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Ritter Rushdie und die Fundi-Runde

Ich gehöre zu jenen Erwachsenen, die mit Rittern nicht allzuviel anfangen können, für die das Wort zu einer alten, überholten, uninteressanten Welt gehört. Davon ausgenommen sind ein paar Gedichte von Minnesängern mit rebellischem Potential, die sich der folkloristischen Romantik verweigern, die das Rittergenre seit Jahrhunderten vermufft. Anders der Dreijährige, für den ist ein Ritter der tapferste aller Feuerwehrleute, weil er gegen den Drachen kämpft und dazu nur ein Schwert hat, das notwendigerweise ein scharfes ist.

Doch auch in der Erwachsenenwelt konnte man in den letzten Tagen erleben, wie akut und lebendig Rittertum zu Anfang des 21.Jahrhunderts sein kann. Hatte man sich seit längerem schon daran gewöhnt, dass die Ernennung zum Ritter eigentlich eine englisch-aristokratische Variante des Life-Time-Achievement-Grammy oder des Lebenswerk-Oskars ist und der Ritterschlag, der an alternden Film-und Popstars vollzogen wurde, nur innerhalb bestimmter Zirkel Bedeutung hat, ist nun alles anders.

Für die moderne Aufwertung des Ritterschlags zum tatsächlich bedeutsamen Ereignis sorgten Reaktionen aus dem gehobenen fundamentalistisch-islamischen Milieu: Regierungsmitglieder, Parlamentssprecher, hohe Geistliche und Financiers. Die britische Regierung wurde von mehreren Regierungen dazu aufgefordert, die Auszeichnung, welche sie an den Schriftsteller Salman Rushdie verliehen hat, zurückzunehmen und sich zu entschuldigen. Ein prominentes Regierungsmitglied in Pakistan deutete darüberhinaus an, dass ein Selbstmordattentat auf Rushdie denkbar und sogar angebracht sei; eine Organisation lobte eine Belohnung von 80.000 Pfund aus für die Hinrichtung des Abtrünnigen Rushdie; aus Iran wurde bestätigt, dass die Fatwa, welche die Ermordung des Schriftstellers gutheißt, noch gültig ist.

Ähnlich wie in der Welt des Dreijährigen meint man es ernst mit Symbolfiguren im Juste Milieu der fundamental-islamischen Wertewacht. Taten wie die Ermordung des japanischen Rushdie-Übersetzers, die Angriffe auf seinen italienischen Übersetzer und den norwegischen Verleger sprechen eine deutliche, direkte Sprache.

Ganz im Gegensatz zum Buch des neu ernannten Ritters, das für den Skandal verantwortlich ist, der vor etwa 18 Jahren entflammt ist und jetzt ein Revival erlebt. Wer die „Satanischen Verse“ liest, merkt sehr schnell - auch wenn er nur ein paar Seiten liest -, dass er es mit Literatur zu tun hat, also mit dem Reich des Indirekten, der Umschreibungen, Andeutungen und des Sprachspiels. Anscheinend ist dies ein Schwert, das noch immer scharf ist. Auch dies ein interessantes Wahrnehmungs-Update zu Zeiten, in denen die Frage nach der politischen Wirkung von Literatur längst nicht mehr ernstgenommen wird.

Davon abgesehen ist der Rushdie-Zirkus ein Remake: Man muss auch nicht die ganze Geschichte des politischen Skandals lesen, der sich 1989 nach der „Todesfatwa“ des iranischen Ayatollahs Khomeini über Salman Rushdie entspann, um sich zu vergewissern, dass die jetzige "Anatomie des Aufruhrs" damals schon angelegt war: Dass es um Propaganda ging, die „ungebildeten und arbeitslosen Männern ein erhebendes, in Momenten geradezu ekstatisches Gefühl (gibt), indem sie ihnen vorgaukelt, ihr größtes Anliegen sei dank ihrer stolzen Hilfe verteidigt worden.“

Interessant ist darüberhinaus, dass sich westliche Politiker damals im selben Dilemma befanden, das ihnen heute vorgeworfen wird:

Realpolitik may be the order of the day, but when President Clinton received Rushdie at the White House on November 24, 1993, it took him only a few days to begin loudly explaining that he "meant no disrespect" to the Muslim world, and that he only saw the author " for a few minutes.

Weekly Wire

Gleich geblieben ist auch, dass Rushdie im Westen ungeliebt ist. In England meldeten sich kaum Schriftsteller zu seiner Verteidigung 1. Dabei hat er wie nur wenig andere der englisch-sprachigen Literatur neues Leben eingeflößt. Wie manche Distanzierungen gegenüber Rushdie zeigen – gerne geäußert mit dem populistischen Hinweis darauf, dass die Schutzmaßnahmen dem englischen Steuerzahler so viel Geld gekostet haben – eignet sich dieser Mann gut als Sündenbock. Leider auch in liberalen Kreisen, welche die Aufklärung und Emanzipation auf ihre Fahnen heften.

Zu hoffen ist, dass der Einwanderer-Nachwuchs in England anders denkt als dünkelhafte Schriftsteller und propagandasüchtige Hools in Pakistan und Iran und Rushdie als Ritter-Role-Model begreift: Als einen, der auszog, die Fenster zu öffnen, für eine Reformation, „die nicht nur die Ideologen des Dschihad bekämpft, sondern es auch mit den staubigen, stickigen Seminaren der Traditionalisten aufnimmt und die Fenster der geschlossenen Gesellschaften endlich öffnet und frische Luft hereinläßt“ (vgl. Frische Luft für Muslime). (Thomas Pany)

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