Die Heizung aufdrehen

Ein kritischer Blick auf den Klimawandel

Seit in den 1980er Jahren die ersten warnenden Stimmen auf den Klimawandel hinwiesen, sehen sich die damit befassten Wissenschaftler von einer kleinen Gruppe hartnäckiger Kritiker geradezu verfolgt. Jedesmal, wenn sie meinen, sie endgültig widerlegt zu haben, melden sich diese Kritiker an anderer Stelle wieder zu Wort. Und in gewissen Kreisen haben ihre Stimmen nach wie vor Gewicht. Eine führende Zeitung in Großbritannien nannte den Klimawandel im Jahr 2004 einen "globalen Schwindel", der auf einer "linken, antiamerikanischen und antiwestlichen Ideologie" beruhe. Und der Bestsellerautor Michael Crichton beschrieb in seinem gutverkauften Roman Welt in Angst den Klimawandel als eine üble Verschwörung radikaler Umweltschützer.

Viele Klimatologen wiederum tun ihre Kritiker mit einer Handbewegung ab und wenden sich wieder ihren Computermodellen zu. Ihrer Meinung nach gehören die meisten Kritiker zu einer von drei Gruppen: Politikwissenschaftler, Journalisten und Vertreter der Wirtschaft mit nur geringen klimatologischen Kenntnissen; in ihrer Eitelkeit gekränkte, pensionierte Wissenschaftler, deren alte Glaubenssätze erschüttert werden; und von der Privatwirtschaft angestellte Forscher, die im Dienste mächtiger Bosse stehen wie etwa Ölgesellschaften oder von ihnen abhängiger Regierungen.

Wenn man den Kritikern glaubt, sind die Beweise für die Erderwärmung und selbst die grundlegende Theorie des Treibhauseffekts nicht schlüssig. Der augenscheinliche Konsens der Wissenschaftler besteht nur, so sagen sie, weil er von einem opportunistischen wissenschaftlichen Establishment gefördert und von einer Politikerklasse unterstützt wird, die sich der Ängste der Menschen bedient.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlags Antje Kunstmann dem am 8. September 2007 erscheinenden Buch von Fred Pearce entnommen. Fred Pearce ist Umweltberater des New Scientist-Magazins und schreibt als Wissenschaftsjournalist für Medien wie Independent, Times, Boston Globe und Ecologist. Für seine internationalen Reportagen über Umwelt- und Entwicklungsfragen erhielt er mehrere Preise; 2001 wurde er zum britischen Umweltjournalisten des Jahres gekürt.

Fred Pearce: "Das Wetter von morgen. Wenn das Klima zur Bedrohung wird." Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan. Kunstmann Verlag. 320 Seiten. 19.90 EUR.

Vieles von alledem klingt an den Haaren herbeigezogen. Aber haben die Kritiker vielleicht doch in einem Punkt recht?

Zunächst einmal die physikalischen Grundlagen. Wie wir gesehen haben, reichen die ersten Erkenntnisse fast zwei Jahrhunderte zurück. Sowohl Fourier als auch Tyndall wussten bereits, dass unsere Atmosphäre nicht abkühlt, weil ein gewisser Teil der Kurzwellenstrahlung der Sonne von der Erdoberfläche absorbiert und in längeren Infrarotwellen von ihr wieder abgestrahlt wird. Wie jede Strahlungsquelle erwärmen auch sie die umgebende Luft. Fourier und Tyndall wussten außerdem, dass diese Wärme durch Gase wie Wasserdampf, Kohlendioxid und Methan, also Gase mit einem "Treibhauseffekt", gespeichert wird, ohne die unser Planet im Eis erstarren würde wie der Mars.

Es kann aber auch zuviel des Guten sein. Unser zweiter Nachbarplanet, die Venus, besitzt eine mit Treibhausgasen gesättigte Atmosphäre und kocht deshalb mit einer Temperatur von etwa 450 Grad Celsius vor sich hin. Und das bietet durchaus Anlass zur Sorge. Denn dank der Keeling-Kurve besteht mittlerweile kein Zweifel mehr, dass die Kohlendioxidkonzentration in der Erdatmosphäre durch menschliche Aktivitäten auf ein Niveau gestiegen ist, das rund ein Drittel höher liegt als in vorindustrieller Zeit.

