Die Familie ist tot, es lebe die Familie!

Norbert Bolz und Frank Schirrmacher beleben die Idee von der Familie als "Keimzelle" der Gesellschaft wieder

Dass die Familie eine besondere, evolutionär betrachtet, sogar höchst prekäre Einrichtung ist, die sich die moderne Gesellschaft leistet, ist bekannt. Vor allem für jemanden, der vor knapp vierzig Jahren ein soziologisches Grundstudium an einer deutschen Universität absolviert hat. Schon damals war ständig vom "Funktionsverlust der Familie" die Rede, in Seminaren wie bei Prüfungen. Gemeint war damit nichts anderes, als die Abgabe einstmals allein der Familie vorbehaltener Aufgaben wie Versorgung, Bildung und Erziehung von Familienmitgliedern an staatliche Einrichtungen wie Schulen, Altenheimen, Kindergärten, oder Krankenhäusern.

Loneliness is a coat we wear.

Scott Walker

Strittig war nur, wie der "Funktionsverlust" zu deuten ist. Sprachen Kulturkritiker meist von "Desintegration", vom Ausgliederungsprozess der Familie aus gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen bei gleichzeitiger Intimisierung des familialen Binnenbereichs, wollten Rationalisten darin allenfalls eine "Verlagerung" von Funktionen an den Staat erkennen. Einig war man sich hingegen, dass durch die "funktionelle Reduktion auf rein familiale Leistungen" (R. König) die Familie einen Gewinn davontragen würde. Indem sie auf ihren Kernbestand, auf Vater, Mutter und Kind schrumpft, sich von anderen Aufgaben "entlastet" und Beziehungen intensiviert, wird sie zur wirkmächtigsten "Intimgruppe" überhaupt. Die Familie bietet nicht nur Sicherheit, Geborgenheit und eine Art Schutzwall vor den instabilen Verhältnissen der anonymen Gesellschaft, sie kann sich seitdem auch ihrer vornehmlichsten Aufgabe, dem "Aufbau sozialkultureller Persönlichkeiten" (F. Neidhardt) widmen. An diesem intimen Ort erfährt das Kind seine emotionale Entwicklung und lernt all jene soziale Rollen, Werte und Normen, die es fürs Erwachsenenleben braucht.

Schutz, Intimität, Vertrautheit - all diese Qualitäten, die die Familie gibt, macht sie aber weder zu einer "Oase des Friedens" (H. Schelsky) noch zu einer Art von "Gegenstruktur der Gesellschaft" (H. Rosenbaum). Weder ist sie ein "Sozialidyll" noch eignet sie sich für revolutionäre Fantasien politischer Sektierer. Stets wird ihre "Desintegration" von internen Ausfallerscheinungen (Desorganisation) bedroht. Besonders die Dynamik der Wirtschaft, aber auch Wertewandel und öffentliche Meinung, "Überemotionalisierung" und wachsende Abkapselung der Familie nach außen sorgen dafür, dass die Familie unter akuter Auflösungsgefahr steht.

Diese gegenstrebige Fügung, die "Desintegration" und "Desorganisation" bilden, stürzt die moderne Familie in eine paradoxe Grundstruktur: Einerseits braucht die moderne Gesellschaft die Familie zum Bestandserhalt. Keine soziale Einheit übt zentrale Aufgaben der Gesellschaft, Fortpflanzung, Fürsorge, emotionale Stabilisierung, soziale Platzierung, wirtschaftliche Versorgung kostengünstiger aus als sie; und keine andere soziale Einheit ist besser geeignet, deviantem oder delinquentem Verhalten vorzubeugen und Funktionen sozialer Kontrolle wahrzunehmen. Gleichwohl kann die Familie all dies aber nur leisten, wenn sie von der Gesamtgesellschaft in diesem Tun bedingungslos unterstützt wird, materiell wie ideell. Mithin sind es genau diese biosozialen Reproduktionsleistungen, aus der sich der besondere Schutz begründet, den ihr der Staat fortan gewährt. Entzöge die Gesellschaft ihr diesen Schutz und überließe sie dem freien Marktgeschehen, zerfiele die Gesellschaft in ihre Einzelbestandteile. So zumindest die Überzeugung von Funktionalisten wie dem US-Amerikaner William J. Goode. Und so auch die, wie wir sehen werden, von Frank Schirrmacher.

Auch die Debatte über die demografische Entwicklung ist nicht neu. Spätestens seit dieser Zeit ist sie Gegenstand diverser Erhebungen, Prognosen und Expertisen. Stöbert man diesbezüglich in den Archiven herum, wird man Erstaunliches finden. Beispielsweise will der damalige Oppositionsführer Helmut Kohl schon damals laut einem Bericht der SZ vom 22.8.1978 "im Absinken der Geburtenrate und angesichts einer sozialliberalen Familienpolitik, die nichts dagegen unternimmt, einen Skandal erster Ordnung" erkennen.

