Die Fotografie - ein verlorenes Medium

Von technische Rahmenbedingungen und kulturellen Bedeutungen - Ende der Fotografie

In einem Kunstmagazin war im Oktober 2015 zu lesen: "Bedeutet Gurskys Neuorientierung zum Märchenonkel der Republik das Ende einer Künstler-Ära?"

Andreas Gursky, wir erinnern uns, ist der teuerste Fotograf der Geschichte, sein Farbfoto "Rhein II" erzielte vor ein paar Jahren auf einer Auktion in New York einen Preis von 3,1 Millionen Euro. Und was hat Gursky mit der neuen Kamera von Fuji, der X100T, zu tun, die aussieht, als entstamme sie den 1950er Jahren? Und wohin ist das "Punctum" von Roland Barthes verschwunden, der einst schrieb: "All die jungen Photographen, die durch die Welt hasten, weil sie sich dem Aktualitätenfang verschrieben haben, wissen nicht, dass sie Agenten des Todes sind."1

Und jetzt ist es passiert. Die Fotografie ist selbst vom Tod erwischt worden. Wir sehen aktuell den Niedergang eines Mediums. Noch mal: Die Fotografie ist am Ende. Jedenfalls in der uns bisher bekannten Form und Praxis. Denn wie sich tote Körper zersetzen und - Asche zu Asche, Staub zu Staub - schließlich in der Natur aufgehen und sich die Atome neu ordnen, so verschwindet die Fotografie im Digitalen der komitativen Sphäre, also der Einhüllung unserer Welt durch das Netz der Informationstechnologie.

Denn zu den Lieblingsbegriffen jener IT-Gurus, die uns die Welt 4.0 erklären, also der "Disruption" (Unterbrechung, Zerrüttung) und der "Granularisierung" (Zerbröselung), muss man nun die "Amalgamierung" (Vermengung) hinzufügen. Das meint die Verschmelzung verschiedener Medien wie Film, Fotografie, Ton, Sprache und Schrift in digitaler Form zu einem neuen Medium, das über das Internet überall zugänglich ist.

Der Wandel des gegenwärtig stattfindenden Epochenwechsels von der anlogen zur digitalen Welt ist auch ein Wandel weg von abgegrenzten Entitäten an Weltinformation hin zu einem steten Informationsfluss, weg von der Einheit hin zum Zustand. Ein Bild: Besteht die alte Welt aus den unterscheidbaren Sandkörnern des Strandes, so ist die neue Welt das Fluidum des wogenden Weltmeeres.

Was den Menschen mitunter auf den Geist geht. Das derzeitige große Interesse an Fotografie-Ausstellungen, deren Exponate aus der analogen Epoche stammen, hat viel mit diesem Fließenden, permanent Strömenden, Unausweichlichen, und permanent Umgebenden zu tun. Diese Schwarz-Weiß-Bilder der Vergangenheit befriedigen die menschliche Sehnsucht nach der Überschaubarkeit der Verhältnisse und dem der Orientierung in unübersichtlich gewordenen gesellschaftlichen Verhältnissen.

Je flexibler die eigene Existenz in der modernen Arbeitswelt, wo man sich nicht einmal mehr am eigenen Schreibtisch festkrallen kann, desto beruhigender wirken die Aufnahmen aus vergangenen Zeiten: Die Fotografie hält die Welt an und manifestiert für immer diesen Augenblick der Aufnahme, er fungiert als Mittelpunkt eines Ordnungssystems mit einem Vorher und Nachher, die Fotografie ist wie ein Anker der Seele in der Unendlichkeit. Und so ergötzt sich der Ausstellungs-Besucher an dieser geordneten Welt, weil sie seiner eigenen Ordnung entspricht, da, wie Merleau-Ponty anmerkte, "einen Gegenstand betrachten heißt, sich in ihn versenken, die Gegenstände aber ein System bilden, in dem der eine sich nur zeigen kann, indem er andere verdeckt".2

Der Rückzug auf gesichertes Terrain ist auch die Grundströmung der Retro-Welle, was Industriedesign und Bedürfnisse anbelangt, sei es der bauchige Kühlschrank der 1950er Jahre, der modernisierte Fiat 500 oder die aus dem Boden sprießenden "Landleben"-Magazine mit Artikeln über "alte Apfelsorten" und "Omas Gesundheitsrezepte". Hier knüpft die Fuji X100T an, deren Retro-Design an eine Zeiss-Ikon von 1955 erinnert. Heute werden Kameras auch in Elektronik-Magazinen besprochen und so schreibt "Chip" zur X100T: "Spitzenbildqualität verpackt in einem umfangreich ausgestatteten Retro-Gehäuse." Diese äußert sich zum Beispiel in einem optischen Sucher und Bedienungselementen für manuelles Fokusieren und dem Einstellen von Zeit und Blende. Drinnen geht es natürlich digital zu: "Mit 16 Megapixel auf einen APS-C-Sensor mit X-Trans-II-Technik erreicht die Edel-Kompakte bei ISO 100 und 400 messerscharfe 1.615 Linienpaare pro Bildhöhe." Und eine Belichtungszeit von 1:32.000 geht nur elektronisch.

Aber auf was zielt dieses Retro-Design genau? Es zielt auf die Wiederherstellung oder besser: Simulation der analogen Fotografier-Situation, die mehr ist beziehungsweise war als die mechanische Konstruktion der Kamera und der chemischen Methode der Bildaufzeichnung. Wer verstehen will, warum sich gegenwärtig die Aura der Fotografie aufzulösen beginnt, muss sich die Konstitutionselemente dieser Aura ansehen. Dann stößt man auf das "Punctum" von Roland Barthes, also das Zufällige an einer Fotografie, das den Betrachter betrifft, verwundet, sticht; ein Element des Bildes, das von selbst aus wie "ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor" schießt, um zu "durchbohren".3

Retro-Design und der Ansturm auf Ausstellung mit Werken analoger Fotografen der Vergangenheit sind der Verweis auf den Verlust einer bestimmten Qualität des Sehens und einer Welt-Anschauung, die auch Poesie miteinschloss. Das kulturelle Moment dieser Fotografie lag in dem Entgegentreten einer Welt, die ein Unentdecktsein, ein Geheimnis in sich barg, das mit der Fotografie festgehalten werden konnte. In diesem Sinne war Fotografie Entdeckung, war Fotografie die Spur des Lebens. Diese Spur ist im Digitalen verlorengegangen und kann durch ein Retro-Design ebenso wenig wiederbelebt werden wie der Retro-Kühlschrank aus den 1950er Jahren die damalige Aufbruchstimmung. Was bleibt, ist das Zitat.

Es folgt II: Der Luxus der Nichtfotografie (Rudolf Stumberger)

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