Die Guten und die Bösen

Zum wiederholten Mal wird das zerrissene Land zum Aufmarsch- und Schlachtfeld, bei dem sich die Landsleute gegenseitig bekriegen, weil fremde Mächte es als Stellvertreter für ihre Kämpfe nutzen

Nehmen wir einmal folgendes Szenario an: In Deutschland findet ein von einer äußeren Macht geförderter Putsch statt, bei dem die demokratisch gewählte Regierung mit Waffengewalt abgesetzt und durch ein Regime ersetzt wird, in dem die NPD und ihre bewaffneten Kameradschaften einen bedeutenden Einfluss haben. Daraufhin besetzen in Nordrhein- Westfalen aufgebrachte Bürger Rathäuser und Verwaltungsgebäude und errichten Straßensperren, weil sie die Junta in Berlin nicht als legitime Regierung ansehen. Sie fordern Autonomie für ihre Region, wollen dazu ein Referendum abhalten, doch Berlin schickt Panzer und Soldaten, um diese "Separatisten" und "Terroristen" zu eliminieren.

So werden die rebellierenden Bürger Nordrhein-Westfalens in den Medien durchweg genannt, obwohl sie keinerlei Interesse haben, sich von der föderalen Republik zu separieren, doch einer illegal an die Macht gekommenen Regierung unterordnen wollen sie sich auch nicht. Sie fordern größere Autonomierechte für ihre Region und weigern sich, Befehle aus der Hauptstadt anzunehmen, die nun ihrerseits die Armee mobilisiert, um die "Aufständischen" zu bekämpfen.

Ziemlich genau dies geschieht aktuell in der Ukraine, wo inzwischen CIA und FBI das Regime in Kiew beraten6, wie solche Angriffe auf die eigene Bevölkerung am besten zu führen sind, und wo nach Presseberichten schon vierhundert private Söldner amerikanischer Militärkonzerne im Kampfeinsatz sind7 - neben den Terrormilizen des Rechten Sektors, die jetzt als "Nationalgarde" in offizieller Mission agieren.

So wird zum wiederholten Mal in der Geschichte das zerrissene Land der Ukraine, das außer während einiger Monate nach dem Ersten Weltkrieg erst seit 1991 eine eigenständige Nation ist, zum Aufmarsch- und Schlachtfeld, bei dem sich die Landsleute gegenseitig bekriegen, weil fremde Mächte es als Stellvertreter für ihre Kämpfe nutzen.

Unter den Habsburgern galten die Ukrainer als die "Tiroler des Ostens", weil sie wie diese sehr kaisertreu zur Monarchie standen, den feudalen Polen galten sie als "Kleinpolen", dem russischen Zarenreich als "Kleinrussen" und ihre Sprache als jeweils bäuerlicher Dialekt der eigenen Hochsprache. Alle führten Kriege um die Kontrolle dieses großen Landes, das wie kein anderes in Europa seine Grenzen, Verwaltungen, Währungen und Amtssprachen in den letzten zweihundert Jahren Dutzende Male ändern musste - nicht aus eigenem Willen, sondern auf Druck kolonialer und imperialer Mächte.

Diese ebenso wechselvolle wie tragische Geschichte hat in den kaum mehr als zwei Jahrzehnten autonomer Existenz der Ukraine nicht zu einer einheitlichen Geschichts- und Erinnerungskultur geführt. Vielmehr herrscht heute eine Art historisches Identitätssplitting, bei dem auf der einen Seite dem mit der deutschen SS alliierten Nationalistenführer Stepan Bandera gehuldigt wird, der gegen Polen, Russen und Juden kämpfte, und auf der anderen Seite mehr oder weniger offen Stalin, der im "Großen Vaterländischen Krieg" den Faschismus besiegte - wobei jede Seite die Helden der anderen für verachtenswerte mörderische Verbrecher hält. Und so wenig die junge Ukraine ein identitätsstiftendes, mehrheitsfähiges nationales Narrativ hervorgebracht hat, so wenig ist sie auch zu einer echten parlamentarische Demokratie geworden.

Was einst die Statthalter des Zaren, des polnischen Adels oder der Donaumonarchen waren, sind heute Oligarchen und Provinzfürsten, die Wirtschaft und Medien kontrollieren und damit auch die Politik in Kiew. Gegen ein derart korrumpiertes, pseudodemokratisches Feudalsystem wendet sich der Protest der ukrainischen Bevölkerung seit vielen Jahren und kulminierte im Herbst 2013, als sich die amtierende Regierung weigerte, das von der Europäischen Union angebotene Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen. Dabei handelte es sich schlichtweg um ein "unanständiges" Angebot, weil es eine gleichzeitige Zoll- und Handelsunion mit Russland ausschloss und weil es militärische Zusammenarbeit und damit die Anwesenheit der Nato in der Ukraine einschloss. Außerdem konnte dieses Angebot, soweit es einen möglichen Beitritt zur EU betraf, nicht ernstgemeint sein, gleichwohl es den Protestierenden auf dem Maidan so suggeriert wurde und sie deshalb auch mit Europafähnchen auftraten.

All diese "Fallstricke", die bei jedem Präsidenten der Ukraine Skepsis und Bedenken ausgelöst hätten, wurden in den westlichen Medien ebenso wenig erwähnt wie die Tatsache, dass die Chance, ein Land mit fast fünfzig Millionen Einwohnern in die EU aufzunehmen, deren Pro-Kopf-Einkommen gerade mal ein Drittel der ärmsten EU-Länder beträgt, nur auf sehr lange Sicht nicht gleich Null ist.

Doch alles dies musste unter den Mantel des Schweigens gebettet werden - um die Bürgerproteste in Kiew weiter mit Hoffnung zu nähren, um Proteste zu Hause gar nicht aufkommen zu lassen und um die gesamte Schuld an dem Konflikt der neuen Ausgeburt des Bösen allein zuschieben zu können: Osama bin Putin.

Wenn Sie nach der Lektüre dieses Buchs vielleicht ein bisschen zum "Putinversteher" geworden sind, sind sie keinesfalls blauäugig, sondern haben sich vom undifferenzierten Blick einer Schwarzweißpropaganda verabschiedet, mit der Völker zum Krieg getrieben werden. Dabei wird natürlich jeder Seite von ihren Propagandisten stets eingeredet: "Wir sind die Guten!" (Mathias Bröckers/Paul Schreyer)