Die Gründe, die genannt werden, dürften uns auch dreißig Jahre später bekannt vorkommen. Neben dem "Rückgang von Eheschließungen" und der rasanten "Zunahme von Ehescheidungen" wird vor allem der wachsende "Arbeitswunsch der Frau" für das Sinken der Geburtenzahlen verantwortlich gemacht. Erwerbstätige Frauen gebären laut einer Studie durchschnittlich viel weniger Kinder als Nur-Hausfrauen. Hinzu kommt ein gravierender Mentalitätswandel. Post 1968 zeigen Männer wie Frauen veränderte Vorstellungen, was Ehe, Familie und Beruf, aber auch, was den eigenen Lebensentwurf angeht. Der Wunsch, aus Kindern etwas zu machen, und der Wille, seinem Leben eine bestimmte Form zu geben, verstärken den Trend zur Einkind- oder Nichtfamilie. Der "Kinderschwund", behauptet eine andere Studie, ist hauptsächlich auf den Rückgang der Geburten dritter und weiterer Kinder sowie eine verzögerte Familienbildung (das erste Kind wird relativ spät geboren) zurückzuführen. Wert wird vor allem auf die Entfaltung der Persönlichkeit gelegt, nicht mehr auf die Erhaltung des Lebens. "Die strategischen Bemühungen der Eltern", schreibt der Anthropologe Claus Mühlfeld, "ihren Kindern in der Gesellschaft einen möglichst ranghohen Status zu vermitteln, oder diesen durch schulische Institutionen und deren Bildungsbemühungen zu sichern, führen zum Absinken der Geburtenrate in den Schichten mit Aufstiegserwartungen, da eine größere Kinderanzahl die Aufstiegschancen des einzelnen aus finanziellen Gründen limitieren."

Überraschend offen werden schließlich auch die Probleme und Auswirkungen erörtert, die Bevölkerungsrückgang, Kinderlosigkeit und Schrumpfen der Familie auf Bildung, Gesundheit und Rente haben. Während Bildungsforscher die Aufrechterhaltung eines Flächen deckenden und Elternhaus nahen Schulangebots bedroht sehen und Engpässe in der personellen und räumlichen Ausstattung von Schulen befürchten, rechnen Sozialpolitiker vor, dass es wegen des demografischen Knicks und abrupten Rückgangs erwerbstätiger Menschen zu massiven Defiziten in dem nach dem Umlageverfahren arbeitenden deutschen Rentensystem kommen wird.

Um die zu erwartenden Fehlbeträge in Zukunft zu decken, schlagen sie vor, die Beitragssätze zu erhöhen, Leistungen zu mindern und das Renteneintrittsalter schrittweise heraufzusetzen. Gerechtfertigt sehen sie solche Maßnahmen durch die gestiegenen Lebenserwartungen. Zugleich verlangen sie Ausgleichsabgaben an die Rentenversicherung, von Nichtverheirateten oder Kinderlosen ebenso wie von Ehepaaren mit weniger als zwei Kindern, und fordern die Politik dazu auf, Rentner an den Kosten des Gesundheitssystems stärker zu beteiligen.

Angesichts dieser Zahlen, Prognosen und Vorschläge, muten die derzeit hitzig geführten Debatten um Überalterung und "Gebärstreik", Elterngeld und Ganztagesbetreuung, schon überaus seltsam an (Wir müssen bei den Männer anfangen). Verdutzt reibt man sich die Augen. Und fühlt sich unwillkürlich bei der Frage ertappt, was die Verantwortlichen eigentlich all die Jahre mit diesen Erkenntnissen angefangen haben. Warum haben sie nicht früher reagiert und den Auftrag des Grundgesetzes, das "Ehe und Familie unter den besonderen Schutz des Staates" stellt, ernst genommen? Was ist aus dem großspurigen Versprechen der damaligen sozialliberalen Regierung geworden, "die Familie im Rahmen der rechtlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten durch materielle und sonstige Hilfe in der Erfüllung ihrer Aufgaben im Innenverhältnis und im Verhältnis zur Gesellschaft zu stützen und zu fördern" (Drucksache 7/2240 vom 10.3.1975)? Handelt es sich nur um einen Sturm im Wasserglas, oder sind die Sorgen und Nöte tatsächlich so groß, dass die Politik diese Entwicklung nicht mehr ignorieren kann?

Folgt man Frank Schirrmacher, der das Thema als erster intellektuell aufgespießt hat, dann ist es längst fünf nach zwölf. Der Ernstfall ist eingetreten, der deutschen Gesellschaft gehen die Kinder aus, und damit das "soziale Kapital", das sie zum Überleben braucht. Mit ca. 1,4 Kindern je Frau ist ein "Minimum" erreicht. Damit die Bevölkerung stabil bleibt, muss der Schnitt aber bei 2,1 Kindern liegen. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird jede neue Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern, sodass sie die der Eltern nicht mehr ersetzen kann. Für die deutsche Bevölkerung bedeutet das über kurz oder lang den Tod.

