Die Hand, die füttert

Journalistische Kritik an Spielen in kommerziellen Medien wird zum Minenfeld: Über die Besonderheiten eines jungen Mediums, erschwerte Bedingungen und warum "Kane & Lynch" gefälligst nur positive Kritiken zu bekommen hat

Helle Aufregung in der internationalen Games-Journalistenszene: Nach einem wenig positiven Review des Eidos-Titels „Kane & Lynch: Dead Men“ (Video-Review) musste Gamespot-Journalist Jeff Gerstmann seinen Hut nehmen. Der angebliche Grund: Eidos hatte als Reaktion auf die Kritik die Einstellung zukünftiger Werbungen in Millionenhöhe angekündigt. Gamespot, eine der größten Games-Seiten im Netz und im Besitz der CNet-Gruppe, reagierte prompt auf den drohenden Geschäftsentgang – und feuerte Gerstmann, der durch seine zwar subjektiv gefärbte, aber durchaus nachvollziehbare Kritik den mächtigen Werbekunden verärgert hatte.

Gerstmanns störrisches Beharren auf journalistischer Integrität und Objektivität kam allerdings zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Pünktlich zum Launch des neuen, im Vorfeld ausgiebig gehypten Spiels der „Hitman“-Macher IO Interactive hatte Eidos mit Werbegeldern schwere Geschütze auf Gamespot aufgefahren: So war das Design der gesamten Seite exklusiv auf „Kane & Lynch“ getrimmt worden, um den Spielern rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft den vermeintlichen Blockbuster schmackhaft zu machen.

In den Augen von Eidos stellte sich die launige Review des Titels folglich als Provokation dar; eine logische Schlussfolgerung in einer Medienlandschaft, in der durch langjährige „Exklusivpreviews“, vollmundige Prerelease-Versprechungen, Teaser-Websites und Promo-Gags die Grenze zwischen Hype, PR und Kritik ohnedies oft zu verschwimmen scheint. Ärgerlich, wenn eine offene Kritik am fertigen Produkt zum Höhepunkt des inszenierten Hypes den Verkaufshoffnungen einen Dämpfer verpasst.

Screenshot aus „Kane&Lynch“. Bild: Eidos

Obwohl angeblich der Ton des Reviews ausschlaggebend für Eidos’ Verärgerung gewesen sein soll, war es jedoch sicherlich auch die niedrige Bewertung des Blockbusters in spe: Nur 6.0 Punkte hatte Gerstmann „Kane & Lynch“ gegeben. In einem Medium, in dem nach wie vor mit ingenieurshafter Besessenheit die Qualität eines Produkts in einfachen Zahlen angegeben wird, ist ein derartiger Score im Mittelfeld ein herber Tiefschlag. Der Metascore von Spielen, also der Durchschnitt aller erfolgten Reviews, wie er etwa von der Seite Metacritic.com erhoben wird, ist offenbar für viele Spieler und Konsumenten noch immer das Maß aller Dinge. Aus irgendeinem Grund scheint sich für das immer komplexer werdende Medium Games mit der allgemeinen und fast ausschließlichen numerischen Bewertung der unumstößliche Konsens gebildet zu haben, die Qualitäten, Eigenheiten und Besonderheiten eines Titels ließen sich in wenigen Zahlen zum Ende des Tests abbilden – der journalistische Text, die Beschreibung des Spiels und die tatsächliche Kritik erscheinen hier oft als überflüssiges Wiederkäuen der ohnedies aus Previews und PR sattsam bekannten Rahmenfakten (Computerspiele sind fragmentierte Erzählungen).