Die Folgen für den Strahlungshaushalt unseres Planeten sind mittlerweile ebenfalls messbar. Helen Brindley, eine Weltraumphysikerin am Imperial College in London, untersuchte 2001 von Satelliten aufgenommenes Datenmaterial aus nahezu drei Jahrzehnten, um Veränderungen in der von der Atmosphäre ins All abgestrahlten Infrarotstrahlung aufzuspüren. Denn was nicht abgestrahlt wird, bleibt uns zwangsläufig erhalten und heizt die Erde auf, daher zeigen uns diese Daten, wie viel Wärme von den Treibhausgasen absorbiert wird – also den Treibhauseffekt. In den von Kohlendioxid abgeschirmten Bereichen des Infrarotspektrums – den Wellenlängen zwischen 13 und 19 Mikrometern – entweicht zunehmend weniger Strahlung, stellte sie fest. Ähnliche Resultate ergaben sich auch für andere Treibhausgase wie Methan.

Diese Erkenntnisse allein sollten eigentlich auch den hartnäckigsten Kritiker davon überzeugen, dass sich die Erde durch die Emission von Treibhausgasen erwärmt. In Klimamodellen der staatlichen US-Weltraumorganisation NASA spricht man mittlerweile von einem Überschuss von nahezu einem Watt pro Quadratmeter, den die Erdoberfläche über die Abstrahlung hinaus absorbiert. Das ist eine nicht zu unterschätzende Größe. Mit der Energie, die die Erde auf der Grundfläche eines bescheidenen Hauses zusätzlich aufnimmt, könnte man eine 60-Watt- Birne betreiben.

Umstrittener ist, ob wir diese Wärme tatsächlich spüren. Die weltweiten Temperaturmessungen begannen vor 150 Jahren. An ihnen lässt sich ablesen, dass wir seit 1980 19 der 20 wärmsten Jahre und seit 1998 die fünf wärmsten Jahre erlebt haben. Können uns die Thermometer in die Irre führen? Diese Möglichkeit dürfen wir nicht ausschließen. Schließlich beruhen die Aufzeichnungen nicht auf einem offiziellen weltumgreifenden Beobachtungssystem, sondern sind eine Sammlung von Daten, die uns zufällig zur Verfügung stehen.

Zu den Thermometermessungen gibt es zwei wichtige Einwände. Einer lautet, dass die auf der Erdoberfläche gemessenen Daten nicht von den Satellitensensoren und den Instrumenten der Wetterballons in der Atmosphäre bestätigt werden. Deren Daten deuten vielmehr darauf hin, dass die Erwärmung in der Nähe der Erdoberfläche, ob sie nun existiert oder nicht, jedenfalls nicht die untersten zehn Kilometer der Atmosphäre, die sogenannte Troposphäre, durchdringt, wie die Klimatologen behaupten. Wenn das stimmt, ist das äußerst beunruhigend, sagt Steve Sherwood, ein Meteorologe von der Yale University in Connecticut und Autor einer Studie zu diesem Thema. "Das würde unser gesamtes Verständnis der Atmosphäre in Frage stellen."

Erwartungsgemäß haben die Kritiker die Feststellung, dass die Satelliten die Fehlerhaftigkeit der erdnahen Messungen "beweisen", begeistert aufgegriffen. Nicht so hastig, wendet Sherwood ein. Die Daten der Satelliten sind unzuverlässig, denn sie messen nur die Temperatur einer Luftsäule direkt unterhalb des Satelliten und können nicht ohne weiteres zwischen der Troposphäre, die sich erwartungsgemäß erwärmen wird, und der Stratosphäre unterscheiden, die sich wahrscheinlich abkühlt, da weniger Wärme aus der Troposphäre abgestrahlt wird. Außerdem liefern die Satelliten keine direkten Messungen, wie es die Thermometer tun. Die Temperaturen müssen aus anderen Daten erschlossen werden, was zu Fehlern führen kann. Die Wissenschaftler, die die Instrumente überwachen, müssen sich damit arrangieren, dass ihre Resultate "driften". Jede Woche, so Sherwood, rekalibrieren sie ihre Satellitenmessungen anhand der Ergebnisse der Wetterballons. Letztlich sind die langfristigen Durchschnittswerte der Satelliten also ein Produkt der Daten der Wetterballons.

