Die Fiktion einer Versorgung Europas mit US-Frackinggas

Liquefied Natural Gas Tanker in Kenai, Alaska. Bild: ConocoPhillips

Die Annahme, die USA könnten die EU-Staaten mit preiswertem Gas über einen längeren Zeitraum mitversorgen, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Flop

Durch den Einsatz der Fracking-Methode konnten die USA ihre Erdgasproduktion innerhalb von zehn Jahren veranderthalbfachen. Nun wird beiderseits des Atlantiks die Hoffnung geäußert, dass die EU sich durch einen Import von verflüssigtem amerikanischem Gas (LNG) aus der Abhängigkeit von russischen Lieferungen lösen könne. Überlegungen zu einer Diversifizierung der Bezugsquellen sind nicht nur ein Politikum, sondern sie werden angesichts der schwindenden eigenen Ressourcen und der Abkehr von Öl und Kohle zunehmend akut.

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Bei einem jährlichen Verbrauch von gegenwärtig rund 400 Milliarden m³ reichen die Erdgasreserven der EU noch etwa sieben Jahre. Davon entfallen 40 Prozent auf die Niederlande und 20 Prozent auf Rumänien. Weitere fünf Jahre sind durch die wirtschaftlich erschließbaren Vorkommen Norwegens gesichert. Ein Anzapfen der algerischen und libyschen Reserven, die den Bedarf für 10-15 Jahre decken könnten, impliziert nicht nur politische Risiken, sondern würde auch beträchtliche Investitionen in die Exploration und in den Bau von Pipelines erfordern.

Die seit geraumer Zeit verfolgte Option einer Gaspipeline durch die Türkei zum Persischen Golf scheiterte an den Interessendivergenzen der beteiligten Staaten. Recht offen artikuliert Robert F. Kennedy Jr., dass der primäre Grund für die westlichen Destabilisierungsaktivitäten in Syrien dessen Verweigerung eines Gastransits aus Katar war. Dies führte nicht nur zu massiven Zerstörungen und dem Tod hunderttausender Syrer, sondern es wurde auch der gesamte westasiatische Raum in ein unsicheres Terrain verwandelt. Damit sind sowohl der Iran mit den weltweit zweitgrößten als auch Katar mit den drittgrößten Erdgasreserven über einen längeren Zeitraum geografisch von Europa abgeschnitten. Ebenso ist der Landweg zu den Gasgiganten Saudi-Arabien, Irak und Turkmenistan versperrt.

Die EU ist somit weiterhin auf hohe russische Gasimporte angewiesen. Diese stiegen im vergangenen Jahr sogar auf neue Rekordwerte. Mit einem Zuwachs von 12,5 Prozent erreichten sie rund ein Drittel des Gesamtverbrauchs. Zwar hatte die russische Seite nicht einmal in Phasen härtester Konfrontation die Möglichkeit angedeutet, EU-Staaten den Gashahn zudrehen zu wollen. Dennoch wird hierzulande geunkt, dass das bloße Vorhandensein eines Erpressungspotentials in Konfliktsituationen zu Wohlverhalten gegenüber Moskau führen könnte. Darüber hinaus wird Russland mittels reichlicher Deviseneinnahmen wirtschaftlich und politisch gestärkt und der eh minimale Effekt der Sanktionen weiter konterkariert.

Die Alternative eines Imports von LNG wird in westlichen Politikkreisen besonders seit dem Ukraine-Konflikt thematisiert. Gegenwärtig verfügt die EU über LNG-Kapazitäten, die 43 Prozent des Gasbedarfs entgegennehmen könnten. Trotzdem beträgt der Anteil des Verflüssigten Gases am Import nur rund 10 Prozent. Dies ist zum einen in dem mangelnden Angebot begründet, zum anderen in der Kostendifferenz zu Pipeline-Gas. Nach der Fukushima-Katastrophe zogen die Preise für LNG weiter an, da der Importbedarf Japans infolge der Abschaltung der Kernkraftwerke rapide zunahm. Seitdem dort die ersten Atommeiler im Sommer 2015 wieder in Betrieb genommen wurden, hat der LNG-Preis deutlich nachgegeben.

Der großspurig angekündigte und schließlich vor einem Jahr gestartete Export US-amerikanischen LNG nach Europa erwies sich ziemlich bald als Rohrkrepierer. Von den mehr als 50 Schiffsladungen gelangten nur drei nach Europa (Portugal, Spanien und Italien). Zur Begründung wird von amerikanischer Seite auf die niedrigen Spotmarkt-Notierungen von LNG verwiesen. Zudem bestand bei nord- und mitteleuropäischen Abnehmern kein Interesse, da Gazprom angesichts der geringen Eigenkosten frühzeitig Preisnachlässe gewähren konnte.

