Die Eroberung Amerikas

Sowohl genetische Untersuchungen wie archäologische Funde zeigen, dass alle Amerikaner von einer Zuwanderergruppe abstammen

Sie kamen aus Asien, wanderten nach Sibirien und lebten lange im Hohen Norden, in Beringia, bevor sie als erste den Boden Amerikas betraten. Eine Welle von Migranten eroberte sich den neuen Kontinent und besiedelte rasch zuerst Nord- und Südamerika. Die in letzter Zeit viel diskutierten Hypothesen von zwei Einwanderungswellen aus verschiedenen Richtungen und einer Herkunft eines Teils der Uramerikaner aus Europa sind nicht mit den neuen Erkenntnissen aus verschiedenen Studien über das Erbgut sowie den Grabungsergebnissen der Archäologen vereinbar.

Wie und wann die ersten Amerikaner in die Neue Welt zuwanderten, wird seit einiger Zeit heftig debattiert. Erst kürzlich zeigte eine neue Studie von Genetikern, dass doch wohl alle Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner über die Beringstraße kamen und zwar in einem Schub, nachdem sie lange dort gelebt hatten (vgl. Eisblockade vor Amerika).

Die Debatte entzündete sich in den letzten Jahren nach neuen archäologischen Funden. Zuvor waren die Spezialisten lange davon ausgegangen, dass vor rund 13.000 Jahren sibirische Jäger über die damals existierende Landbrücke die Beringstraße überquerten und sehr schnell bis nach Südamerika weiterwanderten. Es herrschte die Vorstellung, dass am Anfang die Clovis-Kultur war: Jäger und Sammler, die von Nord nach Süd dem großen Wild folgten und auf ihrem Weg letztlich die riesigen Säugetiere des neuen Kontinents ausrotteten.

In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckten die Archäologen in der Nähe der Stadt Clovis in New Mexico geschickt bearbeitete Speerspitzen, die sich mit einem Alter von mehr als 11.000 Jahren als Überreste der ältesten Besiedlungsspuren des Kontinents erwiesen. Es handelte sich um eine steinzeitliche Kultur, die nach dem ersten Fundort Clovis-Kultur genannt wird.

Nord- und Südamerika – des Nachts aus dem All gesehen, Bild: NASA

Es waren die Südamerikaner, die das gefestigte Bild in Frage stellten, als sie ihre Fundstücke präsentierten, die älter sind als die Clovis-Kultur und Schädel von Uramerikanern, die so ganz anders aussahen als die nordamerikanischen Vergleichstücke (vgl. Von Schädeln und Vorfahren). Sie vermuteten, dass es eine erste Einwanderungswelle von Südasiaten mit Booten den Küstenlinien entlang gab.

Die US-Forscher wehrten sich vehement gegen diese neue Hypothese und nach den Genetikern legen nun die Anthropologen nach. Ted Goebel und Kollegen vom Center for the Study of the First Americans an der Texas A&M University sowie der University of Utah veröffentlichen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science eine umfassende Analyse der neuesten Ergebnisse der Molekulargenetik im Abgleich mit den archäologischen Befunden der letzten Jahre.

Eins ist sicher: Alle Menschen, die je auf dem amerikanischen Kontinent gelebt haben, waren anatomisch moderne Menschen – oder anders formuliert, sie gehörten zur Art Homo sapiens, die vor ungefähr 200.000 Jahren in Afrika zur Welt kam. Von dort aus eroberten die modernen Menschen nach und nach alle Kontinente (vgl. Out of Africa).

Die Erbgutanalysen sowohl der heutigen Indigenen als auch der Knochenfunde der vor langer Zeit verstorbenen Ureinwohner Amerikas beweisen, dass ihre Vorfahren alle aus Asien kamen. Die DNS belegt, dass sich die ersten Amerikaner die Neue Welt von Norden her kommend untertan machten, und es gibt keinen Hinweis auf eine andere Einwanderungswelle – weder aus Südasien noch aus Europa.

Ausgrabung in Schaefer, Wisconsin – die Funde sind nach Datierungen der Archäologen 14.500 Jahre alt. Bild: D. Joyce

Vor circa 40.000 Jahren machten sie sich von ihrer Heimat in Zentralasien auf den Weg und vor etwa 35.000 Jahren erreichten sie die Beringstraße, bzw. die damals noch existierende Landbrücke Beringia, die Amerika und Asien verband. Aber der Durchgang zum amerikanischen Kontinent war noch durch die gigantischen Gletscher der Eiszeit versperrt.

Das Forscherteam nahm zudem die archäologischen Funde des letzten Jahrzehnts unter die Lupe und bestätigt angesichts der Ergebnisse, dass die Clovis-Kultur nicht der Ausgangspunkt sein kann, da manche andere Besiedlungsspuren deutlich älter sind. Neue Datierungen zeigen, dass die Funde aus Clovis wahrscheinlich 12.900 Jahre sind und nicht älter als 13.000 Jahre wie lange angenommen. Zudem finden sich die für diese Kultur typischen Werkzeuge aus Stein, Elfenbein und Hirschhorn vor allem in Nord- und nur selten in Mittel- oder Südamerika. Außerdem gibt es vor allem im tiefen Süden einige Ausgrabungsstätten, die eindeutig gleich alt oder sogar älter als Clovis sind. Dazu gehören Cerro Tres Tetas, Cueva Casa del Minero, und Piedra Museo in Argentinien, aber auch Fell’s Cave, Quebrada Santa Julia, und Quebrada Jaguay in Chile.

Besonders die Ausgrabungsstätte im chilenischen Monte Verde (vgl. Monte Verde Archaeological Site) stiftet Verwirrung, denn sie ist nach mehrfach abgesicherten Datierungen 14.600 Jahre alt. Und auch in Nordamerika gibt es Funde, die wahrscheinlich älter als Clovis sind (z.B. Meadowcroft Rockshelter in Pennsylvania, Page-Ladson in Florida, Paisley Cave in Oregon, Cactus Hill in Virginia, La Sena in Nebraska, Lovewell in Kansas, und Topper in South Carolina).

Auch wenn nicht in allen Fällen die Datierungen unumstritten sind, so hält die Gruppe um Ted Goebel es doch für möglich, dass die Beringia-Bewohner nach langer Zeit im Hohen Norden nicht warteten, bis der Landweg völlig frei war, sondern mit Booten der Lüste entlang den nordamerikanischen Boden erreichten. Da sie aller Wahrscheinlichkeit nach 20.000 Jahre auf der asiatischen Seite der Beringstraße lebten, könnten erste Gruppen bereits vor ungefähr 15.000 Jahren zugewandert sein, als sich die Gletscher schon ein wenig zurück gezogen hatten – das würde vieles erklären und stände nicht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Genetiker. Eine logische Kombination der in den letzten Jahren vorgelegten archäologischen und genetischen Beweise.

Im Licht der neuen genetischen Studien betrachtet, gehen Ted Goebel und seine Kollegen davon aus, dass die Unterschiede mancher uralter südamerikanischer Schädelformen ihre Ursache in natürlichen Abweichungen und Selektion haben, nicht aber in verschiedener Herkunft. Das Fazit der Wissenschaftler:

Die Debatte um den Ursprung der Bevölkerung Amerikas ist noch weit davon entfernt, entschieden zu sein. Um voran zu kommen, müssen wie weiter mit interdisziplinären wissenschaftlichen Ansätzen an dem Problem arbeiten.

(Andrea Naica-Loebell)

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