Die Groß-Koreanische Republik vernichtet die USA

Screenshots aus Homefront

Das am 15. März erscheinende Videospiel "Homefront" ist politisch brisant

"Die Besetzung dauert nun schon 2 Jahre. Die Straßen sind getränkt mit dem Blut unseres Volkes. Die Zeit zum kämpfen ist gekommen." Schon der Trailer des First-Person-Shooter-Videospiels Homefront verspricht Spannung. Der US-amerikanische Spiele-Entwickler KAOS-Studios zeichnet in dem Spiel ein dystopisches Zukunfts-Szenario, dessen Ursprung aber in der heutigen Zeit liegt. Das halb-fiktionale Szenario birgt dabei politische Brisanz - darf oder sollte in einem First-Person-Shooter auf aktuelle politische Spannungen zurückgegriffen werden?

Spielerisch wird das in diesen Tagen erscheinende Videospiel "Homefront" wenig Neues bieten. Wie so oft werden massenweise Gegner mit einer großen Auswahl von Waffen vernichtet werden müssen. Interessanter ist die Story hinter dem Spiel. Der US-amerikanischer Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent John Milius, der unter anderem als Co-Autor beim Film "Apocalypse Now" (1979) fungierte, lieferte die Geschichte, auf der "Homefront" basiert.

Auch einige CIA-Berater, die sich mit möglichen Angriffen auf die USA befassten, arbeiteten an der Hintergrundgeschichte mit. Dabei wurde eine auf der Realität aufgebaute spekulativ-fiktionalen Welt der nahen Zukunft geschaffen: "Der Torpedo, der die Cheonan versenkte und 46 südkoreanischen Matrosen das Leben nahm, wurde von einem nordkoreanischen U-Boot abgfeuert", erklärte die US-Außenministerin Hillary Clinton 2010 auf einer Pressekonferenz. Mit diesem realen Videoausschnitt beginnt die Erzählung in "Homefront". Danach fängt die Fiktion an.

Am 2. Januar 2012 vermeldet die Nordkoreanische Nachrichtenagentur den Tod des Diktators Kim Jong-il durch einen Schlaganfall, sein Sohn Kim Jong-un übernimmt die Führung des Landes. Er verspricht eine Zeit der Offenheit und bekundet, die atomaren Bestrebungen Nordkoreas nicht weiter fortzuführen. 2013 vereint Kim Jong-un Nord- und Südkorea auf friedlichem Weg und wird dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Unter dem Alleinherrscher wird das vereinigte Korea 2014 zu einer neuen Wirtschaftsmacht.

Die USA hingegen haben Probleme: nachdem die US-Truppen bereits 2012 aus dem Nahen Osten abgezogen sind, verlassen sie 2014 auch die koreanische Halbinsel. Der Benzinpreis in den USA klettert 2015 auf 20 US-Dollar pro Gallone (aktuell etwa 3,5 US-Dollar). In den folgenden Jahren verschärft sich die Wirtschaftskrise in den USA: die Infrastruktur bricht immer weiter zusammen, Texas löst sich teilweise aus dem Staatenbund heraus. 2018 okkupiert die Groß-Koreanische Republik Japan und gründet eine Pan-Asiatischen-Allianz. Die Vereinten Nationen sind machtlos und lösen sich daraufhin 2019 auf.

Malaysia, Kambodscha, die Philippinen, Thailand, Indonesien und Vietnam werden 2021 von Korea erobert und besetzt. Sowohl Kanada als auch Mexiko schließen ihre Grenzen und lassen keine US-Flüchtlinge mehr ins Land. Die Krise hat die USA bis dahin in den Ruin getrieben. Im Land herrscht Kriegsrecht und es hat sich international isoliert. Zudem dezimiert der H5N1-Virus die US-amerikanische Bevölkerung. Da das GPS-Navigationssystem der USA veraltet ist und ausfällt. schießt die neue politische Macht Groß-Korea 2024 neue, modernere GPS- Satelliten ins All.

Ein Jahr später befördert Korea einen Kommunikationssatellit ins Weltall: "Dieser soll die Botschaft des Friedens an die ganze Welt übermitteln", erklärt ein Nachrichtensprecher in Englisch im "Homefront"-Trailer kurz bevor die Lichter über den nächtlichen USA ausgehen – bei dem Satelliten handelte es sich um eine getarnte EMP-Waffe (Elektro-Magnetischer-Puls). Der EMP legt alle elektronischen Geräte lahm und führt fast zum Totalausfall der durch die Wirtschaftskrise bereits stark angeschlagenen US-Armee.

