Die Flucht nach Anarres

Als das Weltall aus der Mode kam - Teil 4

Schritt um Schritt schob er sich vorwärts. Jeder folgende Schritt wurde schwerer und schmerzhafter. Es wirkte sich jetzt aus, dass die Schwerkraft des Planeten fast dem doppelten Wert der irdischen entsprach.

Bernt Kling: Schatzinsel im All. TerraNova Nr. 58.

Science Fiction, das ist der kleine Bruder der Utopie, der gerne mit dem Trix-Baukasten spielt und Hypersuperraumantriebe zusammenbastelt. Die Utopie wiederum, wörtlich genommen der Nicht-Ort, braucht einen Ort, um sich anzusiedeln. In der Vergangenheit war das der ferne Kontinent oder die ferne Insel, dann versetzte man die Utopie in der Zeit, also meist in die Zukunft. Aber der kleine Bruder brachte es mit seinen Basteleien auch fertig, die Utopie in das Weltall zu verlegen. Bei Science Fiction gepaart mit Utopie ging es dann um alternative Gesellschaftsentwürfe auf fernen Planeten.

Zum Beispiel in "Der rote Planet" von Alexander Alexandrowitsch Bogdanow aus dem Jahre 1907. In der Geschichte wird eine sozialistische Gesellschaft auf dem Mars geschildert. Nach dem Scheitern der russischen Revolution von 1905 lag es nahe, das Modell einer möglichen sozialistischen Gesellschaft nicht auf der Erde, sondern auf einem Planeten anzusiedeln.

Der Mars bot sich gleich aus zweierlei Gründen an. Als Bogdanow seinen Roman schrieb, waren gerade 30 Jahre vergangen, seitdem der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli die Marskanäle entdeckt und eine Flut von Spekulationen über menschliches Leben auf dem Mars ausgelöst hatte. Zum anderen bot sich der Mars wegen seines doppeldeutigen Namens an, hatte ihm zu seinem Beinamen doch seine von rostfarbenem Eisenoxid-Staub verursachte rot-orange Farbe verholfen.

Knapp 70 Jahre später verlegt eine Autorin zwei entgegengesetzte Gesellschaftsentwürfe auf zwei verschiedene Himmelskörper. "Planet der Habenichtse" heißt der Roman von Ursula Le Guin aus dem Jahre 1974. Schauplatz des Buches sind die Doppelplaneten Urras und Anarres. Urras ist die Ursprungswelt der menschenähnlichen Bewohner, von der aus nach einer gescheiterten Revolution die Aufständischen ins Exil nach Anarres gehen. Was folgt ist eine gegenseitige Isolation, die nur durch einen geringen Warentausch durchbrochen wird.

Der Roman selbst spielt 200 Jahre nach diesen Ereignissen. Urras hat sich inzwischen zu einer hochtechnisierten Welt mit einer Reihe von verschiedenen autoritären Systemen entwickelt, neben den kapitalistischen Staaten gibt es auch sozialistische Länder und eine Militärdiktatur. Die Anarchisten leben auf dem unwirtlichen Nachbarplaneten Anarres in karger Existenz und versuchen, ihren Idealen treu zu bleiben.

Die Hauptfigur des Romans ist der auf Anarres lebende Physiker Shevek, der an einer Theorie arbeitet, die unter anderem eine Kommunikation und Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit ermöglichen könnte. Seine Forschung stößt auf Anarres auf wenig Interesse und seine Versuche, mit Wissenschaftlern von Urras in Kontakt zu treten gelten als Verrat. Dennoch begibt er sich auf die Reise nach dem kapitalistischen Planeten, um dort mit anderen Forschern an seiner Theorie arbeiten zu können. "Dabei kommt er in Konflikt mit den vorgefundenen Zuständen, aber auch mit den anarchistischen Lehren seiner Heimat", so Wikipedia.

Heute gibt es bekanntlich weder auf der Venus nach auf dem Mars den Sozialismus, nur amerikanische Raumsonden. Und die Utopie ist mittlerweile ziemlich heimatlos geworden. Manche meinen, sie hätte sich im Internet eingenistet. Alt-Kommunarde Rainer Langhans zum Beispiel:

Ich versuche - und dies verstärkt jetzt durch das Älterwerden - virtuell zu leben. Die Kommune I war bereits eine virtuelle Welt, die wir damals entworfen haben. Später wurde das im Grunde vom Internet aufgegriffen oder aufgefangen. Man simuliert dort dieses Lebensgefühl, dieses "anders Leben". Die Community ist im Netz. Alles, was wir damals gewollt haben ist heute im Netz - das ist die große Kommune. Die Jungen sind vor allem dort, die Älteren tun sich eher schwer. Ich lebe auch schon ziemlich darin, aber in meiner Art von Virtualität, das heißt nicht so sehr in einer körperlichen Existenz. Damit hängt auch das Wenig-Konsumieren zusammen. Ich bewege mich vor allem in Büchern, in Zeitschriften und im Netz.

Hat mir Langhans in einem Interview erzählt

Und in der Tat birgt das Internet eine Menge utopischer Potenziale in sich. Angefangen von dem alten Kommunikations-Klassiker, dass jeder ein Sender und jeder ein Empfänger gleichzeitig sein könne/solle bis hin zu der revolutionären Umwälzung des Wissenszugangs mit all seinen gesellschaftlichen Folgen. Und Ur-Gestein der Utopie ist auch der von Langhans angesprochene mögliche Grad der Vernetzung im Netz, wodurch die große Kommune möglich wird. Utopisch einfach auch die Überwindung von Grenzen.

Aber bekanntlich gibt es zur Utopie auch die Dystopie, die schwarze Seite der Utopie. Sie herrscht, wenn aus dem virtuellen Kommunarden der gläserne Bürger geworden ist, der sich vor der Überwachung in der komitativen Sphäre nur mehr durch die Übersiedlung nach Anarres retten kann.

Teil 3: Langweilige Planeten

Es folgt: Universum 2.0 vom Uranus aus gesehen.

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