"Die Federn und das bisschen Fleisch drum herum könnten auch wegbleiben"

Stolzer Hahn im Gebirge. Bild: Susanne Aigner

Das grausame Schicksal von Hochleistungs-Legehybriden und geschredderten Küken

Fast 630 Millionen Masthühnchen werden in Deutschland jährlich geschlachtet, berichtet Greenpeace im Herbst 2014. Dazu kommt, dass in Deutschland jährlich 50 Millionen Küken unter teilweise grausligen Umständen sterben, wie etwa Anfang August im WDR zu sehen war (vgl. Lebende Küken schreddern - muss das sein?). Es sind die männlichen Geschwister der Legehennen, die in den Brütereien aussortiert werden.

Aber das ist nur der eine Skandal der Legehennenindustrie. Denn das Hybridhuhn ist hier zum reinen Produktionsfaktor degradiert. Als Opfer ökonomischer Verwertungslogik wird es vom Schlupf bis zum Tod nur ausgebeutet.

Der in der Landwirtschaft allgegenwärtige Trend zum Wachsen oder Weichen zeigt sich auch in der Legehennenhaltung: 2013 gab es hierzulande rund 38,5 Millionen Legehennen, davon 24,3 Millionen in Boden- und 4,8 Millionen in Käfighaltung.

2013 umfassten 72 deutsche Brütereien rund 89,88 Millionen Bruteier. Vor elf Jahren waren es noch 103 Brütereien, dafür mit rund 32 Millionen Eiern weniger als heute.1

Die Tierquälerei beginnt in den Farmen, in denen die Großelterntiere zum Zweck der Weitervermehrung in Käfige gesperrt werden. Aus ihren befruchteten Eiern schlüpfen die Elterntiere. Dazu wird eine reinerbige Henne mit dem Samen eines reinerbigen Hahnes künstlich besamt.

Die Hähne stehen einzeln in mehrstöckigen Käfigen, die in langen Reihen angeordnet sind, ihnen gegenüber die Käfigreihen mit den Hennen, die jeweils zu viert in einem Käfig bei künstlichem Licht ihr Dasein fristen, das rund eineinhalb Jahre dauert. Einige Hühner, die den Dauerstress nicht aushalten, sterben früher. Um zu verhindern, dass eine Infektion den wertvollen Gen-Pool vernichtet, werden die Hallen möglichst steril gehalten.

Dreimal die Woche werden die Hähne heraus genommen und der Samen von Hand aus ihnen heraus gequetscht. Dann werden sie wieder in den Käfig gesperrt. Durch gezielte Anpaarung mit reinerbigen Hennen sind vier Linien im "Endprodukt" vereint, aus deren Eiern die leistungsfähigen Legehybriden schlüpfen, die jeden Tag ein Ei legen.

So entstehe jedes Jahr eine neue Generation, die noch mehr und einheitlichere Eier legt als die vorherige, erklärte Rudolf Preisinger, Geschäftsführer der Lohmann Tierzucht GmbH in Cuxhaven in einem Fernsehbeitrag des NDR. Man züchte Hühner, die jeweils perfekt an die Haltungsbedingungen in Käfig, Boden, Freiland oder an Bio-Bedingungen angepasst sind. Damit erfülle das Unternehmen die Wünsche des Marktes. Wonach nicht gefragt wird - das sind die Wünsche des Tieres.

In der Brüterei werden die Eier ausgebrütet. Die weiblichen Küken rutschen kurz nach dem Schlüpfen auf einem Förderband ihrer routinemäßigen Impfung entgegen. Später werden sie in Schachteln verpackt für die lange Flugreise, die noch vor ihnen liegt. Gerade mal einen Tag alt werden die Küken millionenfach um die Welt geflogen.

Im Zielland dürfen sie sich weiter vermehren: Ein Tier erzeugt rund 100 neue Hybriden. Schon nach wenigen Wochen sind die Tiere zu Turbohennen herangewachsen. So sind 7.500 Küken auf dem Weg nach Südafrika schon mal 350.000 Euro wert. Kein Wunder, denn 7.000 Küken produzieren 12 Millionen neue Legehennen. Doch nicht das Tier als Individuum ist wertvoll, sondern seine "genetische Substanz".

Knapp 6 Millionen Küken im Jahr produziert zum Beispiel Lohmann für den Weltmarkt. Dafür entwickelt Preisinger als Leiter der Abteilung Genetik Hochleistungshybriden. Das Lohmann Selected Leghorn legt bis zu 320 Eier im Jahr. Etwa die Hälfte davon wäre normal. Auf der Grundlage der firmeneigenen "Selektionslisten" entscheidet er, welche Henne mit welchem Hahn angepaart wird.