Nach dem EMP-Angriff landen koreanische Truppen auf Hawaii und später in San Franzisco. Die Koreaner erobern die USA von Westen her bis zum Mississippi. Das Flussgebiet wird atomar verseucht und zur Sperrzone zwischen dem koreanisch besetzten West-Amerika und dem am Grunde liegenden Ost-Amerika. Die Besatzer stecken die US-Bürger in Arbeitslager, es gibt Massengräber und kommt zu öffentlichen Hinrichtungen: "Obey the great leader and you will have freedom", steht auf einer im Trailer des Videospiels zu sehenden Hauswand, davor liegen unter blutverschmierten Planen fünf Leichen.

An diesem Zeitpunkt im Jahr 2027 – zwei Jahre nach Beginn der Besatzung – greift der Spieler von "Homefront" in die Geschichte ein. Als Zivilist ist er Teil des zerstreuten US-Widerstands gegen die grausamen Besatzer. Schauplätze der Guerilla-Kämpfe gegen die hochgerüstet Koreanische Volksarmee sind verkommene US-Kleinstädte, zerstörte Einkaufsmeilen aber auch bekannte Orte wie die Golden Gate Bridge in San Franzisco.

Zahlreiche Spiele hätten bereits den Nahen Osten thematisiert, die Darstellung Nordkoreas als Feind sei daher etwas sehr Neues in einem Videospiel, so Rex Dicksons, Lead Level-Designer der KAOS-Studios, in einem Werbevideo: "Nordkorea bietet uns mehr Möglichkeiten den Feind darzustellen." Zudem würden sich die USA vor Nordkorea fürchten. Die "Homefront"-Entwickler sparen daher nicht an drastischen Bildern zur Feindmarkierung: US-Bürger werden von koreanischen Soldaten erschossen, die Leichenberge mit Baggern in Gruben verscharrt – das Spiel hat keine Jugendfreigabe und kann nur von Volljährigen gekauft werden. "Homefront"-Entwickler Zach Wilson: "Es brauchte einen Feind, der unschuldige Leute vor den Augen des Spielers schlägt, damit der Spieler versteht, warum er tut, was er tut." Die Videospiel-Fachpresse feiert das Spiel der New Yorker-KAOS-Studios bereits für seine einzigartige Atmosphäre, die durch das "realistische Szenario" und die "schockierenden Bilder" entstehe.

Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung wundert es nicht, dass nun auch "Nordkorea" als Feind in einem First-Person-Shooter herhalten muss. Dies "füge sich ein in die übrige mediale Berieselung mitsamt ihren Feindbildern", so die Medienexpertin. Die Erlangener Institutsleiterin sieht das neue Videospiel nahtlos in einer Reihe mit dem von "Homefront"-Autor John Milius 1984 produzierten Film "Die rote Flut", der im Kontext "Reagenscher Feindrhetorik" entstanden sei. In dem Film ist es die Sowjetunion, die die USA angreifen, nun sei es Nordkorea: "Wenn man sich die Hollywood-Produktionen der letzten Jahrzehnte ansieht, in denen nach den Kommunisten vor allem Araber und Muslime die Bösen abgaben, schließen sich die Games hier nahtlos an."

Für Schiffer wird mit der in "Homefront" gezeichneten Geschichte daher auch eine aktuelle politische Aussage über Nordkorea gemacht: "Wenn ihr jetzt nicht entschiedener gegen die Feinde auswärts kämpft, kommen die irgendwann hierher."

Problematisch an "Homefront" ist die bewusste Vermischung von Realität und Fiktion: so wird Kim Jong-un, Sohn und wahrscheinlicher Nachfolger des momentanen - grausamen - nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il in dem Videospiel unterstellt unter dem Deckmantel einer friedlichen und offenen Politik militärische Aufrüstung zu betreiben. In einem Trailer des Spiels wird Kim Jong-un 2013 bei einer Rede vor den Vereinten Nationen gezeigt - er wird von einem Schauspieler gespielt. Mit diesem "Was könnte passieren"-Szenario schüren die "Homefront"-Entwickler bewusst Angst und Misstrauen gegenüber Kim Jong-un, der bisher noch keinen einzigen Tag an der Spitze des heruntergewirtschafteten Landes stand und über den so gut wie nichts bekannt ist.

Auch wenn die Entwickler der KAOS-Studios die Story damit rechtfertigen, dass es in den verschiedenen Zeitepochen immer wieder zu rasanten Auf- und Abstiegen von Nationen kam, scheint das in "Homefront" präsentierte Szenario doch extrem unwahrscheinlich. So wurde das Szenario mit seinem realen Bezug wohl nur aus Gründen der Publicity gewählt - man will provozieren. Dass mit der im Spiel gezeichneten Geschichte eine zweifelhafte politische Aussage getroffen wird , nehmen die Entwickler der KAOS-Studios und ihr Publisher THQ scheinbar gern in Kauf.

Sogar in den Bundestag hat es das Videospiel mit der brisanten Story und den umfangreichen Marketing-Maßnahmen bereits geschafft: eine Vorab-Version von "Homefront" war eines der Spiele, die Ende Februar auf der ersten Politiker-Netzwerk-Party im Bundestag gespielt wurde.

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