Die Entdeckung der Vaterschaft

Peter Paul Rubens: Adam und Eva

Nur Weniges hat die Geschichte der Menschheit so geprägt wie die Zeugungserkenntnis

Das Selbstverständliche ist oft unsichtbar. Wie viele Äpfel mussten zu Boden fallen, bevor sich jemand über diesen Vorgang wunderte – und wie viele weitere, bis Isaac Newton davon zur Erkenntnis des Gravitationsgesetzes inspiriert wurde? Für die frühen Menschen, die noch nicht gezielt nach Erkenntnissen suchten, sondern Unerklärliches Dämonen und Geistern in die Schuhe schoben, war schon die Erkenntnis des (eigenen) Todes eine ungeheure geistige Leistung.

Sie unterschied vor etwa 100.000 Jahren den neuen "vernünftigen" Homo sapiens vom Homo erectus und war wohl in erster Linie ein Schock, aber mit Folgen. Erst die Todeserkenntnis führte zur Ausbildung von Religionen mit ihren Vorstellungen von Jenseits und Wiedergeburt sowie zum Bau von bald ins Pyramidale wachsenden Grabmälern.

Die Entdeckung der Vaterschaft

Der zweite große Erkenntnisschritt der Menschheit hat dagegen kaum fossile Spuren hinterlassen, soziale und kulturelle jedoch umso mehr. Irgendwann vor etwa 10.000 oder etwas mehr Jahren muss einer Frau – sicherlich war es eine Frau – die Ahnung gekommen sein, dass es zwischen der flüchtigen Kopulation, die sie und ihre Geschlechtsgenossinnen mit den Männern der Gruppe fast täglich vollzogen, und der Schwangerschaft einen Zusammenhang geben könnte. Es spricht vieles dafür, dass die Sippen der Steinzeit promiskuitiv lebten, heutige Schimpansen und Bonobos (beide Arten sind Nachfahren unserer Vorfahren) tun das jedenfalls.

Väter waren in den Wildbeutergesellschaften unbekannt (und sind es in manchen Naturvölkern noch heute). Schwangerschaft wurde mythisch erklärt, verantwortlich waren Dämonen oder Götter, denen man opfern musste, sollte es mit dem Kinderwunsch nicht klappen (auch heute noch beten ja Gläubige dazu an ihren Gott). Das männliche Glied spielte in der damaligen Gedankenwelt höchstens eine unterstützende Rolle, etwa zur Defloration, oder der männliche Samen diente der Ernährung des Fötus.

Erst mit den Erfahrungen bei der Haltung und schließlich Züchtung von (Haus-)Tieren und mit der Beobachtung des Wachsens von Früchten aus den allerkleinsten Samenkörnern werden solche Ahnungen weiser Frauen zu Erkenntnissen gereift sein. Bei Simone de Beauvoir liest sich das so:

Bei den Nomaden scheint die Fortpflanzung kaum mehr als eine beiläufige Begebenheit gewesen zu sein, und die Schätze des Bodens werden noch nicht erkannt; der Ackerbauer aber bewundert das Geheimnis der Fruchtbarkeit, die in den Ackerfurchen und im Mutterleibe quillt; er weiß, daß er gezeugt hat in der Weise, wie es bei seinem Vieh und seiner Saat sich vollzieht,…

Worin sie irrt: Es war nicht der Bauer, sondern die Bäuerin, welche sich in die Ackerfurchen hocken musste, die meiste schwere Arbeit war und ist in "primitiven" Ackerbaukulturen Sache der Frau. Ausgenommen das Pflügen. Wieder de Beauvoir:

Mit dem Tage also, wo der Ackerbau aufhört, eine wesensmäßig magische Handlung zu sein und zum ersten Male schöpferische Tätigkeit wird, empfindet sich der Mann als Erzeuger; im gleichen Augenblick wie seine Ernten beansprucht er auch seine Kinder für sich. Ebenso wie die Frau der Ackerfurche gleichgesetzt wird, kommt der Vergleich des Phallus mit dem Pfluge auf und umgekehrt. Auf einer Zeichnung der kassitischen Epoche, die einen Pflug darstellt, sind die Symbole des Zeugungsaktes zu erkennen; späterhin ist die Gleichsetzung von Phallus und Pflug häufig plastisch dargestellt worden. In einigen ostasiatischen Sprachen bedeutet das Wort Jak zugleich Phallus und Grabscheit.

Die Frage ist aber, ab wann der Mann seine Potenz – auf dem Acker wie daheim – wirklich als Schöpferkraft begriff, begreifen wollte. Lange Zeit wird es den Frauen, die den Zusammenhang von Sex und Schwangerschaft erkannten, genauso ergangen sein wie allen, die neue Ideen äußern, welche das alte Weltbild auf den Kopf stellen. Erst wurden sie verlacht, dann ignoriert, dann bekämpft. Und das vermutlich von Männern, vielleicht auch schon pflügenden Männern, denen es nicht in den Kopf wollte und vor allem nicht in den Kram passte, nun auch noch für die kleinen Bälger verantwortlich zu sein, um die sie sich ja bisher auch nicht kümmern mussten.