Am Fernsehen lässt sich diese Tendenz gut verfolgen. Hier sind Familien mit Kindern schon aus den Programmen geflogen. In Vorabendserien dominieren kinder- und bindungslose Singles. Die Zeit, als Mutter noch die Beste oder Vater der Allerbeste waren, und Kinder mit Fury und Lassie Abenteuer erlebten, ist passé. In der "Lindenstraße", auf dem "Marienhof" oder wo auch immer, sind Kinder nur noch Staffage, Beiwerk. Rund um die Uhr wird gearbeitet, zur After-Work-Party gestiefelt und vor allem die eigene Befindlichkeit gepflegt. Liebe bringt Unglück, Gram und kostet, Arbeit hingegen macht frei, bringt Geld und Profit. So die Botschaft. Die Medien bieten alles, was fehlt, Familienersatz und Freunde.

Diese kinderlose Welt, in wohlfeile Bilder verpackt, wird an jene Kinder weitergegeben, die bislang noch das Licht der Welt erblicken. Deren künftiger Kinderwunsch wird sich folglich in Grenzen halten. Er entsteht nur dort, wo Kinder andere Kinder erleben. Ist dies nicht der Fall, wird die Kinderquote weiter sinken, aller staatlicher Investitionen in Kindertagesstätten und Ganztagesbetreuungen zum Trotz. Solange Kinder ausschließlich als Kostenfaktor und Lustkiller empfunden werden; solange vor allem Männer Angst davor haben, Verantwortung für andere zu übernehmen; solange sich niemand mehr den Stress, die Last und die Fürsorglichkeit antun will, die Kindererziehung verlangt, wird man sich zum Zeitvertreib lieber einen Hund anschaffen. Ihn kann man bei Bedarf auch wieder aussetzen. Wie heißt es in Michel Houellebecqes "Die Möglichkeit einer Insel" treffend: "Die Gesellschaft eines Hundes ist deshalb so angenehm, weil man ihn glücklich machen kann; was er verlangt, ist so einfach zu erfüllen, sein Ego ist so begrenzt. [...] So hielt Fox Einzug in unser Leben - und mit ihm die bedingungslose Liebe."

Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht wäre das, langfristig betrachtet, nicht weiter tragisch. Zumal die künftige Wissensgesellschaft gar nicht mehr über all die Jobs verfügen wird, die Kinder und Kindeskinder, und da vor allem die Minderbegabten und Leistungsscheuen, später für ein erträgliches Auskommen brauchen. Dergestalt könnte die moderne Gesellschaft ihr akutes Arbeitsplatzproblem auf diese elegante und wenig dramatische Weise entsorgen. Zudem könnte sie viele Milliarden Euro von jenem gewaltigen Sozialetat einsparen, den sie bislang noch für Sozialhilfe, Umschulung und andere staatliche Zuwendungen aufwenden muss. Berücksichtigt man noch, wie wenig kompetent sich Eltern mittlerweile in Erziehungsfragen zeigen, wie wenig sie willens sind, sich zu ihrer Erziehungspflicht zu bekennen, und zwar auch in den Mittelschichten, dann muss man eigentlich froh sein über all die Nichtgeborenen, die andernfalls sozial veröden oder emotional verwahrlosen würden.

Nein, der demografische Knick muss kein Fluch sein. Vorausgesetzt, die Politik macht ihre Hausaufgaben, sie kündigt den Generationenvertrag auf und stellt das Umlageverfahren auf ein individuelles Vorsorgeverfahren um. Dass dazu auch gruppenbezogene Maßnahmen gehören, versteht sich fast von selbst. Kinderreiche Familien und Gesundheitsbewusste müssen finanziell belohnt und entlastet, Singles und kinderlose Paare höher besteuert, und Extremsportler und Risikoträger (Raucher, Alkoholiker...) stärker an den Gesundheitskosten beteiligt werden. Es kann nicht sein, dass Kinderlose dieselben Versorgungsansprüche erwerben wie Eltern mit Kindern. Oder dass Personen, die absichtlich Schindluder an ihrer Gesundheit treiben, mit anderen, die Vorsorge betreiben, gleichgestellt werden.

All das sind aber technische Verfahrensfragen, die von politisch entscheidbar sind. Das andere Problem, das Schirrmacher aufwirft, reicht viel tiefer und kann durch Gesetzestexte oder finanzielle Anreize nicht gelöst werden. Beispielsweise die Frage, wie es um den emotionalen Haushalt einer Gesellschaft bestellt ist, wenn die Familie als billiger Lieferant und Aufbauhelfer ausfällt? Gibt es andere Lebensgemeinschaften, die sie gleichwertig ersetzen kann? Oder sterben mit ihr auch jene sozialmoralischen Werte wie Vertrauen, Selbstlosigkeit oder Mitgefühl aus, die für ein gemeinsames Zusammenleben notwendig sind und nach Meinung von Sozialanthropologen vor allem in der Familie vermittelt werden?

Um der Gesellschaft zu zeigen, worauf sie sich einlässt, wenn sie die "Urmacht" der Familie verkennt, greift der FAZ-Herausgeber zu einem bekannten Argument der Politischen Theologie. Demnach beweist das Normale nichts, die Ausnahme aber alles. "Die Ausnahme", schreibt Kierkegaard, und Carl Schmitt zitiert ihn, "erklärt das Allgemeine und sich selbst [...]. Sie legt alles viel deutlicher an den Tag als das Allgemeine."