Diese Praxis, die in allen anderen Medien mehr als seltsam anmuten würde – man stelle sich nur vor, die Literaturkritik würde sich mehrheitlich auf ein ähnlich simples Bewertungssystem beziehen –, scheint allerdings im „Schmuddelmedium“ Games fest verankert. Einzelbewertungen für Grafik, Sound, Interface, Spielspaß ergeben nach Adam Riese eben meist, je nach Bewertungsmodus, eine Zahl zwischen 1 und 10 (oder 100), die als Summe das Urteil über das kritisierte Werk abliefert – als wären die heute von Riesenteams mit Millionenaufwand produzierten Spiele derart problemlos und scheinbar objektiv über denselben Rechenkamm zu scheren.

Das Publikum, so meint man in der Branche, will es so – als schnelle Kaufentscheidung und als Vergleichsmöglichkeit (eine positive Ausnahme zur Score-Manie ist etwa die deutsche GEE). Dass durch die unglaubliche Schnelllebigkeit der Branche der 9.5-Hit von vorletztem Jahr inzwischen ohnedies nur mehr zur Verramschung als Budget-Titel taugt, lässt aber die vermeintlich objektive und simple Bewertungspraxis zumindest für jene Firmen, die kurzfristig vom Hype profitieren, interessant bleiben.

Der Status quo, so ist man sich auf Games-Industry-Seiten wie kotaku oder Gamasutra einig, ist unbefriedigend – sowohl in Bezug auf die intolerable Einflussnahme auf die Berichterstattung bei Gamespot als auch in Hinblick auf die allgemein krude Form der Bewertung, die sich folgerichtig nicht einmal als „Kritik“ bezeichnen dürfte.

Die Liste der Mängel im System der Spiele-„Bewertung“ ist lang: Die Schnelllebigkeit des Marktes lässt ausführliche Reviews, die erst Wochen nach dem Erscheinen eines Spiels, aber dafür fundiert berichten, überflüssig werden. Die Sonderbehandlung des Spiels als unteilbares Erlebnis des Spielers macht inhaltliche Besprechungen fast unmöglich, ohne erbostes „Spoiler!“-Geheul zu ernten. Was in den meisten Medien, die sich mit Computerspielen befassen, fehlt, ist eine inhaltliche, formale und weiter ausgreifende fundierte Befassung mit den einzelnen Titeln, die über im Vorfeld grassierenden, von den Herstellern geschürten Preview-Hype und pseudo-objektive Bewertung bei Erscheinen hinausgeht. Bezeichnenderweise „verschwinden“ die allermeisten Titel verlässlich dann vollständig aus den Fachblättern, sobald sie im Laden stehen und das finale Werbefeuerwerk abgebrannt wurde.

Wo das Interesse der kommerziellen Spielbeobachter endet, beginnt freilich das Spielfeld der inzwischen beachtlichen Games Study-Gemeinde auf dem Feld der Kulturwissenschaften – klarerweise aber für die meisten Games-Interessierten (und deren Zahl geht immerhin in die Millionen) ein hermetisches Feld, das, wie jedes um wissenschaftliche Anerkennung ringende Fach, von seinen Vertretern eifersüchtig durch Terminologie, Jargon und eigene Grabenkämpfe vor unliebsamer Vereinnahmung geschützt wird.

Zum Glück für den spielinteressierten Nichtakademiker bildet sich inzwischen eine dritte Front, die das kulturelle Spielfeld der Games mit Ernsthaftigkeit, aber ohne wissenschaftlichen Habitus beackert. In zahlreichen Blogs wird inzwischen eine fundierte Betrachtung des Mediums geleistet, die sich abseits von Hype und Poststrukturalistenjargon ernsthaft um das liebste Hobby der Welt annimmt. The Brainy Gamer, GameSetWatch, The Escapist oder die Destructoid-Community versuchen, auf professionelle, aber dennoch erfrischend andere Art und Weise, dem weiten Feld der Games-Culture zeitgemäße Facetten abzugewinnen, und berichten sowohl aus Entwickler- als auch Spielersicht über das wichtigste Medium des 21. Jahrhunderts. Man sieht: Es gibt ein Spiele-Leben abseits von Scores, Industriehype und PR. Es hat sich nur noch nicht herumgesprochen. (Rainer Sigl)

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