Auch wenn die Weltmarktpreise steigen sollten, werden die USA wegen des hohen Eigenbedarfs kaum zu einem bedeutenden Versorger der EU mit LNG avancieren können. Noch im Jahr 2015 übertraf der dortige Gasverbrauch von 778 Milliarden m³ die Produktionsmenge um nahezu 60 Milliarden m³. Auch bei einem Hinzuaddieren der kanadischen Zahlen ergibt sich ein leichter Fehlbetrag. Wie gering das US-amerikanische Exportvolumen ist, offenbart das folgende Schaubild aus dem 2016 IGU World LNG Report:

Um europäischen Abnehmern LNG im erforderlichen Umfang anbieten zu können, müsste die Produktion erheblich gesteigert werden. Einschließlich des Fracking-Gases erreichen die US-amerikanischen Vorkommen mit rund 72.000 Milliarden m³ zwar astronomische Werte. Allerdings beruht diese Zahl zum überwiegenden Teil auf Schätzungen. Die Reserven, d.h. die bekannten und wirtschaftlich erschließbaren Ressourcen, werden auf 9 200 Milliarden m³ beziffert. Diese Angabe beruht auf dem Kostenniveau des Jahres 2015. Sie liegt um 17 Prozent niedriger als im vorhergehenden Jahr, was durch den Preisverfall begründet ist. Entsprechend können künftig die Reserven infolge steigender Preise sogar dann wachsen, wenn sich die ergiebigen und leicht zugänglichen Gasvorkommen vermindern.

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In Anbetracht eines möglichen US-Exports von LNG nach Europa erklärt der "Welt"-Autor Daniel Wenzel schadenfroh, Donald Trump würde vor der Wahl stehen, entweder einen Affront mit Russland zu riskieren oder sein "America First" aufgeben zu müssen. Dem Außenminister Rex Tillerson unterschiebt er als früherem Chef von ExxonMobil, in einen Interessenkonflikt geraten zu sein.

Hier wird augenscheinlich die Realität verkannt. Zum einen werden US-amerikanische Energiegiganten auch künftig an russischen Erdgasexplorationen prächtig mitverdienen. Zum anderen dürfte Tillerson bekannt sein, dass die US-Reserven bereits nach 12 Jahren erschöpft sein werden und die Gasproduzenten danach mit wachsenden Rentabilitätsproblemen konfrontiert sind.

Entgegnet wird, dass die Förderkosten beim Gas-Fracking rapide gefallen seien und dass sich dieser Trend fortsetzen würde. In einer von der U.S. Energy Information Administration (eia) veröffentlichten Expertise wird dieser Optimismus nicht geteilt. Das Potential für Produktivitätssteigerungen ist nach deren Urteil weitgehend ausgeschöpft. In der Zukunft werden Kostensteigerungen von jährlich drei Prozent erwartet.

Wenn auch die USA als bedeutender Lieferant von LNG kaum in Betracht kommen, so finden sich insbesondere im Nahen Osten Anbieter, die über umfangreiche Reserven verfügen. Katar könnte etwa den Bedarf der EU rein rechnerisch für einen Zeitraum von 60 Jahren decken, gefolgt von Saudi-Arabien mit 20 und dem Irak mit 15 Jahren. Die wirtschaftlichen Vorkommen des Iran liegen nochmals um einiges höher, allerdings dürften sich die Europäer - aufgeschreckt durch die Äußerungen der neuen US-Regierung - mit Kooperationsavancen zurückhalten.

Gleichwohl unternimmt die bundesdeutsche Regierung kaum erkennbare Schritte in Richtung einer Diversifizierung des Gasimports. Der seit Jahren diskutierte Bau eines modernen LNG-Terminals in Wilhelmshaven wurde immer noch nicht begonnen, und auch für den Ausweichstandort Brunsbüttel trommelt lediglich die schleswig-holsteinische Landesregierung. Wenn in Deutschland zuweilen vor einer Abhängigkeit von russischem Erdgas gewarnt und einer Erschließung neuer Bezugsquellen das Wort geredet wird, dann geschieht dies offenbar in der Absicht, Gazprom zu einer moderaten Preispolitik zu bewegen.

Ein Umstieg auf die teure LNG-Alternative steht augenscheinlich nicht zur Debatte. Neben dem niedrigen und stabilen Preisniveau ist die Versorgungssicherheit ein entscheidendes Argument. Nun reichen die Reserven Russlands einschließlich der an das russische Netz angeschlossenen innerasiatischen Länder für ca. 150 Jahre. Auch wenn die Hälfte bis zwei Drittel des geförderten Erdgases für den Eigenverbrauch verwendet wird, verbleibt in einem überschaubaren Zeitraum eine ausreichende Menge zur Deckung des Bedarfs der EU.

Gegenwärtig treibt Deutschland die Realisierung von Nord-Stream II ungeachtet des Widerstands einiger EU-Staaten voran. Neben der Versorgung mit billigem Erdgas könnte dieses Projekt zum Wegbereiter für ein politisches Tauwetter zwischen Russland und der EU werden. (Bernd Murawski)

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