Und ein solches Ereignis stellen die Ereignisse am Donner-Pass dar, wo ein Siedlertreck auf ihrem Weg an den sonnigen Pazifik vom Wintereinbruch in der Sierra Nevada überrascht wird. Kommt es hart auf hart, schließt Schirrmacher aus dieser Katastrophe, dann überleben nicht die Bruce Willis-Typen, junge, starke oder abenteuerlustige Singles, sondern Familien, die ein natürliches Zusammengehörigkeitsgefühl zeigen und niemanden aufgeben. Vor allem da, wo die Kraft des wirklichen Lebens durchbricht und jeder sich selbst zum Nächsten wird, zeigt sich die Familie als echte "Überlebensfabrik". Blutsverwandtschaft wiegt mehr als Wahlverwandtschaft, Substanzen mehr als lose gekoppelte Formen. Im Blut wesen Elementarkräfte, die ein ungleich höheres Maß an Bindungsfähigkeit erzeugen als zufällig zusammen gewürfelte Sozialverbände, Patchworks, Freundschaften oder Beziehungsgeflechte à la MySpace.com.

Gesellschaften zehren bis heute davon. Auch deshalb gilt sie Soziologen und Anthropologen als "Keimzelle". Schrumpft die Familie, wird sie brüchig und kommt für die Heranbildung soziokultureller Personalitäten nicht mehr in Frage, bekommt jede Gesellschaft ein grundlegendes Problem. Ob mediale Imperative diese Urkräfte ersetzen oder ausbalancieren können, ist ebenso ungewiss wie riskant. Moralische Ressourcen lassen sich nicht wie Wirtschaftgüter oder Dateien beliebig vermehren oder tauschen. Sie können nicht einfach durch marktgängige Marktformen kompensiert oder gar produziert werden. Werden die "Eigensinnigkeiten" der sozialen Lebenswelt (J. Habermas) systemisch überformt, muss die Gesellschaft wissen, was sie verliert.

Ulf Poschardt, der jüngst eine melancholischen Ode an die Einsamkeit entrichtet hat und dem Solitär den Vorzug vor aller Paar- oder Verbundbildung gegeben hat, sollte sich vorsehen. In der Gefahr ist der Single stets allein. Rücken Familien in der Not enger zusammen, lassen Freunde sich gegenseitig im Stich. Jeder Promi weiß das, wenn er, aus welchen Gründen auch immer, öffentlich in Ungnade gefallen ist. Das kann man notfalls mit Camusschen Gesten wegwischen. Sollte aber, wie Gabor Steingast demnächst weissagt, tatsächlich der "Weltkrieg um Wohlstand" ausbrechen, könnten Selbstfindung, Selbstliebe und Selbststilisierung sich zum "Standortnachteil" für den Single erweisen. Nicht nur bei der Geburt und beim Sterben ist der Mensch allein, auch im Seniorenheim, auf der Intensivstation und in anderen grenzwertigen Situationen. Hat er niemanden, mit dem er irgendwie geschwisterlich verbunden ist, wird er sich wie einst Münchhausen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen müssen.

Wer nach Lösungen sucht, wie die Lust auf Kinder wieder geweckt und die Kinderproduktion angekurbelt werden könnte, wird wenig finden. Da sind zunächst mal die Frauen, auf deren Schultern die Zukunft ruht. Aufgrund ihrer emotionalen und fürsorglichen Intelligenz, und die empirischen Forschungen Carol Gilligans belegen dies, sind Frauen begnadete Netzwerker, sie halten Gemeinschaften und Verwandtschaften zusammen und investieren gern in den Aufbau und die Pflege von Beziehungen. Diese Haltung und Einstellung prädestiniert sie, sich neben ihrem Beruf auch noch um die Familie und die Versorgung der Alten zu kümmern. Von Männern ist dagegen nur am Rande die Rede. Dabei sind es vor allem sie, die sich vor der Verantwortung (lieber keine Kinder) und vor der Erziehung (das ist Frauensache) am meisten drücken.

Bei Lichte besehen ist die Frauenemanzipation genau an diesem Problem gescheitert. Frauen haben vielleicht gewisse Positionen und Funktionen erobert, sie haben Karriere gemacht, sind Moderatorin, Intendantin oder gar Kanzlerin geworden. Doch ist es ihnen nicht gelungen, die Männer in die Erziehungspflicht zu nehmen. Sieht man von ein paar Müslijüngern, Weicheiern und Ökofritzen ab, die in den 1980ern im sozialwissenschaftlichen Seminar zu stricken begannen oder mittlerweile den Nachwuchs mit dem Fahrradanhänger in die Montessori-Schule bringen, dann ist auf diesem Feld herzlich wenig passiert. Das ist umso verwunderlicher, als Frauen mittlerweile die maßgeblichen Erzieher von Jungen sind, Zuhause genauso wie im Kindergarten oder in der Grundschule.