Erst mit Sesshaftigkeit, Ackerbau und Nutztierhaltung wurde die Fruchtbarkeit zur Grundlage der Ökonomie und in der Folge auch der Religion. Ein Paradoxon: Fruchtbarkeitskulte und Mutterverehrung gelangten wahrscheinlich erst dann zu ihrer Blüte, als die Rolle des Mannes bei der Zeugung schon lange durchschaut war. Wenn es Matriarchate gab – und es gab sie, denn einige haben bis heute überlebt –, dann nicht in grauer Vorzeit, sondern in den ersten sesshaften Kulturen, die in der "Neolithischen Revolution" nach dem Ende der letzten Eiszeit entstanden.

Das Matriarchat – ein Paradies für Männer!

Noch vor wenigen Jahrzehnten sahen die meisten Anthropologen das anders. Die "große Muttergöttin" sollte die erste religiöse Institution und das Matriarchat die ursprüngliche Gesellschaftsform gewesen sein. Johann Jakob Bachofen, August Bebel und andere hatten diese Ideen im 19. Jahrhundert populär gemacht, in manchen feministischen Kreisen überleben sie bis heute. Frühe "Venusfiguren" wie die knapp 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf werden als Belege angeführt.

Heute zweifelt man allerdings an solchen Interpretationen. Vielleicht waren die üppigen Steinfiguren "begreifbare" Schönheitsideale für das Überleben in einer karger werdenden Umwelt (Eiszeit?), vielleicht auch nur die "Pin-up-Girls" der Steinzeitmänner? Schließlich fand man auch Gegenstücke, wie den etwa 28.000 Jahre alten, recht naturalistischen steinernen Dildo aus der Schwäbischen Alb.

Keinen Zweifel gibt es allerdings daran, dass alle Gesellschaften vor der Entdeckung der Vaterschaft matrilinear organisiert waren. Das heißt, die Abstammungslinie wird allein über die Mütter definiert – wie auch anders? Besitz und Privilegien werden von Müttern auf Töchter vererbt. Manchmal ziehen auch die Ehemänner, so es Ehen überhaupt gibt, in den Haushalt der Frau (Matrilokalität). Heute noch sind laut Wikipedia 13 Prozent der weltweit bekannten 1.300 Ethnien matrilinear organisiert, ein Drittel davon auch matrilokal. Was keineswegs heißt, dass die Frauen damit automatisch die Macht haben, echte Matriarchate gibt es vermutlich nur (noch) eine Handvoll.

Ricardo Coler hat eines besucht und beschreibt in dem Buch Das Paradies ist weiblich. Eine faszinierende Reise ins Matriarchat seinen Aufenthalt bei den Musuo, einem Volk von 35.000 Menschen in Yunnan in Westchina. Hier haben die Frauen die Verantwortung für alles, viele Vorrechte, machen jedoch auch die meiste Arbeit. Die Männer arbeiten auf Zuruf, strengen sich dabei nicht übermäßig an und treffen sich, wenn die Aufgabe erfüllt ist, sofort wieder zum Plausch oder Spiel oder machen ein Nickerchen. Sie wohnen lebenslang im Haus ihrer Mutter, zusammen mit Brüdern und Schwestern und deren Kindern.

Herkömmliche Ehen gibt es nicht, lediglich Besuchsehen: Der Mann klopft nachts an die Tür der Auserwählten, die ihn – vielleicht – einlässt. Neben One-Night-Stands und Gelegenheitslieben gibt es aber auch Beziehungen über viele Jahre. Dass der Mann ins Haus der Frau zieht, ist dennoch eine absolute Ausnahme und nur dann möglich, wenn ihn seine eigene Familie nicht mehr versorgen kann.

Die Vererbung erfolgt rein matrilinear von der Mutter auf die Töchter. Die Vaterschaft ist unwichtig und oft nicht einmal bekannt. Die von Corel interviewten Männer waren mit ihrem Los sehr zufrieden, sorgten sich aber darum, dass ihre Lebensweise nicht dauerhaft anerkannt werden könnte. Zu Maos Zeiten sollten die Musuo mit Zwangsehen patriarchalisiert werden, was letztlich misslang.

Coler findet in seinem Bericht das Urteil vieler Altertumsforscher (und vor allem -forscherinnen) bestätigt, die das Matriarchat für die perfektere und vor allem friedlichere Gesellschaftsform halten. Dabei spielt allerdings wohl auch eine gewisse Idealisierung eine Rolle. Niemand weiß, ob Matriarchate, wenn sie sich durchgesetzt hätten, nicht genauso rücksichtslos ihre Machtinteressen verfolgen würden wie die gegenwärtigen patriarchalen Staaten.

Immerhin zeigen die zwar wenigen, aber lebensfähigen existierenden Matriarchate, dass die Entwicklung zum Patriarchat keine unbedingte Notwendigkeit war. Was den Männern im Matriarchat abgenommen ist, ist die Verantwortung. Und das finden viele offenbar ganz bequem, wenn nicht "paradiesisch".