Genutzt werde nur das Erbgut der Tiere, die alle Wünsche der Unternehmens-Genetiker erfüllen. Allerdings gibt die Natur gewisse Grenzen vor. Ginge es nach manchen Firmen-Genetikern, so würden sie ein synthetisches Individuum bevorzugen, das nur aus einem Eierstock und einer Infusionsflasche bestünde. "Die Federn und das bisschen Fleisch drum herum könnten auch wegbleiben", sagte Rudolf Preisinger 2010 gegenüber den NDR-Journalisten. Leider müsse das Huhn, um Eier legen zu können, noch mit seinen biologischen Grundfunktionen ausgestattet sein.

Nun hat die jahrzehntelange Zucht aufs Eierlegen dazu geführt, dass die Turbohennen verlernt haben, wie man ein Ei in ein Nest legt. Genau das ist heute in zunehmender Boden- und Freilandhaltung aber wieder gefragt. Speziell für solche Betriebe werden nun die vergessenen Urinstinkte wieder angezüchtet und die Legeleistung im Nest verbessert.

Denn je schneller eine Henne ein Ei ins Nest legt, desto mehr Eier können in immer kürzerer Zeit gelegt und umso mehr verkauft werden. Auch am Fressverhalten wird noch experimentiert: Wiegt eine Henne mehr als zwei Kilo, hat sie zu viel Futter gefressen. Und das treibt die Futterkosten unnötig in die Höhe.

Die wenigen Unternehmen, die Legehybriden züchten, konzentrieren sich in der Zucht auf ganz wenige Legehennenlinien und Gene. Speziell für Afrika züchtet Lohmann eine schwere Suppenhenne. Heute stammt jedes zweite Huhn von einer norddeutschen Henne ab, heißt es. Ein solches Huhn funktioniert 14 Monate lang als Legemaschine. Nach einem Jahr ist das Tier körperlich ausgelaugt. Auf dem afrikanischen Markt findet es dann Verwendung als Suppenhuhn, das immerhin noch eineinhalb Kilo Fleisch liefert.

98 Prozent aller Hühner in Südafrika kommen aus Europa - es sind hoch gezüchtete und krankheitsanfällige Hybridhennen. Während die stressanfälligen Lohmann-Hennen in Ställen vor ihrer Umwelt abgeschottet sind, können die Hühner einheimischer Rassen unter einfachsten Bedingungen draußen überleben. Initiativen wie die Ruanda-Stiftung oder Oxfam fördern deshalb seit Jahren die Selbstversorgung kleinbäuerlicher Familien mit pflegeleichten, anspruchslosen Rassehühnern, die den Familien zur wirtschaftlichen Selbständigkeit verhelfen.2

Wahrscheinlich ließe sich noch viel mehr Geld mit Legehybriden verdienen, wären da nicht zwei Launen der Natur, die das grenzenlose Eierlegen ausbremsen: So setzt bei den Hennen nach etwa einem Jahr eine natürliche Legepause ein, die so genannte Mauser, in der sich das Tier regeneriert und das Gefieder erneuert wird. Rein ökonomisch betrachtet werden die Hühner dann unrentabel, weil sie nur noch fressen und keine Eier legen.

Normalerweise wandern sie dann in den Schlachthof. Erst seit jüngerer Zeit gibt es Versuche mit Bio-Hennen, welche die Mauser in die Haltung integrieren, so dass sich die Lebenszeit der Tiere entsprechend verlängert.

Die andere Laune der Natur schlägt Wogen in der öffentlichen Tierschutz-Debatte. Jedes zweite geschlüpfte Küken ist männlich. Die jungen Hähne sind in der Legehennenindustrie nicht zu verwerten. Zum Mästen eignen sie sich nicht, da sie zu wenig Fleisch ansetzen. Damit ist ihr Schicksal besiegelt.

Geschulte Fachkräfte identifizieren innerhalb von Sekunden ihr Geschlecht und werfen sie auf ein Fließband, dass sie direkt zum Schredder transportiert, der sie lebend zermalmt. Oder sie wandern in spezielle Gaskammern, in denen sie mit CO2 erstickt werden.

Unterdessen werden die Rufe von Tierschützern nach einem Ende des Kükensterbens immer lauter. Einige Agrarpolitiker reagieren bereits auf die Forderungen nach einem Tötungsverbot. Den Anfang machte Agrarminister Remmel, als er den Brütereien in Nordrhein-Westfalen die Kükentötung zum 1. Januar 2015 untersagte. Inzwischen gingen zwölf Brütereien in NRW gegen diese Entscheidung gerichtlich vor - mit offenem Ausgang.

In Niedersachsen, das mit 13 Brütereien und 22 Millionen Brutplätzen aufwartet, ist das Verbot immerhin schon im Tierschutzplan erwähnt. In Hessen gibt es nur eine - die LSL-Rhein-Main-Brüterei. Hier werden jährlich rund 15 Millionen Küken getötet. Bald soll Schluss sein mit dem sinnlosen Kükensterben, ließ Umweltministerin Priska Hinz kürzlich verlauten. Doch ein konkreter Termin ist noch nicht in Sicht.