Dem infantilen, vor Familienarbeit und Kindererziehung ständig flüchtenden Mann hat Elke Buhr am "Vatertag" eine liebevoll-bissige Studie gewidmet (Der infantile Mann), und damit Schirrmacher wider Willen recht gegeben. Kümmert sich die moderne, berufstätige Frau um die Probleme des Alltags, um Hausaufgaben, Steuererklärung, Gartenarbeit usw., pflegt der fortschrittliche Mann, vor allem eins, seine gigantische Bücher- und CD-Sammlung. Selten hat jemand das eigene Scheitern besser illustriert als die FR-Redakteurin.

Da ist zum anderen die Hoffnung, dass sich die Einstellung der Gesellschaft zur Diversifizierung familiärer Formen in familienähnliche Netzwerke ändern und sie die Grenzen des Familiären bald anders ziehen wird. Weswegen das Buch sowohl vom "Vergehen", als auch vom "Neuentstehen unserer Gemeinschaften" im Untertitel spricht.

Unstrittig ist, dass die Patchworkfamilie familiale Bande neu knüpft. Zumal die Beziehungen vielfältiger, ereignishafter und loser gekoppelter sind, sie mehr Eigenverantwortung und Selbstbeteiligung erfordert (etwas, was der modernen Gesellschaft durchaus zupass kommt), sie möglicherweise fehlende Geschwisterbeziehungen kompensiert und allzu enge und intime Beziehungen, die dereinst die Psychoanalyse auf den Plan gerufen haben, verhindert. Ob Kinder dort aber, wo Partner, Beziehungen und Milieus ständig wechseln, auch jenen emotionalen Halt finden, den sie brauchen, um eine "sozialkulturelle Persönlichkeit" zu werden, steht in Zweifel. Familien geben in aller Regel mehr als sie nehmen. Und zwar ohne dass sie eine Gegenleistung erwarten. Weswegen marktförmige Tauschbeziehungen für sie nicht in Frage kommen. Polygame Sippengeflechte mögen Naturvölkern passable Lösungen zur Bewältigung des Lebens bieten, für "satte" und demzufolge "erziehungsschwache" Gesellschaften, wo der Alltag von Marken, Profitmaximierung und Lustgewinn bestimmt wird, sind sie eher ungeeignet.

Die Feldbeobachtungen, die man diesbezüglich anstellen kann, stimmen nicht unbedingt optimistisch. Kinder und Jugendliche sind mit wechselnden Lebensabschnittspartnern, Kettenehen oder anderen Beziehungen auf Zeit emotional meist überfordert. Jeder Erzieherin im Kindergarten, jeder Lehrer in der Schule wird das bestätigen. Vor allem Trennungen, aber auch Neustrukturierungen erleben sie besonders hart und kommen damit gefühlsmäßig kaum zurande. Häufig werden die schulischen Leistungen in Mitleidenschaft gezogen und es kommt zu neurotischen Reaktionen. Und statt Hingabe, Vertrauen und Demut zu entwickeln, suchen sie eher ihren persönlichen Vorteil. Sie lernen Personen gegeneinander auszuspielen und sich bei bestimmten Personen das zu holen, was andere ihnen verweigern.

ADS, LRS und Dyskalkulie, Störungen im motorischen und seelischen Bereich, Defizite in der kognitiven Entwicklung, verhaltensauffälliges Benehmen und der periodische Genuss von Psychopharmaka - all das war in dieser Ansammlung und in diesen Ausmaßen noch vor Jahren unbekannt. Im Übrigen auch jene Kohorten von Sozialtherapeuten, Logopäden und Kinderärzten, die das diagnostizieren und sich der wachsenden Gruppe derangierter Kinder und Jugendlicher annehmen. Es ist müßig darüber zu streiten, was zuerst da war, die emotionale Verwahrlosung oder die erfindungsreichen Helfer, die sich dies alles ausdenken, um ihren Unterhalt zu sichern. Fakt ist, dass die Tendenz steigend ist, und man dies alles nicht kennt, als Familien, zumindest von außen betracht, noch einigermaßen intakt waren. Schon im Kindergarten, und erst recht in der Grundschule, haben Erzieher und Lehrer alle Hände voll zu tun, all den Prinzen und Prinzessinnen oder den vielen sozial verödeten Jungen und Mädchen die elementaren Formen des Zusammenlebens beizubringen. Sie müssen sie "gemeinschaftstauglich" machen, ihnen Grußformeln lernen, Manieren oder Benimmweisen oder gar mit ihnen frühstücken, weil sie nicht wissen, was das überhaupt ist: ein Frühstück.

Alte Gewissheiten Dass die Familie keine "Insel der Seligen" ist, weiß Schirrmacher. Auch Familien können "Trainingslager" für Angst, Hass oder Gewalt sein. Keine Frage. Wer wollte das bestreiten (Eine Hölle namens Familie: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,413260,00.html). Und der Zwang, den sie mitunter auf Frauen, Männer und Kinder ausüben, hat schon manchen Zeitgenossen dazu bewogen, schon sehr früh das Weite zu suchen und sein Glück in der Fremde zu suchen. Weswegen die idealtypische Entgegensetzung, die Schirrmacher erzeugt: hier Vertrautheit, Selbstlosigkeit und symbolischer Tausch, dort Eiseskälte, Egoismus und Äquivalententausch nicht besonders überzeugend wirken. Andererseits ist aber auch klar: Ohne familiären Halt in der Kindheit, ohne ausreichende emotionale Zuwendung durch eine Bezugsperson, und ohne Stimulation durch eine ansprechend gestaltete Umwelt, wird der Infans ein unbeschriebenes Blatt bleiben: ein Mensch ohne Sprache, Herz und Kultur.