Und wie zuverlässig ist dieses Material? Hier fand Sherwood eine Fehlerquelle, die so offensichtlich war, dass man sich nur die Augen reiben konnte – jedenfalls offensichtlich für jeden, der einmal ein ganz normales Gartenthermometer in der Sonne hat liegen lassen. Die ultravioletten Strahlen der Sonne, die auf den Glaskolben scheinen, bewirken einen kontinuierlichen Anstieg der Temperaturanzeige, so dass nicht mehr die Lufttemperatur gemessen wird. Die richtige Temperatur kann nur im Schatten festgestellt werden, unbeeinflusst von der direkten Sonnenstrahlung. Bei den Geräten an den Wetterballons ist das nicht anders. Es handelt sich "in der Regel um billige Thermometer, die von einem elektrischen Schaltkreis leicht gelesen werden können", sagt Sherwood. Auch sie können bei Sonneneinfall verfälschte Ergebnisse liefern.

Heutzutage haben die Meteorologen das Problem beseitigt, indem sie die Thermometer an den Wetterballons mit einem weißen Plastikgehäuse abschirmen. Vor 30 Jahren war dies jedoch nur selten der Fall. Sherwood schließt daraus, dass "die damaligen Ergebnisse, besonders die der 1960er und 1970er Jahre, wegen der Sonnenstrahlung zu hoch ausfielen". Und das ist seiner Meinung nach wohl der Grund, weshalb die Wetterballons keinen Trend zur Erwärmung aufzeigen.

Zwei weitere Beobachtungen untermauern diese Deutung. Erstens dürfte es zu keinen verfälschten Ergebnissen kommen, sobald die Sonne untergegangen ist, daher müssten die in den 1060er und 1070er Jahren gesammelten Nachtdaten verlässlich sein. Und tatsächlich deuten die Nachtdaten der Wetterballons aus den letzten 30 Jahren auf eine Erwärmung hin. Und zweitens zeigen die Messergebnisse sowohl der Wetterballons als auch der Satelliten eine starke Abkühlung der Stratosphäre – was wohl nur auftreten kann, wenn tatsächlich mehr Wärme in der darunter liegenden Schicht, der Troposphäre, verbleibt.

Der zweite bedeutende Einwand gegen die Temperaturdaten der erdnahen Messungen lautet, dass die Ergebnisse durch das Anwachsen der Städte beeinflusst werden. Die betonierten und asphaltierten Flächen in den Städten speichern mehr Wärme als ländliche Regionen, besonders deutlich in der Nacht, und in den letzten Jahrzehnten, so der Einwand, haben sich die Städte immer stärker in Richtung der Messstationen ausgeweitet. Die Temperaturveränderungen wären demnach nur auf die Verstädterung des Standorts der Thermometer zurückzuführen, nicht aber auf eine reale Erwärmung. "Hot nights; summer in the city", sangen einst die Loving Spoonful, und dass es "urbane Wärmeinseln" gibt, wie die Forscher sie prosaisch nennen, wird wohl niemand bezweifeln. Tatsächlich speichern Städte Wärme. Aber bringt dies auch die Weltdaten in eine Schieflage?

Wohl eher nicht. Die Auswirkungen der "urbanen Wärmeinseln" können nicht erklären, warum sich die größten Gebiete mit einer gemessenen Erwärmung über den Weltmeeren befinden oder warum sich die deutlichste Erwärmung in den Polarregionen verzeichnen lässt, also weitab von den urbanen Ballungszentren. Letztlich sollten sich die Kritiker aber durch eine sorgfältige Studie überzeugen lassen, die 2004 von David Parker, einem Mitarbeiter des zum britischen Wetteramt gehörenden Hadley Centre for Climate Prediction (Hadley-Zentrum für Klimavorhersage) in Exeter, vorgelegt wurde. Er wies darauf, dass die Auswirkungen der "urbanen Wärmeinseln" eigentlich an windstillen Tagen am stärksten sein müssten, wenn die Hitze nicht fortgetrieben werden kann. Deshalb unterteilte er die Messdaten der Vergangenheit in zwei Gruppen: in Temperaturmessungen an windstillen Tagen und in Temperaturen, die bei Wind gemessen wurden. Er fand keinen Unterschied. Während also niemand bestreitet, dass die "urbanen Wärmeinseln" Auswirkungen haben, muss man bezweifeln, ob diese ausreichen, die Verlässlichkeit der in den weltweiten Temperaturmessungen festgestellten Trends in Frage zu stellen.

