Die Flüchtlinge haben ihre mediale Macht entdeckt

Die Regierungen sind überfordert, weil sich die Flüchtlinge über Medien und Internet in Echtzeit ohne zentrale Steuerung netzförmig als Schwärme organisieren

Die Flüchtlinge haben in den letzten Tagen gesehen, dass sie als Masse Macht ausüben und dass sie über die Medienöffentlichkeit Druck ausüben können. Sie wissen auch, dass die Regierungen möglichst davor zurückschrecken, Gewalt anzuwenden, aber auch überfordert sind, weil sie nicht wissen, wie sich die in Echtzeit organisierenden Flüchtlingsschwärme verhalten werden.

Allein durch die massenhafte Wanderung von Budapest Richtung Österreich hatten sie die Regierungen in Österreich und Deutschland dazu gebracht, die Grenzen zu öffnen. Die Überflutung der griechischen Inseln ließ die dortige Regierung einbrechen, die den Flüchtlingen half, nach Athen zu kommen und von dort aus auf die Balkanroute nach Mazedonien. Das kleine Land schob auch einfach weiter ebenso wie Serbien. Selbst die harte Haltung Ungarns bis hin zu den Notstandsgesetzen und dem Bau des Grenzzauns führte einerseits zum Anschwellen des Stroms, aber förderte auch die Aufmerksamkeit. Mittlerweile hat das Flüchtlingsthema den Ukraine-Konflikt und die Schuldenkrise mitsamt Griechenland an den Rand gedrängt.

Die Regierungen, die versuchen, die Flüchtlingsströme, die durch zirkulierende Informationen, Gerüchte, Empfehlungen und Warnungen als eine Art Flashmob von unten entstanden sind und sich selbstorganisierend schwarmförmig verhalten, zu bremsen und zu regulieren, sind offensichtlich überfordert. Während man es kurz zuvor noch mit den sich sensibel verhaltenden "den Märkten" zu tun hatte, sind es nun diese Massen, die aus dem Verhalten der einzelnen Menschen entstehen, das sich über die Kommunikation und die Medienöffentlichkeit in Echtzeit zu einer kollektiven, aber von niemanden gelenkten und letztlich unvorhersehbaren Dynamik entfaltet.

Europa ist nun konfrontiert mit dem Phänomen, das man aus der Ferne als Arabischen Frühling beobachtet hatte und das etwa in Italien oder in Spanien zu Protesten und dann zu politischen Bewegungen wie Podemos oder MoVimento 5 Stelle geführt hat. Und Europa reagiert auf dem Hintergrund der bereits gewachsenen Strukturen von ausländer- und muslimfeindlichen Bewegungen und Parteien ähnlich netzwerkförmig in einer viralen Erregung, die eben zu plötzlichen Entscheidungen wie der von Bundeskanzlerin Merkel führte, die Grenzen zu öffnen, um sie dann gleich wieder schließen zu wollen.

Rational, vorhersehend, konzeptuell wird weder von den Regierungen noch von den Flüchtlingen gehandelt, die verzweifelt, aber blindlings das Schicksal herausfordern und wohl davon getrieben werden, dass sie als Einzelne vielleicht eine Chance auf ein besseres Leben noch ergreifen können. Wohl wissend, dass die Offenheit schnell in Abwehr umschlägt, schließlich kommen viele aus Kriegsgebieten, wo rohe Gewalt herrscht und man Glück haben muss, um nicht Opfer zu werden. Trotzdem scheinen sie der Logik einer Schwarmintelligenz zu folgen.

Erwarten lässt sich, dass die voller Hoffnung auf die mit Nato-Stacheldraht geschlossene ungarische Grenze stoßenden Flüchtlinge mit Protesten und vielleicht auch mit Gewalt revoltieren werden, um die ungarische Regierung durch Bilder, die durch die Weltöffentlichkeit zu laufen, unter Druck zu setzen. Es sind viele, und sie bringen den Mut der Verzweifelten mit sich, die nach allen Möglichkeiten suchen werden, auch wenn sie ihren Tod riskieren, doch noch durchzukommen - um dann in einem überfüllten Lager in Deutschland zu landen, wo bald die Proteste gegen die Flüchtlinge wieder stärker werden dürften, wenn diese das Leben der Menschen einschränken oder staatliche Mittel abziehen.

Während die Regierungen in Ungarn, Österreich und Deutschland womöglich darauf hoffen, dass der Grenzzaun in Ungarn, die Grenzkontrollen und die Abschreckungsversuche zu einem Absinken der Flüchtlingsströme führen, könnten noch Millionen aus Jordanien, dem Libanon und der Türkei, aber auch aus Syrien nachrücken. Bevor irgendwelche Hilfen für die Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens aus der EU anlaufen, haben sich schon wieder neue Schwärme auf den Weg gemacht, um ihr Glück trotz der Gegenmaßnahmen zu finden.

Tausende Flüchtlinge, die es über den Seeweg nicht geschafft haben, sind in der Türkei nach Edirne gekommen, um von dort aus Richtung Griechenland zu gelangen. Die Polizei versucht, sie am Betreten der Innenstadt zu hindern, Hunderte sind aber bereits zu Fuß zur Grenze unterwegs. In der Innenstadt haben sich Hunderte versammelt und machen ein Sit-in, nur wenige konnten von der Polizei dazu gebracht werden, wieder mit Bussen nach Istanbul zurückzufahren. Wie türkische Medien berichten, halten Kinder medienstrategisch ausgerichtet Fotos des syrischen Kleinkinds Aylan Kurdi, der tot an die Küste in Bodrum gespült wurde, vor sich und fordern, über die Grenze gelassen zu werden.

Wie der Spiegel berichtet, organisieren sich vor allem die jüngeren Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei über Facebook, um gemeinsam die Flucht aus der Türkei nach Europa, nach Griechenland oder Bulgarien, zu unternehmen. Weil der Seeweg gefährlich und teuer ist, wird weiterhin der Landweg gewählt. Einer derjenigen, der sich dazu verabredet hat, meinte gegenüber dem Spiegel, dass man auch die Grenze stürmen könnte. In der Masse und unter den Blicken der Weltöffentlichkeit könnte die Macht der Ohnmächtigen ausgespielt werden, die nichts zu verlieren haben.

Für die Europäer, die ihren Wohlstand, ihre Sicherheit oder auch nur ihre karge Lebensweise zu erhalten und zu verteidigen suchen, sind die verzweifelten Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten möglicherweise ähnlich bedrohlich wie islamistische Selbstmordattentäter. In einem Bekenner-Video hatten die Attentäter, die 2004 die Anschläge auf die Züge in Madrid ausführten, bekannt: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod." Die Flüchtlinge wollen zwar dem Tod entfliehen, aber sie folgen dem Leitspruch der Bremer Stadtmusikanten, den Migranten der deutschen Märchenwelt, dass man etwas Besseres als den Tod immer findet. Dagegen hilft weder Abschreckung noch das Hochziehen von Mauern. Das ist der Konflikt der Kulturen, der nur sekundär etwas mit dem Islam und dem Westen zu tun hat, der ebenfalls wenig christlich Selbsterhaltung und die Wahrung des eigenen Wohlstands über alles setzt.

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