Norbert Bolz bleibt es schließlich vorbehalten, an einige anthropologische Konstanten zu erinnern, an soziologische Gewissheiten zur frühkindlichen Entwicklung (R. Spitz), Moralerziehung (L. Kohlberg) und psychosozialen Emotionalität (E. Erikson), die insbesondere jener Teil der Gesellschaft, der post 1968 die Schattenseiten der Familie überbetont und sich deshalb für besonders fortschrittlich gehalten hat, entweder aus Bequemlichkeit vergessen hat oder weil er dem eigenen, individuellen Lebensentwurf und Lebensstil zuwiderläuft.

Viel Lob hat er dafür nicht geerntet, weder von Frauen (Oh Pa-pa-pa-pa-gene) noch von Männern (Ein seufzender Patriarch). Wie auch, schlachtet Bolz doch auch einige heilige Kühe der rotgrünen Kulturgesellschaft. Beispielsweise die Erwartung, dass Intimität, Schutz und Geborgenheit, die die Familie dem "Mängelwesen" mitgibt, durch staatliche Einrichtungen, Kinderkrippen, Horte, Kindertagesstätten oder Ganztagsschulen ersetzt und vollkommen kompensiert werden könnten.

Vehement wehrt sich Bolz gegen die Vorstellung, der Staat könnte all diese Aufgaben besser erfüllen als die Familie. Was als Hilfe für notleidende Eltern gedacht ist, dient bestenfalls dem Outsourcing des Familiären, das flugs auch noch zur neuen familienpolitischen Norm erklärt werden soll. "Die Schule wird zum Kinderbetreuungszentrum, in dem die Kinder nicht primär lernen, sondern `integriert´ werden." Wer aber die Revitalisierung der Familie mit einem Mehr an öffentlicher Erziehung begründet, befördert und befürwortet zugleich auch ein Mehr an öffentlicher Einmischung. Greift die Politik dermaßen massiv in das Private ein, in Aufzucht und Persönlichkeitsbildung, wird die DDR durch die Hintertür wiedereingeführt. Genau dieser Fürsorgestaat, der sich erdreistet, die Familie zu ersetzen, hat aber den nebenteiligen Effekt, dass die von Versorgungsleistungen befreiten Singles oder Paare sich gezielt der "Selbstverwirklichung" und einem von Marken untermalten Hedonismus widmen können. Die unter der Sigle "Political Correctness" getarnte Kinderfeindlichkeit, die feministische Karrierefetischisten und Methusalem-Apologeten an den Tag legen, ist Inhalt eines radikalen Individualismus, der begründungsunfähig ist, sich selbst genügt und zu nichts mehr verpflichtet - außer sich selbst. Wer heiratet, führt eine Ehe als ob, wer Kinder auf die Welt setzt, tut, als wenn er keine hätte, und wer Mann oder Frau ist, benimmt sich, als wenn es diese Unterscheidung nicht gäbe.

Dass der Generationenvertrag zwischen Jung und Alt, Eltern und Kindern platzt und es zum "kalten Krieg" zwischen Mann und Frau, Familie und Staat, Haus- und Karrierefrau kommt, ist nicht nur wirtschaftlich verheerend, sondern auch kulturell höchst folgenreich: Während die Kluft zwischen dem Lebensstil von Eltern und dem von Kinderlosen stetig wächst, schreitet der Zerfallsprozess, den Funktionalisten beschreiben, munter voran. Sein Ende ist am Horizont schon zu beobachten. Ganz nüchtern müsse man daher feststellen, dass Kinderaufzucht und Erziehung nicht mit der modernen Wirtschaft kompatibel sind. Mit Kindern kann der moderne Kapitalismus, außer sie konsumieren, wenig anfangen. Eine Familie zu gründen, ist mittlerweile eine törichte Entscheidung mit ungewissem Ausgang. Wer sich dazu bekennt, handelt ökonomisch dumm, weil er sich unnötige Kosten aufbürdet, die er besser anderweitig ausgibt, aber auch kulturell fahrlässig, weil er sich freiwillig eigener Chancen und persönlicher Bewegungsfreiheit beraubt.

Kinder haben keinen Wert, in sie zu investieren, macht keinen Sinn, sie bleiben unkalkulierbare Fixkosten hinsichtlich Ausbildung, Sozialisation und Beruf. Ihr "sozialer Wert" bleibt unbeachtet - auch wenn ihr gesellschaftlicher Wert, wie Schirrmacher meint, bald "sprunghaft steigen" wird. Individuelle und sozialmoralische Werte sind zwei unterschiedliche Paar Stiefel. Die Gefahr für Eltern, in ein Fass zu investieren, das ohne Boden ist, ist mittlerweile zu groß. Schon jetzt sitzen viele Jungerwachsene, außer sie sind Bezieher von ALG II, zu Hause herum und drehen Däumchen. Wegen schlechter Berufsaussichten wandern sie von Schule zu Schule, machen eine Ausbildung, eine Umschulung oder ein Praktikum nach der/m anderen und lassen sich von den Eltern finanziell aushalten. Nur weil die Nachkriegsgeneration so gespart hat, ist das noch möglich.

