Die Gesellschaft vergreist nicht, sie wird jünger

Eine Lebenstreppe aus dem 19. Jahrhundert. Aus dem Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kunstgeschichte, Münster. Bild: gemeinfrei

Man muss nur ein anderes Berechnungsmodell verwenden, das statt des Lebensalters die verbleibende Lebenserwartung zum Ausgang nimmt

Die Lebenserwartung der Menschen ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Nicht gestiegen sind jedoch die Vorstellungen, welche Menschen man alt nennt. Auch wenn das Rentenalter aus demografischen Gründen allmählich angepasst wird, gibt es bei uns die 65-Jahre-Schwelle +x, ab der der man aus dem Arbeitsleben in den "Ruhestand" eintritt, auch wenn dieser künftig für viele mit der Rente kaum mehr finanziert werden kann. Aber die Alten sind nicht nur länger gesund und fit, sie sehen auch jünger aus als die Generationen vor ihnen - und sie schätzen sich auch in immer höherem Alter als alt ein (Wann wird man alt?).

Allgemein geht die Rede von den vergreisenden Gesellschaften um. Von Vergreisung spricht man, wenn der Anteil der Über-65-Jährigen schneller ansteigt als der der nachwachsenden jungen Generation und in der Alterspyramide der "Kopf" immer mehr anschwillt, während das Fundament dünner wird. Dazu trägt der Rückgang der Fertilität bei, vor allem aber auch die stetig steigende Lebenserwartung. Das Bild suggeriert, dass die demografische Veränderung die Gesellschaft, symbolisiert als Männchen, zusammenbrechen lässt. Derzeit wächst der Anteil der "Alten" dreimal so schnell wie der der Jungen, so dass, wenn der Trend anhält, in Deutschland 2050 bereits 33 Prozent der Menschen über 65 Jahre alt sein werden, jetzt liegt ihr Anteil bei 21 Prozent.

Die Vereinten Nationen bezeichnen weiterhin, beispielsweise in der Publikation World Population Ageing 2013, sogar Über-60-Jährige als alt. Deren Anteil nehme praktisch in allen Teilen der Welt zu, was als "Alterung der Bevölkerung" bezeichnet wird. Bis 2050 würde sich der Anteil der Alten mehr als verdoppeln.

"Vor 200 Jahren wäre ein 60-Jähriger sehr alt gewesen"

Demografen des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien haben gezeigt, dass man im Grunde nur die Perspektive wechseln muss, um ein anderes Bild zu erhalten. Ein schnellerer Anstieg der Lebenserwartung führt nicht notwendig zu einer schneller alternden Gesellschaft, wenn man nicht allein das Lebensalter, etwa mit der Schwelle von 65 Jahren, sondern die zu erwartende Lebenszeit berücksichtigt. Dann so Sergei Scherbov, Stellvertretender Direktor des IIASA World Population Program, zusammen mit Warren Sanderson Autor der in PLoS One erschienenen Studie, könne sich nämlich die Alterung verlangsamen, wenn sich der Anstieg der Lebenserwartung beschleunigt.

Nur nach chronologischem Alter würden die Menschen älter gemacht, als sie sind, wenn man ihre körperliche Fitness, ihre Angewiesenheit auf Hilfe, ihre kognitiven Fähigkeiten oder ihren Gesundheitszustand betrachtet. Und nicht zuletzt ist eben die Lebenserwartung mit der angeblichen Vergreisung gestiegen. Dann können 65-Jährige heute gegenüber früher als "jünger" eingestuft werden. Ein 60-Jähriger sei heute eine Person mittleren Alters, so Scherbov: "Vor 200 Jahren wäre ein 60-Jähriger sehr alt gewesen."

In ihrer Studie vergleichen die Wissenschaftler die Alterung auf der Grundlage des chronologischen Alters und die auf der Basis des prospektiven Alters, also der noch zu erwartenden Lebenszeit, wobei sie zu erwartende Migration, altersspezifische Fertilität und Lebenserwartung bei Geburt einbeziehen, um die "Geschwindigkeit des Alterns der Bevölkerung" bis 2050 in den europäischen Ländern zu berechnen. Alter beginnt, so die Studie, wenn die verbleibende Lebenserwartung nur noch 15 Jahre beträgt.

Die Wissenschaftler stellen die Ergebnisse der Szenarios anhand der deutschen Bevölkerung vor. Wenn man vom "alten" Modell ausgeht, also vom Alter von 65 Jahren, dann beschleunigt sich das Altern und wären 2050 27,8 Prozent der Deutschen alt, bezieht man die steigende Lebenserwartung bei gleich bleibender Fertilität und Mortalität ein, würde der Anteil sogar auf 32,9 Prozent ansteigen. Berücksichtigt man das prospektive Alter ein und bezeichnet als alt diejenigen, die noch eine Lebenserwartung von 15 Jahren und weniger haben, kommt man je nach Berücksichtigung der übrigen Faktoren auf einen Anteil, der um die 20 Prozent schwankt.

Legt man das Medianalter zugrunde, so sinkt es bei steigender Lebenserwartung, wenn man das prospektive Alter verwendet, und steigt mit dem chronologischen Alter als Maßstab. 2013 betrug das Medianalter für Frauen in Deutschland 46,5 Jahre. Es steigt bis 2050 auf 49,3 Jahre, wenn die altersspezifische Lebenserwartung nicht zunimmt, wenn sie zunimmt, was erwartet wird, dann würde das Medianalter auf 52,6 Jahre ansteigen. Je schneller die Lebenserwartung zunimmt, desto schneller altert die Gesellschaft. Wird das Medianalter auf der Grundlage des prospektiven Alters berechnet und geht man von einer Zunahme der altersspezifischen Lebenserwartung aus, dann würde das Medianalter auf 45,6 Jahre sinken, die Gesellschaft würde also jünger werden. Das träfe auch auf Männer und auf die Bevölkerung in allen europäischen Ländern zu.