Darüber hinaus gibt es zwischen Klimatologen und ihren Kritikern Streitfragen, die wir Dispute "zweiter Ordnung" nennen wollen, weil es hier um Indizienbeweise für einen Klimawandel geht. Stimmt es beispielsweise, dass die Temperaturen zu Ende des 20. Jahrhunderts wirklich höher waren als irgendwann sonst im vergangenen Millennium? Diese Behauptung wurde erstmals von dem amerikanischen Wissenschaftler Michael Mann aufgestellt. Er präsentierte der Öffentlichkeit eine umstrittene, auch "Hockeyschläger" genannte Grafik, die auf der Auswertung von Baumringen und anderem "Indizien"-Material beruhte und zeigte, dass die Temperaturen nach einer stabilen Klimaphase von 950 Jahren urplötzlich in die Höhe geschnellt waren. Die Argumente, denen wir uns später in diesem Buch widmen werden, scheinen Manns These zu stützen. Doch wie der Streit auch ausgeht, er ändert nichts an der wissenschaftlichen Theorie des Treibhauseffekts. Und selbst wenn man feststellen sollte, dass sich das Klima in der Vergangenheit nicht geändert hat – was jedoch zweifellos falsch wäre –, heißt das noch lange nicht, dass wir auch in Zukunft keinen Klimawandel erleben werden. Dieses Buch zeigt auf, dass uns die Deutungsvielfalt vergangener Daten keinen Trost bieten kann. Im Gegenteil.

Ähnlich verhält es sich mit dem Temperaturanstieg der letzten 150 Jahre, der sich je nach den jüngsten jährlichen Durchschnittswerten auf eine Erwärmung von 0,6 bis 0,8 Grad beziffert. Zwar ist die Erwärmung ein Fakt, doch dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie von den Menschen verursacht wurde. Sie könnte auch auf einem natürlichen Vorgang beruhen. So lautet ein Einwand, eine verstärkt zu uns dringende Sonnenstrahlung sei für die Erderwärmung der letzten 150 Jahre verantwortlich. Diese Theorie wurde 1991 von den dänischen Wissenschaftlern Knud Lassen und Eigil Friis-Christensen vorgelegt. Sie entdeckten einen Zusammenhang zwischen der Sonnenfleckenaktivität, an der man seit jeher den Energieausstoß der Sonne ablesen kann, und den seit 1850 zu verzeichnenden Temperaturveränderungen auf der Erde. Doch zeitbezogene statistische Zusammenhänge herzustellen war schon immer ein heikles Unterfangen, denn sie können auch auf Zufall beruhen. Die von den Dänen behauptete Korrelation wirkte aber überzeugend, und prominente Kritiker griffen ihre Theorie auf.

Datenmaterial aus jüngerer Zeit hat Lassen jedoch davon überzeugt, dass sich der Klimawandel der letzten Jahre nicht mehr mit der Sonnenaktivität erklären lässt. Da die Sonnenfleckenaktivität seit 1980 zurückgegangen ist, hätte sich auch die Erdtemperatur abkühlen müssen. Statt dessen ist sie stärker gestiegen denn je.

Letztlich hat diese spezielle Debatte der Wissenschaft nur genutzt, und die Kritiker können einen "Gleichstand" der Punkte verbuchen. Klimawissenschaftler, die die Erderwärmung seit 1850 allein dem Treibhauseffekt zugeschrieben haben, geben jetzt zu, dass sie unter Umständen bis zu 40 Prozent auf die Sonne zurückgeführt werden kann. So mag für die deutliche Erderwärmung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem eine Veränderung der Sonnenaktivität verantwortlich gewesen sein. Doch damit lässt sich keineswegs die dramatische Erwärmung seit 1970 erklären.

Inzwischen greifen beide Seiten zu einem letzten Trick. Von Kritikern geführte Webseiten veröffentlichen regelmäßig Temperaturkurven von Orten, an denen sich keine Erwärmung verzeichnen lässt, um ihre Ansicht zu stützen, dass die gesamte Theorie von der Erderwärmung auf einem Mythos beruht. Das ist blanker Unsinn, sie picken sich einfach nur Daten heraus. Klimatologen sind jedoch fast ebenso unseriös, wenn sie unhinterfragt jede örtliche Erwärmung auf eine globale Tendenz zurückführen, wo ein dokumentierter lokaler Klimazyklus viel eher als Ursache in Frage kommt. Und so spricht nach wie vor vieles dafür, an Orten der Erde, die bekanntermaßen sensibel auf den Klimawandel reagieren, wie die Arktis, vor Ort "Klimawachtürme" zu errichten. Doch auch sie können nie zweifelsfreie Beweise für den weltweiten Klimawandel liefern, denn neben der Erderwärmung müssen immer noch die natürlichen Veränderungen in lokalen Klimasystemen berücksichtigt werden.

