Die Enthüllungen des Claudio G.

Schauplatz der Romane Elena Ferrantes: Neapel. Bild vom Hafen Mergellina. Foto: vick1111/CC BY-SA 3.0

Das äußerst zweifelhafte "öffentliche Interesse" an der Aufdeckung der wahren Identität der italienischen Erfolgsautorin Elena Ferrante

Den vereinten Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, des italienischen Wirtschaftsblattes "Il Sole24 Ore", der amerikanischen "New York Times Review of Books" sowie der französischen Investigativ-Website "Mediapart" ist vor kurzem scheinbar ein Coup sondergleichen gelungen - im Journaliensprech Scoop genannt. So veröffentlichten sie unter dem Titel "Wer ist Elena F.?" die gemeinsamen Recherchen, für die sie den italienischen Journalisten Claudio Gatti als Galionsfigur erwählten.

Das Ganze wurde in Szene gesetzt, als handle es sich um eine neue Enthüllung im Rahmen der Panama Papers. Dabei ging es "nur" um die angebliche Aufdeckung der wahren Identität der italienischen Erfolgsautorin Elena Ferrante. Den Namen der vermeintlich Geouteten hier nicht zu nennen, ist leider nur ein symbolischer Akt, denn mittlerweile wurde er auch von vielen Kritikern des Outings übernommen.

Schauplatz der Romane Elena Ferrantes: Neapel. Bild vom Hafen Mergellina. Foto: vick1111/CC BY-SA 3.0

Noch im Mai dieses Jahres haben viele Zeitungen in den Lobeshymnen angesichts des neuen Romans permanent darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Namen der Autorin um ein Pseudonym handle, was sie selbst schließlich auch nie verheimlicht hat. "Von all Ihren Autoren werde ich diejenige sein, die Sie am wenigsten belästigt.

Ich werde Ihnen meine Anwesenheit ersparen" hatte sie 1991 ihrem zukünftigen Verlag - Edizioni e/o - geschrieben, bei dem schon ein Jahr später ihr Debütroman "Lästige Liebe" erschien. Erst zehn Jahre später, 2002, folgte "Tage des Verlassenwerdens" und 2006 "Die Frau im Dunkeln". Seit 2011 schließlich kam jährlich ein neues Exemplar des nunmehr vierbändigen Neapel-Zyklus, von dem vor zwei Monaten der erste Band "Meine geniale Freundin" in der deutschen Übersetzung erschien. Es folgten Verfilmungen, Preise und zahlreiche Nominierungen.

Rasterfahndung

Seit vielen Jahren gibt es kriminalistisch anmutende Untersuchungen, deren Ergebnisse sich aber allesamt als falsch herausstellten, wie im Falle der Professorin Marcella Marmo, da auch nach deren Tod noch mehrere Romane von Ferrante erschienen. Die meisten dieser Untersuchungen verliefen jedoch eher literaturwissenschaftlich und versuchten textimmanent zu ergründen, welche Bezugspunkte auf eine bestimmte Person mit konkreten Erfahrungen verweisen könnten.

Gatti reichte dies nicht, denn seit einem viertel Jahrhundert "gibt es keine Bilder von ihr, und man weiß nichts über sie". Er machte es sich somit zur Aufgabe, um jeden Preis hinter das Geheimnis zu gelangen, und sichtete zu diesem Zweck interne Honorarlisten des Verlags sowie Grundbucheinträge. Im Interview mit der Süddeutschen rechtfertigt sich der Schreiberling:

Als Journalist ist es meine Aufgabe, die Wahrheit zu enthüllen. Ich habe in meiner Karriere viele gewichtige Investigativgeschichten gemacht. Die Ironie daran ist, dass nichts davon jemanden so interessiert hat wie jetzt die Ferrante-Geschichte. Ich habe eine große Geschichte darüber gemacht, wer den Menschenhandel zwischen Afrika und Europa kontrolliert. Ich habe Namen von Verbrechern enthüllt. Ich habe mit Drohnen gemachte Aufnahmen, wie Menschen in Libyen auf Schiffe gepackt werden. Ich habe darüber geschrieben, wie Shell einen nigerianischen Ölminister bestochen hat. Niemanden hat das je interessiert. Diese Recherchen hatten nie irgendwelche Konsequenzen.

Nachdem er noch einmal aufzeigen konnte, was für ein toller Hecht er denn sei, offenbart er seine jüngste Arbeit bewusstlos als Versuch, die eigene Ohnmacht zu überwinden. Von der berechtigten Kritik, dass solche Aufdeckungen über Vergehen und Verbrechen keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen, schließt er nun darauf, dass die jetzige Kritik anlässlich seiner Veröffentlichung, keine Berechtigung hätte und scheinheilig sei.

Seine Aussage selbst rückt die Autorin in die Verwandtschaft mit Verbrechern, woran nicht zuletzt die Benennung als "Elena F." im Titel erinnert. Als aktive Betrügerin habe sich Ferrante den Artikel des Herrn Gattis selbst zugefügt, wie er schreibt:

Mit der Ankündigung, dass sie gelegentlich lügen werde, scheint uns die Autorin ihr Recht aufgegeben zu haben, hinter ihren Büchern zu verschwinden. Vielmehr hat sie Kritiker und Journalisten geradezu herausgefordert, nach ihrer wahren Identität zu suchen.

