Die Facebook-Falle

"Aggressive und rechtswidrige Art der Mitgliederwerbung"

Wie kommt Facebook an vertrauliche Informationen aus Adress- und Kontaktdateien?
Sascha Adamek: Facebook hat eine Freunde-Such-Funktion, die zu benützen wir permanent aufgefordert werden. Dazu kann der User auf einer speziellen Maske bei Facebook einmalig das Passwort seines E-Mail-Accounts auch bei einem anderen Provider eingeben. Sämtliche Daten - neben Namen, Adressen, Geburtsdaten auch persönliche Notizen - werden so in den Facebook-Server geladen. Häufig sind das Daten von Menschen, die noch gar nicht bei Facebook sind. Diese Daten verwendet Facebook dann für die Einladung neuer Mitglieder - in unserem Namen.
Das wäre so, als wenn die Telekom oder Web.de einfach an die Leute Werbungen verschickte, die ich in meinem Adressbuch bei diesen Unternehmen hochlade. Facebook zeigt uns sogar die "Freunde" an, die diese Funktion selbst schon bedient haben. Merkwürdigerweise kenne ich Fälle, wo diese absolut sicher sind, das nie getan zu haben. Stimmen die Aussagen dieser User, würde die Frage, woher Facebook an die Daten kommt, noch mysteriöser. Leider hat Facebook diese aggressive und rechtswidrige Art der Mitgliederwerbung bis heute nicht eingestellt.
Was passiert, sobald man sein E-Mail-Passwort bei Facebook eingegeben hat?
Sascha Adamek: Ein brisanter Test mit dem Institut für Internetsicherheit Gelsenkirchen hat ergeben, was aus den Adressbüchern zu Facebook gelangt: Alles. Im Test gaben wir dem Max-Mustermann noch ein paar Notizen bei, er sei geschwätzig und auf Arbeitssuche. Auch fügten wir eine Mobilnummer mit dem Stichwort "sexy Schnitte" hinzu. Alles landete bei Facebook - und am Schlimmsten: ohne die von Facebook versprochene SSL-Verschlüsselung. Jahrelang haben Menschen so womöglich ihr allerheiligstes Passwort unverschlüsselt an Facebook übertragen und jeder, der wollte, konnte die Email-Passwörter abgreifen. Seit Mai 2010 verschlüsselt Facebook allerdings diese Funktion.
Warum geben Menschen überhaupt ihr Passwort so bereitwillig an Facebook weiter?
Sascha Adamek: Facebook ist atemberaubend einfach in der Bedienung und das verführt User auch zu Dingen, die sie im analogen Leben nie täten. So lädt uns Facebook freundlich ein: "Durchsuchen deines E-Mail-Kontos ist der schnellste Weg, um deine Freunde auf Facebook zu finden". Hinzu kommt, dass Facebook immer mit "Freunden", nicht mit dem zutreffenderen Wort "Kontakte" operiert. Dieser Marketingtrick macht uns unvorsichtig, denn wir meinen, doch "nur Freunde zu suchen." Ich selber gebe meinen Briefkastenschlüssel meiner Nachbarin, wenn ich in den Urlaub fahre. Aber würde ich den Schlüssel auch einem Unternehmen irgendwo in Kalifornien überlassen, das mir dazu noch verspricht, ihn nicht zu kopieren und schon gar nicht meine Briefe zu lesen? Niemals!
Wie kommt Facebook an Daten von Menschen, die sich gar nicht angemeldet haben?
Sascha Adamek: Das erreicht Facebook vor allem mit der gerade beschriebenen "Freunde-Such"-Funktion. Aber auch durch den "Gefällt-mir"-Button ist Facebook auf den Rechnern von Nicht-Mitgliedern präsent. Dieser ist mittlerweile auf 350 000 Webseiten integriert, darunter auch die beliebteste deutsche Online-Seite Bild.de. Nehmen wir an, ich bin kein Facebook-Mitglied und gehe einfach nur auf die Seite von Bild.de. Den "Gefällt-mir"-Button kann ich als Nicht-Mitglied gar nicht bedienen. Aber schon in dem Augenblick, in dem ich einfach einen Artikel lese, setzt Facebook zwei persistente Cookies auf meinen Rechner. Über zwei Jahre kann Facebook so sehen, welche Artikel ich lese. Und wenn ich dann eines Tages doch noch dem Netzwerk beitrete, weiß Facebook unter Umständen schon mehr über mich, als ich selbst erinnere. Sie haben ein Persönlichkeitsprofil meiner Interessen. Deshalb habe ich den "Gefällt-mir"-Button auch als "Facebook-Trojaner" bezeichnet.
Welches Potential birgt diese Taste für die Werbewirtschaft?
Sascha Adamek: Der "Gefällt mir"-Button dient Facebook dazu, unsere Konsuminteressen und Bedürfnisse genau zu rastern. Und je enger die Plattform dieses Raster unserer Person strickt, desto besser kann sie für die werbetreibende Industrie Anzeigen setzen, die auf uns ganz persönlich zugeschnitten sind. Hinzu kommt der Aspekt des Empfehlungs-Marketings. Denn seien wir ehrlich: den Empfehlungen durch unsere "Freunde" folgen wir allemal lieber als wildfremden Anzeigen. Darin liegt der psychologische Trick. Allerdings gibt es längst Firmen, die die Zustimmung via "Gefällt mir" künstlich generieren. Facebook geht zwar gegen solche Firmen vor. Aber je häufiger sich dieser Verdacht ergibt, desto schwieriger wird es für Facebook, die Werbewirtschaft von der Aussagekraft des "likens" zu überzeugen. Jüngstes Beispiel: die merkwürdige, Tag und Nacht gleichermaßen anschwellende Zahl von "Gefällt mir"-Stimmen für den Ex-Minister Guttenberg. Während dort auf Facebook angeblich Hunderttausende für Guttenberg stimmten, fanden sich bei den anschließenden Straßendemonstrationen nur ein paar versprengte "echte" Demonstranten.