Was die jüngste Entwicklung so dramatisch macht, sind aber nicht die lokalen Ereignisse, sondern die globale Dimension der Erwärmung. Praktisch keine Region der Erde ist verschont geblieben. Der Unterschied ist, dass natürliche Schwankungen die Wärme lediglich umverteilen, während der Treibhauseffekt dem gesamten Klimasystem zusätzliche Energie zuführt. Gelegentlich zieht dies eine Abkühlung und andere außergewöhnliche Wetterphänomene nach sich, im wesentlichen aber eine stärkere Erwärmung.

Um den gegenwärtigen Stand der Dinge zusammenzufassen: Die globale Entwicklung lässt sich nicht leugnen. Es gibt keinen bekannten natürlichen Vorgang, der die Erderwärmung um 0,5 Prozent in den letzten 30 Jahren erklären könnte. Natürliche Zyklusschwankungen wie die der Sonnenaktivität hätten viel eher zu einer leichten globalen Abkühlung führen müssen. Es bedarf schon einer ausgesprochen vertrackten Logik, um zu leugnen, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist. Jede andere Theorie würde sich über einen zentralen Lehrsatz der Wissenschaft hinwegsetzen. Der im 14. Jahrhundert lebende englische Philosoph William Ockham schuf das Prinzip von "Ockhams Rasiermesser", nach dem immer die einfachste und geradlinigste Theorie – vorausgesetzt sie stützt sich auf Beweise – zu bevorzugen ist. Und Veränderungen in der Konzentration von Treibhausgasen bieten die in diesem Sinne einfachste Erklärung für den Klimawandel.

Doch damit ist der Streit um den Klimawandel noch keineswegs erschöpft. Während es als einigermaßen gesichert gilt, dass weitere Emissionen von Treibhausgasen zu einer verstärkten Erwärmung der Erdatmosphäre führen, ist die Frage, wie unser Planet darauf reagiert, noch weitgehend ungeklärt. Um zu entscheiden, inwieweit die Erdtemperaturen von äußeren Einflüssen bestimmt werden – von Veränderungen in der Sonnentätigkeit oder von einer höheren Konzentration von Treibhausgasen –, sind vor allem die wichtigsten Rückkoppelungseffekte zu untersuchen – also jene Prozesse, die als Reaktion auf den Klimawandel erfolgen und die wiederum selbst einen Einfluss auf das Klima haben. Eine positive Rückkoppelung verstärkt und unterstützt die Veränderung und kann unter Umständen in eine Kettenreaktion münden – die klimatologische Entsprechung zu einem Störgeräusch in der Stereoanlage. Demgegenüber schwächt eine negative Rückkoppelung die Veränderung ab und hebt sie unter Umständen sogar ganz auf.

Die gegenwärtigen Klimamodelle gehen im Einklang mit Arrhenius von der Annahme aus, dass unser Planet die Erwärmung verstärkt. Einige der aus Wissenschaftskreisen stammenden Kritiker wenden jedoch ein, dass die Natur über starke Ausgleichskräfte verfügt, die eine negative Rückkoppelung unterstützen und dem Klimawandel entgegenwirken.

Wie dies geschieht, ist allerdings umstritten. Einige meinen, in einer wärmeren Welt komme es zu einer verstärkten Wolkenbildung, die uns von der Sonnenstrahlung abschirmt. Andere,wie der angesehene Meteorologe Richard Lindzen vom Massachusetts Institute of Technology, vertreten die These, die höheren Bereiche der Troposphäre würden immer trockener werden, was den natürlichen Treibhauseffekt des Wasserdampfs abschwäche. In vielen dieser Theorien spiegelt sich die berechtigte Unsicherheit der Klimaforscher wider. Einige der von den Kritikern behaupteten negativen Rückkoppelungseffekte wie die Wolkenbildung könnten allerdings auch in positive Rückkoppelungseffekte umschlagen, die die Prognosen des IPCC in ihren Auswirkungen weit hinter sich lassen.

Was bedeutet dies alles für uns? Zunächst, dass in Wissenschaftskreisen eine überraschend große Einigkeit über den generellen Prozess der Erderwärmung besteht. Als die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes von der University of California in San Diego fast 1000 zwischen 1993 und 2003 veröffentlichte und wissenschaftlich gesicherte Studien zum Klimawandel untersuchte, fand sie einen faktischen und nahezu umfassenden Konsens in den Grundfragen. "Politiker, Wirtschaftsexperten, Journalisten und andere meinen vielleicht, unter den Klimaforschern herrsche Verwirrung, Uneinigkeit und Streit, doch das ist falsch", schloss sie. Uneinig war man sich lediglich in Detailfragen; abgesehen davon herrschte nach wie vor jener Konsens, der sich von Tyndall über Arrhenius bis zum IPCC halten konnte.