Mit Elterngeld oder Kopfpauschalen, mit mehr Kindergartenplätzen oder Ganztagesschulen, wird das nicht zu beheben sein. Schon weisen Spötter auf das Nachbarland Schweden hin, wo die Väter ihren Elternurlaub ausgiebig zur Elchjagd nutzen (Die gehen Elche jagen). Läge es allein an Geld und Zeit, dann hätten die Jahre zwischen 1970 und 1990 zu den kinderreichsten gehören müssen. Das Gegenteil ist aber der Fall gewesen. Weder Steuersplitting noch Kinderfreibeträge und Kindergeld haben Männer und Frauen Fortpflanzung animieren können.

Der "Vorsorgestaat" (Francois Ewald) oder "vorsorgende Sozialstaat", wie es im SPD-Programm jetzt heißt, lügt sich in die Tasche, und mit ihm all jene Kohorten rotgrüner Besserverdiener, die glauben, den "Kinderschwund" durch eine "Verstaatlichung der Kinder" beikommen zu können. Sie in soziale Bewahranstalten zu sperren, wird kaum für Abhilfe sorgen. Sie bieten vielleicht Betreuung, aber keine Hingabe und liebevolle Zuwendung. Und sie bieten Kompensation, um das schlechte Gewissen und Schuldgefühle von Eltern zu betäuben. Was die Gesellschaft im innersten zusammenhält: Handlungen zu begehen ohne Gegenleistung zu erwarten, kann weder vom Markt noch vom Staat organisiert werden. Darin sind sich Bolz und Schirrmacher mit J. Habermas und dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt einig.

Kinder zu wollen und zu haben, wird, aller Sonntagsreden zum Trotz, auch weiterhin ein Symbol luxuriöser Verausgabung und üppiger Selbstverschwendung sein. Eine solche "moralisch" motivierte Ökonomie wird sich in einer Wirtschaft, die auf Kapitalakkumulation und Profimaximierung baut, kaum noch jemand antun, geschweige denn leisten wollen. Wo der Grundsatz gilt: "Selbstverwirklichung ist das Opium aller Iche", muss der Steuerungsstaat passen. Gegen "metaphysische" Probleme kann er nichts ausrichten, jedenfalls nicht mit Verwaltungsakten. Er kann die Lage höchstens noch dramatisieren und verschlimmern: Je länger wohlfahrtsstaatliche Leistungen walten, desto unfähiger werden die Empfänger, für sich selbst zu sorgen.

Wer sich angesichts des allgemein verbreiteten Anspruchsdenkens "trotzdem" für Kinder und Familie entscheidet, Karrierechancen zugunsten der Familie aufgibt, wird entweder zum Outcast und Dino oder, wie Bolz meint, zum Helden wider Willen. Eltern sind, so auch der Titel des Buches, die wahren Helden der Gesellschaft.

Gewiss, das klingt alles sehr neokonservativ. Und die Kritik, von SZ über die Zeit und FR bis hin zur taz, hat sich auch genau daran entzündet, am Hochhalten der Familienwerte und der Überbetonung der demografischen Bombe (Mythen in den Bevölkerungsdebatten). Nach dem Mangel an Vorräten, Ressourcen und Energie, beklagt man nun eben den Mangel von Kindern und verwandtschaftlichen Beziehungen. Mangelsituationen und Verlustrechnungen begleiten die moderne Gesellschaft wie das Amen in der Kirche.

Andererseits könnte man sich aber auch fragen, warum die interessantesten Sachbücher der Saison gerade aus dieser Ecke kommen. Und da schließe ich die Bücher von Kirchhof, Matussek und di Fabio durchaus mit ein. Kommen sie wirklich so altbacken daher oder vermitteln sie nicht auch Anstöße, indem sie unangenehme Fragen wider den Zeitgeist stellen, Gewissheiten oder Selbstverständlichkeiten hinterfragen und zu intellektuellen Debatten anregen und auffordern? Von der politischen Linke kommt dazu wenig. Ich wüsste weder ein Buch noch einen Debattenbeitrag der jüngeren Zeit, der anstößig gewesen wäre und zur Auseinandersetzung aufgefordert hätte.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Konservatismus heute anders auftritt. Was unter "neokonservativ" firmiert, hat mit dem Konservatismus alten Stils nicht mehr viel gemein. Neokons wie Schirrmacher, Bolz, Poschardt und Co. predigen kein Rollback. Im Gegenteil, sie sind liberal und aufgeklärt, wenden sich gegen einen bestimmten Sprachgebrauch, sind gewohnt in Paradoxien zu denken und fühlen sich eher der Popkultur als dem Wertkonservatismus zugehörig. Auch sind sie keine Kulturpessimisten mehr, sondern Evolutionisten, die einen eher biologisch, die anderen eher systemkonstruktivistisch orientiert. Familie ist für sie kein althergebrachtes Sittengemälde mehr für Ruhe, Zucht und Ordnung, sondern der Schlüssel für gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit.

