aber es wäre schön, wenn unsere Politik und Regulierungsbehörden beim Evaluieren der Argumente der Telekom einen Blick über den großen Teich werfen und sich angucken, was bei Google ging. Alternativ könnte man auch in Europa bleiben und nach Schweden gucken. Dort geht das ja auch. In Schweden gibt es 100 MBit Full Duplex Internet. Da hat die Regierung gesagt: Das wollen wir haben, das machen wir jetzt.
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