Für die echten Hardliner unter den Kritikern ist natürlich jeder wissenschaftliche Konsens an sich schon ein Fehler. Ihrer Meinung nach sind die Tausende von Forschern, die hinter den Modellen des IPCC stehen, entweder Opfer ihrer persönlichen Untergangsphantasien oder an einer gigantischen Verschwörung beteiligt. Und je größer der Konsens, desto schlimmer die Verschwörung, glauben sie. Der "unabhängige" Klimatologe Pat Michaels von der University of Virginia in Charlottesville sagt, wir seien mit einem Phänomen konfrontiert, das der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn als "Paradigmenproblem" bezeichnet hat. Michaels, für Virginia, den US-Staat mit der höchsten Kohleförderung, auch als "Staatsmeteorologe" tätig und Berater zahlreicher Erdölgesellschaften, erklärt: "Die meisten Wissenschaftler unterstützen mit ihren Arbeiten ein Leben lang die herrschende Weltsicht – das dominierende Paradigma –, und jene, die eine andere Meinung vertreten, sind immer in der Minderheit." Dieser Hang zur Konformität werde durch eine Praxis wissenschaftlicher Gutachten unterstützt, die lediglich die mit dem herrschenden Paradigma in Einklang stehenden Arbeiten für eine Veröffentlichung empfiehlt, sowie durch eine öffentliche finanzielle Förderung nur jener Forschungsprojekte, die das vorherrschende "Paradigma des Untergangs " stützten.

Doch selbst wenn man diese zynische Einschätzung des Wissenschaftsbetriebs teilt, bedeutet dies noch lange nicht, dass die orthodoxe Weltsicht in jeder Hinsicht falsch ist. Nur weil die Forscher einhellig der Meinung sind, die Erde sei rund, wird sie nicht zwangsläufig zur Scheibe. Ähnliche Vorwürfe wie gegen das Paradigma der Erderwärmung wurden seinerzeit auch von Kritikern gegen die "AIDS-Industrie" erhoben, die bestritten, dass AIDS durch das HIV-Virus hervorgerufen wird. Einige Regierungen beharrten lange Zeit auf diesem Standpunkt – die Konsequenzen tragen jetzt ihre Bürger. Und wo sind jene Kritiker heute? Einige von ihnen ziehen nun gegen den Klimawandel zu Felde.

Trotz alledem haben die Kritiker in der Debatte um den Klimawandel meiner Meinung nach eine wichtige Funktion. Der Wunsch nach Übereinstimmung kann allzu leicht dazu führen, dass das wissenschaftliche Establishment Scheuklappen aufsetzt. Dies hat nicht nur zur Folge gehabt, dass die Einwände der Kritiker ausgeblendet, sondern auch die Ergebnisse einer Hand voll "abweichlerischer" Klimamodelle missachtet wurden, Klimamodelle, bei denen immer neue Umschlagpunkte aufgedeckt werden, was bedeutet, dass die Welt womöglich auf weitaus Schlimmeres zusteuert, als das Establishment gegenwärtig befürchtet. Bei einer Konferenz im Jahr 2005 erklärte mir ein Forscher in einem Randgespräch: "Indem das IPCC diese Ausreißer ignorierte, hat es zehn Jahre lang versäumt, die möglichen Auswirkungen eines noch drastischeren Klimawandels zu untersuchen."

Trotz ihrer manchmal fragwürdigen Motive haben die Kritiker zumindest bewirkt, dass das IPCC in seiner Funktion als Wächter der herrschenden Meinung in Frage gestellt wird. Jede Regierung, die gute Arbeit tun will, braucht eine lebendige Opposition. Und obwohl die Kritiker oft opportunistische oder persönlich motivierte Argumente vorbringen, warnen sie zu Recht vor dem geistigen Korsett, das eine Konsensbildung mit sich bringen kann. Zumindest sorgen sie dafür, dass die guten Leute ehrlich bleiben. Schade ist jedoch, dass sie sich eher in leerer Rhetorik ergehen, als reale Forschung zu betreiben haben. In ihrer Obsession, den Klimawandel als Lüge zu entlarven, haben sie eine Möglichkeit außer Acht gelassen: dass das IPCC die Bedrohung, vor der die Menschheit steht, nicht über-, sondern unterschätzt.

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