Claudio Gatti

Sinn und Nutzen - zum Motiv

Er behauptet, seine Enthüllung hätte literarischen Nutzen, denn er habe beispielsweise als Erster den Einfluss Christa Wolfs auf die Romane Ferrantes entdeckt. In seinem Interview mit der Süddeutschen wird hingegen von seinem Gesprächspartner völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass alle literaturwissenschaftlichen Spekulationen, die er anstellte, nicht auf seinem Mist gewachsen sind, sondern lange im Raum standen. Sie reichten nur nicht als "Beweise".

Gatti hingegen bekräftigte, diese schlichtweg nicht gekannt zu haben, was bei einer dermaßen ausufernden Recherche mehr als scheinheilig oder einfach gelogen wirkt. Jene Teile seiner Recherche, die ihn wirklich von seinen Vorgängern abheben, sind in erster Linie gekennzeichnet durch ein maßloses Eindringen in die Privatsphäre der Autorin.

Der Artikel ist unter anderem eine implizite Anleitung, wie der momentane Wohnort der Autorin zu lokalisieren ist. Garniert wurde dies mit einer Art Erpressung, die schließlich Anderen die Verantwortung überzuhelfen versucht. So konstatierte Gatti:

Ich habe auch den Verlag mit meinen Recherchen konfrontiert. Ich wollte erzwingen, dass sie einfach zugeben, [wer] hinter Ferrante steckt. Hätten sie es zugegeben, hätte ich kein einziges Detail genannt.

Claudio Gatti

Die Abwehr der Verleger, an der Enthüllung zu partizipieren, die Gatti in seinem Artikel selbstgerecht zitiert, war schon nur noch von symbolischer Bedeutung: "Wenn Sie einen Artikel schreiben wollen, der Ferrantes Identität enthüllen will, sollten Sie wissen, dass wir weder Ihre Frage beantworten noch Informationen bereitstellen werden. Wir sind ziemlich verärgert über einen solchen Eingriff ins Privatleben, unseres und das von Ferrante, und wenn der Artikel darauf abzielen sollte, dann können wir Ihnen leider nicht helfen."

Trotz des Symbolcharakters ist dies als sympathischer Zug zu betrachten.

Bezüglich des Motivs, das Pseudonym zu enthüllen, sollte man bedenken, dass es sich im Falle von Ferrante nicht wirklich um eine besonders polemische Akteurin handelt, die konkrete Personen angreift oder ähnliches. Sie hat nichts getan als Romane zu schreiben, in denen sie, wenn überhaupt, dann beispielsweise vor allem die Mafia attackiert. Der Wunsch oder das Bedürfnis anonym zu bleiben, wurde ihr oftmals als Selbstinszenierung vorgeworfen, worauf sie selbst bemerkte:

Ich spiele ganz und gar nicht. Mein Entschluss ist wohlüberlegt und endgültig.

Elena Ferrante

Ferrantes energische und jederzeit offene Verteidigung ihrer Pseudonymität folgt einem Bedürfnis nach Privatheit, das ein gehöriges Maß an Bescheidenheit im aufmerksamkeitsökonomischen Sinne voraussetzt. Dies rückt sie in die Nähe der ebenfalls italienischen Bestsellerautorin Donna Leon, die ganz bewusst nicht auf Italienisch veröffentlicht, um in ihrem Heimatland schlichtweg in Ruhe zu leben.

Dem in Gatti verkörperten und radikalisierten globalen Gesamtfeuilleton scheint es schwerzufallen, anzuerkennen, dass die Anonymität oder zumindest Privatheit für manche Menschen eine notwendige Grundlage des Schreibens ist. Auch macht eine Autorin eine solche Eigenheit, die höchstens eine individuelle Marotte zu nennen wäre, keineswegs automatisch zu einer Anhängerin der Theorie vom "Tod des Autors" in einer Tradition Roland Barthes' oder gar Michel Foucaults.

Viel eher als in solch einem Ideologiegebäude wäre das Bedürfnis nach "Unsichtbarkeit" - entgegen den heutigen Sichtbarkeitsfanatikerinnen - darin zu sehen, dass ihre jüdische Mutter 1937 vor den Deutschen nach Italien floh und dort die Shoah überlebte; dass sie also biographisch eine allzu deutliche Vorstellung vom Nutzen des Anonymen überliefert bekam.

Die bisherige Debatte wurde in einem früheren Artikel in der FAZ recht prägnant zusammengefasst:

Elena Ferrante sei gar keine Frau, sagen die einen. [..] Dann hieß es, hinter dem Pseudonym verberge sich ein Autorenkollektiv. […] Mindestens aber müssten ein Mann und eine Frau zusammenarbeiten, denn wenn in den Romanen verhandelt werde, wie Frauen und wie Männer denken, könne das nur aus der Perspektive des jeweiligen Geschlechts geschrieben worden sein, so treffend sei es.

FAZ

Prinzipiell kann eine Autorin kaum ein größeres Lob erhalten als solches Gerede, so abwertend und verletzend es auch erst einmal erscheinen mag. Selbstverständlich ist damit immer auch gemeint, dass eine Frau so bzw. so etwas doch nicht schreiben könne, und gerade deshalb sagt es vielmehr über die Mutmaßenden selbst aus.

Es handelt sich hier um ein Eigentlichkeitsgehabe, dem Ferrante gerade nicht verfällt, wie sie in einem Interview mit dem Spiegel bewies:

Wir neigen manchmal dazu, die Unterdrückten zu idealisieren. Unterdrückung setzt sich fort, verzweifelte Menschen können zu äußerst grausamen Peinigern von noch Verzweifelteren werden, und diese Tatsache gilt für Männer wie für Frauen.

Elena Ferrante