Selbst die Parteien haben die Vorzüge der Familie wiederentdeckt. Schon im Vorfeld des Bundestagswahlkampfes 2005 ist das deutlich geworden, als sie unisono auf Familie, Jugend und Erziehung gesetzt haben. Sogar die Grünen, die am liebsten die Familie des permissiven Postmaterialismus zuliebe schlachten wollten, springen auf den Zug auf. Und das nicht nur, weil die Politik, seitdem ihre Reichweite in punkto Wirtschaft und Außenpolitik globale Grenzen hat, gezwungen ist, sich weichen Themen zuzuwenden. Dass die schwarzrote Regierung eine Familienministerin installiert hat, die sich des Themas mit missionarischem Eifer annimmt, kann da kaum überraschen.

Staatliche Wohlfahrt kann die Familie nicht ersetzen. Wer zu viele Erwartungen in ihn setzt, wird bald Schiffbruch erleiden. Der Wohlfahrtsstaat, wie ihn Deutschland kennt, ist Vergangenheit. Ihn wird man bald im Museum für deutsche Geschichte in Berlin besichtigen können. Aber auch Familienfetischisten müssen abrüsten. Dass der einzelne wieder in den Schoß der "Schicksalsgemeinschaft" Familie zurückfindet, wenn die sozialen Netze endgültig reißen, dazu wird es nicht kommen. Das "Goldene Zeitalter" der Familie, das Schirrmacher auf die Zeit von 1950 bis 1970 datiert, ist unwiderruflich vorbei. Im Alter wird es kaum jemanden geben, der sich um unsere Gebrechen, Sorgen und Nöte kümmern wird. Auch die paar dann erwachsen gewordenen Kinder nicht, die wir wider jede Vernunft noch geboren haben. Sie werden anderes zu tun haben, als sich um uns Alten und vor sich hin Siechenden zu kümmern. Für unser immer Älterwerden werden wir teuer bezahlen müssen, in Pflegepersonal und Seniorenresidenzen. Darin rechtzeitig zu investieren, könnte lohnender sein als in den hochspekulativen Aktienmarkt. Insofern tut man gut daran, und da hilft Poschardts Buch vielleicht dann doch, sich frühzeitig auf ein "Alleinsein" einzustellen.

Vielleicht nimmt die Entwicklung aber auch eine unerwartete Wendung. Nehmen wir zum Beispiel Phillip Longmans Manifest (The Return of Patriarchy) zur Hand, dann werden vor allem jene Gesellschaften, die am weitesten säkularisiert sind und den Wohlfahrtsstaat am üppigsten ausbauen, auch am anfälligsten für religiöse Revivals und patriarchale Formen. Und zwar dann, wenn die öffentliche Wohlfahrt nicht mehr finanzierbar ist. Die Neokons könnten also irren. Die Zukunft muss nicht feminin und mit deren Werten durchsetzt sein. Patriarchat heißt nicht, dass Männer dominieren. Es bedeutet nur, dass ein kulturelles Wertesystem errichtet wird, das "eine hohe Geburtenrate unter Wohlhabenden garantiert" und dadurch den Kulturtransfer von einer Generation auf die andere sicherstellt.

Und in der Tat: Blickt man nach Amerika, dann sind die Geburtenraten verglichen mit anderen "satten" Gesellschaften noch sehr hoch. In "God´s own country" vermehren sich Konservative stärker als Progressive. Sie glauben, dass das Gottes Auftrag und Wille ist, während Leute, die gegen Krieg sind, weiche Drogen akzeptieren und für Homo-Ehe sind, kaum noch Kinder haben. Der Staat Utah, wo die Mormonen leben, ist ein Paradebeispiel dafür. Aber auch orthodoxe Juden und Siedler in Israel zeichnen sich durch eine hohe Kinderzahl aus.

Für aufgeklärte Zeitgenossen mag dieser Umstand ein Gräuel sein. Die Tatsache, dass in anderen Regionen dieser Erde, in China und in Indien, Mädchen zunehmend Seltenheitswert haben, spricht eher für Longmans These. Und noch etwas könnte uns Sorgen bereiten: "Gesellschaften, die auf dem Patriarchat gründen, maximieren Bevölkerung und Macht, während alle anderen, die davon Abstand nehmen, überrannt oder absorbiert werden." Es könnte daher durchaus sein, dass das "Jahrhundert der Frauen", das die Neokons verkünden, wie einst die Rede vom "Ende der Geschichte" eine kurze Episode bleiben wird. Aller Einsprüche femininer Leser zum Trotz.

Literaturangaben:

- Frank Schirrmacher: Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft, Blessing Verlag, München 2006, 192 S., 16 EUR

- Norbert Bolz: Die Helden der Familie. Fink Verlag, München 2006, 119 S., 9,90 EUR

- Ulf Poschardt: Einsamkeit. Die Entdeckung eines Lebensgefühls, Piper Verlag München 2006, 183 S., 14.90 EUR

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