Er soll davon abhängen, wie schnell das Geschlecht des Huhnes am Ei technisch bestimmt werden kann. Denn die Geschlechtsbestimmung am Ei mit Hilfe von Infrarotstrahlen gilt als verheißungsvoller Weg, das Kükentöten zu vermeiden.

Die männlichen Küken müssten dann gar nicht erst schlüpfen, die Eier könne man zu Nudeln oder Backwaren verarbeiten. Bei einer anderen Methode wird durch ein kleines Loch in der Schale Urin entnommen, an welchem das Geschlecht untersucht werden kann.

Doch all diese Techniken sind noch zu wenig ausgereift oder schlicht zu teuer.

Noch bis vor 100 Jahren gab es hierzulande vielfältige regional angepasste Hühnerrassen. Bis in die 1950er Jahre hinein wurden Hähne und Hühner auf bäuerlichen Betrieben aufgezogen. Die so genannten Zweinutzungshühner legten Eier und lieferten Fleisch. In den 1960er Jahren wurden erstmalig Hühner in funktionale Ställe gesperrt.

In den folgenden Jahrzehnten züchtete man immer leistungsfähigere Hybridhühner - die einen setzten viel Fleisch an, die anderen legten besonders viele Eier. Die lokalen Hühnerrassen wurden unrentabel und verschwanden von den Höfen. Die Namen von zwanzig alten Hühnerrassen finden sich heute auf der Roten Liste der GEH.

Heute suchen Züchter wieder nach einem Huhn, das neben seiner hohen Legeleistung auch viel Fleisch ansetzt. Doch weil Legeleistung und Körpergewicht genetisch negativ korreliert sind, lassen sich beide Merkmale nur schwer in einem Huhn vereinen. Die Zweinutzungsrassen versprechen mehr Erfolg. Erste Lösungsansätze liefert ein Zuchtprojekt in Rengoldshausen am Bodensee.

Hier werden männliche und weibliche Küken der Les Bleues aufgezogen, eine Rasse aus Frankreich, die dort unter dem Namen Bresse bekannt ist und sich stolz in den französischen Nationalfarben rot, weiß und blau präsentiert: Bauern, die nach Alternativen zur Kükentötung suchten, sind von dem Projekt angetan. Zwar könnten sie in der Legeleistung mit den Hybriden nicht mithalten, dafür schmeckt ihr Fleisch umso besser. Und das findet in der Region viele Abnehmer.

Seit 2013 macht die Bruderhahn-Initiative-Deutschland (BID) von sich reden. In ihr vereint sind bislang 23 Biobetriebe, die gemeinsam eine Idee verwirklichen: Die Brüder aller Eier legenden Hennen fünf Monate lang zu mästen. Ein Henne legt rund 250 Eier pro Legeperiode. Weil sie mit dem Verkauf der Eier die Aufzucht ihres Bruder mit finanzieren muss, werden auf jedes Ei vier Cent aufgeschlagen (vgl. Bruder Hahn gedeiht).

Für den Kunden spielen die vier Cent keine Rolle, meint der Hühnerhalter. Auf dem Hof in Niedersachsen werden die Hähnchen nach der Schlachtung zu 15,50 € das Kilo verkauft. Die Nachfrage steige und könne kaum bedient werden, versichert der Landwirt, der die Initiative mit ins Leben gerufen hat. Allerdings würden bislang noch Hybride der Demeter-Linie LB-pluS von Lohmann eingesetzt.

Doch der Landwirt sieht in der Mast der Hybriden eher eine Art Übergangslösung auf dem Weg zum Zweinutzungshuhn. Letztlich soll der Wandel hin zu einer ökologischen Zucht mit nachhaltigem Konsum eingeleitet werden. 2013 vermarktete die Bruderhahn-Initiative bereits rund 4,2 Millionen Eier. Für 2014 rechnet man mit dem Verkauf von 26.000 Masthähnchen und rund 6,5 Millionen Eiern.

Auch auf einem anderen biologischen Hof in Nordhessen werden die Brüder der Legehennen mit Biofutter gemästet. Zwar verursachen Aufzucht und Haltung einige Mehrkosten. Doch würden das Kunden in Kauf nehmen. Das Konsumverhalten kann Einiges bewirken, und sei es nur, dass männliche Küken nach dem Schlüpfen nicht mehr getötet werden. Vielleicht ist das der Beginn einer Wende in der Hühnerhaltung - weg vom krankheitsanfälligen Industriehuhn hin zum robusten Zweinutzungshuhn, dem ein artgemäßes Leben mit viel Auslauf, Sandscharren und Sonnenbaden vergönnt ist. (Susanne Aigner)

Anzeige