Die Gesetze der Aufmerksamkeit

Wrackteile von MH17. Bild: Niederländisches Verteidigungsministerium

Wissenschaftler haben untersucht, ab wie vielen Toten ein Flugzeugunglück größere Aufmerksamkeit findet und wo es geschehen muss

Aufmerksamkeit ist eine knappe und begehrte Ressource in den zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch in der gesamten Gesellschaft. Wirklich und wirksam ist nur, was ausreichend für die jeweilige Dimension Aufmerksamkeit gefunden hat, denn nur das wird wahrgenommen und be- oder geachtet. Aufmerksamkeit findet nur, was eine gewisse Schwelle überschreitet, alles voran das, was begehrt wird, was neu und eine Abwechslung ist, was erschreckt oder Angst einflößt.

In vielen Studien wurde etwa untersucht, wie sich Nachrichten im Internet verbreiten, Aufmerksamkeit finden und wieder verlieren, wobei die Aufmerksamkeitsspanne mit der Vielzahl von Informationen aus immer mehr Quellen, die an den Nutzern als Feed vorbeiziehen und in die Vergangenheit und meist ins Vergessen rutschen, sich zu verkürzen scheint. Dass die Aufmerksamkeitsfähigkeit zum Symptom einer psychischen Störung, dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, wurde, passt zu der sozialen Bedeutung der Ressource.

Wissenschaftler vom Oxford Internet Institute (OII) an der University of Oxford haben nun in einer Studie, die online in Royal Society Open Science erschienen ist, versucht, die Aufmerksamkeitsschwelle von Online-Nachrichten anhand der geografischen und sprachlichen Verteilung der Leser zu bestimmen. Sie wollten herausfinden, wie sich Großereignisse, die globale Bedeutung haben, beispielsweise die Anschläge in Paris und Beirut im November 2015, aufmerksamkeitsökonomisch verteilen und woher die Unterschiede kommen. Während beispielsweise 51 Prozent der Medien weltweit in den ersten 24 Stunden über die Anschläge in Paris berichteten, bei denen 130 Menschen getötet und über 350 verletzt wurden, war dies im Fall von Beirut, wo 44 Menschen getötet und mehr als 200 Personen verletzt wurden, nur in 11 Prozent der Medien der Fall. Obgleich die Anschläge in Paris 15 Stunden später erfolgten, erhielt der Anschlag in Beirut nur 5 Prozent der Aufmerksamkeit gegenüber Paris. Es liegt zwar nahe zu vermuten, dass ein Anschlag in Europa mehr Aufmerksamkeit erhält als im Nahen Osten, wo es viele Anschläge gibt. Zudem ist die Medienpräsenz höher und es gab auch mehr Opfer.

Um die Analyse einzuschränken, haben sich die Wissenschaftler auf 1500 Flugzeugabstürze oder -unfälle zwischen 1897 und 2016 konzentriert und eruiert, wie sie sich in den englischen und spanischen Wikipediaversionen niederschlagen. Das begründen sie damit, dass es eine hohe Korrelation zwischen dem Umfang der Google-Suchen und dem Besuch von Wikipedia-Artikeln gibt, was bedeute, dass der Wikipedia-Traffic mit dem allgemeinen Nutzerverhalten in etwa übereinstimmt. In Wikipedia würden auch sehr schnell Nachrichten behandelt. Die englische und die spanische Version wurden verglichen im Hinblick auf die Berichterstattung mit Berücksichtigung der Herkunft des betroffenen Flugunternehmens und der Zahl der Toten, zudem wurde herausgearbeitet, wie groß der zeitliche Abstand zwischen dem Unglück und der Berichterstattung ist und wie schnell die Aufmerksamkeit sich abbaut.

Die Aufmerksamkeit ist nicht notwendig dort am höchsten, wo es am meisten Tote gegeben hat. Aber in der Studie wurde eine Schwelle festgestellt: Damit ein Absturz größeres Interesse weltweit findet, müssen mindestens 40 Menschen dabei zu Tode gekommen sein. Unter dieser Schwelle sei es sehr schwierig vorherzusagen, ob Interesse entstehen wird (in der Pressemitteilung wird allerdings als Schwelle 50 Tote angegeben).

Nach 3-5 Tagen gibt es die höchste Aufmerksamkeit, dann nimmt sie ebenso schnell ab, wie sie angestiegen ist. Bild: Ruth García-Gavilanes et al.

Neben der Zahl der Toten, die ab der Mindestschwelle die Aufmerksamkeit sukzessive erhöht, spielt eine entscheidende Rolle, woher die Fluggesellschaft kommt. Ein Absturz in Nordamerika löst - unabhängig von der Todeszahl - fünfzigmal höhere Aufmerksamkeit in der englischsprachigen Wikipedia aus als einer in Afrika und zweimal so hoch als einer in Europa. Dabei stammt nur die Hälfte der englischsprachigen Wikipedia-Einträge aus Nordamerika. In der spanischsprachigen Ausgabe löst ein Absturz in Lateinamerika ebenfalls eine fünfzigmal höhere Aufmerksamkeit als einer in Afrika aus und fünfmal höher als einer in Nordamerika. Ereignet sich ein Absturz nicht in Nord- oder Lateinamerika mit einer nicht regionalen Fluggesellschaft so muss die Opferzahl drei- bis vierfach höher, um eine ähnliche Aufmerksamkeit zu finden.

Das bestätigt allerdings nur, dass die Aufmerksamkeit desto größer ist, je größer der Schaden ist und desto näher das Unglück dem Nachrichtenleser rückt. Was weit weg ist, interessiert dementsprechend wenig. Das schlägt auch zurück auf Wikipedia selbst, wie Taha Yasseri, eine der Autoren, sagt: "Wir bemerken, dass die englische Wikipedia durch Dinge geformt wird, die Menschen aus dem Westen interessieren. Auf den Rest der Welt außerhalb von Nordamerika und Europa wird kaum Bezug genommen. Das zeigt, dass selbst offene Systeme wie Wikipedia einer Verzerrung unterliegen."

Aber unabhängig von der Schwere des Unglücks folgt 5 Tage nach dem Unfall in der Regel ein steiler Abfall der Aufmerksamkeit, was die Forscher naheliegender weise auf die Abnahme der Neuheit der Information und der Beschränkung der menschlichen Aufmerksamkeit zurückführen. Zur Aufmerksamkeitshöhe trägt auch direkt die Menge der Berichterstattung unmittelbar nach dem Absturz bei. Was große Aufmerksamkeit findet, zieht nach dem Prinzip: "Wer hat, dem wird gegeben" noch mehr auf sich.

Am meisten Aufmerksamkeit hat der Abschuss von MH17 über der Ukraine gefunden, gefolgt vom Verschwinden des Flugs 370 und dem Absturz des Flugs 447 der Air France von Rio nach Paris 2009. (Florian Rötzer)

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